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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal
ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie
erwartete Marianen, ihre schöne Gebieterin, die heute im Nachspiele,
als junger Offizier gekleidet, das Publikum entzückte, mit grö...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 2
willen, Töchterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem
können sie sein, als von deinem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt
dir das Stück Musselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er
scheint mir eifriger und freigebiger als jemals."
Die Alte kehrte sich um und wollte die ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 3
der Unvermögenden mit großem Eifer an. Es muß reizend sein, als
uneigennützige Geberin angebetet zu werden."
"Spotte, wie du willst. Ich lieb ihn! ich lieb ihn! Mit welchem
Entzücken sprech ich zum erstenmal diese Worte aus! Das ist diese
Leidenschaft, die ich so oft vorgestellt habe, von de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 4
Mutter! ist denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den
Beutel bringt, was uns nicht den allernächsten Besitz verschafft?
Hatten wir in dem alten Hause nicht Raum genug? und war es nötig, ein
neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jährlich einen ansehnlichen
Teil seines Handelsge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 5
ward, um zu sehen, was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der
halb durchsichtigen Hülle verbergen möchte, wies man jedem sein
Stühlchen an und gebot uns, in Geduld zu warten.
So saß nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der
Vorhang rollte in die Höhe und zeigte eine hochro...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 6
"Es wundert mich nicht, daß du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst:
denn du nahmst gleich den größten Anteil daran. Ich weiß, wie du mir
das Büchlein entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; ich
wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David
von Wachs machte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 7
Neigung gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person, die er so sehr
liebte, ja verehrte: denn sie war ihm zuerst in dem günstigen Lichte
theatralischer Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur
Bühne verband sich mit der ersten Liebe zu einem weiblichen Geschöpfe.
Seine Jugend ließ ihn...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 8
so vergnügten sich unsre Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine
Truppe wurde gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht.
König Saul im schwarzen Samtrocke mit der goldenen Krone wollte
Marianen gar nicht gefallen; er sehe ihr, sagte sie, zu steif und
pedantisch aus. Desto besser be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 9
In solchen Fällen fehlt es nie an Unterhaltung. Mariane nahm ihren
Jonathan wieder vor, und die Alte wußte das Gespräch auf Wilhelms
Lieblingsmaterie zu wenden. "Sie haben uns schon einmal", sagte sie,
"von der ersten Aufführung eines Puppenspiels am Weihnachtsabend
unterhalten; es war lustig z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 10
der mystische Schleier weggehoben, man ging durch jene Türe wieder
frei aus einer Stube in die andere, und so viel Abenteuer hatten keine
Spur zurückgelassen. Meine Geschwister liefen mit ihren Spielsachen
auf und ab, ich allein schlich hin und her, es schien mir unmöglich,
daß da nur zwo Türpfo...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 11
Genug, das Theater ward wieder aufgestellt, einige Nachbarskinder
gebeten und das Stück wiederholt.
Hatte ich das erstemal die Freude der Überraschung und des Staunens,
so war zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens groß.
Wie das zugehe, war jetzt mein Anliegen. Daß die Puppen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 12
"Die Kinder haben", fuhr Wilhelm fort, "in wohleingerichteten und
geordneten Häusern eine Empfindung, wie ungefähr Ratten und Mäuse
haben mögen: sie sind aufmerksam auf alle Ritzen und Löcher, wo sie zu
einem verbotenen Naschwerk gelangen können; sie genießen es mit einer
solchen verstohlnen, wol...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 13
nehmen sollte, griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen,
versah mich mit einigen getrockneten Äpfeln und nahm genügsam noch
eine eingemachte Pomeranzenschale dazu: mit welcher Beute ich meinen
Weg wieder rückwärtsglitschen wollte, als mir ein paar nebeneinander
stehende Kasten in d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 14
Zuhören so mancherlei habe behalten können.
Hierdurch ward ich immer verwegener und rezitierte eines Abends das
Stück zum größten Teile vor meiner Mutter, indem ich mir einige
Wachsklümpchen zu Schauspielern bereitete. Sie merkte auf, drang in
mich, und ich gestand.
Glücklicherweise fiel diese...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 15
hinunter, weil die Erinnerung, welche herrliche Wirkung das Ganze von
außen tue, und das Gefühl, in welche Geheimnisse ich eingeweiht sei,
mich umfaßten. Wir machten einen Versuch, und es ging gut.
Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen war, hielten wir
uns trefflich, außer daß ich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 16
geschaffen und gestempelt waren, etlichemal aufgeführt, als es mir
schon keine Freude mehr machte. Dagegen waren mir unter den Büchern
des Großvaters die "Deutsche Schaubühne" und verschiedene
italienisch-deutsche Opern in die Hände gekommen, in die ich mich sehr
vertiefte und jedesmal nur erst ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 17
setzte sie, so gut man konnte, zusammen, sparte sich etwas Geld,
kaufte neues Band und Flittern, bettelte sich manches Stückchen Taft
zusammen und schaffte nach und nach eine Theatergarderobe an, in
welcher besonders die Reifröcke für die Damen nicht vergessen waren.
Die Truppe war nun wirklich ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 18
Sage mir: unter welchen Umständen bist du erzogen? Welche sind die
ersten lebhaften Eindrücke, deren du dich erinnerst?"
Diese Fragen würden Marianen in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn
ihr die Alte nicht sogleich zu Hülfe gekommen wäre. "Glauben Sie
denn", sagte das kluge Weib, "daß wir...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 19
Gerätschaften schicklich auszubilden. So waren die Schwerter meistens
aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein
geheimer Instinkt ließ mich nicht ruhen, bis ich unsre Miliz ins
Antike umgeschaffen hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen
Büschen geschmückt, Sc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 20
des traurigen Zweikampfs zwischen Tankred und Chlorinden vor.
Sosehr ich, wie billig, von der Partei der Christen war, stand ich
doch der heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei, als sie unternahm,
den großen Turm der Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tankred dem
vermeinten Krieger in der Nach...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 21
war es mit dem Theater, wovon ich auch keine bestimmte Idee hatte,
außer daß man es auf Balken setzen, die Kulissen von geteilten
spanischen Wänden hinstellen und zum Grund ein großes Tuch nehmen
müsse. Woher aber die Materialien und Gerätschaften kommen sollten,
hatte ich nicht bedacht.
Für de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 22
deren Welt ich sie versetzt hatte. Sie standen alle erstaunt, fragten
sich einander, was zuerst kommen sollte, und ich, der ich mich als
Tankred vornean gedacht hatte, fing, allein auftretend, einige Verse
aus dem Heldengedichte herzusagen an. Weil aber die Stelle gar zu
bald ins Erzählende übe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 23
Erzählung ergötzte, vorgestellt eine viel größere Wirkung tun müsse;
alles sollte vor meinen Augen, alles auf der Bühne vorgehen. Wenn uns
in der Schule die Weltgeschichte vorgetragen wurde, zeichnete ich mir
sorgfältig aus, wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder
vergiftet wurde, und m...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 24
erzählen übrigbleibt. Erst spielten wir die wenigen Stücke durch, in
welchen nur Mannspersonen auftreten; dann verkleideten wir einige aus
unserm Mittel und zogen zuletzt die Schwestern mit ins Spiel. In
einigen Häusern hielt man es für eine nützliche Beschäftigung und lud
Gesellschaften darauf...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 25
sich ganz nach dem Theater, und ich fand kein größer Glück, als
Schauspiele zu lesen, zu schreiben und zu spielen.
Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort; man hatte mich dem
Handelsstand gewidmet und zu unserm Nachbar auf das Comptoir getan;
aber eben zu selbiger Zeit entfernte sich mein Geis...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 26
zugeteilt. Der Wettstreit war heftig, die Reden beider Personen
kontrastierten gehörig, da man im vierzehnten Jahre gewöhnlich das
Schwarze und Weiße recht nah aneinander zu malen pflegt. Die Alte
redete, wie es einer Person geziemt, die eine Stecknadel aufhebt, und
jene wie eine, die Königreic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 27
unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menschheit an sie geknüpft
war. Seine reine Seele fühlte, daß sie die Hälfte, mehr als die
Hälfte seiner selbst sei. Er war dankbar und hingegeben ohne Grenzen.
Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang täuschen; sie teilte die
Empfindung seines lebhaften...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 28
Dagegen schwebte Wilhelm glücklich in höheren Regionen, ihm war auch
eine neue Welt aufgegangen, aber reich an herrlichen Aussichten. Kaum
ließ das Übermaß der ersten Freude nach, so stellte sich das hell vor
seine Seele, was ihn bisher dunkel durchwühlt hatte. "Sie ist dein!
Sie hat sich dir h...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 29
Dichter und Kritiker, wurden als bekannte Freunde unter die Erwählten
gestellt; und da er bisher die Kunstrichter sehr wenig genutzt hatte,
so erneuerte sich seine Begierde nach Belehrung, als er seine Bücher
wieder durchsah und fand, daß die theoretischen Schriften noch meist
unaufgeschnitten wa...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 30
festgenäht waren, heruntertrennen ließen und den Aufwand einer
weitläufigen und unnützen Garderobe machten? Warst du's nicht, der
immer ein neues Stück Band zu verhandeln hatte, der meine Liebhaberei
anzufeuern und zu nützen wußte?"
Werner lachte und rief aus: "Ich erinnere mich immer noch mit ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 31
doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es ist eine der schönsten
Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder gute Haushalter
sollte sie in seiner Wirtschaft einführen."
"Verzeih mir", sagte Wilhelm lächelnd, "du fängst von der Form an, als
wenn das die Sache wäre; gewöhnlich vergeßt ihr ab...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 32
und doch bald fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was
er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsichtig in
Vorrat zu setzen und den Vorteil jedes Augenblickes dieser großen
Zirkulation zu genießen! Dies ist, dünkt mich, was jedem, der Kopf
hat, eine große Freude mach...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 33
von dem, was durch- und vorbeigeht, einen starken Gewinn: sollen wir
nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen und durch unsere Tätigkeit
auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die teils das Bedürfnis, teils
der Übermut den Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir
versichern, wenn du...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 34
Göttin der lebendigen Menschen, und um ihre Gunst wahrhaft zu
empfinden, muß man leben und Menschen sehen, die sich recht lebendig
bemühen und recht sinnlich genießen."
I. Buch, 11. Kapitel
Elftes Kapitel
Es ist nun Zeit, daß wir auch die Väter unsrer beiden Freunde näher
kennenlernen; e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 35
Schreibstube am uralten Pulte vollendet, so wollte er gut essen und
womöglich noch besser trinken, auch konnte er das Gute nicht allein
genießen: neben seiner Familie mußte er seine Freunde, alle Fremden,
die nur mit seinem Hause in einiger Verbindung standen, immer bei
Tische sehen; seine Stühle...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 36
dabei wenig tun."
"Er mag sich vorbereiten", versetzte der alte Meister, "und so bald
als möglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd für ihn her, das sich
zu dieser Expedition schickt?"
"Wir werden nicht weit danach suchen. Ein Krämer in H***, der uns
noch einiges schuldig, aber sonst ein gu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 37
Auf dem großen Platze hub er seine Hände gen Himmel, fühlte alles
hinter und unter sich; er hatte sich von allem losgemacht. Nun dachte
er sich in den Armen seiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem
blendenden Theatergerüste, er schwebte in einer Fülle von Hoffnungen,
und nur manchmal erinne...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 38
letzten ihres Lebens entgegengesehen hatte. Konnte man sich auch in
einer ängstlichern Lage fühlen? Ihr Geliebter entfernte sich, ein
unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, und das größte Unheil stand
bevor, wenn beide, wie es leicht möglich war, einmal zusammentreffen
sollten.
"Beruhige dich,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 39
da ich dich nicht erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte
ich gehen, so schien der Boden mich festzuhalten; konnt ich gehen, so
hinderte mich das Wasser, und sogar mein Schreien erstickte in der
beklemmten Brust."--So erzählte der Arme, indem er sich von seinem
Schrecken an meinem Bu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 40
"Ich habe keine Wahl", fuhr Mariane fort, "entscheide du! Stoße mich
da oder dorthin, nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag ich ein Pfand
im Busen, das uns noch mehr aneinanderfesseln sollte; das bedenke und
entscheide: wen soll ich lassen? Wem soll ich folgen?"
Nach einigem Stillschweigen r...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 41
nicht zu verheimlichen), daß ihre Stieftochter mit einem Schauspieler
davongegangen sei, mit einem Menschen, der sich von einer kleinen
Gesellschaft vor kurzem losgemacht, sich im Orte aufgehalten und im
Französischen Unterricht gegeben habe. Der Vater, außer sich vor
Schmerz und Verdruß, sei in...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 42
lagerten sich bequem auf dem Rasen, um eine Pfeife zu rauchen.
Wilhelm verweilte bei ihnen und ließ sich mit einem jungen Menschen,
der zu Pferde herbeikam, in ein Gespräch ein. Er mußte die Geschichte
der beiden Entflohenen, die ihm nur zu sehr bekannt war, leider noch
einmal, und zwar mit Beme...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 43
Liebe, und Eltern, die das Glück ihrer Kinder gänzlich vernachlässigen,
reißen sie mit Ungestüm aus den Armen der Freude, die sich ihrer nach
langen, trüben Tagen bemächtigte!"
Indes die Umstehenden auf verschiedene Weise ihre Teilnahme zu
erkennen gaben, hatten die Gerichte ihre Zeremonien abso...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 44
gebrochenen Blatte. Der Amtmann setzte sich in Fassung, sah ihn an,
räusperte sich und fragte das arme Kind, wie ihr Name heiße und wie
alt sie sei.
"Ich bitte Sie, mein Herr", versetzte sie, "es muß mir gar wunderbar
vorkommen, daß Sie mich um meinen Namen und mein Alter fragen, da Sie
sehr gu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 45
flüsterte dem Amtmanne zu: er solle nur weitergehen; ein förmliches
Protokoll würde sich nachher schon verfassen lassen.
Der Alte nahm wieder Mut und fing nun an, nach den süßen Geheimnissen
der Liebe mit dürren Worten und in hergebrachten, trockenen Formeln
sich zu erkundigen.
Wilhelmen stieg ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 46
jungen Menschen, nachdem man ihm vor der Türe die Fesseln abgenommen
hatte, hereinkommen ließ. Dieser schien über sein Schicksal mehr
nachdenkend. Seine Antworten waren gesetzter, und wenn er von einer
Seite weniger heroische Freimütigkeit zeigte, so empfahl er sich
hingegen durch Bestimmtheit ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 47
traurige und sorgenvolle Gemüt des Gefangnen, er fühlte sich schon
wieder befreit, mit seinen Schwiegereltern versöhnt, und es war nun
von künftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.
"Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein", versetzte
Wilhelm; "denn Sie scheinen mir beiderseits von de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 48
Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so
handeln. Ist wohl irgend ein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer
und mühseliger in der Welt? Beinahe wäre es ebensogut, vor den Türen
zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mitgenossen und der
Parteilichkeit des Di...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 49
folgenden Ausrufungen Luft machen: "Unglücklicher Melina, nicht in
deinem Stande, sondern in dir liegt das Armselige, über das du nicht
Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf
ein Handwerk, eine Kunst oder irgendeine Lebensart ergriffe, müßte
nicht wie du seinen Zus...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 50
die von allem Lebensgefühl so ganz verlassen waren, daß sie das ganze
Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles
und staubgleiches Dasein erklärt haben? Regten sich lebendig in
deiner Seele die Gestalten wirkender Menschen, wärmte deine Brust ein
teilnehmendes Feuer, ve...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 51
Der zweite Punkt, wegen einer bürgerlichen Versorgung, fand schon
größere Schwierigkeiten. Man wollte das ungeratene Kind nicht vor
Augen sehen, man wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menschen
mit einer so angesehenen Familie, welche sogar mit einem
Superintendenten verwandt war, sich dur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 52
war auch alles in seinen Augen verschönert und verherrlicht, was sie
umgab, was sie berührte.
Wie oft stand er auf dem Theater hinter den Wänden, wozu er sich das
Privilegium von dem Direktor erbeten hatte! Dann war freilich die
perspektivische Magie verschwunden, aber die viel mächtigere Zaube...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 53
seinen Stilleben hätte herausnehmen können. Eine weiße Mütze hatte er
wie einen Turban zurechtgebunden und die Ärmel seines Schlafrocks nach
orientalischem Kostüme kurz stutzen lassen. Doch gab er hiervon die
Ursache an, daß die langen, weiten Ärmel ihn im Schreiben hinderten.
Wenn er abends ga...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 54
gemeinschaftliches Element, durch Puder und Staub, vereinigt. Jedoch
da Wilhelm in ihrer Gegenwart wenig von allem andern bemerkte, ja
vielmehr ihm alles, was ihr gehörte, sie berührt hatte, lieb werden
mußte, so fand er zuletzt in dieser verworrenen Wirtschaft einen Reiz,
den er in seiner statt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 55
wobei denn doch zuletzt die große und verdiente Aufmerksamkeit des
Publikums wieder in Betracht kam und der Einfluß des Theaters auf die
Bildung einer Nation und der Welt nicht vergessen wurde.
Alle diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche unruhige Stunde
gemacht hatten, kamen ihm gegenwärt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 56
verständlich zu werden, vermehrt worden. Im Grunde aber gingen sie
doch, weil sie beide gute Menschen waren, nebeneinander, miteinander
nach einem Ziel und konnten niemals begreifen, warum denn keiner den
andern auf seine Gesinnung reduzieren könne.
Werner bemerkte seit einiger Zeit, daß Wilhel...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 57
Werner beharrte auf seiner Anklage und erbot sich zu Beweisen und
Zeugen. Wilhelm verwarf sie und entfernte sich von seinem Freunde
verdrießlich und erschüttert wie einer, dem ein ungeschickter Zahnarzt
einen schadhaften festsitzenden Zahn gefaßt und vergebens daran
geruckt hat.
Höchst unbehagl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 58
gefunden, ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen und ein Gespräch
einzuleiten.
Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, daß sie ihn so lange nicht
bemerkt hätte; sie behauptete, ihn schon auf dem Spaziergange gesehen
zu haben, und bezeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er am selbigen
Tage angehabt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 59
Zeremonien sich gedankenvoll lüstern vor die geheimnisreichen Vorhänge
versetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegensäuselt.
Ich habe über mich gewonnen, dich in einigen Tagen nicht zu sehen; es
war leicht in Hoffnung einer solchen Entschädigung, ewig mit dir zu
sein, ganz der Deinige ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 60
einem Menschen so gewährt, seine Wünsche zu verbinden, wie mir? Kein
Schlaf kommt in meine Augen, und wie eine ewige Morgenröte steigt
deine Liebe und dein Glück vor mir auf und ab.
Kaum daß ich mich halte, nicht auffahre, zu dir hinrenne und mir deine
Einwilligung erzwinge und gleich Morgen fr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 61
begonnen wird, muß ein glückliches Ende erreichen. Ich habe nie
gezweifelt, daß man sein Fortkommen in der Welt finden könne, wenn es
einem Ernst ist, und ich fühle Mut genug, für zwei, ja für mehrere
einen reichlichen Unterhalt zu gewinnen. Die Welt ist undankbar,
sagen viele; ich habe noch ni...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 62
Bewegung des Rades, das sich in meinem Herzen dreht, sind keine Worte
vermögend auszudrücken.
Nimm dieses Blatt indes, meine Liebe! Ich habe es wieder durchgelesen
und finde, daß ich von vorne anfangen sollte; doch enthält es alles,
was du zu wissen nötig hast, was dir Vorbereitung ist, wenn ic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 63
Liebe eines ihrer Halstücher, steckte es in die Tasche und verließ
wider Willen ihre Lippen und ihre Türe. Er schlich nach Hause, konnte
aber auch da nicht lange bleiben, kleidete sich um und suchte wieder
die freie Luft.
Als er einige Straßen auf und ab gegangen war, begegnete ihm ein
Unbekann...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 64
aufgestellt, wenngleich die Zimmer und Säle des alten Hauses nicht
symmetrisch gebaut waren."
"Sie können denken, was wir Kinder verloren, als alle die Sachen
heruntergenommen und eingepackt wurden. Es waren die ersten traurigen
Zeiten meines Lebens. Ich weiß noch, wie leer uns die Zimmer vork...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 65
"Ganz richtig! es stellte die Geschichte vor, wie der kranke
Königssohn sich über die Braut seines Vaters in Liebe verzehrt."
"Es war eben nicht das beste Gemälde, nicht gut zusammengesetzt, von
keiner sonderlichen Farbe, und die Ausführung durchaus manieriert."
"Das verstand ich nicht und vers...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 66
daß es gleichsam so sein mußte, um eine Liebhaberei, um ein Talent in
mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben wirken sollten, als
jene leblosen Bilder je getan hätten, so bescheide ich mich dann gern
und verehre das Schicksal, das mein Bestes und eines jeden Bestes
einzuleiten weiß."
"Le...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 67
unerwarteten Vorfällen Sie endlich ans Ziel brachte, das Sie selbst
noch kaum ins Auge gefaßt hatten? Sollte das nicht Ergebenheit in das
Schicksal, Zutrauen zu einer solchen Leitung einflößen?"
"Mit diesen Gesinnungen könnte kein Mädchen ihre Tugend, niemand sein
Geld im Beutel behalten; denn ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 68
sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich
von ihr zu trennen? Und doch, ich werde fern von ihr sein, werde
einen Heilort für unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir
haben.
Wie oft ist mir's geschehen, daß ich, abwesend von ihr, in Gedanken an
sie verloren, ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 69
in süßer Ruhe und dachte sich selbst so nahe zu ihr hin, daß ihm
vorkam, sie müßte nun von ihm träumen. Seine Gedanken waren lieblich
wie die Geister der Dämmerung; Ruhe und Verlangen wechselten in ihm;
die Liebe lief mit schaudernder Hand tausendfältig über alle Saiten
seiner Seele; es war, als...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 70
frühen Gewerbe lebendig zu werden anfingen und ihn nach Hause trieben.
Er hatte, wie er zurückkam, das unerwartete Blendwerk mit den
triftigsten Gründen beinahe aus der Seele vertrieben; doch die schöne
Stimmung der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine Erscheinung
zurückdachte, war auch d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 71
Zusammenhang der Geschichte nötig ist, vorgetragen haben.
Die Pest oder ein böses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen
Körper, den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der arme
Wilhelm unvermutet von einem unglücklichen Schicksale überwältigt, daß
in einem Augenblicke sein g...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 72
Streich hatte sein ganzes Dasein an der Wurzel getroffen. Werner, aus
Not sein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer
verhaßten Leidenschaft, dem Ungeheuer, ins innerste Leben zu dringen.
Die Gelegenheit war so glücklich, das Zeugnis so bei der Hand, und
wieviel Geschichten ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 73
die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausamkeit zerriß er
sich selbst; denn die Jugend, die so reich an eingehüllten Kräften ist,
weiß nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein
Verlust erregt, noch so viele erzwungene Leiden zugesellt, als wollte
sie dem Verlornen dad...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 74
unwürdig zu erklären und auf den schönsten und nächsten Beifall, der
unsrer Person, unserm Betragen, unsrer Stimme öffentlich gegeben wird,
Verzicht zu tun.
So hatte sich denn unser Freund völlig resigniert und sich zugleich
mit großem Eifer den Handelsgeschäften gewidmet. Zum Erstaunen seines
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 75
könnte, völlig auszulöschen. Er hatte daher an einem kühlen Abende
ein Kaminfeuer angezündet und holte ein Reliquienkästchen hervor, in
welchem sich hunderterlei Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden
Augenblicken von Marianen erhalten oder derselben geraubt hatte. Jede
vertrocknete Blume ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 76
Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paket eröffnete und die
zerteilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam aufloderten, als
Werner hereintrat, sich über die lebhafte Flamme verwunderte und
fragte, was hier vorgehe.
"Ich gebe einen Beweis", sagte Wilhelm, "daß es mir Ernst sei, ein
Ha...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 77
Vollkommenheit ausüben werde, ganz aufzugeben. Es finde sich ja so
manche leere Zeit, die man dadurch ausfüllen und nach und nach etwas
hervorbringen könne, wodurch wir uns und andern ein Vergnügen bereiten.
Unser Freund, der hierin ganz anderer Meinung war, fiel ihm sogleich
ein und sagte mit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 78
oder in ausgelassener Freude seinem Schicksale entgegengeht, so
schreitet die empfängliche, leichtbewegliche Seele des Dichters wie
die wandelnde Sonne von Nacht zu Tag fort, und mit leisen übergängen
stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf dem Grund
seines Herzens wächst die schön...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 79
Türen der Verliebten horchte man auf sie, indem sich das Ohr und die
Seele für alles andere verschloß, wie man sich seligpreist und
entzückt stillesteht, wenn aus den Gebüschen, durch die man wandelt,
die Stimme der Nachtigall gewaltig rührend hervordringt! Sie fanden
eine gastfreie Welt, und ih...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 80
mir das vorausgesagt hätte, würde mich zur Verzweiflung gebracht haben.
Und noch jetzt, da das Gericht über mich ergangen ist, jetzt, da ich
die verloren habe, die anstatt einer Gottheit mich zu meinen Wünschen
hinüberführen sollte, was bleibt mir übrig, als mich den bittersten
Schmerzen zu überl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 81
unbarmherzig eingeweiht, meine zerrütteten Sinne gefangengehalten und
mich verhindert, das für sie und für mich zu tun, was ich uns beiden
schuldig war. Wer weiß, in welchen Zustand ich sie versetzt habe, und
erst nach und nach fällt mir's aufs Gewissen, in welcher Verzweiflung,
in welcher Hülfl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 82
über die Krankheit, deren Ursache ihnen nicht bekannt geworden war,
und über die Pause, die ihren Plan unterbrochen hatte. Man beschloß
Wilhelms Abreise zum zweitenmal, und wir finden ihn auf seinem Pferde,
den Mantelsack hinter sich, erheitert durch freie Luft und Bewegung,
dem Gebirge sich näh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 83
aller menschlichen Gesellschaft entfernt lebt, weiß seine Arbeiter im
Winter nicht besser zu beschäftigen, als daß er sie veranlaßt hat,
Komödie zu spielen. Er leidet keine Karten unter ihnen und wünscht
sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. So bringen sie die langen
Abende zu, und heute,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 84
einer herumziehenden Truppe geborgt und nach ihrer eigenen Weise
zurechtgeschnitten. So wie es war, unterhielt es. Die Intrige, daß
zwei Liebhaber ein Mädchen ihrem Vormunde und wechselsweise sich
selbst entreißen wollen, brachte allerlei interessante Situationen
hervor. Es war das erste Stück...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 85
zu geben.
Die übrigen Geschäfte unsers Freundes, die er nach und nach in größern
und kleinern Gebirgsorten verrichtete, liefen nicht alle so glücklich
noch so vergnügt ab. Manche Schuldner baten um Aufschub, manche waren
unhöflich, manche leugneten. Nach seinem Auftrage sollte er einige
verkla...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 86
dar, und er kaufte sich einen schönen Strauß, den er mit Liebhaberei
anders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster eines
an der Seite des Platzes stehenden andern Gasthauses sich auftat und
ein wohlgebildetes Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte
ungeachtet der Entfer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 87
Mannspersonen, die sich im Fechten übten oder vielmehr ihre
Geschicklichkeit aneinander zu versuchen schienen. Der eine war
offenbar von der Gesellschaft, die sich im Hause befand, der andere
hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm sah ihnen zu und hatte
Ursache, sie beide zu bewundern, und al...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 88
Während des Zuges hatte sich auch die schöne Nachbarin wieder am
Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bei
seinem Gesellschafter nach ihr zu erkundigen. Dieser, den wir
einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelmen zu ihr
hinüber zu begleiten. "Ich und das Frau...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 89
in mehrerem, einander gern Gesellschaft leisten. Zum Beispiel", sagte
er, "es ist heute ein sehr schöner Tag; ich dächte, wir führen
spazieren und nähmen unser Mittagsmahl auf der Mühle."--"Recht gern",
sagte Philine, "wir müssen unserm neuen Bekannten eine kleine
Veränderung machen." Laertes s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 90
anbettelte, etwas zum Schlage hinaus, indem sie ihm zugleich ein
munteres und freundliches Wort zurief.
Sie waren kaum auf der Mühle angekommen und hatten ein Essen bestellt,
als eine Musik vor dem Hause sich hören ließ. Es waren Bergleute, die
zu Zither und Triangel mit lebhaften und grellen S...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 91
lebhafteste Beispiel, wie nützlich allen Ständen das Theater sein
könnte, wie vielen Vorteil der Staat selbst daraus ziehen müßte, wenn
man die Handlungen, Gewerbe und Unternehmungen der Menschen von ihrer
guten, lobenswürdigen Seite und in dem Gesichtspunkte auf das Theater
brächte, aus welchem ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 92
Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage hinauswarf.
Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, weil man, wie sie
sagte, aus ihren Fenstern das öffentliche Schauspiel besser als im
andern Wirtshause sehen könne.
Als sie ankamen, fanden sie das Gerüst aufgeschlagen und d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 93
Sprüngen und seltsamen Posituren. Ihre Leichtigkeit, seine
Verwegenheit, die Genauigkeit, womit beide ihre Kunststücke ausführten,
erhöhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen. Der
Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden Bemühungen der
andern um sie gaben ihnen das...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 94
vor die Stirn und bückte sich tief. "Fürchte dich nicht, liebe
Kleine", sagte Wilhelm, indem er auf sie losging. Sie sah ihn mit
unsicheren Blick an und trat einige Schritte näher.
"Wie nennest du dich?" fragte er. "Sie heißen mich Mignon."--"Wieviel
Jahre hast du?"--"Es hat sie niemand gezäh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 95
Den andern Morgen, als sie sich abermals eine Stunde im Fechten geübt
hatten, gingen sie nach Philinens Gasthofe, vor welchem sie die
bestellte Kutsche schon hatten anfahren sehen. Aber wie verwundert
war Wilhelm, als die Kutsche verschwunden, und wie noch mehr, als
Philine nicht zu Hause anzutr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 96
hatten. Sie fanden nicht weit von einer beschatteten Quelle unter
herrlichen alten Bäumen Philinen allein an einem steinernen Tische
sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges Liedchen entgegen, und als
Laertes nach ihrer Gesellschaft fragte, rief sie aus: "Ich habe sie
schön angeführt; ich habe sie z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 97
dem Ankömmling nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald.
"Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturszenen hören sollte",
rief Philine aus, als er weg war; "es ist nichts unerträglicher, als
sich das Vergnügen vorrechnen zu lassen, das man genießt. Wenn schön
Wetter ist, geht man spazier...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 98
reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem andern hin; auch den
flocht sie, indem sich beide Männer neben sie setzten. Als er unter
allerlei Scherz und Anspielungen fertig geworden war, drückte sie ihn
Wilhelmen mit der größten Anmut aufs Haupt und rückte ihn mehr als
einmal anders, bis er ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 99
Seiltänzergesellschaft, der das interessante Kind bei den Haaren aus
dem Hause zu schleppen bemüht war und mit einem Peitschenstiel
unbarmherzig auf den kleinen Körper losschlug.
Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu und faßte ihn bei der Brust.
"Laß das Kind los!" schrie er wie ein Rasende...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 100
bedeutende Kunststücke zu befriedigen.
Wilhelm suchte nunmehr, da es stille geworden war, nach dem Kinde, das
sich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf
den Dächern der benachbarten Häuser gesehen haben. Nachdem man es
allerorten gesucht hatte, mußte man sich beruhige...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 101
daß er solches nach dem Tode seines Bruders, den man wegen seiner
außerordentlichen Geschicklichkeit den großen Teufel genannt, zu sich
genommen habe.
Der andere Morgen ging meist mit Aufsuchen des Kindes hin. Vergebens
durchkroch man alle Winkel des Hauses und der Nachbarschaft; es war
verschw...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 102
überhaupt würde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn
er durch irgendein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen
Eindruck hervorbrächte? Welche köstliche Empfindung müßte es sein,
wenn man gute, edle, der Menschheit würdige Gefühle ebenso schnell
durch einen elektrische...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 103
machte auch ihre Geschäfte, zwar langsam und mitunter unbehülflich,
doch genau und mit großer Sorgfalt.
Sie stellte sich oft an ein Gefäß mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit
so großer Emsigkeit und Heftigkeit, daß sie sich fast die Backen
aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, daß...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 104
Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drei Abenteurer
durch die Erweiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestört;
denn Melina fing im Wirtshause (er hatte in ebendemselben, in welchem
Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quengeln an.
Er wollte für ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 105
Direktrice erhalten, unter gewissen Bedingungen, wenn sich Liebhaber
fänden, in den Verkauf aus freier Hand zu willigen. Melina wollte die
Sachen besehen und zog Wilhelmen mit sich. Dieser empfand, als man
ihnen die Zimmer eröffnete, eine gewisse Neigung dazu, die er sich
jedoch selbst nicht ge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 106
Schranke und blieb eine Weile ruhig. Auch hatte Wilhelm bemerkt, daß
es für jeden eine besondere Art von Gruß hatte. Ihn grüßte sie seit
einiger Zeit mit über die Brust geschlagenen Armen. Manche Tage war
sie ganz stumm, zuzeiten antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen,
immer sonderbar, do...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 107
nächsten Posttag.
II. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Unsre Gesellschaft befand sich abermals beisammen, und Philine, die
auf jedes Pferd, das vorbeikam, auf jeden Wagen, der anfuhr, äußerst
aufmerksam war, rief mit großer Lebhaftigkeit: "Unser Pedant! Da
kommt unser allerliebster Pe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 108
Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches
Wesen ihre liebste Tugend im Kontraste darzustellen.
Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie
so oft und ausschließlich, daß er darüber eine ähnliche Art sich zu
betragen im gemeinen Leben angenommen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 109
sich hartnäckig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umstände, er könnte
gehn, wohin er wolle.
"Glauben Sie etwa, daß ich mich nicht von Ihnen entfernen könne?" rief
er aus, ging trotzig weg, machte seinen Bündel zusammen und eilte
sogleich zum Hause hinaus. "Geh, Mignon", sagte Philine, "und schaff...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 110
"Was ist Ihnen?" rief Wilhelm aus. "Was gibt Ihren Empfindungen auf
einmal eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht;
ich nehme an dem Schicksale dieses Mädchens mehr Anteil, als Sie
glauben; nur lassen Sie mich alles wissen."
"Ich habe wenig zu sagen", versetzte der Alte, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 111
nur jemals wieder auf so ein Geschöpf die mindeste Aufmerksamkeit
wenden. Was war's? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe,
Nachricht von einigen Orten ihres Aufenthalts, und zuletzt kein Wort
mehr, nicht einmal Dank für das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen
geschickt hatte. O die Verstellun...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 112
machte die Absicht deutlicher. Künstlich abgemessen schritt sie
nunmehr auf dem Teppich hin und her und legte in gewissen Maßen die
Eier auseinander, dann rief sie einen Menschen herein, der im Hause
aufwartete und die Violine spielte. Er trat mit seinem Instrumente in
die Ecke; sie verband sic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 113
Wilhelm dankte ihr, daß sie ihm den Tanz, den er zu sehen gewünscht,
so artig und unvermutet vorgetragen habe. Er streichelte sie und
bedauerte, daß sie sich's habe so sauer werden lassen. Er versprach
ihr ein neues Kleid, worauf sie heftig antwortete: "Deine Farbe!"
Auch das versprach er ihr, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 114
Ankunft unterbrochen, der umständlich zeigte, wie jetzt eine kleine
Gesellschaft beisammen sei, mit welcher man schon Stücke genug
aufführen könne. Er erneuerte seinen Antrag, daß Wilhelm einiges Geld
zum Etablissement vorstrecken solle, wobei dieser abermals seine
Unentschlossenheit zeigte.
Ph...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 115
beschreibenden Gattung über eine ähnliche Naturszene feierlich
herzusagen; allein Philine unterbrach sie und schlug ein Gesetz vor,
daß sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstande
zu sprechen; sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporierten
Komödie mit Eifer durch. Der ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 116
hineinkommen.
Die Zeit war indes auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine
Einbildungskraft und seinen Witz aufs möglichste angestrengt und jedes
seine Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffiert.
So kam man an dem Ort an, wo man sich den Tag über aufhalten wollte,
und W...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 117
Hülfe käme und es lehrte, mit dem Schriftsteller zu wetteifern, ist
nicht so im Gange, als es zum Troste derer, die das Theater besuchen,
wohl zu wünschen wäre."
"Sollte aber nicht", versetzte Wilhelm, "ein glückliches Naturell, als
das Erste und Letzte, einen Schauspieler wie jeden andern Künst...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 118
beschränkt genug, den andern zu seinem Ebenbild erziehen zu wollen.
Glücklich sind diejenigen daher, deren sich das Schicksal annimmt, das
jeden nach seiner Weise erzieht!"
"Das Schicksal", versetzte lächelnd der andere, "ist ein vornehmer,
aber teurer Hofmeister. Ich würde mich immer lieber an...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 119
gewaltsamer wird es sich in der Folge seines Lebens an ihm rächen,
indem es sich, inzwischen daß er es zu überwinden suchte, mit ihm aufs
innigste verbunden hat. Wer früh in schlechter, unbedeutender
Gesellschaft gelebt hat, wird sich, wenn er auch später eine bessere
haben kann, immer nach jene...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 120
"Was soll das heißen", sagte Laertes, "sehen wir nicht auch aus wie
Menschen?"
"Ich weiß, was ich sage", versetzte Philine, "und wenn ihr mich nicht
begreift, so laßt's gut sein. Ich werde nicht am Ende noch gar meine
Worte auslegen sollen."
Zwei Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 121
Augen faßten jeden reizenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war
sein Urteil über eine liebenswürdige Gestalt schonender gewesen. Wie
gefährlich ihm in einer solchen Lage das verwegene Mädchen werden
mußte, läßt sich leider nur zu gut einsehen.
Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zimmer schon ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 122
zueignen, und Madame Melina beteuerte, Sohn oder Tochter, wozu sie
Hoffnung hatte, nicht anders als Adelbert oder Mechtilde taufen zu
lassen.
Gegen den fünften Akt ward der Beifall lärmender und lauter, ja
zuletzt, als der Held wirklich seinem Unterdrücker entging und der
Tyrann gestraft wurde, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 123
warf sich, als er zurückkam, vom Schlafe überwältigt, voller Unmut
unausgekleidet aufs Bette, und nichts glich der unangenehmen
Empfindung, als er des andern Morgens die Augen aufschlug und mit
düsterm Blick auf die Verwüstungen des vergangenen Tages, den Unrat
und die bösen Wirkungen hinsah, die...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 124
sie bemerken mußte, daß die Schmeichelei, wodurch sie sich eine Art
von Neigung unsers Freundes erworben hatte, nicht hinreiche, diesen
Besitz gegen die Angriffe einer lebhaften, jüngern und von der Natur
glücklicher begabten Person zu verteidigen.
Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu Ti...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 125
Die angenehmen Töne, die er aus dem Instrumente hervorlockte,
erheiterten gar bald die Gesellschaft.
"Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter", sagte Philine.
"Gebt uns etwas, das Herz und Geist zugleich mit den Sinnen ergötze",
sagte Wilhelm. "Das Instrument sollte nur die Stimme begleiten; de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 126
er, auf den Fittichen einer vordringenden Melodie getragen, die
Friedensstifter pries und das Glück der Seelen, die sich wiederfinden,
sang.
Kaum hatte er geendigt, als ihm Wilhelm zurief: "Wer du auch seist,
der du als ein hülfreicher Schutzgeist mit einer segnenden und
belebenden Stimme zu uns...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 127
Und danket Gott so warm, als ich
Für diesen Trunk euch danke."
Da der Sänger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das für ihn
eingeschenkt dastand, ergriff und es mit freundlicher Miene, sich
gegen seine Wohltäter wendend, austrank, entstand eine allgemeine
Freude in der Versammlung. Man klat...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 128
Gesang als in unsern steifen Personen auf der Bühne; man sollte die
Aufführung mancher Stücke eher für eine Erzählung halten und diesen
musikalischen Erzählungen eine sinnliche Gegenwart zuschreiben."
"Sie sind ungerecht!" versetzte Laertes, "ich gebe mich weder für
einen großen Schauspieler noc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 129
bedacht oder sich einem Entschluß genähert hätten. Griffen Sie damals
zu, so wären wir jetzt im Gange. Ihre Absicht zu verreisen haben Sie
auch noch nicht ausgeführt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit über
auch nicht gespart zu haben; wenigstens gibt es Personen, die immer
Gelegenheit zu ver...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 130
machen, die ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich
kann nicht und ich werde nicht bleiben."
"Und ich werde dich festhalten", sagte sie, "und ich werde dich hier
auf öffentlicher Gasse so lange küssen, bis du mir versprichst, was
ich wünsche. Ich lache mich zu Tode", fuhr sie fo...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 131
Er war eben im Begriff, in die Türe zu treten, als Melina herbeikam,
ihn bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart
ausgesprochenen Ausdrücke um Verzeihung bat. "Sie nehmen mir nicht
übel", fuhr er fort, "wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich
befinde, mich vielleicht zu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 132
der Schwelle wie eingewurzelt stehen. Er hätte in den ersten
Augenblicken den Jungen bei den Haaren rückwärts die Treppe
herunterreißen mögen; dann hemmte der heftige Krampf einer gewaltsamen
Eifersucht auf einmal den Lauf seiner Lebensgeister und seiner Ideen,
und da er sich nach und nach von s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 133
nahm dem Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der Türe mit dem
Wirt unterhielt und Wilhelmen von der Seite ansah.
Dieser, da er merkte, daß von ihm die Rede sei, begab sich weg und
ging einige Straßen auf und ab.
II. Buch, 13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel
In der verdrießlichen Unruh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 134
dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrat dieser
armseligen Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genötigt gewesen.
"Was hast du mir für Empfindungen rege gemacht, guter Alter!" rief er
aus, "alles, was in meinem Herzen stockte, hast du losgelöst; laß dich
nicht stören, sondern fahr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 135
sagte, antwortete der Alte mit der reinsten übereinstimmung durch
Anklänge, die alle verwandten Empfindungen rege machten und der
Einbildungskraft ein weites Feld eröffneten.
Wer einer Versammlung frommer Menschen, die sich, abgesondert von der
Kirche, reiner, herzlicher und geistreicher zu erba...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 136
In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; sie
gingen zusammen auf Wilhelms Zimmer, wo dieser, wiewohl mit einigem
Zaudern, seinem Versprechen Genüge leistete, dreihundert Taler auf
Wechsel an Melina auszahlte, welche dieser sogleich dem Notarius
übergab und dagegen das Dokum...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 137
Schimpf, den ihm der Stärkere angetan, wieder einfiel, da er denn von
neuem zu heulen und zu drohen anfing.
Wilhelm stand nachdenklich und beschämt vor dieser Szene. Er sah sein
eignes Innerstes mit starken und übertriebenen Zügen dargestellt; auch
er war von einer unüberwindlichen Eifersucht e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 138
Gegner zu schonen und sich einige Kreidenflecke auf den Rock bringen
zu lassen, worauf sie sich umarmten und Wein herbeigeschafft wurde.
Der Stallmeister wollte Friedrichs Herkunft und seine Geschichte
wissen, der denn ein Märchen erzählte, das er schon oft wiederholt
hatte und mit dem wir ein an...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 139
Aus diesen Verhältnissen sich loszureißen und gleich zu scheiden,
glaubte er Kraft genug zu besitzen. Nun hatte er aber vor wenigen
Augenblicken sich mit Melina in ein Geldgeschäft eingelassen, er hatte
den rätselhaften Alten kennenlernen, welchen zu entziffern er eine
unbeschreibliche Begierde ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 140
fiel auf seinen Schoß; er drückte sie an sich und küßte sie. Sie
antwortete durch keinen Händedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt
ihr Herz fest, und auf einmal tat sie einen Schrei, der mit krampfigen
Bewegungen des Körpers begleitet war. Sie fuhr auf und fiel auch
sogleich wie an allen Gel...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 141
Sanft fing vor der Türe die Harfe an zu klingen; der Alte brachte
seine herzlichsten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind
immer fester in Armen haltend, des reinsten, unbeschreiblichsten
Glückes genoß.
Drittes Buch
Erstes Kapitel
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im du...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 142
nachahmen. Die kindliche Unschuld des Ausdrucks verschwand, indem die
gebrochene Sprache übereinstimmend und das Unzusammenhängende
verbunden ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts
verglichen werden.
Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als ob sie auf etwas
Sonderbares auf...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 143
freilich zum Anfange nicht imstande sei, die vortrefflichen Subjekte,
die das Glück ihm zugeführt, nach ihren Fähigkeiten und Talenten zu
belohnen, da er seine Schuld einem so großmütigen Freunde, als Wilhelm
sich gezeigt habe, vor allen Dingen abtragen müsse.
"Ich kann Ihnen nicht ausdrücken", ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 144
ihnen so unvermutet angeboten wurde, als einen Zuschuß ansahen, auf
den sie vor kurzem noch nicht Rechnung machen konnten. Melina war im
Begriff, diese Disposition zu benutzen, suchte auf eine geschickte
Weise jeden besonders zu sprechen und hatte bald den einen auf diese,
den andern auf eine an...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 145
präsentierte sich oben als Direktor. "Ruf Er seine Leute zusammen",
sagte der Graf, "und stell Er sie mir vor, damit ich sehe, was an
ihnen ist. Ich will auch zugleich die Liste von den Stücken sehen,
die sie allenfalls aufführen könnten."
Melina eilte mit einem tiefen Bücklinge aus dem Zimmer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 146
wurde, besonders da er übrigens sehr dienstfertig und gefällig war.
Er nahte sich auf seine Weise dem Grafen, neigte sich vor demselben
und beantwortete jede Frage auf die Art, wie er sich in seinen Rollen
auf dem Theater zu gebärden pflegte. Der Graf sah ihn mit gefälliger
Aufmerksamkeit und mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 147
Augen begegneten sogleich den Augen der Gräfin, die auf ihn gerichtet
waren. Philine zog ihn zu der Dame, indes der Graf sich mit den
übrigen beschäftigte. Wilhelm neigte sich und gab auf verschiedene
Fragen, welche die reizende Dame an ihn tat, nicht ohne Verwirrung
Antwort. Ihre Schönheit, J...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 148
grüßte die ganze Gesellschaft im Vorbeigehen freundlich und kehrte
sich nochmals gegen Wilhelmen um, indem sie mit der huldreichsten
Miene zu ihm sagte: "Wir sehen uns bald wieder."
So glückliche Aussichten belebten die ganze Gesellschaft; jeder ließ
nunmehr seinen Hoffnungen, Wünschen und Einbi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 149
befestigen zu können, obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes
übermäßig lange Zeit befürchtete. Auch war es wirklich so; das Stück
war in fünf Akten geschrieben und von der Art, die gar kein Ende nimmt.
Der Held war ein vornehmer, tugendhafter, großmütiger und dabei
verkannter und verfolg...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 150
hinzu.
Man kann denken, in welche gute Stimmung durch diesen Besuch die
Gesellschaft gesetzt war, indem sie statt eines ängstlichen und
niedrigen Zustandes auf einmal Ehre und Behagen vor sich sah. Sie
machten sich schon zum voraus auf jene Rechnung lustig, und jedes
hielt für unschicklich, nur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 151
Vorteil genießen und im Sturme mit bald erschöpften Kräften untergehen.
Welche Bequemlichkeit, welche Leichtigkeit gibt ein angebornes
Vermögen! und wie sicher blühet ein Handel, der auf ein gutes Kapital
gegründet ist, so daß nicht jeder mißlungene Versuch sogleich in
Untätigkeit versetzt! Wer ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 152
übel behandelt werden. Ebenso steckte Melina mit Vergnügen als
Kammerjunker oder Kammerherr die Grobheiten ein, welche ihm von
biedern deutschen Männern hergebrachtermaßen in mehreren beliebten
Stücken aufgedrungen wurden, weil er sich doch bei dieser Gelegenheit
artig herausputzen konnte und da...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 153
nicht so gut logieren, als man es ihnen vorher bestimmt habe, welches
ihm außerordentlich leid tue.
Man teilte sich in die Wagen, so gut es gehen wollte, und da leidlich
Wetter und das Schloß nur einige Stunden entfernt war, machten sich
die Lustigsten lieber zu Fuße auf den Weg, als daß sie die...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 154
eilig kamen Bediente mit Lichtern auf die Treppe des Hauptgebäudes
gesprungen, und das Herz der guten Wanderer quoll über diesen
Aussichten auf. Wie sehr verwunderten sie sich dagegen, als sich
dieser Empfang in ein entsetzliches Fluchen auflöste. Die Bedienten
schimpften auf die Fuhrleute, daß...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 155
Baron, geblieben sei, und waren in einer höchst beschwerlichen Lage.
Endlich kamen wirklich Menschen an, und man erkannte an ihren Stimmen
jene Fußgänger, die auf dem Wege hinter den Fahrenden zurückgeblieben
waren. Sie erzählten, daß der Baron mit dem Pferde gestürzt sei, sich
am Fuße stark be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 156
langsam. Im Gebäude stieß man sich, stolperte, fiel. Man bat um mehr
Lichter, man bat um Feuerung. Der einsilbige Hausknecht ließ mit
genauer Not seine Laterne da, ging und kam nicht wieder.
Nun fing man an, das Haus zu durchsuchen; die Türen aller Zimmer waren
offen, große öfen, gewirkte Tap...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 157
anzuzünden, mußte das Feuer auseinanderziehen, austreten, dämpfen, der
Rauch vermehrte sich, der Zustand wurde unerträglicher, man kam der
Verzweiflung nahe.
Wilhelm war vor dem Rauch in ein entferntes Zimmer gewichen, wohin ihm
bald Mignon folgte und einen wohlgekleideten Bedienten, der eine ho...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 158
willkommen gewesen wären.
In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen und Trinken angelangt,
das ohne viele Kritik genossen wurde, ob es gleich einem sehr
unordentlichen Abhub ähnlich sah und von der Achtung, die man für die
Gäste hatte, kein sonderliches Zeugnis ablegte.
III. Buch, 4. Kapi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 159
seine blonden Haare aufgeschlagen, und seine mittlere Statur zeigte
ein sehr wackres, festes und bestimmtes Wesen. Seine Fragen waren
lebhaft, und er schien sich auf alles zu verstehen, wonach er fragte.
Wilhelm erkundigte sich nach diesem Manne bei dem Baron, der aber
nicht viel Gutes von ihm ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 160
anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerlei Mutwillen auf
das äußerste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen ließ, um
den Platz zu sehen, wo das Theater aufgerichtet werden sollte, ward
das übel nur immer ärger. Die jungen Herren ersannen sich allerlei
platte Späße, durch H...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 161
zu lassen. Halten Sie sich ja gefaßt, auf den ersten Wink
hinüberzukommen, denn bei dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie gewiß
gerufen werden." Er bezeichnete ihm darauf das Nachspiel, welches er
zuerst vorlesen sollte, wodurch er sich ganz besonders empfehlen würde.
Die Dame bedaure gar sehr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 162
Torheiten machen sah. "Das schöne Kind", sagte die Baronesse, "hat
uns verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene
Liedchen, damit wir nichts davon verlieren."
Wilhelm hörte das Stückchen mit großer Geduld an, indem er die
Entfernung des Friseurs wünschte, ehe er seine Vorlesung...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 163
ihm heimlich beizustecken gewußt, und gleich darauf folgte der Gräfin
kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste überbrachte, ohne
recht deutlich zu sagen, woher sie komme.
III. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Das Gemisch der Empfindungen von Verdruß und Dankbarkeit verdarb ihm
d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 164
unsre kleine Truppe so zu stellen, daß wir doch wenigstens einigen
Effekt machen."
Von diesem Augenblicke sann Wilhelm eifrig dem Auftrage nach. Ehe er
einschlief, hatte er alles schon ziemlich geordnet, und den andern
Morgen bei früher Zeit war der Plan fertig, die Szenen entworfen, ja
schon e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 165
Haushofmeister zugehören."
Darauf ersuchte er den Baron, die Damen mit seinem Plane bekannt zu
machen. Dieser kam bald zurück und brachte die Nachricht, sie wollten
ihn selbst sprechen. Heute abend, wenn die Herren sich zum Spiele
setzten, das ohnedies wegen der Ankunft eines gewissen Generals...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 166
Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden überwunden, die Mädchen
fliehen und werden eingeholt. Es scheint alles im Getümmel zugrunde
zu gehen, als eine Person, über deren Bestimmung der Dichter noch
ungewiß war, herbeikommt und durch die Nachricht, daß der Heerführer
nicht weit sei, die Ru...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 167
bestanden, daß er mitspielen müsse.
Laertes hatte zu seinem Teil jenen gewalttätigen Kriegsgott erhalten.
Wilhelm sollte den Anführer der Landleute vorstellen, der einige sehr
artige und gefühlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich eine
Zeitlang gesträubt, mußte er sich endlich doch ergebe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 168
Bücher allerlei Formats in den Saal.
Montfaucon, die Sammlungen antiker Statuen, Gemmen und Münzen, alle
Arten mythologischer Schriften wurden aufgeschlagen und die Figuren
verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Grafen
vortreffliches Gedächtnis stellte ihm alle Minerven vor, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 169
hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Maß zu nehmen, und die Gräfin
bezeichnete, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die
Kleider aus der Garderobe, welche dazu verschnitten werden sollten.
Auf eine geschickte Weise wußte die Baronesse Wilhelmen wieder
beiseite zu schaffen und lie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 170
einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte,
freute sich recht ausgelassen darauf. übrigens ging ihr es vollkommen
nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zimmer, war immer um die Gräfin,
die sie mit ihren Affenpossen unterhielt und dafür täglich etwas
geschenkt bekam: ein Klei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 171
heraushelfen wollten; doch auf alle Fälle will ich im Hinterhalte
liegenbleiben." Die Baronesse erzählte hierauf, wie sie bisher dem
Grafen das ganze Stück, aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung
erzählt habe, daß er also auf jedes Einzelne vorbereitet sei, nur
stehe er freilich in Gedanke...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 172
Avantgarde in der Nachbarschaft kampieren zu sehen, das Haus war voll
Lärmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht immer zum besten
von den unwilligen Bedienten versorgt wurden, mußten, ohne daß jemand
sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in
Erwartungen und üb...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 173
sollte.
Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so gut, als sie es
nach ihren Kräften vermochte, und tat das mögliche, um die
Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen. Ein unverdienter
Beifall munterte sie auf, und in ihrem alten Schlosse glaubten sie nun
wirklich, eigentlich um...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 174
War nun auf diese Weise die Kunst unsrer Schauspieler nicht auf das
beste bemerkt und bewundert, so waren dagegen ihre Personen den
Zuschauern und Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben
schon oben angezeigt, daß die Schauspielerinnen gleich von Anfang die
Aufmerksamkeit junger Offiz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 175
Ställe gewonnen." Dieses unglückliche Gleichnis, das nur zu klar auf
die gefährlichen Liebkosungen einer Circe deutete, verdroß Laertes
über die Maßen, und er konnte dem Baron nicht ohne ärgernis zuhören,
der ohne Barmherzigkeit fortfuhr:
"Jeder Fremde glaubt, daß er der erste sei, dem ein so a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 176
erwecken solle. Er fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit,
da er auch mit vorgefordert worden war und der Prinz ihn fragte, ob
er auch fleißig die großen französischen Theaterschriftsteller lese,
darauf ihm denn Wilhelm mit einem sehr lebhaften ja antwortete. Er
bemerkte nicht, daß ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 177
eines Königes hängt, nicht auch Stücke schreiben solle, die des
Beifalls eines Königes und eines Fürsten wert seien."
Jarno war herbeigetreten und hörte unserem Freunde mit Verwunderung zu;
der Fürst, der nicht geantwortet und nur mit einem gefälligen Blicke
seinen Beifall gezeigt hatte, wandte ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 178
der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche Art, neue Ideen gab, Ideen,
deren er bedurfte.
Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner
Kräfte, Fähigkeiten und Begriffe nähert, in eine Verlegenheit, aus der
ihm ein guter Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer,
d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 179
herrlichen Reden des vortrefflichen Helden, dessen Rolle ihm
zugefallen war, auf das genaueste zu memorieren.
Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige Mißhelligkeiten
eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons für gewisse Schauspieler
wurde von Tag zu Tag merklicher, und notwendig mußte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 180
Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,
Und ich blieb' meiner Mutter Kind.
Wir leben ohne Neid und Haß,
Begehren nicht des andern Titel,
Sie keinen Platz auf dem Parnaß,
Und keinen ich in dem Kapitel.
Die Stimmen über dieses Gedicht, das in einigen fast unleserlichen
Abschriften sich in verschieden...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 181
Freilich war diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron zu
scherzen pflegte, ein solcher Anlaß sehr erwünscht, seinen Verwandten
auf alle Weise zu plagen. Jedermann hatte seine eigenen Mutmaßungen,
wer der Verfasser des Gedichtes sein könnte, und der Graf, der sich
nicht gern im Scharfs...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 182
erwehren konnten, als sie ihn so wohl durchwalkt und seinen neuen
braunen Rock über und über weiß, als wenn er mit Müllern Händel gehabt,
bestäubt und befleckt sahen.
Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen
unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese Tat als das grö...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 183
kannte noch empfand.
Man erzählt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure
Menge allerlei geistiger Gestalten in ihre Stube herbeiziehen. Die
Beschwörungen sind so kräftig, daß sich bald der Raum des Zimmers
ausfüllt und die Geister, bis an den kleinen gezogenen Kreis
hinangedrän...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 184
Feierlichkeit auch in dergleichen Fällen. Der Knabe wurde
herbeigebracht: Wilhelm trat dazwischen und bat, daß man innehalten
möchte, indem er den Knaben kenne und vorher erst verschiedenes
seinetwegen anzubringen habe. Er hatte Mühe, mit seinen Vorstellungen
durchzudringen, und erhielt endlich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 185
nicht verborgen, daß er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Gräfin
gemacht habe; sie erzählte daher von ihm, was sie wußte und nicht
wußte; hütete sich aber, irgend etwas vorzubringen, das man zu seinem
Nachteil hätte deuten können, und rühmte dagegen seinen Edelmut, seine
Freigebigkeit und be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 186
leichtfertige Mädchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen
anständigen Freimütigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte, und
nötigte ihn dadurch gleichfalls zur Höflichkeit.
Zuerst scherzte sie im allgemeinen über das gute Glück, das ihn
verfolge und ihn auch, wie sie wohl merke, ge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 187
selbst an, die vor ihm stand, und unterrichtete ihn, was er zu tun und
was er für eine Rolle zu spielen habe.
Man werde, sagte sie, der Gräfin die unvermutete Ankunft ihres Gemahls
und seine üble Laune ankündigen; sie werde kommen, einigemal im Zimmer
auf und ab gehn, sich alsdann auf die Lehne ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 188
ja sein Schrecken, als hinter ihm die Türe sich auftat und er bei dem
ersten verstohlnen Blick in den Spiegel den Grafen ganz deutlich
erblickte, der mit einem Lichte in der Hand hereintrat. Sein Zweifel,
was er zu tun habe, ob er sitzen bleiben oder aufstehen, fliehen,
bekennen, leugnen oder um...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 189
gewöhnlich. Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Man sprach von
den Vorfällen der Jagd und den Ursachen seiner früheren Zurückkunft.
Das Gespräch ging bald aus. Der Graf ward stille, und besonders mußte
der Baronesse auffallen, als er nach Wilhelmen fragte und den Wunsch
äußerte, man möchte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 190
außer aller Fassung gebracht, daß ich nur mit Sehnsucht auf die Zeit
warte, da ich mich in einem Zustande befinden werde, weiterzulesen."
"Bravo", sagte Jarno, indem er unserm Freunde die Hand reichte und sie
ihm drückte, "so wollte ich es haben! Und die Folgen, die ich hoffe,
werden gewiß auch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 191
Herzen. Noch habe ich nicht gefragt, wie Sie in diese Gesellschaft
gekommen sind, für die Sie weder geboren noch erzogen sein können.
Soviel hoffe ich und sehe ich, daß Sie sich heraussehnen. Ich weiß
nichts von Ihrer Herkunft, von Ihren häuslichen Umständen; überlegen
Sie, was Sie mir vertraue...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 192
reichte ihm die Hand und rief mit Emphase: "Ich treffe Sie in einer
würdigen Gesellschaft; folgen Sie dem Rate Ihres Freundes, und
erfüllen Sie dadurch zugleich die Wünsche eines Unbekannten, der
herzlichen Teil an Ihnen nimmt." Er sprach's, umarmte Wilhelmen,
drückte ihn mit Lebhaftigkeit an se...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 193
erfreute sich dieses unerwarteten Ausdrucks der Zärtlichkeit und hing
sich so fest an ihn, daß er es nur mit Mühe zuletzt loswerden konnte.
Seit dieser Zeit gab er mehr auf Jarnos Handlungen acht, die ihm nicht
alle lobenswürdig schienen; ja es kam wohl manches vor, das ihm
durchaus mißfiel. So...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 194
der eine Zeitlang auf Werbung gestanden, wußte nicht genug die List
und Tätigkeit seines Hauptmanns zu rühmen, der alle Arten von Menschen
an sich zu ziehen und jeden nach seiner Art zu überlisten verstand.
Umständlich erzählte er, wie junge Leute von gutem Hause und
sorgfältiger Erziehung durch ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 195
Vertrauten zu machen, und sie konnte es um so mehr, als sie mit ihm in
einem Verhältnisse stand, in dem man sich sonst wenig zu verbergen
pflegt. Jarno war seit kurzer Zeit ihr entschiedener Freund; doch
waren sie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden vor der lärmenden
Welt, die sie umgab, z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 196
"Auf die natürlichste Folge, welche diese Erscheinung hätte haben
können, möchte er doch wohl nicht gefaßt sein", rief die Baronesse mit
ihrer gewöhnlichen Munterkeit, zu der sie, sobald ihr eine Sorge vom
Herzen genommen war, gleich wieder übergehen konnte. Jarno ward
reichlich belohnt, und man...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 197
von einem Kenner und Beschützer besessen und aufgestellt zu werden.
Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in kurzem abgehen sollte, noch
ein großes Gastmahl angestellt. Viele Damen aus der Nachbarschaft
waren geladen, und die Gräfin hatte sich beizeiten angezogen. Sie
hatte diesen Tag ein re...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 198
Kenner der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie wünschten,
etwas von diesen Falten, von diesen Bändern und Spitzen, von diesen
Puffen, Locken und leuchtenden Steinen wegzunehmen. Würden sie nicht
fürchten, den angenehmen Eindruck zu stören, der ihnen hier so willig
und natürlich entgegenk...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 199
pantomimisch Ihre Schuldigkeit, und wenn Sie heute selbst nichts zu
erfinden wissen, so ahmen Sie mir wenigstens nach."
Philine ergriff die rechte Hand der Gräfin und küßte sie mit
Lebhaftigkeit. Wilhelm stürzte auf seine Knie, faßte die linke und
drückte sie an seine Lippen. Die Gräfin schien...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 200
Er zeigte auf das Armschloß.
"Wie?" rief die Gräfin, "es ist die Chiffer einer Freundin!"
"Es sind die Anfangsbuchstaben meines Namens. Vergessen Sie meiner
nicht. Ihr Bild steht unauslöschlich in meinem Herzen. Leben Sie
wohl, lassen Sie mich fliehen!"
Er küßte ihre Hand und wollte aufsteh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 201
herbei, lehnte sich auf den Freund und verspottete sein ernsthaftes
Ansehen.
"Lache nur nicht", versetzte er, "es ist abscheulich, wie die Zeit
vergeht, wie alles sich verändert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier
stand vor kurzem noch ein schönes Lager, wie lustig sahen die Zelte
aus! wie lebha...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 202
einige Geschenke. Er ging darauf zu Wilhelmen, der sich im
Nebenzimmer mit Mignon beschäftigte. Das Kind hatte sich sehr
freundlich und zutätig bezeigt, nach Wilhelms Eltern, Geschwistern und
Verwandten gefragt und ihn dadurch an seine Pflicht erinnert, den
Seinigen von sich einige Nachricht zu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 203
"Das ist nicht der Fall", versetzte der Baron; "aber indem Sie selbst
zart empfinden, werden Sie nicht verlangen, daß der Graf sich völlig
als Ihren Schuldner denken soll: ein Mann, der seinen größten Ehrgeiz
darein setzt, aufmerksam und gerecht zu sein. Ihm ist nicht entgangen,
welche Mühe Sie ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 204
"Ach ja", versetzte der Baron, "und andern Vorurteilen. Wir wollen
sie nicht ausjäten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit
auszuraufen. Aber mich freut immer, wenn einzelne Personen fühlen,
über was man sich hinaussetzen kann und soll, und ich denke mit
Vergnügen an die Geschichte de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 205
seinem Talent schuldig war, die Gunst der Großen, die Neigung der
Frauen, die Bekanntschaft in einem weiten Kreise, die Ausbildung
seiner körperlichen und geistigen Anlagen, die Hoffnung für die
Zukunft bildeten ein solches wunderliches Luftgemälde, daß Fata
Morgagna selbst es nicht seltsamer hät...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 206
abschneidet", sagte sie, "so mag er ihn nur sorgfältig auf Band nähen
und bewahren, daß er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er dem
Herrn Grafen irgendwo in der Welt begegnet: denn dieser Bart allein
hat ihm die Gnade dieses Herrn verschafft."
Als man in sie drang und eine Erklärung diese...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 207
"In diesem Zustande, in dem ich dich sehe, werde ich dich gewiß nicht
lassen."
"Es ist Hochverrat an Ihnen, mein Wohltäter, wenn ich zaudre. Ich bin
sicher bei Ihnen, aber Sie sind in Gefahr. Sie wissen nicht, wen Sie
in Ihrer Nähe hegen. Ich bin schuldig, aber unglücklicher als
schuldig. Me...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 208
IV. Buch, 2. Kapitel
Zweites Kapitel
Melina hatte Hoffnung, in einer kleinen, aber wohlhabenden Stadt mit
seiner Gesellschaft unterzukommen. Schon befanden sie sich an dem
Orte, wohin sie die Pferde des Grafen gebracht hatten, und sahen sich
nach andern Wagen und Pferden um, mit denen sie w...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 209
mit einem bunten Bande und einer großen Feder machte die Maskerade
vollkommen.
Die Frauen beteuerten, diese Tracht lasse ihm vorzüglich gut. Philine
stellte sich ganz bezaubert darüber und bat sich seine schönen Haare
aus, die er, um dem natürlichen Ideal nur desto näherzukommen,
unbarmherzig a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 210
Verhältnisse aus dem rechten Gesichtspunkte betrachtetet. Es ist eine
eigene Sache, schon durch die Geburt auf einen erhabenen Platz in der
menschlichen Gesellschaft gesetzt zu sein. Wem ererbte Reichtümer
eine vollkommene Leichtigkeit des Daseins verschafft haben, wer sich,
wenn ich mich so au...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 211
zarten Arme um ihn und blieb mit dem Köpfchen an seine Brust gelehnt
stehen. Er legte die Hand auf des Kindes Haupt und fuhr fort: "Wie
leicht wird es einem Großen, die Gemüter zu gewinnen! wie leicht
eignet er sich die Herzen zu! Ein gefälliges, bequemes, nur
einigermaßen menschliches Betragen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 212
Wie will der Weltmann bei seinem zerstreuten Leben die Innigkeit
erhalten, in der ein Künstler bleiben muß, wenn er etwas Vollkommenes
hervorzubringen denkt, und die selbst demjenigen nicht fremd sein darf,
der einen solchen Anteil am Werke nehmen will, wie der Künstler ihn
wünscht und hofft.
Gl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 213
teils über ihre wohlzugebrachte Zeit, teils weil jeder besonders mit
sich zufrieden sein konnte. Wilhelm ließ sich weitläufig zu ihrem
Lobe heraus, und ihre Unterhaltung war heiter und fröhlich.
"Ihr solltet sehen", rief unser Freund, "wie weit wir kommen müßten,
wenn wir unsre übungen auf dies...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 214
damit sich kein Ungeschickter hinaufwagte, anstatt daß jetzo ein jeder
sich Fähigkeit genug fühlt, darauf zu paradieren."
Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, indem jeder überzeugt
war, daß nicht von ihm die Rede sein könne, da er sich noch vor kurzem
nebst den übrigen so gut gehalten...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 215
sah, sich auch mit ihr über das dichterische Verdienst der Stücke
unterhalten zu können. "Es ist nicht genug", sagte er zu ihnen, als
sie des andern Tages wieder zusammenkamen, "daß der Schauspieler ein
Stück nur so obenhin ansehe, dasselbe nach dem ersten Eindruck
beurteile und ohne Prüfung sei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 216
Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des
Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmöglich, zu einer übersicht zu
gelangen. Nun ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge
durch, und auch da wollte mir leider manches nicht passen. Bald
schienen sich die Charakter...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 217
Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Haß
aufkeimen konnte, so war es nur ebenso viel, als nötig ist, um
bewegliche und falsche Höflinge zu verachten und spöttisch mit ihnen
zu spielen. Er war gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen
einfach, weder im Müßiggange ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 218
zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen vierundzwanzig
Stunden war er Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrei, Patient und
Witwer! Ich wüßte nicht, wie man's einem ärger machen wollte."
Laertes lief halb lachend, halb verdrießlich zur Stube hinaus, und
Philine fing in ihrer allerliebst...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 219
bin ich zufrieden, daß wir eng und erbärmlich sitzen; übrigens ist mir
alles einerlei."
"Es tut nichts", sagte Laertes, der auch herbeikam.
"Es ist verdrießlich!" sagte Wilhelm und eilte weg. Er fand für sein
Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleugnet hatte. Eine
andere Einteilu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 220
selbiger den besten Weg. Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr
Bekanntschaften, Freunde vor euch seht und eine gute Aufnahme zu
hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin, aber in welche
schlimmen Wege verwickelt er uns, wie weit führt er uns ab! Können
wir Hoffnung haben, uns in der späten Ja...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 221
ein. Wilhelm eilte zu Fuß durch das Gebirge voraus, und über seine
sonderbare Gestalt mußte jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. Er
eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den Wald hinauf, Laertes
pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen ließen sich in den Wagen
fortschleppen. Mignon ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 222
einem so angenehmen Aufenthalt ihr ganzes Leben hinzubringen. Man
beneidete die Jäger, Köhler und Holzhauer, Leute, die ihr Beruf in
diesen glücklichen Wohnplätzen festhält; über alles aber pries man die
reizende Wirtschaft eines Zigeunerhaufens. Man beneidete die
wunderlichen Gesellen, die in ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 223
noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald
erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die
Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.
Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsre
Helden warfen die Rapiere weg,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 224
Mignon kniete mit zerstreuten, blutigen Haaren an seinen Füßen und
umfaßte sie mit vielen Tränen.
Als Wilhelm seine blutigen Kleider ansah, fragte er mit gebrochener
Stimme, wo er sich befinde, was ihm und den andern begegnet sei.
Philine bat ihn, ruhigzubleiben; die übrigen, sagte sie, seien al...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 225
weggeschleppt. Die beängstigten Reisenden fingen, sobald die Sorge
für ihr Leben vorüber war, ihren Verlust zu bejammern an, eilten mit
möglichstes Geschwindigkeit dem benachbarten Dorfe zu, führten den
leicht verwundeten Laertes mit sich und brachten nur wenige Trümmer
ihrer Besitztümer davon. ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 226
Gesichtszüge der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas Edleres
noch Liebenswürdigeres gesehen zu haben. Ein weiter Mannsüberrock
verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die
Einflüsse der kühlen Abendluft, von einem ihrer Gesellschafter geborgt.
Die Ritter waren indes...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 227
Notwendigkeit, ihre Reise fortzusetzen, vorstellte. Wilhelm hatte
seine Augen auf sie gerichtet und war von ihren Blicken so eingenommen,
daß er kaum fühlte, was mit ihm vorging.
Philine war indessen aufgestanden, um der gnädigen Dame die Hand zu
küssen. Als sie nebeneinander standen, glaubte ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 228
brachten ihn unter Anführung eines reitenden Jägers, den die
Herrschaft zurückgelassen hatte, sachte den Berg hinunter. Der
Harfner, still und in sich gekehrt, trug sein beschädigtes Instrument,
einige Leute schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem
Bündel nach, Mignon sprang bald v...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 229
Geduld zu; er fuhr mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los,
gebot ihnen zusammenzurücken und den Ankommenden Platz zu machen. Man
fing an, sich zu bequemen. Er bereitete Wilhelmen einen Platz auf
einem Tische, den er in eine Ecke schob; Philine ließ ihren Koffer
danebenstellen und setzt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 230
einiger Mühe stützte und gegen die Wand lehnte, folgendergestalt zu
reden an:
"Ich vergebe dem Schmerze, den jeder über seinen Verlust empfindet,
daß ihr mich in einem Augenblicke beleidigt, wo ihr mich beklagen
solltet, daß ihr mir widersteht und mich von euch stoßt, das erstemal,
da ich Hülfe ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 231
ihren Verlust umständlich zu erzählen; Melina war ganz außer Fassung:
denn er hatte freilich am meisten, und mehr, als wir denken können,
eingebüßt. Wie ein Rasender stolperte er in dem engen Raume hin und
her, stieß den Kopf wider die Wand, fluchte und schalt auf das
unziemlichste; und da nun g...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 232
nicht übelgetan, sich mit dieser Schönen zu assoziieren und durch ihr
Glück auch seine Habseligkeiten zu retten.
"Glaubt ihr denn", rief er endlich aus, "daß ich etwas Eignes haben
werde, solange ihr darbt, und ist es wohl das erste Mal, daß ich in
der Not mit euch redlich teile? Man öffne den ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 233
sein Kissen zurücksank. Alle blieben stille; sie waren beschämt, aber
nicht getröstet, und Philine, auf ihrem Koffer sitzend, knackte Nüsse
auf, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte.
IV. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
Der Jäger kam mit einigen Leuten zurück und machte Anstalt, den
V...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 234
werde nicht zugeben, daß er sich nach einer andern Wartung umsehe.
"Philine", sagte Wilhelm, "ich bin Ihnen bei dem Unfall, der uns
begegnet ist, schon manchen Dank schuldig geworden, und ich wünschte
nicht, meine Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin
unruhig, solange Sie um mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 235
ihre Gestalt glänzend verschwinden. Alle seine Jugendträume knüpften
sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle, heldenmütige
Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben: ihm fiel der kranke
Königssohn wieder ein, an dessen Lager die schöne, teilnehmende
Prinzessin mit stiller Bescheidenh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 236
Wilhelmen abgelockt, keineswegs bedurft habe. Melina wolle nunmehr
mit dem nächsten Postwagen abgehn und werde von Wilhelmen ein
Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Direktor Serlo, verlangen,
bei dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert,
nun unterzukommen hoffe.
Mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 237
segnete oder tadelte, der ihm Ruhe und Mäßigung zur Pflicht machte.
Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu
regen anfing. Er schloß die Augen sachte zu, doch konnte er nicht
unterlassen zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich wieder
zurechtputzte und wegging, nac...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 238
in wenig Tagen seine Reise antreten zu können. Er wollte nicht etwa
planlos ein schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmäßige
Schritte sollten künftig seine Bahn bezeichnen. Zuerst wollte er die
hülfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine Dankbarkeit an den Tag zu
legen, alsdann zu seinem F...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 239
zurückgehen und ohne ölblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen
mußte. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er den Auftrag
auszurichten gesucht, und war bemüht, allen Verdacht einer
Nachlässigkeit von sich zu entfernen. Er suchte auf alle Weise
Wilhelms Betrübnis zu lindern, besann sich au...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 240
Wie wunderbar mußte ihm daher die ähnlichkeit ihrer Handschriften sein!
denn er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Gräfin in
seiner Schreibtafel, und in dem überrock hatte er ein Zettelchen
gefunden, worin man sich mit viel zärtlicher Sorgfalt nach dem
Befinden eines Oheims erkundigte....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 241
wünschte die seltsamen Knoten aufgelöst oder zerschnitten zu sehen.
Oft, wenn er ein Pferd traben oder einen Wagen rollen hörte, schaute
er eilig zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es würde jemand sein,
der ihn aufsuchte und, wäre es auch nur durch Zufall, ihm Nachricht,
Gewißheit und Freude br...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 242
ein solches Versprechen getan hatte; bald fühlte er wieder, daß jenes
gutmütige Hinreichen seiner Hand, die niemand anzunehmen würdigte, nur
eine leichte Förmlichkeit sei gegen das Gelübde, das sein Herz getan
hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohltätig und nützlich zu sein, und
fand alle Ursache...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 243
Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm wieder in seinem
Elemente. Bei seinen Gesprächen hatte er sonst nur notdürftig
gefällige Zuhörer gefunden, da er gegenwärtig mit Künstlern und
Kennern zu sprechen das Glück hatte, die ihn nicht allein vollkommen
verstanden, sondern die auch sein G...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 244
und doch hätte ein längeres Leben seines Vaters die Ansprüche seines
einzigen Sohnes mehr befestigt und die Hoffnung zur Krone gesichert.
Dagegen sieht er sich nun durch seinen Oheim, ungeachtet scheinbarer
Versprechungen, vielleicht auf immer ausgeschlossen; er fühlt sich nun
so arm an Gnade, an...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 245
Bild von unserm Freunde gemacht? Er fängt gut an und wird uns noch
manches vorerzählen und viel überreden. Wilhelm schwur hoch und teuer,
daß er nicht überreden, sondern überzeugen wolle, und bat nur noch um
einen Augenblick Geduld.
"Denken Sie sich", rief er aus, "diesen Jüngling, diesen Fürs...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 246
Unmögliche an sich, sondern das, was ihm unmöglich ist. Wie er sich
windet, dreht, ängstigt, vor- und zurücktritt, immer erinnert wird,
sich immer erinnert und zuletzt fast seinen Zweck aus dem Sinne
verliert, ohne doch jemals wieder froh zu werden."
IV. Buch, 14. Kapitel
Vierzehntes Kap...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 247
leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille
Bescheidenheit atmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme
Göttin Gelegenheit das Bäumchen schütteln, so würde die Frucht
sogleich herabfallen."
"Und nun", sagte Aurelie, "wenn sie sich verlassen sieht, verstoßen
und ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 248
unerwartet Philine, die er bei der Hand hielt. "Hier ist Ihr Freund",
sagte er zu ihr; "er wird sich freun, Sie zu begrüßen."
"Wie!" rief Wilhelm erstaunt, "muß ich Sie hier sehen?" Mit einem
bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hieß ihn willkommen,
rühmte Serlos Güte, der sie oh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 249
Frauen, denen er aufwartet, und nun steh ich auch auf der Liste. Der
Narr!--Vom übrigen Volke sollst du morgen hören. Und nun noch ein
Wörtchen von Philinen, die du kennst; die Erznärrin ist in dich
verliebt." Sie schwur, daß es wahr sei, und beteuerte, daß es ein
rechter Spaß sei. Sie bat Wi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 250
schon nach und nach beiseite bringen."
Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verstehen, daß sie gewiß überzeugt
sei, er werde nunmehr sein Talent nicht länger vergraben, sondern
unter Direktion eines Serlo aufs Theater gehen. Sie konnte die
Ordnung, den Geschmack, den Geist, der hier herrsche, nicht...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 251
den Mund öffnete, bewundern. Die innere Behaglichkeit seines Daseins
schien sich über alle Zuhörer auszubreiten, und die geistreiche Art,
mit der er die feinsten Schattierungen der Rollen leicht und gefällig
ausdrückte, erweckte um soviel mehr Freude, als er die Kunst zu
verbergen wußte, die er ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 252
zarte, dunkle, sanftgebogene Augenbrauen, und die lebhafte Farbe der
Gesundheit glänzte auf seinen Wangen. "Setzen Sie sich zu mir", sagte
Aurelie; "Sie sehen das glückliche Kind mit Verwunderung an; gewiß,
ich habe es mit Freuden auf meine Arme genommen, ich bewahre es mit
Sorgfalt; nur kann ic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 253
die Gesetze der Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings überließ sie sich
einer jeden Neigung, sie mochte über den Gegenstand gebieten oder sein
Sklav' sein, wenn sie nur im wilden Genuß ihrer selbst vergessen
konnte.
Was mußten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen Blick der Unschuld
uns für Be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 254
stockte und schwieg. Ihr Freund, der nichts Allgemeines sagen wollte
und nichts Besonderes zu sagen wußte, drückte ihre Hand und sah sie
eine Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf,
das er vor sich auf dem Tischchen liegen fand; es waren Shakespeares
Werke und "Hamlet" auf...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 255
Geschichtschreiber und Dichter möchten uns gerne überreden, daß ein
so stolzes Los dem Menschen fallen könne. Hier werden wir anders
belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stück ist planvoll. Hier
wird nicht etwa nach einer starr und eigensinnig durchgeführten Idee
von Rache ein Bösewicht ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 256
"Beste Freundin", versetzte Wilhelm, "ich kann auch hier nicht ein
Jota nachgeben, Auch in diesen Sonderbarkeiten, auch in dieser
anscheinenden Unschicklichkeit liegt ein großer Sinn. Wissen wir doch
gleich zu Anfange des Stücks, womit das Gemüt des guten Kindes
beschäftigt ist. Stille lebte si...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 257
zu fragen, warum ein so sonderbarer Streit über einen so wunderbaren
Hausrat habe unter ihnen entstehen können.
"Sie sollen", sprach Serlo, "Schiedsrichter zwischen uns beiden sein.
Was hat sie mit dem scharfen Stahle zu tun? Lassen Sie sich ihn
zeigen. Dieser Dolch ziemt keiner Schauspielerin...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 258
beurteilen; die tiefsten Abgründe der Erfindung sind Ihnen nicht
verborgen, und die feinsten Züge der Ausführung sind Ihnen bemerkbar.
Ohne die Gegenstände jemals in der Natur erblickt zu haben, erkennen
Sie die Wahrheit im Bilde; es scheint eine Vorempfindung der ganzen
Welt in Ihnen zu liegen, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 259
ja sogar Beleidigendes mit sich, daß er still ward und sich
zusammennahm, teils um keine Empfindlichkeit merken zu lassen, teils
in seinem Busen nach der Wahrheit dieses Vorwurfs zu forschen.
"Sie dürfen nicht darüber betreten sein", fuhr Aurelie fort, "zum
Lichte des Verstandes können wir immer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 260
aber an das, was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den mindesten
Anspruch; und nun wurden mir alle Stände, Alter und Charaktere einer
um den andern zur Last, und nichts war mir verdrießlicher, als daß ich
mich nicht wie ein anderes ehrliches Mädchen in mein Zimmer
verschließen und so mir manc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 261
abgeschmacktes Stück, in welchem sie wünschten mich spielen zu sehen.
Wenn ich in der Gesellschaft herumhorchte, ob nicht etwa ein edler,
geistreicher, witziger Zug nachklänge und zur rechten Zeit wieder zum
Vorschein käme, konnte ich selten eine Spur vernehmen. Ein Fehler,
der vorgekommen war, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 262
Ursache; wir kamen gut aus, und das war das Verdienst meines Mannes.
Ich dachte nicht mehr an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich
nichts zu teilen, und den Begriff von Nation hatte ich verloren. Wenn
ich auftrat, tat ich's, um zu leben; ich öffnete den Mund nur, weil
ich nicht schweigen dur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 263
hieß, brachte sie ein Buch mit, das man bald an Form und Einband für
einen kleinen geographischen Atlas erkannte. Sie hatte bei dem
Pfarrer unterwegs mit großer Verwunderung die ersten Landkarten
gesehen, ihn viel darüber gefragt und sich, soweit es gehen wollte,
unterrichtet. Ihr Verlangen, et...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 264
war die Nähe des kleinen Felix, mit dem sie sich sehr artig abzugeben
wußte.
Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde
über einen Gegenstand, der ihr so sehr am Herzen lag, endlich zu
erklären, ward über die Beharrlichkeit der Kleinen diesmal ungeduldig
und gab ihr zu v...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 265
immer kränkern Mann mit warmer Sorge, schaffte dem Leidenden durch
einen geschickten Arzt Linderung, und wie er an allem, was mich betraf,
teilnahm, ließ er mich auch an seinem Schicksale teilnehmen. Er
erzählte mir die Geschichte seiner Kampagne, seiner unüberwindlichen
Neigung zum Soldatenstan...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 266
und wenn ich dem Publikum Vergnügen machte, hätte ich immer zugleich
hinunterrufen mögen: "Das seid ihr ihm schuldig!"
Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhältnis zum Publikum, zur
ganzen Nation verändert. Sie erschien mir auf einmal wieder in dem
vorteilhaftesten Lichte, und ich erstaunte ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 267
Stellen wurden zu Gold in meinem Munde, und hätte mir damals ein
Dichter zweckmäßig beigestanden, ich hätte die wunderbarsten Wirkungen
hervorgebracht.
So lebte die junge Witwe monatelang fort. Er konnte mich nicht
entbehren, und ich war höchst unglücklich, wenn er außenblieb. Er
zeigte mir di...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 268
und bat sich Nachricht von Freunden und Bekannten aus, die Wilhelm
nunmehr in der großen Handelsstadt häufig würde kennenlernen. Unser
Freund, der außerordentlich erfreut war, um einen so wohlfeilen Preis
loszukommen, antwortete sogleich in einigen sehr muntern Briefen und
versprach dem Vater ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 269
Gedächtnisse.
Wie leicht konnte er daher seinem Freunde Mut einsprechen, als dieser
ihm den völligen Mangel an Vorrat zu der von ihm so feierlich
versprochenen Relation entdeckte. "Da wollen wir ein Kunststück
machen", sagte jener, "das seinesgleichen nicht haben soll.
Ist nicht Deutschland vo...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 270
zu sein und über irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. Er war,
man darf sagen, auf dem Theater geboren und gesäugt. Schon als
stummes Kind mußte er durch seine bloße Gegenwart die Zuschauer rühren,
weil auch schon damals die Verfasser diese natürlichen und
unschuldigen Hülfsmittel kannten,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 271
ihm seine Eulenspiegelspossen überall eine gute Aufnahme verschafften.
Sein guter Stern führte ihn zuerst in der Fastnachtszeit in ein
Kloster, wo er, weil eben der Pater, der die Umgänge zu besorgen und
durch geistliche Maskeraden die christliche Gemeinde zu ergötzen hatte,
gestorben war, als ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 272
gefährlichen Bruch suchten sie zu bestimmten Zeiten vorsätzlich
loszuwerden. Sie waren einen Tag der Woche recht ausführlich Narren
und straften an demselben wechselseitig durch allegorische
Vorstellungen, was sie während der übrigen Tage an sich und andern
Närrisches bemerkt hatten. War diese ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 273
durchzugehen hatte. Er kam in den gebildeten, aber auch bildlosen
Teil von Deutschland, wo es zur Verehrung des Guten und Schönen zwar
nicht an Wahrheit, aber oft an Geist gebricht; er konnte mit seinen
Masken nichts mehr ausrichten; er mußte suchen, auf Herz und Gemüt zu
wirken. Nur kurze Zeit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 274
Bei seinem lebhaften, freien und durch nichts gehinderten Geist
verbesserte er sich, indem er Rollen und Stücke oft wiederholte, sehr
geschwind. Bald rezitierte und spielte er dem Sinne gemäßer als die
Muster, die er anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf diesem Wege kam er
nach und nach dazu, natür...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 275
gegeneinander, daß er sich unvermerkt zu einem vollkommnen
Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine seltsam scheinende, aber
ganz natürliche Wirkung und Gegenwirkung stieg durch Einsicht und
übung seine Rezitation, Deklamation und sein Gebärdenspiel zu einer
hohen Stufe von Wahrheit, Freihei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 276
Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen, geschweige daß er
ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hätte, und hatte
dessenungeachtet nach und nach ihre sämtlichen Fähigkeiten
kennengelernt. Sooft sich Schauspieler bei ihm gesellig versammelten,
hatte er die Gewohnheit, lesen zu lassen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 277
ihre Talente müßten auch ohne mich dieselbigen bleiben."
Serlo eröffnete ihm darauf unter dem Siegel der Verschwiegenheit seine
Lage: wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bei der Erneuerung
des Kontrakts zu steigern, und wie er nicht gesinnt sei, ihm
nachzugeben, besonders da die Gunst des...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 278
aufmerksamer geworden, als er sonst gewesen war. Er begriff jetzt
selbst erst die Absicht des Vaters, als er ihm die Führung des
Journals so lebhaft empfohlen. Er fühlte zum ersten Male, wie
angenehm und nützlich es sein könne, sich zur Mittelsperson so vieler
Gewerbe und Bedürfnisse zu machen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 279
was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt, nun zufällig, ohne
mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch scheint mit nichts
vertrauter zu sein als mit seinen Hoffnungen und Wünschen, die er
lange im Herzen nährt und bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun begegnen,
wenn sie sich ihm gleichsam ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 280
morgen spielen zu können?" fragte er. "O ja", versetzte sie lebhaft;
"Sie wissen, daran hindert mich nichts.--Wenn ich nur ein Mittel wüßte,
den Beifall unsers Parterres von mir abzulehnen; sie meinen es gut
und werden mich noch umbringen. Vorgestern dacht ich, das Herz müßte
mir reißen! Sonst...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 281
Verschulden verloren haben, müssen Sie denn alles übrige
hinterdreinwerfen? Ist das auch notwendig?"
Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: "Ich weiß es wohl,
daß es Zeitverderb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was
hätte ich nicht tun können! tun sollen! Nun ist alles re...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 282
und dorthin, beschäftige mich, wie es nur gehen will. Bald nehm ich
eine Rolle vor, wenn ich sie auch nicht zu spielen habe; ich übe die
alten, die ich durch und durch kenne, fleißiger und fleißiger ins
einzelne und übe und übe--mein Freund, mein Vertrauter, welche
entsetzliche Arbeit ist es, si...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 283
Sprache und Form bestimmt und durch diesen Augenblick geheiligt wird:
jeder flüchtigen Neigung will ich widerstehen und selbst die
ernstlichsten in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschöpf soll
ein Bekenntnis der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht
mein ganzes Leben widmen kan...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 284
einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich gekehrt. Er fragte
einigemal: "Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen?"
"Still", erwiderte sie, indem sie den Finger auf den Mund legte,
"still!"
Fünftes Buch
Erstes Kapitel
So hatte Wilhelm zu seinen zwei kaum geheilten Wunden abermals ein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 285
sich beide Kinder miteinander; sie lehrte ihm kleine Lieder, und er,
der ein sehr gutes Gedächtnis hatte, rezitierte sie oft zur
Verwunderung der Zuhörer. Auch wollte sie ihm die Landkarten erklären,
mit denen sie sich noch immer sehr abgab, wobei sie jedoch nicht mit
der besten Methode verfuhr....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 286
gebildet.
Er pflegte zu sagen: "Der Mensch ist so geneigt, sich mir dem
Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht gegen
die Eindrücke des Schönen und Vollkommenen ab, daß man die Fähigkeit,
es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. Denn einen
solchen Genuß ka...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 287
Art zu empfinden und zu denken darauf vorbereitet ist. Es gibt
alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht nur ein desto
größerer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, daß er zu dem
neuen Zustande noch nicht ausgebildet sei.
Wilhelm sah sich in einem Augenblicke frei, in welchem er m...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 288
strebte, immer mehr von der heilsamen Einheit, und bei dieser
Verwirrung ward es seinen Leidenschaften um so leichter, alle
Zurüstungen zu ihrem Vorteil zu gebrauchen und ihn über das, was er zu
tun hatte, nur noch mehr zu verwirren.
Serlo benutzte die Todespost zu seinem Vorteil, und wirklich h...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 289
einigermaßen schicklich war, begreiflich machte, daß es nunmehr unsre
Sache sei, eine Verbindung zu beschleunigen, die unsre Väter aus
allzugroßer Umständlichkeit bisher verzögert hatten.
Nun mußt du aber ja nicht denken, daß es uns eingefallen sei, das
große, leere Haus in Besitz zu nehmen. Wi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 290
Nur nichts überflüssiges im Hause! nur nicht zu viel Möbeln,
Gerätschaften, nur keine Kutsche und Pferde! Nichts als Geld, und
dann auf eine vernünftige Weise jeden Tag getan, was dir beliebt. Nur
keine Garderobe, immer das Neueste und Beste auf dem Leibe; der Mann
mag seinen Rock abtragen und ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 291
der Addition gemacht, die jedoch sehr verzeihlich sind.
Was aber mich und meinen Vater am meisten und höchsten freut, sind
deine gründlichen Einsichten in die Bewirtschaftung und besonders in
die Verbesserung der Feldgüter. Wir haben Hoffnung, ein großes Gut,
das in Sequestration liegt, in eine...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 292
werden, je lebhafter Werner, ohne es zu wissen, sein Gegner geworden
war. Er faßte darauf alle seine Argumente zusammen und bestätigte bei
sich seine Meinung nur um desto mehr, je mehr er Ursache zu haben
glaubte, sie dem klugen Werner in einem günstigen Lichte darzustellen,
und auf diese Weise ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 293
nur ein Bürger bin, so muß ich einen eigenen Weg nehmen, und ich
wünsche, daß du mich verstehen mögest. Ich weiß nicht, wie es in
fremden Ländern ist, aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine
gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf personelle Ausbildung möglich.
Ein Bürger kann sich Verdien...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 294
Art zu sein Fähigkeit und Trieb gegeben hätte.
Wenn der Edelmann im gemeinen Leben gar keine Grenzen kennt, wenn man
aus ihm Könige oder königähnliche Figuren erschaffen kann, so darf er
überall mit einem stillen Bewußtsein vor seinesgleichen treten; er
darf überall vorwärtsdringen, anstatt daß ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 295
Trieb täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche Person zu sein
und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kömmt
meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung
steht, und das Bedürfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden,
damit ich nach und nach au...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 296
einmal angenommen, ohne daß jedoch, außer etwa Laertes, sich einer
gegen Wilhelmen dankbar erzeigt hätte. Wie sie ohne Zutrauen
gefordert hatten, so empfingen sie ohne Dank. Die meisten wollten
lieber ihre Anstellung dem Einflusse Philinens zuschreiben und
richteten ihre Danksagungen an sie. I...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 297
wollte in einem Kunstwerke gewöhnlich nur ein mehr oder weniger
unvollkommenes Ganze erkennen. Er glaubte, so wie man die Stücke
finde, habe man wenig Ursache, mit ihnen so gar bedächtig umzugehen,
und so mußte auch Shakespeare, so mußte besonders "Hamlet" vieles
leiden.
Wilhelm wollte gar nich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 298
nicht unsers Vorteils bedienen, da wir mit zerstückelten Werken
ebensoviel ausrichten als mit ganzen? Setzt uns das Publikum doch
selbst in den Vorteil! Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige
Menschen aller neuern Nationen haben Gefühl für ein ästhetisches Ganze;
sie loben und tadeln nur ste...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 299
keine Art von Behandlung zerstört, ja kaum verunstaltet werden. Diese
sind's, die jedermann zu sehen verlangt, die niemand anzutasten wagt,
die sich tief in die Seele eindrücken und die man, wie ich höre,
beinahe alle auf das deutsche Theater gebracht hat. Nur hat man, wie
ich glaube, darin gef...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 300
einzelnen möglichst zu schonen, aber diese äußern, einzelnen,
zerstreuten und zerstreuenden Motive alle auf einmal wegzuwerfen und
ihnen ein einziges zu substituieren."
"Und das wäre?" fragte Serlo, indem er sich aus seiner ruhigen
Stellung aufhob.
"Es liegt auch schon im Stücke", erwiderte Wil...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 301
wird, haben sie kein näheres Mittel, ihn loszuwerden, als ihn nach der
Flotte zu schicken und ihm Rosenkranz und Güldenstern zu Beobachtern
mitzugeben; und da indes Laertes zurückkommt, soll dieser bis zum
Meuchelmord erhitzte Jüngling ihm nachgeschickt werden. Die Flotte
bleibt wegen ungünstige...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 302
äußere Umstände dieses Stück begleiten, aber einfacher sein müssen,
als sie uns der große Dichter gegeben hat. Was außer dem Theater
vorgeht, was der Zuschauer nicht sieht, was er sich vorstellen muß,
ist wie ein Hintergrund, vor dem die spielenden Figuren sich bewegen.
Die große, einfache Aussi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 303
sind und tun, kann nicht durch einen vorgestellt werden. In solchen
Kleinigkeiten zeigt sich Shakespeares Größe. Dieses leise Auftreten,
dieses Schmiegen und Biegen, dies Jasagen, Streicheln und Schmeicheln,
diese Behendigkeit, dies Schwänzeln, diese Allheit und Leerheit, diese
rechtliche Schur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 304
nebeneinander vor Serlo hinstellte: "hier sind die Stelzchen, und ich
gebe Ihnen auf, niedlichere zu finden."
"Es war Ernst!" sagte er, als er die zierlichen Halbschuhe betrachtete.
Gewiß, man konnte nicht leicht etwas Artigers sehen.
Sie waren Pariser Arbeit; Philine hatte sie von der Gräfin z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 305
damit und rieb die Sohlen gegeneinander. "Was das heiß wird!" rief
sie aus, indem sie die eine Sohle flach an die Wange hielt, dann
wieder rieb und sie gegen Serlo hinreichte. Er war gutmütig genug,
nach der Wärme zu fühlen, und "Klipp! Klapp!" rief sie, indem sie ihm
einen derben Schlag mit d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 306
würden: er nimmt so herzlichen Anteil an den Stücken, daß er
pathetische Stellen nicht eben deklamiert, aber doch affektvoll
rezitiert. Mit dieser Unart hat er mich mehr als einmal irregemacht."
"So wie er mich", sagte Aurelie, "mit einer andern Sonderbarkeit einst
an einer sehr gefährlichen St...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 307
er schärft das Gewissen des jungen, schwankenden Mannes: und so wird
diese Szene das Präludium zu jener, in welcher das kleine Schauspiel
so große Wirkung auf den König tut. Hamlet fühlt sich durch den
Schauspieler beschämt, der an fremden, an fingierten Leiden so großen
Teil nimmt; und der Geda...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 308
Verlegenheit. Du findest kaum Menschen zu deinem "Hamlet", geschweige
Geister. Dein Eifer verdient ein Wunder; Wunder können wir nicht tun,
aber etwas Wunderbares soll geschehen. Hast du Vertrauen, so soll zur
rechten Stunde der Geist erscheinen! Habe Mut und bleibe gefaßt! Es
bedarf keiner ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 309
treuherzige Schalkheit und erlogene Wahrheit da, wo sie hingehören,
recht zierlich aufstellen. Ich will einen solchen grauen, redlichen,
ausdauernden, der Zeit dienenden Halbschelm aufs allerhöflichste
vorstellen und vortragen, und dazu sollen mir die etwas rohen und
groben Pinselstriche unsers ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 310
Stellen scheint es mir unwidersprechlich. Ihm wird das Fechten sauer,
der Schweiß läuft ihm vom Gesichte, und die Königin spricht: "Er ist
fett, laßt ihn zu Atem kommen." Kann man sich ihn da anders als blond
und wohlbehäglich vorstellen? Denn braune Leute sind in ihrer Jugend
selten in diesem...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 311
und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, es sei auf welche Weise es
wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwickelung aufhalten. Das
Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur muß sich nach dem
Ende drängen und nur aufgehalten werden. Der Romanheld muß leidend,
wenigstens nicht im hoh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 312
von dieser Seite kein Anstoß sein konnte. Die sämtlichen Schauspieler
waren mit dem Stücke bekannt, und er suchte sie nur, ehe sie anfingen,
von der Wichtigkeit einer Leseprobe zu überzeugen. Wie man von jedem
Musikus verlange, daß er bis auf einen gewissen Grad vom Blatte
spielen könne, so sol...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 313
genugzutun, wie man durch eigene überzeugung, man sei ein ganz anderer
Mensch, den Zuschauer gleichfalls zur überzeugung hinreiße, wie man
durch eine innere Wahrheit der Darstellungskraft diese Bretter in
Tempel, diese Pappen in Wälder verwandelt, ist wenigen gegeben. Diese
innere Stärke des Gei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 314
gehörte, damals auf dem deutschen Theater sehr oft gegeben wurde.
In diesen Betrachtungen störten ihn die übrigen ankommenden
Schauspieler, mit denen zugleich zwei Theater- und Garderobenfreunde
hereintreten und Wilhelmen mit Enthusiasmus begrüßten. Der eine war
gewissermaßen an Madame Melina a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 315
seines Geschmacks. Er ließ die beiden Freunde sehen, wie sehr er sie
schätze, und sie dagegen weissagten nichts weniger von diesen
vereinten Bemühungen als eine neue Epoche fürs deutsche Theater.
Die Gegenwart dieser beiden Männer war bei den Proben sehr nützlich.
Besonders überzeugten sie unsr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 316
gehört sein, wie sie sprachen, und wenige bemühten sich, so zu
sprechen, daß man sie hören könnte. Einige schoben den Fehler aufs
Gebäude, andere sagten, man könne doch nicht schreien, wenn man
natürlich, heimlich oder zärtlich zu sprechen habe.
Unsre Theaterfreunde, die eine unsägliche Geduld ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 317
unbedeutend unter ihnen stehen. "Hamlet", sagte er, "muß sich ruhig
verhalten; seine schwarze Kleidung unterscheidet ihn schon genug. Er
muß sich eher verbergen als zum Vorschein kommen. Nur dann, wenn die
Audienz geendigt ist, wenn der König mit ihm als Sohn spricht, dann
mag er herbeitreten ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 318
Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht, die sie haben
sollen."
"Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen."
"Gewissermaßen; aber ein großes Publikum verdient, daß man es achte,
daß man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will,
behandle. Man bring...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 319
verscheuchen", versetzte Wilhelm; "er kommt gewiß zur rechten Zeit und
wird uns so gut als die Zuschauer überraschen."
"Gewiß", rief Serlo, "ich werde froh sein, wenn das Stück morgen
gegeben ist: es macht uns mehr Umstände, als ich geglaubt habe."
"Aber niemand in der Welt wird froher sein als...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 320
erfahren, daß Männer immer im Widerspruch mit sich selbst sind. Bei
all eurer Gewissenhaftigkeit, den großen Autor nicht verstümmeln zu
wollen, laßt ihr doch den schönsten Gedanken aus dem Stücke."
"Den schönsten?" rief Wilhelm.
"Gewiß den schönsten, auf den sich Hamlet selbst was zugute tut."...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 321
Absätzen klappern.
Serlo ging in das Seitenzimmer, und Aurelie blieb vor Wilhelmen, der
ihr eine gute Nacht wünschte, noch einige Augenblicke stehen und sagte.
"Wie sie mir zuwider ist! recht meinem innern Wesen zuwider! bis auf
die kleinsten Zufälligkeiten. Die rechte braune Augenwimper bei ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 322
hätten keine Füße, sie schwebten in der Luft und nährten sich vom
äther. Es ist aber ein Märchen", fuhr sie fort, "eine poetische
Fiktion. Gute Nacht, laßt Euch was Schönes träumen, wenn Ihr Glück
habt."
Sie ging in ihr Zimmer und ließ ihn allein; er eilte auf das seinige.
Halb unwillig ging ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 323
fand keine Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, den
Schränken war nichts zu sehen; er suchte emsiger und emsiger; ja ein
boshafter Zuschauer hätte glauben mögen, er suche, um zu finden.
Kein Schlaf stellte sich ein; er setzte die Pantoffeln auf seinen
Tisch, ging auf und nieder, bli...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 324
denken, ob der Geist auch kommen werde. Nun war sie ganz weggenommen,
und man hatte die wunderlichste Gastrolle zu erwarten. Der
Theatermeister kam und fragte über dieses und jenes; Wilhelm hatte
nicht Zeit, sich nach dem Gespenst umzusehen, und eilte nur, sich am
Throne einzufinden, wo König u...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 325
sie nicht so trefflich hätte ausdrücken können.
Seine übersetzung dieser Stelle kam ihm sehr zustatten. Er hatte sich
nahe an das Original gehalten, dessen Wortstellung ihm die Verfassung
eines überraschten, erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gemüts
einzig auszudrücken schien.
"Sei du ein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 326
langsamen und unübersehlichen Verdrusses. Es war der Mißmut einer
großen Seele, die von allem Irdischen getrennt ist und doch
unendlichen Leiden unterliegt. Zuletzt versank der Geist, aber auf
eine sonderbare Art: denn ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor,
der wie ein Dampf aus der Versenk...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 327
uns heute schmecken lassen."
Sie hatten ausgemacht, daß sie in ihren Theaterkleidern beisammen
bleiben und sich selbst ein Fest feiern wollten. Wilhelm hatte
unternommen, das Lokal, und Madame Melina, das Essen zu besorgen.
Ein Zimmer, worin man sonst zu malen pflegte, war aufs beste gesäubert...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 328
schien. Er glich völlig dem gemalten Bilde, als wenn er dem Künstler
gestanden hätte, und die Theaterfreunde konnten nicht genug rühmen,
wie schauerlich es ausgesehen habe, als er unfern von dem Gemälde
hervorgetreten und vor seinem Ebenbilde vorbeigeschritten sei.
Wahrheit und Irrtum habe sich ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 329
Geschenk der Theaterfreunde in einigen Körben angekommen waren. Die
Kinder sprangen und sangen fort, und besonders war Mignon ausgelassen,
wie man sie niemals gesehen. Sie schlug das Tamburin mit aller
möglichen Zierlichkeit und Lebhaftigkeit, indem sie bald mit
druckendem Finger auf dem Felle ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 330
und indem sie den Kopf zurück und alle ihre Glieder gleichsam in die
Luft warf, schien sie einer Mänade ähnlich, deren wilde und beinah
unmögliche Stellungen uns auf alten Monumenten noch oft in Erstaunen
setzen.
Durch das Talent der Kinder und ihren Lärm aufgereizt, suchte
jedermann zur Unterha...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 331
und nach ausgelöschtem Licht ins Bett eilte. Der Schlaf wollte
sogleich sich seiner bemeistern; allein ein Geräusch, das in seiner
Stube hinter dem Ofen zu entstehen schien, machte ihn aufmerksam.
Eben schwebte vor seiner erhitzten Phantasie das Bild des
geharnischten Königs; er richtete sich au...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 332
ernsthaft in die Augen, so daß er den Blick nicht ertragen konnte.
Sie rührte ihn nicht an wie sonst, da sie gewöhnlich ihm die Hand
drückte, seine Wange, seinen Mund, seinen Arm oder seine Schulter
küßte, sondern ging, nachdem sie seine Sachen in Ordnung gebracht,
stillschweigend wieder fort.
D...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 333
Notwendig war es nunmehr, die Rolle des Geistes dem Polterer und die
Rolle des Königs dem Pedanten zu geben. Beide erklärten, daß sie
schon einstudiert seien, und es war kein Wunder, denn bei den vielen
Proben und der weitläufigen Behandlung dieses Stücks waren alle so
damit bekannt geworden, da...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 334
bleiben. Mignon nahm ein Licht, ihm zu leuchten. Wilhelm bat darauf
Aurelien, ihre Sachen auf ebendiesem Wege zu retten. Er selbst drang
durch den Rauch hinauf; aber vergebens setzte er sich der Gefahr aus.
Die Flamme schien von dem benachbarten Hause herüberzudringen und
hatte schon das Holzw...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 335
der Flamme; er konnte keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule
wahrnehmen. Er betastete es überall, es gab kein Zeichen von Schmerz
von sich, es beruhigte sich vielmehr nach und nach und fing an, sich
über die Flamme zu verwundern, ja sich über die schönen, der Ordnung
nach, wie eine Illumination,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 336
sich immer vergrößern.
Er brachte einige Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf
seinem Schoße eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand
fest. Endlich hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt
getan. Die ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen ka...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 337
zusammengeflickten Lumpenkönig schalt.
Sonderbarer als er war vielleicht niemand zum Throne gelangt; und
obgleich die übrigen, besonders aber Philine, sich über seine neue
Würde äußerst lustig machten, so ließ er doch merken, daß der Graf,
als ein großer Kenner, das und noch viel mehr von ihm be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 338
gern mit ihr erklären mögen.
Was ihm aber noch schwerer auf dem Herzen lag, war das Schicksal des
Harfenspielers, den man nicht wieder gesehen hatte. Wilhelm fürchtete,
man würde ihn beim Aufräumen tot unter dem Schutte finden. Wilhelm
hatte gegen jedermann den Verdacht verborgen, den er hegte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 339
bestand auf seinem Sinne. Wilhelm gab nicht nach und drängte ihn
endlich halb mit Gewalt ins Gartenhaus, schloß sich daselbst mit ihm
ein und führte ein wunderbares Gespräch mit ihm, das wir aber, um
unsere Leser nicht mit unzusammenhängenden Ideen und bänglichen
Empfindungen zu quälen, lieber v...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 340
entgegen, wie er sie zu hören wünschte, ja öfters vernahm er, was ihn
betrübte oder verdroß. So erzählte zum Beispiel gleich nach der
ersten Aufführung "Hamlets" ein junger Mensch mit großer Lebhaftigkeit,
wie zufrieden er an jenem Abend im Schauspielhause gewesen. Wilhelm
lauschte und hörte zu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 341
jungen, beneidenswerten Freund sehen; Sie haben uns ohnedem schon so
zugestutzt, daß wir nicht eifersüchtig sein dürfen."
"Ich muß Ihnen diesen Verdacht noch eine Zeitlang lassen", sagte
Philine scherzend; "doch kann ich Sie versichern, daß es nur eine gute
Freundin ist, die sich einige Tage unb...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 342
sie die Türe öffnen sollte.
Wie verwundert waren daher beide, als Wilhelm auf einmal heftig ihre
Neckerei unterbrach, sich Philinen zu Füßen warf und sie mit dem
lebhaftesten Ausdrucke der Leidenschaft bat und beschwor. "Lassen Sie
mich das Mädchen sehen", rief er aus, "sie ist mein, es ist mei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 343
mußten zuletzt nachgeben, das Zimmer und das Haus räumen.
Welche unruhige Nacht Wilhelm zubrachte, wird sich jedermann denken.
Wie langsam die Stunden des Tages dahinzogen, in denen er Philinens
Billett erwartete, läßt sich begreifen. Unglücklicherweise mußte er
selbigen Abend spielen; er hatte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 344
der ganzen Sache, mit dem Auftrage, daß er die Flüchtlinge aufsuchen
und einholen, sie alsdann nicht aus den Augen lassen und die Freunde
sogleich, wo und wie er sie fände, benachrichtigen solle. Er setzte
sich in derselbigen Stunde zu Pferde und ritt dem zweideutigen Paare
nach, und Wilhelm war...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 345
Darstellungen irremachen; aber man lege ihnen das Vernünftige und
Schickliche auf eine interessante Weise vor, so werden sie gewiß
darnach greifen.
Was unserm Theater hauptsächlich fehlt und warum weder Schauspieler
noch Zuschauer zur Besinnung kommen, ist, daß es darauf im ganzen zu
bunt aussie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 346
Eindruck, eine verhaßte Erinnerung an meinen treulosen Freund hat mir
die Lust an dieser schönen und ausgebildeten Sprache geraubt. Wie ich
sie jetzt von ganzem Herzen hasse! Während der Zeit unserer
freundschaftlichen Verbindung schrieb er Deutsch, und welch ein
herzliches, wahres, kräftiges D...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 347
Theatergesellschaft so gut wie von einem Reiche, von einem Zirkel
Freunde so gut wie von einer Armee läßt sich gewöhnlich der Moment
angeben, wenn sie auf der höchsten Stufe ihrer Vollkommenheit, ihrer
übereinstimmung, ihrer Zufriedenheit und Tätigkeit standen; oft aber
verändert sich schnell das...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 348
werden." Dadurch hatten sich Serlo und Elmire dergestalt genähert,
daß sie nach Philinens Abschiede bald einig wurden, und der kleine
Roman interessierte sie beide um so mehr, als sie ihn vor dem Alten,
der über eine solche Unregelmäßigkeit keinen Scherz verstanden hätte,
geheimzuhalten alle Urs...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 349
eifrigsten Bemühungen, ohne den willkommenen Klang der
zusammenschlagenden Hände abtreten. Freilich kamen dazu noch
besondere Ursachen. Aureliens Stolz war auffallend, und von ihrer
Verachtung des Publikums waren viele unterrichtet. Serlo schmeichelte
zwar jedermann im einzelnen, aber seine sp...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 350
hatte dabei seinen Kummer zu verbergen, der ihn auf das tiefste
drückte, indem der nach dem zweideutigen Offizier fortgeschickte Bote
nicht zurückkam, auch nichts von sich hören ließ und unser Freund
daher seine Mariane zum zweitenmal verloren zu haben fürchten mußte.
Zu eben der Zeit fiel eine ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 351
und ist schon viel heiterer. Er wünscht von dem Kohle zu genießen,
den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er die Harfe auf den
Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der
Knabe ja auch brauchen könne. Als Geistlicher suche ich ihm über
seine wunderbaren Skrupel nur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 352
da er zugleich mit den Edelleuten, Amtmännern und Gerichtshaltern in
Verbindung stand, so hatte er in Zeit von zwanzig Jahren sehr viel im
stillen zur Kultur mancher Zweige der Landwirtschaft beigetragen und
alles, was dem Felde, Tieren und Menschen ersprießlich ist, in
Bewegung gebracht und so d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 353
von ihr, sie ist nicht vorsichtig genug, eine aufkeimende Neigung zu
verbergen; er wird kühn, schließt sie in seine Arme und drückt ihr das
große, mit Brillanten besetzte Porträt ihres Gemahls gewaltsam wider
die Brust. Sie empfindet einen heftigen Schmerz, der nach und nach
vergeht, erst eine k...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 354
sehr gefällig und klug. Man sprach über den Zustand ihres Körpers und
ihres Geistes, und der neue Freund erzählte manche Geschichten, wie
Personen ungeachtet einer solchen Kränklichkeit ein hohes Alter
erreichen könnten; nichts aber sei schädlicher in solchen Fällen als
eine vorsätzliche Erneuer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 355
sich geladen haben mochte.
Melina, der indessen die Garderobe besorgte, hatte, kalt und
heimtückisch wie er war, der Sache im stillen zugesehen und wußte bei
der Entfernung Wilhelms und bei der zunehmenden Krankheit Aureliens
Serlo fühlbar zu machen, daß man eigentlich mehr einnehmen, weniger
au...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 356
von Geschmack an einem bestimmten und ausführlichen Kunstwerke sich
völlig verlieren müsse.
Melina scherzte nicht ganz fein über Wilhelms pedantische Ideale
dieser Art, über die Anmaßung, das Publikum zu bilden, statt sich von
ihm bilden zu lassen, und beide vereinigten sich mit großer
überzeugu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 357
Elmire zeichnete sich in der Rolle Emiliens zu ihrem Vorteil aus,
Laertes trat als Appiani mit vielem Anstand auf, und Wilhelm hatte ein
Studium von mehreren Monaten auf die Rolle des Prinzen verwendet. Bei
dieser Gelegenheit hatte er sowohl mit sich selbst als mit Serlo und
Aurelien die Frage o...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 358
Ansehen geben können als Männer, warum Hofleute und Soldaten am
schnellsten zu diesem Anstande gelangen."
Wilhelm verzweifelte nun fast an seiner Rolle, allein Serlo half ihm
wieder auf, indem er ihm über das Einzelne die feinsten Bemerkungen
mitteilte und ihn dergestalt ausstattete daß er bei d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 359
versäumt, ihr den Mantel zu bringen, die Portechaise war nicht da; es
hatte geregnet, und ein sehr rauher Wind zog durch die Straßen. Man
redete ihr vergebens zu, denn sie war übermäßig erhitzt; sie ging
vorsätzlich langsam und lobte die Kühlung, die sie recht begierig
einzusaugen schien. Kaum ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 360
forderte sie Wilhelmen auf, ihren Freund, wenn er irgend durch die
Nachricht ihres Todes betrübt werden sollte, zu trösten, ihn zu
versichern, daß sie ihm verziehen habe und daß sie ihm alles Glück
wünsche.
Von dieser Zeit an war sie sehr still und schien sich nur mit wenigen
Ideen zu beschäftig...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 361
zufälligen Stimmung vertrauen wollte, dachte er an eine Rede, die in
der Ausarbeitung pathetischer als billig ward. Nachdem er sich völlig
von der guten Komposition seines Aufsatzes überzeugt hatte, machte er,
indem er ihn auswendig lernte, Anstalt zu seiner Abreise. Mignon war
beim Einpacken g...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 362
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen;
Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.
Sechstes Buch
Bekenntnisse einer schönen Seele
Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weiß mich aber
von dieser Zeit so wenig zu erinnern als ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 363
Versammlung behielte, erzählte mir die Tante Liebesgeschichten und
Feenmärchen. Alles ward angenommen, und alles faßte Wurzel. Ich
hatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren Wesen
unterhielt; ich weiß noch einige Verse, die ich der Mutter damals in
die Feder diktierte.
Oft e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 364
ich solche Bücher las, in denen wunderbare Begebenheiten beschrieben
wurden. Unter allen war mir der "Christliche deutsche Herkules" der
liebste; die andächtige Liebesgeschichte war ganz nach meinem Sinne.
Begegnete seiner Valiska irgend etwas, und es begegneten ihr grausame
Dinge, so betete er ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 365
bei dem heftigen Hang zu Büchern doch kochen lernte; aber dabei war
etwas zu sehen. Ein Huhn, ein Ferkel aufzuschneiden war für mich ein
Fest. Dem Vater brachte ich die Eingeweide, und er redete mit mir
darüber wie mit einem jungen Studenten und pflegte mich oft mit
inniger Freude seinen mißrat...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 366
Hofmarschalls aus: der jüngste so alt wie ich, der andere zwei Jahre
älter, Kinder von einer solchen Schönheit, daß sie nach dem
allgemeinen Geständnis alles übertrafen, was man je von schönen
Kindern gesehen hatte. Auch ich hatte sie kaum erblickt, so sah ich
niemand mehr vom ganzen Haufen. In...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 367
verbergen, und die Eifersucht des Jüngern machte den Roman vollkommen.
Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust vernichtete er unsre
Freunde und vermehrte dadurch die Leidenschaft, die er zu zerstören
suchte.
Nun hatte ich denn wirklich das gewünschte Schäfchen gefunden, und
diese Leidenschaft ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 368
die Ehrbarkeit der Phyllis durch alle Bedeutungen durchzuführen. Ich
fühlte das Lächerliche und war äußerst verwirrt. Er, der mich nicht
furchtsam machen wollte, brach ab, brachte aber das Gespräch bei
andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn. Schauspiele und kleine
Geschichten, die ich bei ih...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 369
so groß und das menschliche Herz so schwach ist, so will ich Gott
bitten, daß er mich bewahre."
Die naive Antwort schien ihn zu freuen, er lobte meinen Vorsatz; aber
es war bei mir nichts weniger als ernstlich gemeint; diesmal war es
nur ein leeres Wort: denn die Empfindungen für den Unsichtbare...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 370
moralisch und physisch sehr isoliert, und alle die Artigkeiten, die
sie mir sagten, nahm ich stolz für schuldigen Weihrauch auf.
Unter den Fremden, die sich damals bei uns aufhielten, zeichnete sich
ein junger Mann besonders aus, den wir im Scherz Narziß nannten. Er
hatte sich in der diplomatis...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 371
ich alles wußte, worüber ich gedacht, was ich empfunden hatte und
worüber ich mich im Gespräche auszudrücken verstand. Mein neuer
Freund, der von jeher in der besten Gesellschaft gewesen war, hatte
außer dem historischen und politischen Fache, das er ganz übersah,
sehr ausgebreitete literarische...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 372
und es fanden sich dort oft Menschen, wo nicht vom rohsten, doch vom
plattsten Schlage mit ein. Diesmal war Narziß auch mit geladen, und
um seinetwillen war ich geneigt hinzugehen: denn ich war doch gewiß,
jemanden zu finden, mit dem ich mich auf meine Weise unterhalten
konnte. Schon bei Tafel ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 373
wollte. Ich bat sie dringend, mir einen Wundarzt zu schaffen, und sie,
nach ihrer wilden Art, sprang gleich die Treppe hinunter, selbst
einen zu holen.
Ich ging wieder zu meinem Verwundeten, band ihm mein Schnupftuch um
die Hand und ein Handtuch, das an der Türe hing, um den Kopf. Er
blutete n...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 374
nach Hause. Sie waren über mein Schrecken, über die Wunden des
Freundes, über den Unsinn des Hauptmanns, über den ganzen Vorfall
äußerst verdrießlich. Wenig fehlte, so hätte mein Vater selbst,
seinen Freund auf der Stelle zu rächen, den Hauptmann herausgefordert.
Er schalt die anwesenden Herren...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 375
seiner weitern Unterredung meiner Mutter. Narziß, sagte er, sei
äußerst gerührt von meinem geleisteten Beistand, habe ihn umarmt, sich
für meinen ewigen Schuldner erklärt, bezeigt, er verlange kein Glück,
wenn er es nicht mit mir teilen sollte; er habe sich die Erlaubnis
ausgebeten, ihn als Vate...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 376
Unterschied.
Ein Zweikampf, worin der Hauptmann stark verwundet wurde, war vorüber,
ohne daß ich etwas davon erfahren hatte, und die öffentliche Meinung
war in jedem Sinne auf der Seite meines Geliebten, der endlich wieder
auf dem Schauplatze erschien. Vor allen Dingen ließ er sich mit
verbundn...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 377
reinigen, waren aber auch schon Anstalten gemacht.
Der Frühling kam heran, und Narziß besuchte mich unangemeldet zu einer
Zeit, da ich ganz allein zu Hause war. Nun erschien er als Liebhaber
und fragte mich, ob ich ihm mein Herz und, wenn er eine ehrenvolle,
wohlbesoldete Stelle erhielte, auch ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 378
als der Welt eine Putzdocke zu bilden wünscht. Und so geht es durch
alle Fächer durch.
Hat ein solches Mädchen dabei das Glück, daß ihr Bräutigam Verstand
und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde
Länder geben können. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 379
einen lieben Bräutigam gegeben, und dafür wußte ich ihm Dank. Die
irdische Liebe selbst konzentrierte meinen Geist und setzte ihn in
Bewegung, und meine Beschäftigung mit Gott widersprach ihr nicht.
Ganz natürlich klagte ich ihm, was mich bange machte, und bemerkte
nicht, daß ich selbst das, was...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 380
So war ich oft in der Gesellschaft einsam, und die völlige Einsamkeit
war mir meistens lieber. Allein mein geschäftiger Geist konnte weder
schlafen noch träumen; ich fühlte und dachte und erlangte nach und
nach eine Fertigkeit, von meinen Empfindungen und Gedanken mit Gott zu
reden. Da entwicke...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 381
seines Geistes sehr geschätzter Weltmann fand an unserm Hofe großen
Beifall. Er zeichnete Narzissen besonders aus und hatte ihn beständig
um sich. Sie stritten auch über die Tugend der Frauen. Narziß
vertraute mir weitläufig ihre Unterredung; ich blieb mit meinen
Anmerkungen nicht dahinten, un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 382
Bekanntschaft, weil sie in der Folge meines Lebens manchen Einfluß auf
mich hatte.
Nun war fast ein Jahr unserer Verbindung verstrichen, und mit ihm war
auch unser Frühling dahin. Der Sommer kam, und alles wurde
ernsthafter und heißer.
Durch einige unerwartete Todesfälle waren ämter erledigt, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 383
Anliegen so wohl aufgenommen wurde.
Je sanfter diese Erfahrungen waren, desto öfter suchte ich sie zu
erneuern und den Trost immer da, wo ich ihn so oft gefunden hatte;
allein ich fand ihn nicht immer: es war mir wie einem, der sich an der
Sonne wärmen will und dem etwas im Wege steht, das Schat...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 384
und die verlieh mir Gott nicht, wenn ich mit der Schellenkappe
herumlief.
Nun ging es an ein Abwiegen aller und jeder Handlungen; Tanzen und
Spielen wurden am ersten in Untersuchung genommen. Nie ist etwas für
oder gegen diese Dinge geredet, gedacht oder geschrieben worden, das
ich nicht aufsuc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 385
Freuden zugleich ein geheimer Schatz zur Stärkung im Unglück
aufbewahrt sei.
Aber die geselligen Vergnügungen und Zerstreuungen der Jugend mußten
doch notwendig einen starken Reiz für mich haben, weil es mir nicht
möglich war, sie zu tun, als täte ich sie nicht. Wie manches könnte
ich jetzt mit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 386
zurückzuziehen und fremd zu tun; das stand ihm frei; aber mein
Thermometer fiel, so wie er sich zurückzog. Meine Familie bemerkte es,
man befragte mich, man wollte sich verwundern. Ich erklärte mit
männlichem Trotz, daß ich mich bisher genug aufgeopfert habe, daß ich
bereit sei, noch ferner und...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 387
ganz gemein waren. Ich war endlich genötigt, ihr zu zeigen, daß sie
in keinem Sinne eine Stimme in dieser Sache habe, und sie ließ nur
selten merken, daß sie auf ihrem Sinne verharre. Auch war sie die
einzige, die diese Begebenheit von nahem ansah und ganz ohne
Empfindung blieb. Ich tue ihr ni...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 388
sich durch sie hat bereden lassen, und auch ohne das würden mir bei
meiner innern Verfassung alle solche vorübergehende Meinungen weniger
als nichts gewesen sein.
VI. Buch--4
Dagegen versagte ich mir nicht, meiner Neigung zu Narzissen
nachzuhängen. Er war mir unsichtbar geworden, und mei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 389
kurze Antwort, die im wesentlichen mit der ersten völlig gleichlautend
war. Er blieb dabei, daß er nach erhaltener Stelle bei mir anfragen
würde, ob ich sein Glück mit ihm teilen wollte.
Mir hieß das nun soviel als nichts gesagt. Ich erklärte meinen
Verwandten und Bekannten, die Sache sei abge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 390
bildete sich eine kleinere um mich her, die weit reicher und
unterhaltender war. Ich hatte eine Neigung zum gesellschaftlichen
Leben, und ich leugne nicht, daß mir, als ich meine ältern
Bekanntschaften aufgab, vor der Einsamkeit grauete. Nun fand ich mich
hinlänglich, ja vielleicht zu sehr ents...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 391
und etwas gegen seine überzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu
lassen und den Unwillen darüber alsdann entweder in der Stille für
sich oder vertraulich mit seiner Familie zu verkochen. Mein Oheim war
um vieles jünger, und seine Selbständigkeit ward durch seine äußern
Umstände nicht wenig best...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 392
ungewöhnlichen Aufenthalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie
man endlich bemerken konnte, sich unter uns die jüngste Schwester
ausersehen, um sie nach seinem Sinne zu verheiraten und glücklich zu
machen; und gewiß, sie konnte nach ihren körperlichen und geistigen
Gaben, besonders wenn sic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 393
paar Stunden frisieren, putzte mich und dachte nichts dabei, als daß
ich in meinem Verhältnisse diese Galalivree anzuziehen schuldig sei.
In den angefüllten Sälen sprach ich mit allen und jeden, ohne daß mir
irgendeine Gestalt oder ein Wesen einen starken Eindruck
zurückgelassen hätte. Wenn ich ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 394
drückenden Beschwerde überfallen wurde, die sie noch fünf Jahre trug,
ehe sie die Schuld der Natur bezahlte. In dieser Zeit gab es manche
übung. Oft, wenn ihr die Bangigkeit zu stark wurde, ließ sie uns des
Nachts alle vor ihr Bette rufen, um wenigstens durch unsre Gegenwart
zerstreut, wo nicht...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 395
Gott gesucht hatte. Es ist unendlich viel gesagt, und doch kann und
darf ich nicht mehr sagen. So wichtig jede Erfahrung in dem
kritischen Augenblicke für mich war, so matt, so unbedeutend,
unwahrscheinlich würde die Erzählung werden, wenn ich einzelne Fälle
anführen wollte. Wie glücklich war ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 396
konnte keinesweges in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand
die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen und der
Liebe gegen den Unsichtbaren zugeschlossen war, schon so unglücklich,
daß eine Hölle und äußere Strafen mir eher für sie eine Linderung zu
versprechen als ein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 397
gewisse Freundin, der ich erst zuviel eingeräumt hatte, wollte sich
immer in meine Angelegenheiten mengen; auch von dieser war ich
genötigt mich loszumachen, und einst sagte ich ihr ganz entschieden,
sie solle ohne Mühe bleiben, ich brauche ihren Rat nicht; ich kenne
meinen Gott und wolle ihn gan...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 398
wieder zurückzog. Ich erkannte, wie in einer Art von Dämmerung, mein
Elend und meine Schwäche, und ich suchte mir dadurch zu helfen, daß
ich mich schonte, daß ich mich nicht aussetzte.
Sieben Jahre lang hatte ich meine diätetische Vorsicht ausgeübt. Ich
hielt mich nicht für schlimm und fand me...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 399
mit Philo eifersüchtig und hatten dabei von mehr als einer Seite recht,
wenn sie mich hierüber warnten. Ich litt viel in der Stille, denn
ich konnte selbst ihre Einwendungen nicht ganz für leer oder
eigennützig halten. Ich war von jeher gewohnt, meine Einsichten
unterzuordnen, und doch wollte d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 400
wendete sich meine Betrachtung auf mich selbst. Der Gedanke: "Du bist
nicht besser als er", stieg wie eine kleine Wolke vor mir auf,
breitete sich nach und nach aus und verfinsterte meine ganze Seele.
Nun dachte ich nicht mehr bloß: "Du bist nicht besser als er"; ich
fühlte es und fühlte es so,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 401
wie bei David losbrechen können, als er Bathseba erblickte, und war er
nicht auch ein Freund Gottes, und war ich nicht im Innersten überzeugt,
daß Gott mein Freund sei?
Sollte es also wohl eine unvermeidliche Schwäche der Menschheit sein?
Müssen wir uns nun gefallen lassen, daß wir irgendeinmal ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 402
Geburt bis zu dem Grabe, durchgegangen sei, daß er durch diesen
sonderbaren Umweg wieder zu den lichten Höhen aufgestiegen, wo wir
auch wohnen sollten, um glücklich zu sein: das ward mir, wie in einer
dämmernden Ferne, offenbart.
O warum müssen wir, um von solchen Dingen zu reden, Bilder gebrauc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 403
werden, und in kurzem war ich überzeugt, daß mein Geist eine Fähigkeit
sich aufzuschwingen erhalten habe, die ihm ganz neu war.
Bei diesen Empfindungen verlassen uns die Worte. Ich konnte sie ganz
deutlich von aller Phantasie unterscheiden; sie waren ganz ohne
Phantasie, ohne Bild, und gaben do...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 404
Kraft nicht in meiner Seele war, so hatte ich mich in dem Fall anderer
redlichen Leute auch befunden; ich hatte mir dadurch geholfen, daß ich
die Phantasie immer mit Bildern erfüllte, die einen Bezug auf Gott
hatten, und auch dieses ist schon wahrhaft nützlich: denn schädliche
Bilder und ihre bös...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 405
verwöhnt. Bilder wollte ich haben, äußere Eindrücke bedurfte ich und
glaubte ein reines geistiges Bedürfnis zu fühlen.
VI. Buch--6
Philos Eltern hatten mit der herrnhutischen Gemeinde in Verbindung
gestanden; in seiner Bibliothek fanden sich noch viele Schriften des
Grafen. Er hatte mir...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 406
hatte ich überflüssige Nahrung für meine Einbildungskraft. Ich machte
große Fortschritte in der Zinzendorfischen Art, zu denken und zu
sprechen. Man glaube nicht, daß ich die Art und Weise des Grafen
nicht auch gegenwärtig zu schätzen wisse; ich lasse ihm gern
Gerechtigkeit widerfahren; er ist ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 407
redlichen, frommen Mann kennenlernen und war mit ihm als einem, der
Gott ernstlich suchte, in einem ununterbrochenen Briefwechsel
geblieben. Wie schmerzhaft war es daher für seinen geistlichen Führer,
als dieser Kavalier sich in der Folge mit der herrnhutischen Gemeinde
einließ und sich lange un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 408
in zierlichen Rahmen. Ich faßte geschwinde, was in der Zeit, da ich
nicht im Hause gewesen, vorgegangen sein mochte, und bewillkommte
diese neue Erscheinung mit einigen angemessenen Versen.
Man denke sich das Erstaunen meiner Freundinnen. Wir erklärten uns
und waren auf der Stelle einig und ve...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 409
konnte in der Folge sich nicht, selbst wenn er gewollt hätte,
zurückziehn. Es gab heftige Debatten, bei denen ich glücklicherweise
nicht genannt wurde, da ich nur ein zufälliges Mitglied der so sehr
verhaßten Zusammenkünfte war und unser eifriger Führer meinen Vater
und meinen Freund in bürgerli...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 410
mir durch diese Streitigkeiten gewissermaßen in einem andern Lichte
erschienen war. Der Oheim hatte seine Plane auf meine Schwester in
der Stille durchgeführt. Er stellte ihr einen jungen Mann von Stande
und Vermögen als ihren Bräutigam vor und zeigte sich in einer
reichlichen Aussteuer, wie ma...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 411
mir's, als ob man mich mit siedheißem Wasser begossen hätte.
"--"Warum?" fragte ich. "Es ist mir allezeit so, wenn ich eine
Kopulation ansehe", versetzte er. Ich lachte über ihn und habe
nachher oft genug an seine Worte zu denken gehabt.
Die Heiterkeit der Gesellschaft, worunter viel junge Leu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 412
vertraulichen, einsamen Gesprächen waren für die ältern Personen
bereitet, und derjenige, der am frühsten zu Bette ging, war auch gewiß
am weitesten von allem Lärm einquartiert.
Durch diese gute Ordnung schien der Raum, in dem wir uns befanden,
eine kleine Welt zu sein, und doch, wenn man es bei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 413
besonders zu unterhalten pflegte. Er sprach mit großer Bescheidenheit
von dem, was er besaß und hervorgebracht hatte, mit großer Sicherheit
von dem Sinne, in dem es gesammelt und aufgestellt worden war, und ich
konnte wohl merken, daß er mit Schonung für mich redete, indem er nach
seiner alten A...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 414
Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen
zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit
der größten ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt.
Alles außer uns ist nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an
uns; aber tief in uns lie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 415
deren höchstes Bedürfnis war, mit Ihrer innern sittlichen Natur ins
reine zu kommen, anstatt der großen und kühnen Aufopferungen sich
zwischen Ihrer Familie, einem Bräutigam, vielleicht einem Gemahl nur
so hin beholfen, Sie würden, in einem ewigen Widerspruch mit sich
selbst, niemals einen zufrie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 416
oder ob er durch die Höhe und Würde derselben außer sich gesetzt werde.
Es ist immer sein Unglück, wenn er veranlaßt wird, nach etwas zu
streben, mit dem er sich durch eine regelmäßige Selbsttätigkeit nicht
verbinden kann.
Fürwahr", fuhr er fort, "ohne Ernst ist in der Welt nichts möglich,
und u...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 417
verworrenen Lauf der Welthändel, über die Seichtigkeit der
Wissenschaften, über den Leichtsinn der Künstler, über die Leerheit
der Dichter und was alles noch mehr ist. Sie bedenken am wenigsten,
daß eben sie selbst und die Menge, die ihnen gleich ist, gerade das
Buch nicht lesen würden, das gesc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 418
derjenige, dessen Geist nach einer moralischen Kultur strebt, alle
Ursache hat, seine feinere Sinnlichkeit zugleich mit auszubilden,
damit er nicht in Gefahr komme, von seiner moralischen Höhe
herabzugleiten, indem er sich den Lockungen einer regellosen Phantasie
übergibt und in den Fall kommt, s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 419
gebracht hatte. Dabei verhehlte der Arzt so wenig als bei folgenden
Unterredungen, daß er sich mir in Absicht auf religiöse Gesinnungen
nähere, lobte dabei den Oheim außerordentlich wegen seiner Toleranz
und Schätzung von allem, was den Wert und die Einheit der menschlichen
Natur anzeige und bef...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 420
solchen Epoche voneinander zu scheiden, da wir uns vielleicht nie,
wenigstens anders wiedersehen, regt uns zu einer feierlichen Stimmung,
die ich nicht edler nähren kann als durch eine Musik, deren
Wiederholung Sie schon früher zu wünschen schienen."
Er ließ durch das indes verstärkte und im sti...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 421
Die sonderbaren Erfahrungen, die ich in jenem neuen Kreise gemacht
hatte, ließen einen schönen Eindruck bei mir zurück; doch blieb er
nicht lange in seiner ganzen Lebhaftigkeit, obgleich der Oheim ihn zu
unterhalten und zu erneuern suchte, indem er mir von Zeit zu Zeit von
seinen besten und gefäl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 422
heiser, daß ich keinen lauten Ton hervorbringen konnte.
Die verheiratete Schwester kam vor Schrecken und Betrübnis zu früh in
die Wochen. Mein alter Vater fürchtete, seine Kinder und die Hoffnung
seiner Nachkommenschaft auf einmal zu verlieren; seine gerechten
Tränen vermehrten meinen Jammer; i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 423
man eine Art Fieber, das sich nach Tisch ohne Frost durch eine etwas
ermattende Hitze äußerte. Er legte sich jedoch nicht nieder, fuhr des
Morgens aus und versah treulich seine Amtsgeschäfte, bis ihn endlich
anhaltende, ernsthafte Symptome davon abhielten.
Nie werde ich die Ruhe des Geistes, di...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 424
überzeugung zu gelangen.
Was ich mir nicht versagen konnte, war, so bald als nur möglich den
Umgang mit den Gliedern der herrnhutischen Gemeine fortzusetzen und
fester zu knüpfen, und ich eilte, eine ihrer nächsten Einrichtungen zu
besuchen: aber auch da fand ich keinesweges, was ich mir vorgest...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 425
einst in der Verwaltung beistehen könnten.
Ich hielt mich bei meiner schwachen Gesundheit still und bei einer
ruhigen Lebensart ziemlich im Gleichgewicht; ich fürchtete den Tod
nicht, ja ich wünschte zu sterben, aber ich fühlte in der Stille, daß
mir Gott Zeit gebe, meine Seele zu untersuchen un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 426
Kenntnis des menschlichen Körpers und der Spezereien auf die übrigen
nachbarlichen Gegenstände der Schöpfung und führte mich wie im
Paradiese umher, und nur zuletzt, wenn ich mein Gleichnis fortsetzen
darf, ließ er mich den in der Abendkühle im Garten wandelnden Schöpfer
aus der Entfernung ahnen....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 427
und seine Kinder von leidlichen Meistern malen lassen, auch war meine
Mutter und ihre Verwandten nicht vergessen worden. Wir kannten die
Charaktere der ganzen Familie genau, und da wir sie oft untereinander
verglichen hatten, so suchten wir nun bei den Kindern die
ähnlichkeiten des äußern und In...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 428
nicht wieder gesehen. Unnachahmlich war von Jugend auf ihr Betragen
gegen Notleidende und Hülfsbedürftige. Ich gestehe gern, daß ich
niemals das Talent hatte, mir aus der Wohltätigkeit ein Geschäft zu
machen; ich war nicht karg gegen Arme, ja ich gab oft in meinem
Verhältnisse zuviel dahin, abe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 429
herauskommen und mit meinen besten Stoffen ein sittsames Bürgermädchen
an ihrem Brauttage geschmückt: denn zu Ausstattung solcher Kinder und
ehrbarer armer Mädchen hatte Natalie eine besondere Neigung, ob sie
gleich, wie ich hier bemerken muß, selbst keine Art von Liebe und,
wenn ich so sagen dar...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 430
vielleicht möglich.
Aber das, was ich nicht an diesen Erziehern billigen kann, ist, daß
sie alles von den Kindern zu entfernen suchen, was sie zu dem Umgange
mit sich selbst und mit dem unsichtbaren, einzigen treuen Freunde
führen könne. Ja, es verdrießt mich oft von dem Oheim, daß er mich
desh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 431
Können und Vermögen stolz zu werden, da ich so deutlich erkannt habe,
welch Ungeheuer in jedem menschlichen Busen, wenn eine höhere Kraft
uns nicht bewahrt, sich erzeugen und nähren könne.
Siebentes Buch
Erstes Kapitel
Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit erschienen; ein
frühzeit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 432
Gesellschaft hingekommen? Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?"
"Länger als billig: denn leider wenn ich an jene Zeit zurückdenke, die
ich mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches Leere zu
sehen; es ist mir nichts davon übriggeblieben."
"Darin irren Sie sich; alles, was uns ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 433
gekommen und sah an dessen Abhang an der andern Seite ein wunderliches
Gebäude liegen, das er sogleich für Lotharios Wohnung hielt. Ein
altes, unregelmäßiges Schloß mit einigen Türmen und Giebeln schien die
erste Anlage dazu gewesen zu sein; allein noch unregelmäßiger waren
die neuen Angebäude, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 434
ihn dann mit den Waffen des Vorwurfs anzufallen.
Mehrmals war er schon getäuscht worden und fing wirklich an,
verdrießlich und verstimmt zu werden, als endlich aus einer Seitentür
ein wohlgebildeter Mann in Stiefeln und einem schlichten überrocke
heraustrat. "Was bringen Sie mir Gutes?" sagte e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 435
man zu frühstücken, zu speisen, zu arbeiten und sich zu vergnügen
pflegte, manches erzählte und besonders zu Lotharios Ruhm gar vieles
vorbrachte.
So angenehm auch der Knabe war, so suchte ihn Wilhelm doch bald
loszuwerden. Er wünschte allein zu sein, denn er fühlte sich in
seiner Lage äußerst ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 436
Vater zu ihnen, im Hauskleide; und mit vertraulicher Miene, die ihm
selten war, hieß er den Sohn zwei Stühle aus dem Gartenhause holen,
nahm Marianen bei der Hand und führte sie nach einer Laube.
Wilhelm eilte nach dem Gartensaale, fand ihn aber ganz leer, nur sah
er Aurelien an dem entgegengese...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 437
Kind damit. Das Feuer war sogleich gelöscht. Als sie den Schleier
aufhob, sprangen zwei Knaben hervor, die zusammen mutwillig hin und
her spielten, als Wilhelm mit der Amazone Hand in Hand durch den
Garten ging und in der Entfernung seinen Vater und Marianen in einer
Allee spazieren sah, die mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 438
ich jeden loben möchte, der sie nicht höher als billig schätzt."
Er hatte kaum ausgesprochen, als die Türe mit Heftigkeit sich aufriß,
ein junges Frauenzimmer hereinstürzte und den alten Bedienten, der
sich ihr in den Weg stellte, zurückstieß. Sie eilte gerade auf den
Abbe zu und konnte, indem ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 439
für seinen alten Gönner Jarno erkannte, sprach dem trostlosen
Frauenzimmer gar liebreich und freundlich zu, und indem er sich auch
auf sie stützte, kam er die Treppe langsam herauf; er grüßte Wilhelmen
und ward in sein Kabinett geführt.
Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und trat zu Wilh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 440
fragte, wie es ihm zeither gegangen sei. Wilhelm erzählte seine
Geschichte im allgemeinen, und als er zuletzt von Aureliens Tod und
seiner Botschaft gesprochen hatte, rief jener aus: "Es ist doch
sonderbar, sehr sonderbar!"
Der Abbe trat aus dem Zimmer, winkte Jarno zu, an seiner Statt
hineinzu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 441
Zeit verstreichen läßt! Wie manches habe ich mir vorgenommen, wie
manches durchdacht, und wie zaudert man nicht bei seinen besten
Vorsätzen! Ich habe die Vorschläge über die Veränderungen gelesen,
die ich auf meinen Gütern machen will, und ich kann sagen, ich freue
mich vorzüglich dieserwegen, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 442
wenn wir mit den Interessen weniger willkürlich umgingen."
"Das einzige, was ich zu erinnern habe", sagte Jarno, "und warum ich
nicht raten kann, daß Sie eben jetzt diese Veränderungen machen,
wodurch Sie wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, daß Sie selbst
noch Schulden haben, deren Abzahlu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 443
"Wir wollen", sagte Jarno, "dem Verstande nicht zu nahe treten und
bekennen, daß das Außerordentliche, was geschieht, meistens töricht
ist."
"Ja, und zwar eben deswegen, weil die Menschen das Außerordentliche
außer der Ordnung tun. So gibt mein Schwager sein Vermögen, insofern
er es veräußern k...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 444
"Alles."
"O lassen Sie mich fliehen!" rief Wilhelm aus, "wie kann ich vor ihm
stehen? Was kann er sagen?"
"Daß niemand einen Stein gegen den andern aufheben soll und daß
niemand lange Reden komponieren soll, um die Leute zu beschämen, er
müßte sie denn vor dem Spiegel halten wollen."
"Auch da...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 445
machen. Wie völlig diese Menschen mit sich selbst unbekannt sind, wie
sie ihr Geschäft ohne Nachdenken treiben, wie ihre Anforderungen ohne
Grenzen sind, davon hat man keinen Begriff. Nicht allein will jeder
der erste, sondern auch der einzige sein, jeder möchte gerne alle
übrigen ausschließen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 446
Menschenhaß nicht ganz verbergen, wenn Sie behaupten, daß diese Fehler
allgemein seien."
"Und es zeugt von Ihrer Unbekanntschaft mit der Welt, wenn Sie diese
Erscheinungen dem Theater so hoch anrechnen. Wahrhaftig, ich verzeihe
dem Schauspieler jeden Fehler, der aus dem Selbstbetrug und aus der...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 447
ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Heute abend, hoff ich, soll
unser alter Medikus kommen, und dann wollen wir weiter ratschlagen."
VII. Buch, 4. Kapitel
Viertes Kapitel
Der Medikus kam; es war der gute, alte, kleine Arzt, den wir schon
kennen und dem wir die Mitteilung des inter...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 448
Nichts ist mir grausamer als Freundschaft und Liebe, denn sie allein
locken mir den Wunsch ab, daß die Erscheinungen, die mich umgeben,
wirklich sein möchten. Aber auch diese beiden Gespenster sind nur aus
dem Abgrunde gestiegen, um mich zu ängstigen und um mir zuletzt auch
das teure Bewußtsein ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 449
Sein größter Wahn ist, daß er überall Unglück bringe und daß ihm der
Tod durch einen unschuldigen Knaben bevorstehe. Erst fürchtete er
sich vor Mignon, eh er wußte, daß es ein Mädchen war; nun ängstigte
ihn Felix, und da er das Leben bei alle seinem Elend unendlich liebt,
scheint seine Abneigung...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 450
Lydie wird ihr nacheilen, und wenn das Glück gut ist, wird sie von
einem Orte zum andern geführt werden. Zuletzt, wenn sie drauf besteht,
wieder umzukehren, darf man ihr nicht widersprechen; man muß die
Nacht zu Hülfe nehmen, der Kutscher ist ein gescheiter Kerl, mit dem
man noch Abrede nehmen m...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 451
"indem Sie Fräulein Theresen kennenlernen, ein Frauenzimmer, wie es
ihrer wenige gibt; sie beschämt hundert Männer, und ich möchte sie
eine wahre Amazone nennen, wenn andere nur als artige Hermaphroditen
in dieser zweideutigen Kleidung herumgehen."
Wilhelm war betroffen, er hoffte in Theresen se...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 452
geraubt. Aber auch wieviel tausend Tränen und Schmerzen hat mich
diese Liebe schon gekostet! Erst sahen wir uns nur zuweilen am
dritten Orte verstohlen, aber lange konnte ich das Leben nicht
ertragen; nur in seiner Gegenwart war ich glücklich, ganz glücklich!
Fern von ihm hatte ich kein trockne...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 453
Antwort abwartete. So fuhr man die ganze Nacht, Lydie schloß kein
Auge; bei Mondschein fand sie überall ähnlichkeiten, und immer
verschwanden sie wieder. Morgens schienen ihr die Gegenstände bekannt,
aber desto unerwarteter. Der Wagen hielt vor einem kleinen, artig
gebauten Landhause stille; e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 454
"Das wird jetzt nicht bei ihr wirken", versetzte Therese; "die Zeit
entschuldigt, wie sie tröstet, Worte sind in beiden Fällen von wenig
Kraft. Lydie will Sie nicht sehen. "Lassen Sie mir ihn ja nicht vor
die Augen kommen", rief sie, als ich sie verließ, "ich möchte an der
Menschheit verzweifel...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 455
uns ein anderer vollkommen recht gibt. Auch ich denke über Lothario
vollkommen wie Sie; nicht jedermann läßt ihm Gerechtigkeit widerfahren,
dafür schwärmen aber auch alle die für ihn, die ihn näher kennen, und
das schmerzliche Gefühl, das sich in meinem Herzen zu seinem Andenken
mischt, kann mic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 456
sagte sie: "Das könnte alles weiter und breiter sein, wenn ich auf
das Anerbieten Ihres großmütigen Freundes hätte hören wollen; doch um
seiner wert zu bleiben, muß ich das an mir erhalten, was mich ihm so
wert machte. Wo ist der Verwalter?" fragte sie, indem sie die Treppe
völlig herunterkam. ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 457
fortgesetzte Beschäftigung in einer nützlichen Sache machen in der
Welt noch viel mehr möglich", versetzte Therese, "und wenn Sie erst
erfahren werden, was mich dazu belebt hat, so werden Sie sich über das
sonderbar scheinende Talent nicht mehr wundern."
Sie ließ ihn, als sie zu Hause anlangten,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 458
"Verzeihn Sie mir diese Maskerade", fing sie an, "denn leider ist es
jetzt nur Maskerade. Doch da ich Ihnen einmal von der Zeit erzählen
soll, in der ich mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch
jene Tage auf alle Weise vergegenwärtigen. Kommen Sie! selbst der
Platz, an dem wir so o...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 459
an.
Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann dieser Provinz, ein heiterer,
klarer, tätiger, wackrer Mann, ein zärtlicher Vater, ein redlicher
Freund, ein trefflicher Wirt, an dem ich nur den einzigen Fehler
kannte, daß er gegen eine Frau zu nachsichtig war, die ihn nicht zu
schätzen wußte. Leid...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 460
ungerecht tadelte; er nahm sich meiner an, nicht als wenn er mich
beschützen, sondern als wenn er meine guten Eigenschaften nur
entschuldigen könnte. So setzte er auch keiner von ihren Neigungen
Hindernisse entgegen; sie fing an, mit größter Leidenschaft sich auf
das Schauspiel zu werfen, ein Th...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 461
wohl schwerlich diese Magd für meine Tochter halten." Ich leugnete
nicht, daß ihr Betragen mich nach und nach ganz von ihr entfernte, ich
betrachtete ihre Handlungen wie die Handlungen einer fremden Person,
und da ich gewohnt war, wie ein Falke das Gesinde zu beobachten--denn,
im Vorbeigehen ges...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 462
die Gegend, ihre Verhältnisse waren ihr zuwider. Sie wollte auf ein
anderes Gut ziehen, da war es ihr zu einsam; sie wollte nach der Stadt,
da galt sie nicht genug. Ich weiß nicht, was alles zwischen ihr und
meinem Vater vorging; genug, er entschloß sich endlich unter
Bedingungen, die ich nicht...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 463
Ich weiß nicht, wie sich bei mir der Gedanke festgesetzt hatte, daß er
irgendwo einen Schatz niedergelegt habe, den er mir nach seinem Tode
lieber als meiner Mutter gönnen wollte; ich suchte schon bei seinen
Lebzeiten nach, allein ich fand nichts; nach seinem Tode ward alles
versiegelt. Ich schr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 464
verdorben war. Sie hatte bei meiner Mutter gelernt, Leidenschaften
als Bestimmung anzusehen; sie war gewöhnt, sich in nichts zu mäßigen.
Als sie unvermutet wieder erschien, nahm meine Wohltäterin auch sie
auf; sie wollte mir an die Hand gehn und konnte sich in nichts
schicken.
Um diese Zeit kam...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 465
Wissenschaften zulassen, man verlange, daß wir nur Tändelpuppen oder
Haushälterinnen sein sollten. Lothario sprach wenig zu all diesem;
als aber die Gesellschaft kleiner ward, sagte er auch hierüber offen
seine Meinung. "Es ist sonderbar", rief er aus, "daß man es dem Manne
verargt, der eine Fr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 466
Zweckmäßigkeit zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese innere
Herrschaft ergriffen, so macht sie den Mann, den sie liebt, erst
allein dadurch zum Herrn; ihre Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse,
und ihre Tätigkeit weiß sie alle zu benutzen. So ist sie von niemand
abhängig und verschafft i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 467
an keine Heirat mit ihm denken; aber sie konnte der Wonne nicht
widerstehen, zu reizen und gereizt zu werden. Ich hatte nie geliebt
und liebte auch jetzt nicht; allein ob es mir schon unendlich angenehm
war zu sehen, wohin meine Natur von einem so verehrten Manne gestellt
und gerechnet werde, wi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 468
Wohltäterin stellte mich ihm als einen geschickten Forstmann vor,
scherzte über meine Jugend und trieb sein Spiel zu meinem Lobe so
lange, bis endlich Lothario mich erkannte. Der Neffe sekundierte
meine Absicht, als wenn wir es abgeredet hätten. Umständlich erzählte
er und dankbar, was ich für ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 469
der Mensch durch konsequente Anwendung seiner Kräfte, seiner Zeit,
seines Geldes, selbst durch gering scheinende Mittel für ungeheure
Wirkungen hervorbringen könne, darüber ward viel gesprochen.
Ich widerstand der Neigung nicht, die mich zu ihm zog, und ich fühlte
leider nur zu bald, wie sehr, w...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 470
Schulden er auf seine Güter geladen, wie er sich mit seinem Großoheim
einigermaßen darüber entzweit habe, wie dieser würdige Mann für ihn zu
sorgen denke, aber freilich auf seine eigene Art: er wolle ihm eine
reiche Frau geben, da einem wohldenkenden Manne doch nur mit einer
haushältischen gedien...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 471
so: ich hatte ein Geschenk von einer Freundin, das ich sehr wert hielt.
Von ihren Haaren war ein verzogener Name unter dem äußern Glase
befestigt, inwendig blieb ein leeres Elfenbein, worauf eben ihr Bild
gemalt werden sollte, als sie mir unglücklicherweise durch den Tod
entrissen wurde. Lothari...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 472
Das Gespräch auf dem Wege war nicht lebhaft; sie kamen zur Gartentüre
herein und sahen Lydien auf einer Bank sitzen; sie stand auf, wich
ihnen aus und begab sich ins Haus zurück; sie hatte ein Papier in der
Hand, und zwei kleine Mädchen waren bei ihr. "Ich sehe", sagte
Therese, "sie trägt ihren ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 473
war, sich zu zerstreuen und an die Stelle eines frohen Lebensgenusses
die Hoffnung fremder Glückseligkeit zu setzen. Er pries Theresen
glücklich, daß selbst bei jener unerwarteten traurigen Veränderung
keine Veränderung in ihr selbst vorzugehen brauchte. "Wie glücklich
ist der über alles", rief...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 474
aus Büchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, unsern
Irrtümern Namen zu geben."
Sie ließ Wilhelmen allein, und er brachte seinen Abend mit Revision
der kleinen Bibliothek zu; sie war wirklich bloß durch Zufall
zusammengekommen.
Therese blieb die wenigen Tage, die Wilhelm bei ihr verw...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 475
Vermächtnis. Therese wußte sich sogleich in den engen Kreis zu finden,
Lothario bot ihr ein besseres Besitztum an, Jarno machte den
Unterhändler, sie schlug es aus. "Ich will", sagte sie, "im kleinen
zeigen, daß ich wert war, das Große mit ihm zu teilen; aber das
behalte ich mir vor, daß, wenn ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 476
wollte lieber jedem ehrbaren Pächterssohn aus der Nachbarschaft meine
Hand geben."
Wilhelm gedachte nunmehr zurückzukehren und bat seine neue Freundin,
ihm noch ein Abschiedswort bei Lydien zu verschaffen. Das
leidenschaftliche Mädchen ließ sich bewegen, er sagte ihr einige
freundliche Worte, s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 477
ich ihm nichts aufgeopfert habe; oh! der beste Mann mag gerne hören,
daß er jedes Opfer wert ist, ohne dafür dankbar sein zu dürfen."
Wilhelms Abschied von Theresen war heiterer; sie wünschte ihn bald
wiederzusehen. "Sie kennen mich ganz!" sagte sie, "Sie haben mich
immer reden lassen; es ist d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 478
mich so empfänglich antraf. Ich ritt gegen Abend jenseit des Wassers
durch die Dörfer, einen Weg, den ich oft genug in frühern Jahren
besucht hatte. Mein körperliches Leiden muß mich mürber gemacht haben,
als ich selbst glaubte: ich fühlte mich weich und bei wieder
auflebenden Kräften wie neuge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 479
und als ich gegen die Türe kam, hörte ich jemand die Treppe
herunterspringen. Ich dachte gewiß, sie sei es, und, ich will's nur
gestehen, ich schmeichelte mir, sie habe mich erkannt und sie komme
mir eilig entgegen. Aber wie beschämt war ich, als sie zur Türe
heraussprang, das Kind, dem die Pfe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 480
Person, nach der ich verlangte.
Ob mir gleich die Abendsonne in den Augen lag, sah ich doch, daß sie
sich am Zaune beschäftigte, der sie nur leicht bedeckte. Ich glaubte
meine alte Geliebte zu erkennen. Da ich an sie kam, hielt ich still,
nicht ohne Regung des Herzens. Einige hohe Zweige wild...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 481
ganze Geschichte mehrmals im Sinne, und ich wüßte nicht leicht, daß
irgend etwas angenehmer auf mich gewirkt hätte. Aber ich fühle wohl,
ich bin noch krank, und wir wollen den Doktor bitten, daß er uns von
dem überreste dieser Stimmung erlöse."
Es pflegt in vertraulichen Bekenntnissen anmutiger...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 482
Entwickelung wir bewundern, wenn wir in der Geschichte Frauen sehen,
die uns weit vorzüglicher als alle Männer erscheinen: diese Klarheit
über die Umstände, diese Gewandtheit in allen Fällen, diese Sicherheit
im einzelnen, wodurch das Ganze sich immer so gut befindet, ohne daß
sie jemals daran zu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 483
gedacht, von dessen Anmut so viel zu erzählen wäre."
"Von wem reden Sie?" versetzte Lothario, "ich verstehe Sie nicht."
"Von wem anders als von Ihrem Sohne, dem Sohne Aureliens, dem schönen
Kinde, dem zu seinem Glücke nichts fehlt, als daß ein zärtlicher Vater
sich seiner annimmt?"
"Sie irren ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 484
Worte hatten seine Eigenliebe nicht wenig verletzt. "Wenn Sie mich
davon überzeugen", versetzte er mit gezwungenem Lächeln, "so werden
Sie mir einen Dienst erweisen, ob es gleich nur ein trauriger Dienst
ist, wenn man uns aus einem Lieblingstraume aufschüttelt."
"Ohne viel weiter darüber zu red...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 485
blickte durch ein gesetztes Wesen hindurch, und ihre Munterkeit war in
ein stilles Nachdenken übergegangen. Ihr Kopf, den sie sonst so
leicht und frei trug, hing ein wenig gesenkt, und leise Falten waren
über ihre Stirne gezogen.
Sie schlug die Augen nieder, als sie mich sah, aber keine Röte
ve...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 486
Rührung, mit jener Natürlichkeit, die mich ehemals so sehr an ihr
entzückte. Die Muhme kam wieder, ihr Vater dazu--und ich überlasse
euch zu denken, mit welchem Herzen ich blieb und mit welchem ich mich
entfernte."
VII. Buch, 8. Kapitel--1
Achtes Kapitel
Wilhelm hatte auf seinem Wege na...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 487
"Und Felix?"
"Ist der Sohn dieses unglücklichen, nur allzu zärtlich liebenden
Mädchens. Möchten Sie niemals empfinden, was Sie uns gekostet haben!
Möchte der Schatz, den ich Ihnen überliefere, Sie so glücklich machen,
als er uns unglücklich gemacht hat!"
Sie stand auf, um wegzugehen. Wilhelm ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 488
stockend und stammelnd vortrugen und wiederholten.
"Da haben Sie es nun!" rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich
erholt hatte; "danken Sie dem Himmel, daß nach dem Verluste eines so
guten Mädchens Ihnen noch so ein vortreffliches Kind übrigbleibt.
Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn S...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 489
Sie es nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu können."
"Warum sind Sie auch weggegangen?" versetzte die Freundin.
"Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man
in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir
denken allein den Kreis zu ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 490
ich merke wohl, wenn ich wollte, könnte ich bald ein gemachter Mann
sein."
"Sie wissen wohl noch nicht", sagte Madame Melina, "daß sich indessen
auch unter uns eine Heirat gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der
schönen Elmire öffentlich getraut, da der Vater ihre heimliche
Vertraulichkeit nich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 491
soll zum Andenken meiner unglücklichen Freundin ungenossen verschäumen.
Wie rot waren ihre Lippen, als sie Euch damals Bescheid tat! Ach!
und nun auf ewig verblaßt und erstarrt!"
"Sibylle! Furie!" rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und mit der
Faust auf den Tisch schlug, "welch ein böser Gei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 492
Mariane diese Nacht, wie verdrießlich ich sie zubrachte, das werden
Sie erst jetzt erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder leugnen
noch beschönigen, daß ich Marianen beredete, sich einem gewissen
Norberg zu ergeben; sie folgte, ja ich kann sagen, sie gehorchte mir
mit Widerwillen. Er war...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 493
sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden loszuwerden."
VII. Buch, 8. Kapitel--2
"Und hättest du", fuhr Wilhelm auf, "sie nicht retten können?"
"O ja", versetzte die Alte, "mit Hunger und Not, mit Kummer und
Entbehrung, und darauf war ich niemals eingerichtet."
"Abscheulich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 494
mit Marianen einen harten Stand; ich überredete sie, ja ich kann sagen,
ich zwang sie endlich durch die Drohung, daß ich sie verlassen würde,
an ihren Liebhaber zu schreiben und ihn auf die Nacht einzuladen. Sie
kamen und rafften zufälligerweise seine Antwort in dem Halstuch auf.
Ihre unvermutet...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 495
durch diese Gemütsbewegungen zu schaden. Mit diesen Gesinnungen
schlich er morgens früh von mir weg, und Sie, mein Herr, wenn Sie
Schildwache gestanden haben, so hätte es zu Ihrer Glückseligkeit
nichts weiter bedurft, als in den Busen Ihres Nebenbuhlers zu sehen,
den Sie so begünstigt, so glückl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 496
Geliebter soll mich heute wie das erstemal sehen, ich will ihn so
zärtlich und mit mehr Freiheit an mein Herz drücken als damals: denn
bin ich jetzt nicht viel mehr die Seine als damals, da mich ein edler
Entschluß noch nicht frei gemacht hatte? Aber", fügte sie nach
einigem Nachdenken hinzu, "n...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 497
ich will ihr zu ihrem Kampfe, zu ihrem Siege über sich und dich Glück
wünschen, ich will ihr meinen Felix zuführen. Komm! Wo hast du sie
versteckt? Laß sie, laß mich nicht länger in Ungewißheit! Dein
Endzweck ist erreicht. Wo hast du sie verborgen? Komm, daß ich sie
mit diesem Licht beleuch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 498
Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen, mit Bleistift von seiner
eigenen Hand geschrieben, entgegen und riefen ihm jede Situation von
dem ersten Tage ihrer anmutigen Bekanntschaft bis zu dem letzten ihrer
grausamen Trennung wieder herbei. Allein nicht ohne die lebhaftesten
Schmerzen durchlas ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 499
Leben zu tun, um zwei Leben, von denen dir eins ewig teuer sein muß.
Dein Argwohn wird auch das nicht glauben, und doch werde ich es in der
Stunde des Todes aussprechen: das Kind, das ich unter dem Herzen trage,
ist dein. Seitdem ich dich liebe, hat kein anderer mir auch nur die
Hand gedrückt; o...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 500
seinem Spiele, von dem Grade seines Talents, von ihren Hoffnungen, daß
Wilhelm nicht ohne Rührung zuletzt ausrief: "O wie unendlich wert wäre
mir diese Teilnahme vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und wie
erfreuend! Niemals hätte ich mein Gemüt so ganz von der Bühne
abgewendet, und niemal...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 501
ihn an sein Herz. "Vater! was hast du mir mitgebracht?" rief das Kind.
Mignon sah beide an, als wenn sie warnen wollte, sich nicht zu
verraten.
"Was ist das für eine neue Erscheinung?" sagte Madame Melina. Man
suchte die Kinder beiseite zu bringen, und Wilhelm, der der Alten das
strengste Gehe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 502
Lebhaftigkeit, die ihr sonst nicht gewöhnlich war.
Wilhelm eilte nach Hause und bestellte die Alte, die ihn, jedoch nicht
eher als in der Dämmerung, zu besuchen versprach; er empfing sie
verdrießlich und sagte zu ihr: "Es ist nichts Schändlichers in der
Welt, als sich auf Lügen und Märchen einzu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 503
ganze Geschichte außer allen Zweifel?"
"Was für ein Brief?" fragte Wilhelm.
"Haben Sie ihn nicht in der Brieftasche gefunden?" versetzte die Alte.
"Ich habe noch nicht alles durchlesen."
"Geben Sie nur die Brieftasche her; auf dieses Dokument kommt alles an.
Norbergs unglückliches Billett hat...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 504
schmerzlicher Zufriedenheit immer um denselben Punkt herum und zeugte
für die Wahrheit der Geschichte, die er von Barbara vernommen hatte.
Ein zweites Blatt bewies deutlich, daß Mariane auch in der Folge nicht
nachgegeben hatte, und Wilhelm vernahm aus diesen und mehreren
Papieren nicht ohne tief...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 505
"Meister!" sagte sie, "behalte mich bei dir, es wird mir wohltun und
weh."
Er stellte ihr vor, daß sie nun herangewachsen sei und daß doch etwas
für ihre weitere Bildung getan werden müsse. "Ich bin gebildet genug",
versetzte sie, "um zu lieben und zu trauern."
Er machte sie auf ihre Gesundhei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 506
geblieben, und Wilhelm mußte sich zuletzt entschließen, die beiden
Kinder der Alten zu übergeben und sie zusammen an Fräulein Therese zu
schicken. Es ward ihm das um so leichter, als er sich noch immer
fürchtete, den schönen Felix sich als seinen Sohn zuzueignen. Er nahm
ihn auf den Arm und tru...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 507
als allenfalls Frau Melina.
Er nahm nun wirklich Abschied von dieser Freundin, er war gerührt und
sagte: "Wenn doch der Mensch sich nicht vermessen wollte, irgend etwas
für die Zukunft zu versprechen! Das Geringste vermag er nicht zu
halten, geschweige wenn sein Vorsatz von Bedeutung ist. Wie ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 508
Sie wohl! Wenn unsere äußeren Umstände sich unter Ihrer Leitung recht
glücklich hergestellt haben, so entsteht in meinem Innern durch Ihren
Abschied eine Lücke, die sich so leicht nicht wieder ausfüllen wird."
Wilhelm schrieb vor seiner Abreise aus der Stadt noch einen
weitläufigen Brief an Wer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 509
dieselben Güter Absicht hatte; nun sind wir kurz und gut entschlossen,
mit jenem gemeine Sache zu machen, denn sonst hätten wir uns ohne Not
und Vernunft hinaufgetrieben. Wir haben, so scheint es, mit einem
klugen Manne zu tun. Nun machen wir Kalküls und Anschläge; auch muß
ökonomisch überlegt ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 510
anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen
Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen, denn das
Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Sie sollen bald
erfahren, welch eine kleine Welt sich in Ihrer Nähe befindet und wie
gut Sie in dieser kleinen We...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 511
Verschlag des Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen
Zimmer, er mußte sich darein ergeben, ob ihn schon die Morgensonne
blendete; der Sessel stand fest, er konnte nur die Hand vor die Augen
halten.
Indem eröffnete sich mit einem kleinen Geräusche der Vorhang über dem
Altar und zeigte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 512
ganz erschöpft, der muß ihn kennenlernen, wenn er nicht wahnsinnig ist."
Der Vorhang schloß sich abermals, und Wilhelm hatte Zeit
nachzudenken. "Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen?" sagte er
zu sich selbst, "als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat,
daß ich da Bildung suchte, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 513
Gegenwart und die Erinnerung in der verworrensten Lage.
Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbe hervortrat und sich
hinter den grünen Tisch stellte. "Treten Sie herbei!" rief er seinem
verwunderten Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan.
Auf dem Teppiche lag eine kleine R...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 514
beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers
Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat.
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln
und nähert sich dem Meister.
"Genug!" rief der Abbe, "das übrige zu seiner Zeit. Jet...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 515
mein Kind, gerade in diesem Augenblick?"
"Fragen Sie nicht", sagte der Abbe. "Heil dir, junger Mann! deine
Lehrjahre sind vorüber; die Natur hat dich losgesprochen."
Achtes Buch
Erstes Kapitel
Felix war in den Garten gesprungen, Wilhelm folgte ihm mit Entzücken,
der schönste Morgen zeigte ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 516
und sein Scheitel waren von Haaren entblößt, seine Stimme hell, heftig
und schreiend, und seine eingedrückte Brust, seine verfallenden
Schultern, seine farblosen Wangen ließen keinen Zweifel übrig, daß ein
arbeitsamer Hypochondrist gegenwärtig sei.
Wilhelm war bescheiden genug, um sich über dies...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 517
Gerichtshalter kam, die Papiere wurden vorgelegt, und Werner fand die
Vorschläge billig. "Wenn Sie es mit diesem jungen Manne, wie es
scheint, gut meinen", sagte er, "so sorgen Sie selbst dafür, daß unser
Teil nicht verkürzt werde; es soll von meinem Freunde abhängen, ob er
das Gut annehmen und ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 518
und der Vaterstadt. Werner erzählte mit großer Hast alles, was sich
verändert hatte und was noch bestand und geschah. "Die Frauen im
Hause", sagte er, "Sind vergnügt und glücklich, es fehlt nie an Geld.
Die eine Hälfte der Zeit bringen sie zu, sich zu putzen, und die
andere Hälfte, sich geputzt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 519
ist das für ein Wurm?" fragte Werner. Wilhelm hatte in dem
Augenblicke den Mut nicht, die Wahrheit zu sagen, noch Lust, eine doch
immer zweideutige Geschichte einem Manne zu erzählen, der von Natur
nichts weniger als gläubig war.
Die ganze Gesellschaft begab sich nunmehr auf die Güter, um sie z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 520
deutlich zu werden. Das Theater war ihm, wie die Welt, nur als eine
Menge ausgeschütteter Würfel vorgekommen, deren jeder einzeln auf
seiner Oberfläche bald mehr, bald weniger bedeutet und die allenfalls
zusammengezählt eine Summe machen. Hier im Kinde lag ihm, konnte man
sagen, ein einzelner W...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 521
nicht imstande, ihm eine Richtung zu geben, die es nicht selbst nahm,
und sogar die Unarten, gegen die Aurelie so viel gearbeitet hatte,
waren, so schien es, nach dem Tode dieser Freundin alle wieder in ihre
alten Rechte getreten. Noch machte das Kind die Türe niemals hinter
sich zu, noch wollte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 522
guten Geschöpfe zu tun hast, welche Natur und Neigung so fest an dich
knüpfte."
Eigentlich war dieses Selbstgespräch nur eine Einleitung, sich zu
bekennen, daß er schon gedacht, gesorgt, gesucht und gewählt hatte; er
konnte nicht länger zögern, sich es selbst zu gestehen. Nach oft
vergebens wie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 523
ihn eben nicht geschont, und wenn er gleich das Pergament mit einiger
Hast aufrollte, so ward er doch immer ruhiger, je weiter er las. Er
fand die umständliche Geschichte seines Lebens in großen, scharfen
Zügen geschildert; weder einzelne Begebenheiten noch beschränkte
Empfindungen verwirrten se...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 524
der geschriebenen Rolle nicht undeutlich erschien, eine Art von
unangenehmer Empfindung gegeben, und nun wollte er wenigstens zu
Theresens Herzen rein vom Herzen reden und ihrer Entschließung und
Entscheidung sein Schicksal schuldig sein, und so machte er sich kein
Gewissen, seine Wächter und Auf...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 525
seinem Freunde werden sollte. Lothario von seiner Seite schien ganz
andere Betrachtungen zu machen. "Ich kann mich nicht sowohl über
einen Besitz freuen", sagte er, "als über die Rechtmäßigkeit desselben."
"Nun, beim Himmel!" rief Werner, "wird denn dieser unser Besitz nicht
rechtmäßig genug?"...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 526
verlegen sein."
"Ich kann Sie versichern", sagte Werner, "daß ich in meinem Leben nie
an den Staat gedacht habe; meine Abgaben, Zölle und Geleite habe ich
nur so bezahlt, weil es einmal hergebracht ist."
"Nun", sagte Lothario, "ich hoffe Sie noch zum guten Patrioten zu
machen: denn wie der nur ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 527
ergötzen und sich ihrer gemeinsamen Kunstliebhaberei erfreuen. Der
Marchese war viel jünger als mein Oheim und verdankte ihm den besten
Teil seiner Bildung; wir müssen alles aufbieten, um einigermaßen die
Lücke auszufüllen, die er finden wird, und das wird am besten durch
eine größere Gesellscha...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 528
Tod, der es auf immer zerstört, die lange Nacht herbeiführt!"
Er faßte den Knaben in seine Arme, küßte ihn, drückte ihn an sich und
benetzte ihn mit reichlichen Tränen. Das Kind wachte auf; sein helles
Auge, sein freundlicher Blick rührten den Vater aufs innigste.
"Welche Szene steht mir bevor"...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 529
Gemüt einen Bekannten, den sie lieber nicht wiedersähe, sie erwartet
einen Fremden, und ich trete hinein! Ich sehe sie zurückschaudern,
ich sehe sie erröten! Nein, es ist mir unmöglich, dieser Szene
entgegenzusehen." Soeben wurden die Pferde herausgeführt und
eingespannt; Wilhelm war entschlos...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 530
Im Wagen sitzend, rief er nun alle Verhältnisse in sein Gedächtnis
zurück. "So ist also auch diese Natalie die Freundin Theresens! welch
eine Entdeckung, welche Hoffnung und welche Aussichten! Wie seltsam,
daß die Furcht, von der einen Schwester reden zu hören, mir das Dasein
der andern ganz un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 531
Lichte in der Türe stand: "Führe den Herrn gleich zur Baronesse."
Blitzschnell fuhr Wilhelmen durch die Seele: "Welch ein Glück! Es sei
vorsätzlich oder zufällig, die Baronesse ist hier! Ich soll sie
zuerst sehen! Wahrscheinlich schläft die Gräfin schon! Ihr guten
Geister, helft, daß der Aug...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 532
nicht halten, stürzte auf seine Knie und rief aus: "Sie ist's!" Er
faßte ihre Hand und küßte sie mit unendlichem Entzücken. Das Kind lag
zwischen ihnen beiden auf dem Teppich und schlief sanft.
Felix ward auf das Kanapee gebracht, Natalie setzte sich zu ihm, sie
hieß Wilhelmen auf den Sessel s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 533
wünsche. Aus meinem Munde hören sie nichts, als was ich selber für
wahr halte, doch kann ich und will ich nicht hindern, daß sie nicht
auch von andern manches vernehmen, was als Irrtum, als Vorurteil in
der Welt gäng und gäbe ist. Fragen sie mich darüber, so suche ich,
soviel nur möglich ist, j...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 534
getrauten sich doch nicht, dem wundersamen Bilde näher zu treten.
