Leseprobe 96 aus von Goethe: Faust
FAUST:
Hund! abscheuliches Untier!- Wandle ihn, du unendlicher Geist! wandle den
Wurm wieder in seine Hundsgestalt, wie er sich oft nächtlicherweile gefiel,
vor mir herzutrotten, dem harmlosen Wandrer vor die Füße zu kollern und
sich dem niederstürzenden auf die Schultern zu hängen. Wandl' ihn wieder in
seine Lieblingsbildung, daß er vor mir im Sand auf dem Bauch krieche ich
ihn mit Füßen trete, den Verworfnen!- "Die erste nicht!"- Jammer! Jammer!
von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe
dieses Elendes versank, daß nicht das erste genugtat für die Schuld aller
übrigen in seiner windenden Todesnot vor den Augen des ewig Verzeihenden!
Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen- du grinsest
gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!
MEPHISTOPHELES:
Nun sind wir schon wieder an der Grenze unsres Witzes, da, wo euch Menschen
der Sinn überschnappt. Warum machst du Gemeinschaft mit uns wenn du sie
nicht durchführen kannst? Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht
sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?
FAUST:
Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen! Mir ekelt's!-
Großer, herrlicher Geist, der du mir zu erscheinen würdigtest, der du mein
Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden,
der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt?
MEPHISTOPHELES:
Endigst du?
FAUST:
Rette sie! oder weh dir! Den gräßlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!
MEPHISTOPHELES:
Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen.-
"Rette sie!"- Wer war's, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?
(Faust blickt wild umher.)
Greifst du nach dem Donner? Wohl, daß er euch elenden Sterblichen nicht
gegeben ward! Den unschuldig Entgegnenden zu zerschmettern, das ist so
Tyrannenart, sich in Verlegenheiten Luft zu machen.
FAUST:
Bringe mich hin! Sie soll frei sein!
MEPHISTOPHELES:
Und die Gefahr, der du dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt