Leseprobe aus Ein Landarzt. Kleine Erzählungen:
werde das Fenster aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen.
Mager, ohne Fieber, nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd
hebt sich der Junge unter dem Federbett, hängt sich an meinen Hals,
flüstert mir ins Ohr: »Doktor, laß mich sterben.« Ich sehe mich um;
niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten
mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl für meine Handtasche
gebracht. Ich öffne die Tasche und suche unter meinen Instrumenten; der
Junge tastet immerfort aus dem Bett nach mir hin, um mich an seine Bitte
zu erinnern; ich fasse eine Pinzette, prüfe sie im Kerzenlicht und lege
sie wieder hin. »Ja,« denke ich lästernd, »in solchen Fällen helfen die
Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der Eile wegen noch ein
zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den Pferdeknecht –« Jetzt erst
fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe ich
sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt,
unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die
Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von
außen aufstoßen; jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt
durch den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. »Ich fahre
gleich wieder zurück,« denke ich, als forderten mich die Pferde zur
Reise auf, aber ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die
Hitze betäubt glaubt, den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir
bereitgestellt, der Alte klopft mir auf die Schulter, die Hingabe seines
Schatzes rechtfertigt diese Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in
dem engen Denkkreis des Alten würde mir übel; nur aus diesem Grunde
lehne ich es ab zu trinken. Die Mutter steht am Bett und lockt mich hin;
ich folge und lege, während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den