"Hier sind eure Gaben", sagte sie und reichte das Körbchen hin. Man
versammelte sich um sie, man betrachtete, man befühlte, man befragte
sie.
"Bist du ein Engel?" fragte das eine Kind.
"Ich wollte, ich wär es", versetzte Mignon...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 535
etwas regte, eine Türe möchte sich auftun und der Gemahl hereintreten.
Der Bediente, der ihn in sein Zimmer einließ, entfernte sich
schneller, als er Mut gefaßt hatte, nach diesem Verhältnis zu fragen.
Die Unruhe hielt ihn noch eine Zeitlang wach, und er beschäftigte sich,
das Bild der Amazone mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 536
Aufmerksamkeit, er mußte es für das Bild Nataliens erkennen, sowenig
es ihm genugtun wollte. Natalie trat herein, und die ähnlichkeit
schien ganz zu verschwinden. Zu seinem Troste hatte es ein
Ordenskreuz an der Brust, und er sah ein gleiches an der Brust
Nataliens.
"Ich habe das Porträt hier ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 537
harmonisch war."
"So sind Sie", versetzte Natalie, "billiger, ja ich darf wohl sagen,
gerechter gegen diese schöne Natur als manche anderen, denen man auch
dieses Manuskript mitgeteilt hat. Jeder gebildete Mensch weiß, wie
sehr er an sich und andern mit einer gewissen Roheit zu kämpfen hat,
wie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 538
auch er war diesen Perlen so nahe gewesen, als ihre zarten,
liebevollen Lippen sich zu den seinigen herunterneigten; er suchte
diese schönen Erinnerungen durch andere Gedanken zu entfernen. Er
lief die Bekanntschaften durch, die ihm jene Schrift verschafft hatte.
"So bin ich denn", rief er aus, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 539
befinde, so ist ja wohl der Abbe, dessen jene Schrift erwähnt, auch
der wunderbare, unerklärliche Mann, den ich in dem Hause Ihres Bruders
nach den seltsamsten Ereignissen wiedergefunden habe? Vielleicht
geben Sie mir einige nähere Aufschlüsse über ihn?"
Natalie versetzte: "über ihn wäre vieles...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 540
gestärkt hat. Wie er es künftig verantworten will, daß er in
Verbindung mit mehreren mich gleichsam zum besten hatte, muß ich wohl
mit Geduld erwarten."
"Ich habe mich nicht über diese Grille, wenn sie eine ist, zu
beklagen", sagte Natalie; "denn ich bin freilich unter meinen
Geschwistern am be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 541
guten Kindes, von dem jetzt die Rede ist, besteht beinah nur aus einer
tiefen Sehnsucht; das Verlangen, ihr Vaterland wiederzusehen, und das
Verlangen nach Ihnen, mein Freund, ist, möchte ich fast sagen, das
einzige Irdische an ihr; beides greift nur in eine unendliche Ferne,
beide Gegenstände li...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 542
"Oh!" sagte der Arzt, "bereiten Sie sich auf ein sonderbares
Bekenntnis, auf eine Geschichte, an der Sie, ohne sich zu erinnern,
viel Anteil haben, die, wie ich fürchte, für Tod und Leben dieses
guten Geschöpfs entscheidend ist."
"Lassen Sie mich hören", versetzte Wilhelm, "ich bin äußerst
unged...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 543
Stimmung des häufig genossenen Weins den Mut, das Wagestück zu
versuchen und sich jene Nacht bei Ihnen einzuschleichen. Schon war
sie vorausgelaufen, um sich in der unverschlossenen Stube zu verbergen,
allein als sie eben die Treppe hinaufgekommen war, hörte sie ein
Geräusch; sie verbarg sich un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 544
mich eben im Augenblicke, da ich das liebe Geschöpf wiedersehen soll,
mein vielfaches Unrecht gegen dasselbe so lebhaft fühlen lassen. Soll
ich sie sehen, warum nehmen Sie mir den Mut, ihr mit Freiheit
entgegenzutreten? Und soll ich Ihnen gestehen: da ihr Gemüt so
gestimmt ist, so seh ich nicht...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 545
Solange mein Herz auf der Erde noch etwas bedarf, soll dieser die
Lücke ausfüllen."
Die Ruhe, womit Mignon ihren Freund empfangen hatte, versetzte die
Gesellschaft in große Zufriedenheit. Der Arzt verlangte, daß Wilhelm
sie öfters sehen und daß man sie sowohl körperlich als geistig im
Gleichgew...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 546
weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und ist
es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfnis in der Welt
darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hülfe
aufzufinden.
Sah ich einen Armen in Lumpen, so fielen mir die überflüssigen Kleider
ein, die ich ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 547
Ebenso nötig scheint es mir, gewisse Gesetze auszusprechen und den
Kindern einzuschärfen, die dem Leben einen gewissen Halt geben. Ja,
ich möchte beinah behaupten: es sei besser, nach Regeln zu irren, als
zu irren, wenn uns die Willkür unserer Natur hin und her treibt; und
wie ich die Menschen s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 548
Trennung von diesen mehr als alles zu fürchten.
Natalie schien nachdenklich. "Wir haben gewünscht, durch Ihre
Gegenwart", sagte sie, "das arme gute Herz wieder aufzuschließen; ob
wir wohlgetan haben, weiß ich nicht." Sie schwieg und schien zu
erwarten, daß Wilhelm etwas sagen sollte. Auch fie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 549
zauderte so lange, bis endlich Natalie selbst mit dem himmlischen,
bescheidnen, heitern Lächeln, das man an ihr zu sehen gewohnt war, zu
ihm sagte: "So muß ich denn doch zuletzt das Stillschweigen brechen
und mich in Ihr Vertrauen gewaltsam eindrängen! Warum machen Sie mir
ein Geheimnis, mein Fr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 550
Vernunft, frohen Mut und guten Willen zu übertragen wissen. Da uns
keine Leidenschaft, sondern Neigung und Zutrauen zusammenführt, so
wagen wir weniger als tausend andere. Sie verzeihen mir gewiß, wenn
ich mich manchmal meines alten Freundes herzlich erinnere; dafür will
ich Ihren Sohn als Mutt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 551
überzeugen, so wie ich nach meiner überzeugung handeln will. Ich
denke kein Beispiel zu geben, wie ich doch nicht ohne Beispiel handle.
Mich ängstigen nur die innern Mißverhältnisse, ein Gefäß, das sich zu
dem, was es enthalten soll, nicht schickt; viel Prunk und wenig Genuß,
Reichtum und Geiz, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 552
Klugheit; nur deine Gegenwart hat mich überzeugt, belebt, überwunden,
und deiner schönen, hohen Seele tret ich gerne den Rang ab. Auch
meinen Freund verehre ich in ebendemselben Sinn; seine
Lebensbeschreibung ist ein ewiges Suchen und Nichtfinden; aber nicht
das leere Suchen, sondern das wunderb...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 553
Verbindungen und Plane, von denen ich wohl im allgemeinen weiß, in die
ich aber niemals einzudringen gedachte, wenigstens einigen Argwohn
eingeflößt, und bei diesem entscheidenden Schritt ihres Lebens wollte
sie niemand als mir einigen Einfluß verstatten. Mit meinem Bruder war
sie schon früher ü...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 554
sagen? Es kann kein Geheimnis bleiben, die Verwirrung ist nicht zu
vermeiden. Also denn Geheimnis gegen Geheimnis! überraschung gegen
überraschung! Therese ist nicht die Tochter ihrer Mutter! Das
Hindernis ist gehoben: ich komme hierher, Sie zu bitten, das edle
Mädchen zu einer Verbindung mit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 555
Gegenwart beim ersten Anblick mir einprägte und der mir beständig
geblieben ist. Dieser Mann verdient jede Art von Neigung und
Freundschaft, und ohne Aufopferung läßt sich keine Freundschaft denken.
Um seinetwillen war es mir leicht, ein unglückliches Mädchen zu
betören, um seinetwillen soll mir...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 556
erschweren will."
"Was ist zu tun?" rief Wilhelm aus, als er diesen Brief gelesen hatte.
"Noch in keinem Fall", versetzte Natalie nach einigem Nachdenken, "hat
mein Herz und mein Verstand so geschwiegen als in diesem; ich wüßte
nichts zu tun, so wie ich nichts zu raten weiß."
"Wäre es möglich?...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 557
nur abwarten, ob er etwas davon weiß, ob er selbst glaubt, ob er
selbst hofft."
Diesen Gründen ihres Rats kam glücklicherweise ein Brief von Lothario
zu Hülfe: "Ich schicke Jarno nicht wieder zurück", schrieb er; "von
meiner Hand eine Zeile ist dir mehr als die umständlichsten Worte
eines Boten....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 558
man Lydien, indem man ihm die Hoffnung, mich besitzen zu können, von
weitem zeigt. Ich will nichts weiter sagen, die Verwirrung wird noch
größer werden. Ob nicht indessen die schönsten Verhältnisse so
verschoben, so untergraben und so zerrüttet werden, daß auch dann,
wenn alles im klaren sein w...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 559
Es ist die rechte Zeit zu einem wahren, wechselseitigen Vertrauen; wir
haben nie nötiger gehabt, uns genauer zu kennen."
"Ja, mein Freund!" sagte sie lächelnd mit ihrer ruhigen, sanften,
unbeschreiblichen Hoheit, "es ist vielleicht nicht außer der Zeit,
wenn ich Ihnen sage, daß alles, was uns so...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 560
meine Vernunft nicht völlig habe in Einstimmung bringen können." Bei
solchen Gelegenheiten pflegte er meist über mich zu scherzen und zu
sagen: Natalien kann man bei Leibesleben seligpreisen, da ihre Natur
nichts fordert, als was die Welt wünscht und braucht.""
Unter diesen Worten waren sie wie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 561
enthielt, bequem lesen konnte. Es stand darauf: "Gedenke zu leben!"
Natalie, indem sie einen verwelkten Strauß wegnahm, legte den frischen
vor das Bild des Oheims; denn er selbst war in der Figur vorgestellt,
und Wilhelm glaubte sich noch der Züge des alten Herrn zu erinnern,
den er damals im W...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 562
und Völker zu Zeugen ihrer Verbindungen die Götter am Altare anrufen,
zeigte sich alles bedeutend und kräftig.
Es war eine Welt, es war ein Himmel, der den Beschauenden an dieser
Stätte umgab, und außer den Gedanken, welche jene gebildeten Gestalten
erregten, außer den Empfindungen, welche sie e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 563
diesem Werke des Altertums. Er sagte manchmal: "Nicht allein die
ersten Blüten fallen ab, die ihr da oben in jenen kleinen Räumen
verwahren könnt, sondern auch Früchte, die am Zweige hängend uns noch
lange die schönste Hoffnung geben, indes ein heimlicher Wurm ihre
frühere Reife und ihre Zerstör...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 564
möglich versteckt haben, weil man durch die mechanischen Bemühungen
und durch die notdürftigen, immer seltsamen Gebärden der
Instrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt werde. Er pflegte
daher eine Musik nicht anders als mit zugeschlossenen Augen anzuhören,
um sein ganzes Dasein auf den e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 565
zu spüren. Wilhelm nahm sie auf seinen Arm und trug sie eilig hinauf,
der schlotternde Körper hing über seine Schultern. Die Gegenwart des
Arztes gab wenig Trost; er und der junge Wundarzt, den wir schon
kennen, bemühten sich vergebens. Das liebe Geschöpf war nicht ins
Leben zurückzurufen.
Na...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 566
die Bilder Mignons und Nataliens schwebten wie Schatten vor seiner
Einbildungskraft.
Natalie trat herein. "Gib uns deinen Segen!" rief Therese, "laß uns
in diesem traurigen Augenblicke von dir verbunden sein." Wilhelm
hatte sein Gesicht an Theresens Halse verborgen; er war glücklich
genug, wei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 567
in Händen. "Von wem kann er sie wohl haben?" fragte Wilhelm den Arzt.
"Ich kenne sie sehr gut", versetzte Natalie, "er hat sie von seinem
Vater, der Sie damals im Walde verband."
"Oh, so habe ich mich nicht geirrt," rief Wilhelm, "ich erkannte das
Band sogleich! Treten Sie mir es ab! Es brach...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 568
lege."
Das Gespräch wendete sich sogleich zu allgemeinen, ja man darf sagen,
zu unbedeutenden Gegenständen. Die Gesellschaft trennte sich bald zum
Spazierengehen in einzelne Paare. Natalie war mit Lothario, Therese
mit dem Abbe gegangen, und Wilhelm war mit Jarno auf dem Schlosse
geblieben.
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 569
abschrecken, Sie über diesen Punkt aufzuklären. Sie halten mich für
einen gescheiten Kerl, und Sie sollen mich auch noch für einen
ehrlichen halten, und, was mehr ist, diesmal hab ich Auftrag."--"Ich
wünschte", versetzte Wilhelm, "Sie sprächen aus eigner Bewegung und
aus gutem Willen, mich aufzu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 570
ich besser zu Hause."
Er fing darauf an, Stellen zu lesen, sprach dazwischen und knüpfte
Anmerkungen und Erzählungen mit ein. "Die Neigung der Jugend zum
Geheimnis, zu Zeremonien und großen Worten ist außerordentlich, und
oft ein Zeichen einer gewissen Tiefe des Charakters. Man will in
diesen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 571
Archiv unserer Weltkenntnis bilden; daher entstanden die vielen
Konfessionen, die wir teils selbst schrieben, teils wozu wir andere
veranlaßten und aus denen nachher die "Lehrjahre" zusammengesetzt
wurden. Nicht allen Menschen ist es eigentlich um ihre Bildung zu tun;
viele wünschen nur so ein H...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 572
wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und
es will schon etwas heißen, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen. Sie müssen mir nachsagen, daß ich Ihnen, wo ich
Sie antraf, die reine Wahrheit sagte."--"Sie haben mich wenig
geschont", sagte Wilhelm, "u...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 573
Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären."--"Und darum ließ er mir den
Schleier zurück und hieß mich fliehen?"--"Ja, er hoffte sogar, mit der
Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüßt sein. Sie
würden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich
glaubte das Gegenteil un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 574
äußerung des Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu
den ungeheuren Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden,
vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur
heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten
Gefühl der sinnlichen Gegenw...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 575
ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst
seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an
den Abbe; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt.
Lernen Sie zum Beispiel Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein
überblick und seine T...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 576
gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig
sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen; ich
wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er überhaupt gern ein
wenig das Schicksal spielt, so läßt er auch nicht von der Liebhaberei,
manchmal eine Heirat zu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 577
der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich
denselben als Reisegefährten beständig mit mir herumführe, so bin ich
überzeugt, der Besuch, den ich Euer Gnaden und Liebden zugedacht habe,
wird nicht übel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der sämtlichen
hohen Familie vollkom...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 578
Mädchen entführen, gute und treue Diener nach, damit ihr Fuß an keinen
Stein stoße."
In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne daß jemand ihm
Einhalt zu tun imstande gewesen wäre, und da niemand in dieser Art ihm
erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. "Verwundert
euc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 579
Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft
hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schönen Mädchens fleißig dabei gedacht,
und versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich
nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt
hätte, so würde ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 580
das alte Schloß eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die
Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiöse,
aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in
Folio, "Gottfrieds Chronik", zwei Bände "Theatrum Europaeum", die
"Acerra Philologica", Gryphii ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 581
darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist
guter Hoffnung. Unförmlicher und lächerlicher ist nichts in der Welt
als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufälligerweise vor den
Spiegel. "Pfui Teufel!" sagte sie und wendete das Gesicht ab, "die
leibhaftige Frau M...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 582
sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.
Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl
in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Unglück, daß die Kinder,
zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen und bei dem
dritten die ärzte der Mutter b...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 583
so entstand das Testament, worin so wenig für das Kind gesorgt zu sein
schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen,
tätigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst
eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und übereilung seines
abgeschiedenen Koll...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 584
Freund etwas von der Möglichkeit des Glücks zu sagen, da es ihn zu
tief gekränkt haben würde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male
verschwunden wäre. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen: denn ich
gestehe gern, daß ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten
Mädchen keineswegs begünstigte, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 585
den Vorwurf des Zauderns und der Ungewißheit gemacht; warum will man
jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir
tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum
soviel Mühe, uns zu bilden, um uns fühlen zu lassen, daß sie sich
nicht bilden mag? Ja, gönn...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 586
Vielleicht hätte ich wohlgetan, sie mir noch länger aus dem Sinne zu
schlagen, da ich bemerken muß, daß die Sorge für ihre Erhaltung so
hypochondrisch macht."
"Hören Sie mich aus", sagte Jarno; "die Sorge geziemt dem Alter, damit
die Jugend eine Zeitlang sorglos sein könne. Das Gleichgewicht in...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 587
Friedrich, der bisher nur zugehört hatte, versetzte darauf: "Und wenn
ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit."
Jarno schüttelte den Kopf.
"Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?" fuhr Friedrich fort. "Bei
einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die
bring ich glei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 588
acht, welchen Weg dich die Schöne noch führen wird, die dich auf eine
so gewaltsame Weise angezogen hat und festhält."
"Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege", versetzte Friedrich, "auf
dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto
lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 589
sie aufstand: "Ich weiß bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll,
aber mich sollt ihr gewiß nicht irremachen."
Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der
Hand hereintrat und zu ihr sagte: "Bleiben Sie! Ich habe hier einen
Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 590
Er nahm sich zusammen und antwortete: "Dieser Antrag verdient
allerdings eine reifliche überlegung."
"Eine geschwinde Entschließung möchte nötig sein", versetzte der Abbe.
"Dazu bin ich jetzt nicht gefaßt", antwortete Wilhelm. "Wir können
die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 591
zusammentreffen, die den Menschen glücklich machen sollten, jetzt bist
du genötigt zu fliehen! Ach! warum muß sich zu diesen Empfindungen,
zu diesen Erkenntnissen das unüberwindliche Verlangen des Besitzes
gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese
überzeugungen jede ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 592
anschaffen kann."
"Komm, lieber Knabe!" rief er seinem Sohn entgegen, der eben
dahergesprungen kam, "sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum
Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite
Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die
größere Lüc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 593
aufgewälzt. Ein Glück, daß er eben ein so guter Rechtsmann ist, als
ich ein Finanzmann bin, und daß wir beide etwas zu schleppen gewohnt
sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen dir verziehen sein, da
doch ohne sie unser Verhältnis in dieser Gegend nicht hätte so gut
werden können."
Was ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 594
verlassen müsse, nur seine Tränen gaben ihm das Gefühl seines Daseins
wieder. Vergebens rief er sich den glücklichen Zustand, in dem er
sich doch eigentlich befand, vors Gedächtnis. "So ist denn alles
nichts", rief er aus, "wenn das eine fehlt, das dem Menschen alles
übrige wert ist!"
Der Abbe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 595
führten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres
Oheims versetzt fühlte, wußte sich sehr gut in ihre Meinungen und
Gesinnungen zu finden; Wilhelm mußte sich's in theatralische
Terminologie übersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man
hatte Not, Friedrichs Scherze in Sch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 596
sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile
über ein Kunstwerk wie über eine Speise. Sie begreifen nicht, was für
einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu
erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der
Mensch in sich selbst bewi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 597
sie auch gehören. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten
Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, außer dem
Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert."
"Ich verstehe Sie", versetzte Jarno, "oder vielmehr ich sehe wohl ein,
wie das, was Sie s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 598
willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Mädchen nach! Nur das Alter
nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster
Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!
Knaben
Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben!
Laßt uns auch bleiben, laßt uns weinen, wein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 599
Fremdling hierhergebracht, und so faßt schon dieser kleine Raum zwei
ganz verschiedene Opfer der strengen, willkürlichen und unerbittlichen
Todesgöttin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins Leben ein, die
Tage sind gezählt, die uns zum Anblicke des Lichts reif machen, aber
für die Lebensdauer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 600
Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: "Mit einem heiligen Vertrauen war
auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz beständig
zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich äußerlich
zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der
katholischen Religion, i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 601
hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt
es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zurück! Nehmet den heiligen
Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben
zur Ewigkeit.
Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 602
mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe
vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie
willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zurück; bei jeder kleinen
Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge für
meine arme Nichte wieder...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 603
er sich's gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen
Palast bauete, einen Garten anlegte, ein großes neues Gut in der
schönsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm überzeugt
gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu
dulden. In seinem äuße...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 604
Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, daß dieser Mann von
unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit nicht
umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine Güter, seine Tochter
konnte eine schöne Mitgift erwarten. Das Mädchen wuchs heran und war
von sonderbarer Schönheit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 605
überwältigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu
sein scheint; über einen ähnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in
der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht gleichfalls
dem Lächerlichen auszusetzen, beschloß, diese späte, gesetzmäßige
Frucht der Liebe mit ebe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 606
Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber
dadurch ward das übel nur schlimmer. Die Verhältnisse der Natur und
der Religion, der sittlichen Rechte und der bürgerlichen Gesetze
wurden von meinem Bruder aufs heftigste durchgefochten. Nichts schien
ihm heilig als das Verhältni...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 607
uns blühn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht,
und dann wagt es, uns mit euren trüben, grauen, von Menschen
gesponnenen Netzen zu ängstigen!"
So bestand er lange Zeit auf einem hartnäckigen Unglauben unserer
Erzählung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 608
Jetzt gleich geh ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen."
Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr überzusetzen; wir hielten ihn ab
und baten ihn, daß er keinen Schritt tun möchte, der die
schrecklichsten Folgen haben könnte. Er solle überlegen, daß er nicht
in der freien Welt seiner ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 609
unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorwürfe; allein dieser ehrwürdige
Mann wußte uns bald mit den Gründen des Wundarztes zu überreden, daß
unser Mitleid für den armen Kranken tödlich sei. Er handle nicht aus
eignet Willkür, sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen Rates.
Die Absicht war: a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 610
ihr die schrecklichen Folgen für das Heil aller Seelen, wenn man in
solchen Fällen nachgeben und die Straffälligen durch eine rechtmäßige
Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es sei,
einen solchen Fehler in der Zeit abzubüßen und dafür dereinst die
Krone der Herrlichkeit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 611
Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten
unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte,
zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. Die höchsten
Gipfel zu ersteigen, auf den Rändern der Schiffe wegzulaufen und den
Seiltänzern, die sich manch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 612
ihn früh oder spät ans Ufer, ja sogar das letzte Knöchelchen, wenn es
zu Grunde gesunken sei, müsse wieder heraus. Man erzählte die
Geschichte einer untröstlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken sei
und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur wenigstens die
Gebeine zum Begräbnis ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 613
glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es mußte zum
Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.
So war sie auch des Tages unermüdet an den Stellen, wo das kiesige
Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein Körbchen alle Knochen,
die sie fand. Niemand durfte ih...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 614
Furcht des Todes aufgelöst zu haben. Man konnte ihn zu allem in der
Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefährlichen Krankheit oder mit
dem Tode drohte.
Außer dieser Sonderbarkeit, daß er unermüdet im Kloster hin und her
ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, daß es noch besser sein
würde...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 615
ausgefüllt.
So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige
der äußeren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief und der
Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die
verehrten Reste aus dem Kästchen weg, das in der Schlafkammer stand,
um dem Arz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 616
selig, ja für heilig halten müsse.
Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drängten sich viele Menschen
mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte
wenigstens ihr Kleid berühren. In dieser leidenschaftlichen Erhöhung
fühlten verschiedene Kranke die übel nicht, von denen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 617
acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts
aufzumerken pflegte und sein Verhältnis niemanden bekannt war.
Diesmal schien er aber mit großer Genauigkeit gehört zu haben; er
führte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, daß niemals jemand hat
begreifen können, wie er aus...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 618
und verließ mit Natalien das Zimmer. Die übrigen schwiegen, und der
Abbe sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese
soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer
zweifelt wohl einen Augenblick daran, daß Augustin und unser
Harfenspieler eine Person sei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 619
Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals
hier so einen schönen Fall, daß uneigennütziges Wohltun die höchsten
und schönsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und
indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie
einem schönen Land entge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 620
dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und
den niemand kannte. Beide Ankömmlinge schwiegen eine Zeitlang still;
endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und
sagte: "Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?" Es war die Stimme
des Harfenspielers, a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 621
hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form
zuzuschneiden, er verlangte gewöhnliche Kleider und schien auf einmal
ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache
dieser Verwandlung zu ergründen, und wagten doch nicht, uns mit ihm
selbst darüber einz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 622
lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.
Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese
vollenden. Schien es möglich, Augustinen eine Neigung zu seinem
Vaterlande wieder einzuflößen, so wollte man seinen Verwandten den
Zustand entdecken, und...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 623
zusammen sein mußten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik,
um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.
Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin
abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen
weltlichen Verwandten zu nehmen. ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 624
niemand um meinetwillen womöglich auch nur eine Stunde. Sie waren
Zeuge", sagte er zu Jarno, "und auch Sie, Mister", indem er sich zu
Wilhelmen wandte, "wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse
bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und
Bedienten, man zeige mir ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 625
aufbinden." Darauf erzählte er noch verschiedenes, was damals mit
Wilhelmen auf seinem Schloß vorgegangen sein sollte, wozu Jarno
gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen
mit einem jungen Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als einmal
verwechselte. Der gute Herr hat...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 626
Sie ließen ihn los, er eilte zur Türe hinaus, und voll Entsetzen
drängte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte,
Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand
das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von
weitem zurief: "was hast du ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 627
lassen, sagte er; es sei alles Rätliche geschehen, er wolle das
mögliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien,
herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Hände auf das Kind,
blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung.
Wilhelm, der trostlos in eine...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 628
traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie
sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an.
Lothario und Jarno saßen am andern Ende des Zimmers und führten ein
sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten
nicht zu sehr drängten, unsern Leser...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 629
fürchterlich ist diese Aussage! Ausdrücklich sagte das Kind, daß es
nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine
Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Händen wegsterben."
Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind
liebkoste: "Nicht w...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 630
und durch das Auflegen seiner Hände wunderbar am Leben erhalten. Nun
beschloß er auch sogleich wegzugehn; gepackt war bei ihm alles wie
gewöhnlich in einem Augenblicke, und beim Abschiede faßte die schöne
Gräfin Wilhelms Hand, ehe sie noch die Hand der Schwester losließ,
drückte alle vier Hände ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 631
Zitaten und eulenspiegelhaften Anspielungen die Gesellschaft zum
Lachen und setzte sie auch nicht selten in Verlegenheit, indem er laut
zu denken sich erlaubte.
An die Krankheit seines Freundes schien er gar nicht zu glauben.
Einst, als sie alle beisammen waren, rief er aus: "Wie nennt Ihr das
ü...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 632
Oh, ihr werdet Wunder sehn!
Was geschehn ist, ist geschehn,
Was gesagt ist, ist gesagt.
Eh es tagt,
Sollt ihr Wunder sehn.
Therese war Natalien nachgegangen, Friedrich zog den Arzt vor das
große Gemälde, hielt eine lächerliche Lobrede auf die Medizin und
schlich davon.
Lothario hatte bisher i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 633
völlig einerlei, ob eigene Schuld, höherer Einfluß oder Zufall, Tugend
oder Laster, Weisheit oder Wahnsinn uns ins Verderben stürzen? Leben
Sie wohl! Ich werde keinen Augenblick länger in dem Hause verweilen,
in welchem ich das Gastrecht wider meinen Willen so schrecklich
verletzt habe. Die In...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 634
Natalie ist hiervon ein lebhaftes Beispiel. Unerreichbar wird immer
die Handlungsweise bleiben, welche die Natur dieser schönen Seele
vorgeschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen
andern, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu
der Zeit, als unser guter...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 635
zu weiter nichts werden die Herren verlangt."
"Er hat gehorcht", sagte der Baron. "Wie ungezogene" rief der Abbe.
"Nun geschwind", versetzte Friedrich, "wie sieht's mit den Zeremonien
aus? Die lassen sich an den Fingern herzählen; Ihr müßt reisen, die
Einladung des Marchese kommt Euch herrlic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 636
Erstes Buch
Erstes Kapitel
Die Flucht nach Ägypten
Im Schatten eines mächtigen Felsen saß Wilhelm an grauser,
bedeutender Stelle, wo sich der steile Gebirgsweg um eine Ecke herum
schnell nach der Tiefe wendete. Die Sonne stand noch hoch und
erleuchtete die Gipfel der Fichten in den Felsengrü...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 637
hören, zu wissen, wie sie heißen, wo ihre Nester sind, wie man die
Eier aushebt oder die Jungen, wie man sie füttert und wenn man die
Alten fängt: das ist gar zu lustig."
Kaum war dieses gesprochen, so zeigte sich den schroffen Weg herab
eine sonderbare Erscheinung. Zwei Knaben, schön wie der T...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 638
betrachtete. Dem Führer ging's wie den Kindern: er stutzte einen
Augenblick, als er Wilhelmen erblickte. Das Tier verzögerte seinen
Schritt, aber der Abstieg war zu jäh, die Vorüberziehenden konnten
nicht anhalten, und Wilhelm sah sie mit Verwunderung hinter der
vorstehenden Felswand verschwind...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 639
Wollt Ihr mit uns, um zu sehen, ob auch zwischen den Erwachsenen ein
gutes Verhältnis entstehen könne?"
Wilhelm bedachte sich ein wenig und versetzte dann: "Der Anblick
eures kleinen Familienzuges erregt Vertrauen und Neigung und, daß
ich's nur gleich gestehe, ebensowohl Neugierde und ein lebhaf...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 640
abermals um eine Felswand zu verschwinden, als sich Wilhelm
zusammennahm und nachrief: "Wie soll ich euch aber erfragen?"
