Theodor Fontane: Briest

Auch: Theodor Fontane: Effi Briest

Leseprobe aus Briest:

dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit
großen schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher
ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein
Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi
führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter
allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus
der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß
sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen
mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand
und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf
zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf,
aber immer nur flüchtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen
wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung
mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und
weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein
fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab;
der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter
Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und
Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche
Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie
die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne,
schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war.

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und
rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer
Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi,
eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer
am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, daß du so was
möchtest.«

»Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre, wer wäre schuld? Von wem hab
ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da mußt du nun

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