Leseprobe aus Kritik der reinen Vernunft:
noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern
ein blosses Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die
Vernunft, diesen Weg womoeglich ausfindig zu machen, sollte auch
manches als vergeblich aufgegeben werden muessen, was in dem ohne
Ueberlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war.
Dass die Logik diesen sicheren Gang schon von den aeltesten Zeiten
her gegangen sei, laesst sich daraus ersehen, dass sie seit dem
Aristoteles keinen Schritt rueckwaerts hat tun duerfen, wenn man ihr
nicht etwa die Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitaeten, oder
deutlichere Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen
will, welches aber mehr zur Eleganz, als zur Sicherheit der
Wissenschaft gehoert. Merkwuerdig ist noch an ihr, dass sie auch
bis jetzt keinen Schritt vorwaerts hat tun koennen, und also allem
Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint. Denn, wenn
einige Neuere sie dadurch zu erweitern dachten, dass sie teils
psychologische Kapitel von den verschiedenen Erkenntniskraeften (der
Einbildungskraft, dem Witze), teils metaphysische ueber den Ursprung
der Erkenntnis oder der verschiedenen Art der Gewissheit nach
Verschiedenheit der Objekte (dem Idealismus, Skeptizismus usw.),
teils anthropologische von Vorurteilen (den Ursachen derselben und
Gegenmitteln) hineinschoben, so ruehrt dieses von ihrer Unkunde
der eigentuemlichen Natur dieser Wissenschaft her. Es ist nicht
Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre
Grenzen ineinander laufen laesst; die Grenze der Logik aber ist
dadurch ganz genau bestimmt, dass sie eine Wissenschaft ist, welche
nichts als die formalen Regeln alles Denkens (es mag a priori oder
empirisch sein, einen Ursprung oder Objekt haben, welches es wolle,
in unserem Gemuete zufaellige oder natuerliche Hindernisse antreffen)
ausfuehrlich darlegt und strenge beweist.
Dass es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat sie bloss
ihrer Eingeschraenktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt,
ja verbunden ist, von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem
Unterschiede zu abstrahieren, und in ihr also der Verstand es mit