Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre

Auch: Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre

Leseprobe aus Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre:

so vergnügten sich unsre Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine
Truppe wurde gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht.
König Saul im schwarzen Samtrocke mit der goldenen Krone wollte
Marianen gar nicht gefallen; er sehe ihr, sagte sie, zu steif und
pedantisch aus. Desto besser behagte ihr Jonathan, sein glattes Kinn,
sein gelb und rotes Kleid und der Turban. Auch wußte sie ihn gar
artig am Drahte hin und her zu drehen, ließ ihn Reverenzen machen und
Liebeserklärungen hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel
nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm
das Brustschildchen anpries und erzählte, daß der Schillertaft des
Leibrocks von einem alten Kleide der Großmutter genommen sei. David
war ihr zu klein und Goliath zu groß; sie hielt sich an ihren Jonathan.
Sie wußte ihm so artig zu tun und zuletzt ihre Liebkosungen von der
Puppe auf unsern Freund herüberzutragen, daß auch diesmal wieder ein
geringes Spiel die Einleitung glücklicher Stunden ward.

Aus der Süßigkeit ihrer zärtlichen Träume wurden sie durch einen Lärm
geweckt, welcher auf der Straße entstand. Mariane rief der Alten, die,
nach ihrer Gewohnheit noch fleißig, die veränderlichen Materialien
der Theatergarderobe zum Gebrauch des nächsten Stückes anzupassen
beschäftigt war. Sie gab die Auskunft, daß eben eine Gesellschaft
lustiger Gesellen aus dem Italienerkeller nebenan heraustaumle, wo sie
bei frischen Austern, die eben angekommen, des Champagners nicht
geschont hätten.

"Schade", sagte Mariane, "daß es uns nicht früher eingefallen ist, wir
hätten uns auch was zugute tun sollen."

"Es ist wohl noch Zeit", versetzte Wilhelm und reichte der Alten einen
Louisdor hin. "Verschafft Sie uns, was wir wünschen, so soll Sie's
mit genießen."

Die Alte war behend, und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter
Tisch mit einer wohlgeordneten Kollation vor den Liebenden. Die Alte
mußte sich dazusetzen; man aß, trank und ließ sich's wohl sein.

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