Leseprobe aus Wilhelm Meisters Wanderjahre:
Dichter und Kritiker, wurden als bekannte Freunde unter die Erwählten
gestellt; und da er bisher die Kunstrichter sehr wenig genutzt hatte,
so erneuerte sich seine Begierde nach Belehrung, als er seine Bücher
wieder durchsah und fand, daß die theoretischen Schriften noch meist
unaufgeschnitten waren. Er hatte sich, in der völligen Überzeugung
von der Notwendigkeit solcher Werke, viele davon angeschafft und mit
dem besten Willen in keines auch nur bis in die Hälfte sich
hineinlesen können.
Dagegen hatte er sich desto eifriger an Beispiele gehalten und in
allen Arten, die ihm bekannt worden waren, selbst Versuche gemacht.
Werner trat herein, und als er seinen Freund mit den bekannten Heften
beschäftigt sah, rief er aus: "Bist du schon wieder über diesen
Papieren? Ich wette, du hast nicht die Absicht, eins oder das andere
zu vollenden! Du siehst sie durch und wieder durch und beginnst
allenfalls etwas Neues."
"Zu vollenden ist nicht die Sache des Schülers, es ist genug, wenn er
sich übt."
"Aber doch fertigmacht, so gut er kann."
"Und doch ließe sich wohl die Frage aufwerfen, ob man nicht eben gute
Hoffnung von einem jungen Menschen fassen könne, der bald gewahr wird,
wenn er etwas Ungeschicktes unternommen hat, in der Arbeit nicht
fortfährt und an etwas, das niemals einen Wert haben kann, weder Mühe
noch Zeit verschwenden mag."
"Ich weiß wohl, es war nie deine Sache, etwas zustande zu bringen, du
warst immer müde, eh es zur Hälfte kam. Da du noch Direktor unsers
Puppenspiels warst, wie oft wurden neue Kleider für die
Zwerggesellschaft gemacht, neue Dekorationen ausgeschnitten? Bald
sollte dieses, bald jenes Trauerspiel aufgeführt werden, und höchstens
gabst du einmal den fünften Akt, wo alles recht bunt durcheinanderging
und die Leute sich erstachen."
"Wenn du von jenen Zeiten sprechen willst, wer war denn schuld, daß
wir die Kleider, die unsern Puppen angepaßt und auf den Leib