von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre

Auch: Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre

Leseprobe aus Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre:

"Es wundert mich nicht, daß du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst:
denn du nahmst gleich den größten Anteil daran. Ich weiß, wie du mir
das Büchlein entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; ich
wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David
von Wachs machtest, sie beide gegeneinander perorieren ließest, dem
Riesen endlich einen Stoß gabst und sein unförmliches Haupt auf einer
großen Stecknadel mit wächsernem Griff dem kleinen David in die Hand
klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche mütterliche Freude über
dein gutes Gedächtnis und deine pathetische Rede, daß ich mir sogleich
vornahm, dir die hölzerne Truppe nun selbst zu übergeben. Ich dachte
damals nicht, daß es mir so manche verdrießliche Stunde machen sollte."

"Lassen Sie sich's nicht gereuen", versetzte Wilhelm; "denn es haben
uns diese Scherze manche vergnügte Stunde gemacht."

Und mit diesem erbat er sich die Schlüssel, eilte, fand die Puppen und
war einen Augenblick in jene Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt
schienen, wo er sie durch die Lebhaftigkeit seiner Stimme, durch die
Bewegung seiner Hände zu beleben glaubte. Er nahm sie mit auf seine
Stube und verwahrte sie sorgfältig.

I. Buch, 3. Kapitel

Drittes Kapitel

Wenn die erste Liebe, wie ich allgemein behaupten höre, das Schönste
ist, was ein Herz früher oder später empfinden kann, so müssen wir
unsern Helden dreifach glücklich preisen, daß ihm gegönnt ward, die
Wonne dieser einzigen Augenblicke in ihrem ganzen Umfange zu genießen.
Nur wenig Menschen werden so vorzüglich begünstigt, indes die meisten
von ihren frühern Empfindungen nur durch eine harte Schule geführt
werden, in welcher sie, nach einem kümmerlichen Genuß, gezwungen sind,
ihren besten Wünschen entsagen und das, was ihnen als höchste
Glückseligkeit vorschwebte, für immer entbehren zu lernen.

Auf den Flügeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu
dem reizenden Mädchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre

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