Leseprobe aus Effi:
ja hinterher neue pflücken; nur wirf die Schalen weit weg oder noch
besser, lege sie hier auf die Zeitungsbeilage, wir machen dann eine
Tüte daraus und schaffen alles beiseite. Mama kann es nicht leiden,
wenn die Schlusen so überall herumliegen, und sagt immer, man könne
dabei ausgleiten und ein Bein brechen.«
»Glaub ich nicht«, sagte Hertha, während sie den Stachelbeeren fleißig
zusprach.
»Ich auch nicht«, bestätigte Effi. »Denkt doch mal nach, ich falle
jeden Tag wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts
gebrochen. Was ein richtiges Bein ist, das bricht nicht so leicht,
meines gewiß nicht und deines auch nicht, Hertha. Was meinst du,
Hulda?«
»Man soll sein Schicksal nicht versuchen; Hochmut kommt vor dem Fall.«
»Immer Gouvernante; du bist doch die geborene alte Jungfer.«
»Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du.«
»Meinetwegen. Denkst du, daß ich darauf warte? Das fehlte noch.
Übrigens, ich kriege schon einen und vielleicht bald. Da ist mir nicht
bange. Neulich erst hat mir der kleine Ventivegni von drüben gesagt:
'Fräulein Effi, was gilt die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre
zu Polterabend und Hochzeit.'«
»Und was sagtest du da?«
»'Wohl möglich', sagte ich, 'wohl möglich; Hulda ist die Älteste und
kann sich jeden Tag verheiraten.' Aber er wollte davon nichts wissen
und sagte: 'Nein, bei einer anderen jungen Dame, die geradeso brünett
ist, wie Fräulein Hulda blond ist.' Und dabei sah er mich ganz
ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten aufs Tausendste und
vergesse die Geschichte.«
»Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht.« »Oh, ich
will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es alles
ein bißchen sonderbar ist, ja beinah romantisch.«
»Aber du sagtest doch, er sei Landrat.«
»Allerdings, Landrat. Und er heißt Geert von Innstetten, Baron von
Innstetten.«