"Fragt nur nach Sankt Joseph!" erscholl es aus der Tiefe, und die
ganze Erscheinung war hinter den blauen Schattenwänden verschwunden.
Ein frommer, mehrstimmiger Gesang tönte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 641
jenem entscheidenden Moment. Wie hätte ich mich losreißen können,
wenn der dauerhafte Faden nicht gesponnen wäre, der uns für die Zeit
und für die Ewigkeit verbinden soll. Doch ich darf ja von allem dem
nicht reden. Deine zarten Gebote will ich nicht übertreten; auf
diesem Gipfel sei es das le...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 642
heiligen Familie möchte ich wohl sagen, von der du in meinem
Tagebuche mehr finden wirst. Jetzt lebe wohl und lege dieses Blatt
mit dem Gefühl aus der Hand, daß es nur eins zu sagen habe, nur eines
sagen und immer wiederholen möchte, aber es nicht sagen, nicht
wiederholen will, bis ich das Glück...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 643
Pfeiler durch Gebüsch und Bäume noch so wohlerhalten durchsehen, ob
sie gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt."
"Die Klostergebäude hingegen", versetzte Wilhelm, "sehe ich, sind
noch wohl erhalten."--"Ja", sagte der andere, "es wohnt ein Schaffner
daselbst, der die Wirtschaft besorgt,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 644
täglichen Lebens. Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite
herein. Was aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte,
waren farbige, auf die Wand gemalte Bilder, die unter den Fenstern
in ziemlicher Höhe, wie Teppiche, um drei Teile der Kapelle
herumreichten und bis auf ein Get...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 645
Gebäude hat eigentlich die Bewohner gemacht. Denn wenn das Leblose
lebendig ist, so kann es auch wohl Lebendiges hervorbringen."
"O ja!" versetzte Wilhelm. "Es sollte mich wundern, wenn der Geist,
der vor Jahrhunderten in dieser Bergöde so gewaltig wirkte und einen
so mächtigen Körper von Gebä...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 646
starke Bäume von alters her auf den breiten Mauerrücken eingewurzelt
hatten und in Gesellschaft von mancherlei Gras, Blumen und Moos kühn
in der Luft hängende Gärten vorstellten. Sanfte Wiesenpfade führten
einen lebhaften Bach hinan, und von einiger Höhe konnte der Wanderer
nun das Gebäude nebst...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 647
seit geraumen Jahren ein weltlicher Fürst, der seinen Schaffner hier
oben hält, und der bin ich, Sohn des vorigen Schaffners, der
gleichfalls seinem Vater in dieser Stelle nachfolgte.
Der heilige Joseph, obgleich jede kirchliche Verehrung hier oben
lange aufgehört hatte, war gegen unsere Familie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 648
um so mehr ohne Bedenken hinter meinem Tiere her, als ich in der
Kapelle früh bemerkt hatte, daß es zur Ehre gelangt war, Gott und
seine Mutter zu tragen. Doch war diese Kapelle damals nicht in dem
Zustande, in welchem sie sich gegenwärtig befindet. Sie ward als ein
Schuppen, ja fast wie ein St...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 649
bestärkte, war jenes Gemälde, das leider nunmehr fast ganz verloschen
ist. Sobald Sie wissen, was es vorstellen soll, so werden Sie sich's
entziffern können, wenn ich Sie nachher davor führe. Dem heiligen
Joseph war nichts Geringeres aufgetragen, als einen Thron für den
König Herodes zu machen....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 650
Gesellen und Lehrburschen beschäftigen konnte. Ich blieb also in der
Nähe meiner Eltern und setzte gewissermaßen mein voriges Leben fort,
indem ich Feierstunden und Feiertage zu den wohltätigen Botschaften,
die mir meine Mutter aufzutragen fortfuhr, verwendete."
Die Heimsuchung
"So vergi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 651
Frauen sein Dasein zu danken habe. Das Geheimnis, womit mich
Elisabeth jederzeit empfing, die bündigen Antworten auf meine
rätselhaften Fragen, die ich selbst nicht verstand, erregten mir
sonderbare Ehrfurcht für sie, und ihr Haus, das höchst reinlich war,
schien mir eine Art von kleinem Heiligt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 652
denn wirklich durch den Gebrauch des lastbaren Tiers schon lange
begonnen hatte. Das kleine Geschöpf, dessen ich mich bisher bedient,
wollte mir nicht mehr genügen; ich suchte mir einen viel
stattlicheren Träger aus, sorgte für einen wohlgebauten Sattel, der
zum Reiten wie zum Packen gleich bequ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 653
nähern Fußweg einzuschlagen. In der Nähe seien sie von Bewaffneten
überfallen worden, ihr Mann habe sich fechtend entfernt, sie habe ihm
nicht weit folgen können und sei an dieser Stelle liegengeblieben,
sie wisse nicht wie lange. Sie bitte mich inständig, sie zu
verlassen und ihrem Manne nachz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 654
Bilder nur Träume gewesen zu sein, die sich hier in eine schöne
Wirklichkeit auflösten. Ich fragte sie manches, sie antwortete mir
sanft und gefällig, wie es einer anständig Betrübten ziemt. Oft bat
sie mich, wenn wir auf eine entblößte Höhe kamen, stillezuhalten,
mich umzusehen, zu horchen. S...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 655
Gestalt, und als meine Augen an den Fuß herabkamen, bückte ich mich,
als wenn ich etwas am Gurte zu tun hätte, und küßte den niedlichsten
Schuh, den ich in meinem Leben gesehen hatte, doch ohne daß sie es
merkte. Ich half ihr herunter, sprang die Stufen hinauf und rief in
die Haustüre: "Frau Eli...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 656
Witwe denken. Das streifende Kommando fand sich nach und nach
zusammen, und nach mancherlei abwechselnden Gerüchten zeigte sich
endlich die Gewißheit, daß der Wagen gerettet, der unglückliche Gatte
aber an seinen Wunden in dem benachbarten Dorfe gestorben sei. Auch
vernahm ich, daß nach der frü...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 657
zu ihr treten, mit ihr sprechen, ihr himmlisches Auge ertragen, den
Knaben auf den Arm nehmen und ihm einen herzlichen Kuß auf die Stirn
drücken.
"Wie danke ich Euch für Eure Neigung zu diesem verwaisten Kinde!"
sagte die Mutter. --Unbedachtsam und lebhaft rief ich aus: "Es ist
keine Waise mehr,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 658
um die schmerzlichen Eindrücke eines großen Verlustes zu mildern.
Man sieht die Blumen welken und die Blätter fallen, aber man sieht
auch Früchte reifen und neue Knospen keimen. Das Leben gehört den
Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefaßt sein.
Ich sprach nun mit meiner Mutter über ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 659
Wilhelm an Natalien
Soeben schließe ich eine angenehme, halb wunderbare Geschichte, die
ich für dich aus dem Munde eines gar wackern Mannes aufgeschrieben
habe. Wenn es nicht ganz seine Worte sind, wenn ich hie und da meine
Gesinnungen bei Gelegenheit der seinigen ausgedrückt habe, so war es
be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 660
her ergötzte, hatte sich ein kleiner, munterer, armer Junge gesellt,
der sich eben brauchen und mißbrauchen ließ, wie es gerade das Spiel
mit sich brachte, und sich sehr geschwind bei Felix in Gunst setzte.
Und ich merkte schon an allerlei Äußerungen, daß dieser sich einen
Gespielen für den nächs...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 661
Weise?" fragte Wilhelm. Felix versetzte: "Der kleine Fitz sagte
gestern, er wolle den Herrn wohl aufspüren, der schöne Steine bei sich
habe und sich auch gut darauf verstünde." Nach einigem Hin--und
Widerreden entschloß sich Wilhelm zuletzt, den Versuch zu machen und
dabei auf den verdächtigen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 662
zuerst einen Felsen hinaufsteigt, geht immer sicherer, weil er sich
die Gelegenheit aussucht; einer, der nachfolgt, sieht nur, wohin
jener gelangt ist, aber nicht wie. Die Knaben erreichten bald den
Gipfel, und Wilhelm vernahm ein lautes Freudengeschrei. "Es ist
Jarno!" rief Felix seinem Vater ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 663
schien heranzustreben, aber erreichte noch lange die Höhe nicht.
Weiter hin verflächte es sich immer mehr, doch zeigten sich wieder
seltsam vorspringende Gestalten. Endlich wurden auch in der Ferne die
Seen, die Flüsse sichtbar, und eine fruchtreiche Gegend schien sich
wie ein Meer auszubreiten....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 664
seitdem wir auf der Reise sind. Kannst du mir nicht so viel mitteilen,
daß ich ihm, wenigstens auf eine Zeit, genugtue?"--"Das geht nicht
an", sagte Jarno. "In einem jeden neuen Kreise muß man zuerst wieder
als Kind anfangen, leidenschaftliches Interesse auf die Sache werfen,
sich erst an der S...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 665
sind wenigstens nicht zu begreifen."--"Du suchst eine Ausrede",
versetzte Wilhelm, "denn es ist nicht in deiner Art, dich mit Dingen
abzugeben, die keine Hoffnung übriglassen, sie zu begreifen. Sei
aufrichtig und sage mir, was du an diesen kalten und starren
Liebhabereien gefunden hast?"--"Das i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 666
um die Kinder zu erreichen, die sich unten an einem schattigen Orte
gelagert hatten. Fast eifriger als der Mundvorrat wurden die
gesammelten Steinmuster von Montan und Felix ausgepackt. Der letztere
hatte viel zu fragen, der erstere viel zu benennen. Felix freute
sich, daß jener die Namen von ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 667
der Zeit wirklich werden soll, zum voraus niederlegt. Hierauf als
auf eine wundervolle, heilige Schicht hatten die Priester ihren Altar
gegründet."
Wilhelm, der eine Zeitlang zugehört und bemerkt hatte, daß manche
Benennung, manche Bezeichnung wiederkam, wiederholte seinen schon
früher geäußert...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 668
ergreifen, weil alles leicht aussieht, was vortrefflich ausgeübt wird.
Aller Anfang ist schwer! Das mag in einem gewissen Sinne wahr sein;
allgemeiner aber kann man sagen: aller Anfang ist leicht, und die
letzten Stufen werden am schwersten und seltensten erstiegen."
Wilhelm, der indessen nachge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 669
bis gegen Sonnenuntergang, der, so herrlich er war, doch die
Gesellschaft nachdenken ließ, wo man die Nacht zubringen wollte:
"Unter Dach wüßte ich euch nicht zu führen", sagte Fitz; "wollt ihr
aber bei einem guten alten Köhler, an warmer Stätte die Nacht
versitzen oder verliegen, so seid ihr wil...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 670
Pochjungen groß geworden bin, auf dem Berggraben mit ihnen kleine
Rindenschiffchen niederfahren ließ, das hat mich zurück in diesen
Kreis geführt, wo ich mich nun wieder behaglich und verjüngt fühle.
Schwerlich kann dieser Köhlerdampf dir zusagen wie mir, der ich ihn
von Kindheit auf als Weihrauc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 671
"ein Kohlenmeiler; aber was soll das hierzu?"--"Gut! endlich! ein
Kohlenmeiler! Wie verfährt man, um ihn anzurichten?"--"Man stellt
Scheite an--und übereinander."-- "Wenn das getan ist, was geschieht
ferner?"--"Wie mir scheint", sagte Wilhelm, "willst du auf
sokratische Weise mir die Ehre antun,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 672
male dir das Gleichnis weiter aus und lerne begreifen, wenn weder
Förster noch Gärtner, weder Köhler noch Tischer, noch irgendein
Handwerker aus dir etwas zu machen weiß."
Unter solchem Gespräch nun zog Wilhelm, ich weiß nicht zu welchem
Gebrauch, etwas aus dem Busen, das halb wie eine Brieftasc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 673
Holzhauer und Bergleute, das mochte hingehen, aber die letzten halt'
ich für Schmuggler, für Wilddiebe, und der lange, ganz letzte, der
immer Zeichen in den Sand schrieb und den die andern mit einiger
Achtung behandelten, war gewiß ein Schatzgräber, mit dem du unter der
Decke spielst."
"Es sind ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 674
des Riesenschlosses wieder einzutreffen.
Der Bote schritt voran, die beiden folgten; jener war aber kaum den
Berg eine Strecke hinaufgestiegen, als Felix bemerkte, man gehe nicht
den Weg, auf welchen Fitz gedeutet habe. Der Bote versetzte jedoch:
"Ich muß es besser wissen! Denn erst in diesen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 675
bedenklich der Knabe.--"Ganz allein!" versetzte der Vater.--"Reiche
mir Scheite! reiche mir Knüttel!" sagte der Knabe, empfing sie und
verschwand, nachdem er ängstlich gerufen hatte: "Laß niemand in die
Höhle!" Nach einiger Zeit aber tauchte er wieder auf, forderte noch
längeres und stärkeres Ho...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 676
Kästchen sehn, der Vater, auf den Boten hindeutend, wies ihn zur Ruhe.
Nun war er voll Verlangen, Fitz möge kommen. Dann scheute er sich
wieder vor dem Schelmen; bald pfiff er, um ein Zeichen zu geben, dann
reute ihn schon, es getan zu haben, und so dauerte das Schwanken
immerfort, bis Fitz endl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 677
Flüsse deutlich unterscheiden.
Sie waren den Berg hinab immer näher gekommen und glaubten nun
sogleich im Garten zu sein, als Wilhelm stutzte und Fitz seine
Schadenfreude nicht verbarg: denn eine jähe Kluft am Fuße des Berges
tat sich vor ihnen auf und zeigte gegenüber eine bisher verborgene
hoh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 678
Gitter und neugierigen Blicks, was sie für einen Fang möchten getan
haben. Sie fragten zugleich, ob man sich gutwillig ergeben wolle.
"Hier kann von keinem Ergeben die Rede sein", versetzte Wilhelm; "wir
sind in eurer Gewalt. Eher haben wir Ursache zu fragen, ob ihr uns
schonen wollt. Die einz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 679
Grausamkeit sind. Der Mensch hat nur allzusehr Ursache, sich vor dem
Menschen zu schützen. Der Mißwollenden gibt es gar viele, der
Mißtätigen nicht wenige, und um zu leben, wie sich's gehört, ist nicht
genug, immer wohlzutun."
Felix hatte sich zusammengenommen, warf sich aber sogleich auf eine...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 680
erwecken, die Untergebenen trugen ihn daher auf der tüchtigen
Matratze, wie ehmals den unbewußten Ulyß, in die freie Luft.
Wilhelm folgte dem Beamten in ein schönes Gartenzimmer, wo
Erfrischungen aufgesetzt wurden, die er genießen sollte, indessen
jener ging, an höherer Stelle Bericht abzustatte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 681
aufgehoben.
Fünftes Kapitel
Auf dem Wege nach dem Schlosse fand unser Freund zu seiner
Verwunderung nichts, was einem älteren Lustgarten oder einem modernen
Park ähnlich gewesen wäre; gradlinig gepflanzte Fruchtbäume,
Gemüsfelder, große Strecken mit Heilkräutern bestellt, und was nur
ir...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 682
kennen, Hausfreunde, die alles Vertrauen genießen, das sie verdienen.
Setzen wir uns!" Die beiden Frauenzimmer nahmen Wilhelm in die Mitte,
die Beamten saßen an beiden Enden, Felix an der andern langen Seite,
wo er sich sogleich Hersilien gegenüber gerückt hatte und kein Auge
von ihr verwendete....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 683
allgemein, die Tafel aufgehoben, und man bereitete sich zu scheiden.
"Sie lesen doch auch vor Schlafengehn?" fragte Hersilie zu Wilhelm;
"ich schicke Ihnen ein Manuskript, eine übersetzung aus dem
Französischen von meiner Hand, und Sie sollen sagen, ob Ihnen viel
Artigeres vorgekommen ist. Ein ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 684
um das Gefolge kommen zu sehen, das er hinter ihr vermutete. Dann zog
die Gestalt abermals, indem sie sich edel gegen ihn verbeugte, seine
Aufmerksamkeit an sich, und ehrerbietig erwiderte er den Gruß. Die
schöne Reisende setzte sich an den Rand des Quells, ohne ein Wort zu
sagen und mit einem ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 685
es einem Ehrenmanne, wie ich zu sein scheine, nicht verdenken, wenn
er ein junges Mädchen, das er allein auf der Landstraße treffe,
einigermaßen verdächtig halte: ihr sei das schon öfter entgegen
gewesen; aber ob sie gleich fremd sei, obgleich niemand das Recht habe,
sie auszuforschen, so bitte s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 686
sich und stelle dem Himmel oder ihrem Worte die Unschuld ihres ganzen
Lebens und ihre Redlichkeit anheim."
äußerungen dieser Art ließen keine Geistesverwirrung bei der schönen
Abenteurerin argwöhnen. Herr von Revanne, der einen solchen
Entschluß, in die Welt zu laufen, nicht gut begreifen konnt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 687
und, sooft es ihr an Geld fehle, Nähnadeln von den Wirtinnen zu
verlangen. "Erlauben Sie", fügte sie hinzu, "daß ich eine Blume auf
einem Ihrer Stickrahmen lasse, damit Sie künftig bei deren Anblick der
armen Unbekannten sich erinnern mögen." Fräulein von Revanne
versetzte darauf, daß es ihr se...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 688
Beinah wie Adam bloß und nackt.
Warum auch ging er solche Wege
Nach jenem Apfel voll Gefahr,
Der freilich schön im Mühlgehege
Wie sonst im Paradiese war!
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen;
Er drückte schnell sich aus dem Haus,
Und bricht auf einmal nun im Freien
In bittre, laute Klagen au...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 689
Die Lust, die Diener auszuziehn!
Doch seid ihr auch von den Geübten
Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
So ändert immer die Geliebten,
Doch sie verraten müßt ihr nicht."
So singt er in der Winterstunde,
Wo nicht ein armes Hälmchen grünt.
Ich lache seiner tiefen Wunde,
Denn wirklich ist sie wohlv...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 690
die uns besuchten, so vollkommen aus, daß wir nicht mehr wußten, wie
wir jene Sonderbarkeiten mit einer solchen Erziehung vereinigen
sollten.
Ich wagte wirklich nicht mehr, ihr Dienstvorschläge für mein Haus zu
tun. Meine Schwester, der sie angenehm war, hielt es gleichfalls für
Pflicht, das Za...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 691
Säfte zugleich mit den üblen angreift."
Suchten wir die Ursache ihrer Flucht aus dem väterlichen Hause zu
entdecken: "Wenn das Reh flieht", sagte sie lächelnd, "so ist es
darum nicht schuldig." Fragten wir, ob sie Verfolgungen erlitten:
"Das ist das Schicksal mancher Mädchen von guter Geburt, V...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 692
fürchte ich, schwach genug zu sein, sie immer zu vermissen."
Nun will ich die Torheit eines verständigen Frauenzimmers erzählen,
um zu zeigen, daß Torheit oft nichts weiter sei als Vernunft unter
einem andern äußern. Es ist wahr, man wird einen seltsamen
Widerspruch finden zwischen dem edlen Ch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 693
denen sich ein Frauenzimmer mit Vorbedacht hingibt, die jedoch
unwirksam bleiben, sobald Liebe sich mit den Reizen und in Begleitung
der Jugend zeigt. Auch machte Herr von Revanne noch andere Fehler,
die er später bereute. Bei einer hochachtungsvollen Freundschaft
sprach er von einer dauerhafte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 694
Wohltäter. Sie kommt nicht aus der Fassung, sie erdenkt ein Mittel,
jedermann seine Tugend zu erhalten, indem sie die ihrige bezweifeln
läßt. Sie ist wahnsinnig vor Treue, die ihr Liebhaber gewiß nicht
verdient, wenn er nicht alle die Aufopferungen fühlt, und sollten sie
ihm auch unbekannt blei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 695
Nach diesen Schritten erwartete nun die unbekannte Schöne, ihren
Liebhaber voll Verdruß und höchst aufgebracht vor sich zu sehen.
Bald erschien er mit einem Blicke, der niederschmetternde Worte
verkündigte. Doch er stockte und konnte nichts weiter hervorbringen
als: "Wie? Mademoiselle, ist es m...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 696
wohl, wem sie den Bart leckt; und werden Sie jemals der Geliebte
eines würdigen Weibes, so erinnern Sie sich der Mühle des Ungetreuen.
Lernen Sie an meinem Beispiel sich auf die Standhaftigkeit und
Verschwiegenheit Ihrer Geliebten verlassen. Sie wissen, ob ich untreu
bin, Ihr Vater weiß es auch....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 697
unterwegs nur etwas von der Vorkost, die der Diener für die Gäste
brachte, weil erst nach einer Stunde die Frauenzimmer im Garten
erscheinen würden.
Der Diener war gewohnt, die Fremden zu unterhalten und manches im
Hause vorzuzeigen; so auch führte er unsern Freund in eine Galerie,
worin bloß Po...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 698
einer unsichtbar gewordenen Ursibylle rein göttliche Worte über die
menschlichen Dinge ganz einfach ausspräche.
Der neue Gast lenkte nun Gespräch und Frage auf die Gegenwart. Er
wünschte den edlen Oheim in rein entschiedener Tätigkeit gerne näher
zu kennen; er gedachte des angedeuteten Wegs vom...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 699
ich vermuten darf, Sie wünschen einen Zusammenhang von allem diesem
zu wissen. Alles beruht auf Geist und Sinn meines trefflichen Oheims.
Die kräftigen Mannsjahre dieses Edlen fielen in die Zeit der Beccaria
und Filangieri; die Maximen einer allgemeinen Menschlichkeit wirkten
damals nach allen S...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 700
"Ferner hat unser würdiger Landherr von entfernten Orten manches
Notwendige dem Gebirge näher gebracht; in diesen Gebäuden am Fuße hin
finden Sie Salz aufgespeichert und Gewürze vorrätig. Für Tabak und
Branntwein läßt er andere sorgen; dies seien keine Bedürfnisse, sagt
er, sondern Gelüste, und ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 701
auffallend angeschrieben: "Besitz und Gemeingut"; heben sich diese
beiden Begriffe nicht auf?"
Hersilie fiel ein: "Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der
Oheim von den Orientalen genommen, die an allen Wänden die Sprüche
des Korans mehr verehren als verstehen." Juliette, ohne sich irren z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 702
Verwalter betragen. Dies ist der Sinn der Worte "Besitz und
Gemeingut"; das Kapital soll niemand angreifen, die Interessen werden
ohnehin im Weltlaufe schon jedermann angehören.
Man hatte, wie sich im Gefolg des Gesprächs ergab, dem Oheim
vorgeworfen, daß ihm seine Güter nicht eintrugen, was si...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 703
Frage des Oheims, was bisher begegnet, womit man sich unterhalten,
fiel Hersilie vorschnell ein: "Unser guter Gast hätte wohl über ihre
lakonischen Inschriften verwirrt werden können, wäre ihm Juliette
nicht durch einen fortlaufenden Kommentar zu Hülfe gekommen."--"Du
hast es immer mit Julietten ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 704
seiner Familie einzuführen gesucht. Wenn er vom besten Humor ist, mag
er gern die Schrecknisse eines Familientisches lebhaft schildern, wo
jedes Glied mit fremden Gedanken beschäftigt sich niedersetzt, ungern
hört, in Zerstreuung spricht, muffig schweigt und, wenn gar das
Unglück kleine Kinder h...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 705
Hersilie hielt ihr Pferd an: "Jawohl", sagte sie, "Leibärzte braucht
man nur selten, Wundärzte jeden Augenblick." Schon sprengte Felix
mit verbundenem Kopfe wieder heran, die blühende Beute festhaltend und
hoch emporzeigend. Mit Selbstgefälligkeit reichte er den Strauß
seiner Herrin zu, dagegen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 706
wirklich aus der Fremde wie ein Fremder hineinkommen, der, um
angenehm zu sein, sich erst erkundigt, was man in dem Hause will und
mag, und sich nicht einbildet, daß man ihn wegen seiner schönen Augen
oder Haare gerade nach seiner eigenen Weise empfangen müsse.
Schreiben Sie mir daher vom guten O...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 707
Waren und Zeichen seien so gut als ein einziges gutes Wort, das der
Freund dem Freunde sagen oder schreiben kann. Er bildet sich wirklich
ein, im Vorschuß zu stehen, und will nun von unserer Seite das zuerst
geleistet haben, was er uns von der seinigen so hart und unfreundlich
versagte. Was sol...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 708
entzünden ist, hat mir in der Geschwindigkeit die ganze Familie aus
dem Stegreif ins Lustige rezensiert; ich wollte, daß es auf dem
Papier stünde, um Ihnen selbst bei Ihren übeln ein Lächeln
abzugewinnen; aber nicht, daß man es ihm schickte. Mein Vorschlag
ist jedoch, ihm unsere Korrespondenz di...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 709
sich unmöglich entwickeln können.
Der Bote! der Bote! Ziehen Sie Ihre alten Leute besser, oder
schicken Sie junge. Diesem ist weder mit Schmeichelei noch mit Wein
beizukommen. Leben Sie tausendmal wohl! Nachschrift um Nachschrift
Sagen Sie mir, was will der Vetter in seiner Nachschrift mit
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 710
Was soll man sich viel verstellen gegen die, mit denen man sein
Leben zuzubringen hat! Lenardo mit allen seinen Eigenheiten verdient
Zutrauen. Ich schicke ihm Eure beiden Briefe; daraus lernt er Euch
kennen, und ich hoffe, wir andern werden unbewußt eine Gelegenheit
ergreifen, uns auch nächsten...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 711
in gebildeten Familien eine Zeitlang lebt, wie es mir jetzt geht. In
der Sphäre, in der ich mich gegenwärtig befinde, bringt man beinahe so
viel Zeit zu, seinen Verwandten und Freunden dasjenige mitzuteilen,
womit man sich beschäftigt, als man Zeit sich zu beschäftigen selbst
hatte. Diese Bemer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 712
für die er kämpft, ins Trübe zurücktreten. Der gewandte Hofmann
steht vor uns, eben als wenn er uns den Hof machte, wir denken nicht
an die große Welt, für die er sich eigentlich so anmutig ausgebildet
hat. überraschend war sodann unserm Beschauer die Ähnlichkeit mancher
längst vorübergegangenen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 713
der Mönch die Chronik geschrieben hat, wovon er aber zeugt, daran
glaube ich selten." Zuletzt legte er Wilhelmen ein weißes Blatt vor
mit Ersuchen um einige Zeilen, doch ohne Unterschrift; worauf der
Gast durch eine Tapetentüre sich in den Saal entlassen und an der
Seite des Kustode fand.
"Es f...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 714
recht glücken wollen, es scheint, daß die folgende Generation mich
nächstens entschädigen will."
Nun aber empfinden wir mit unserm Freunde, wie schmerzlich die
Stunde des Abschieds herannaht, und mögen uns gern von den
Eigenheiten seines trefflichen Wirtes, von den Seltsamkeiten des
außerord...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 715
hatte sich dort bedeutend angesiedelt.
Wie aber in den Söhnen sich oft ein Widerspruch hervortut gegen
väterliche Gesinnungen und Einrichtungen, so zeigte sich's auch hier.
Unser Hausherr, als Jüngling nach Europa gelangt, fand sich hier
ganz anders; diese unschätzbare Kultur, seit mehreren taus...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 716
hier kommen die Ältesten zusammen, um sich zu beraten, hier
versammeln sich die Glieder, um Belehrung und fromme Ermunterung zu
vernehmen. Aber auch zu heiterm Ergötzen ist dieser Raum bestimmt;
hier werden die hochzeitlichen Tänze aufgeführt und der Feiertag mit
Musik geschlossen.
Hierauf kann...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 717
aufsuchen; ist unsere Beschränkung ökonomisch und sonst bürgerlich, so
sind unsere Beamten verpflichtet, ihre Sitzungen zu halten; ist es
geistig, sittlich, was uns verdüstert, so haben wir uns an einen
Freund, an einen Wohldenkenden zu wenden, dessen Rat, dessen
Einwirkung zu erbitten: genug, es...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 718
erschienen, und wenn Sie die Nettigkeit einer vornehm reichen
französischen Verirrung zu schätzen wußten, so hoffe ich, Sie werden
die einfache, treue Rechtlichkeit deutscher Zustände nicht
verschmähen und mir verzeihen, wenn ich nach meiner Art und Denkweise,
nach Herankommen und Stellung kein a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 719
Kindes zum Leben, Lernen und zu allem guten Betragen. Sie starb, und
im Augenblicke fühlte der Vater, daß er diese Sorgfalt persönlich
nicht weiter fortsetzen könne. Bisher war alles übereinkunft
zwischen den Eltern; sie arbeiteten auf einen Zweck, beschlossen
zusammen für die nächste Zeit, was...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 720
die Pflege des strengen gerichtlichen Rechts, des läßlichern, wo
Klugheit und Gewandtheit dem Ausübenden zur Hand geht; der Kalkül zum
Tagesgebrauch, die höheren übersichten nicht ausgeschlossen, aber
alles unmittelbar am Leben, wie es gewiß und unausbleiblich zu
gebrauchen wäre.
In diesem Sinne...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 721
Trachten fremder Nationen sehr aufmerksam, und wenn ihr Pflegvater
manchmal scherzhaft fragte: ob ihr denn von den vielen jungen,
hübschen Leuten, die da vor dem Fenster hin und wider gingen, nicht
einer oder der andere wirklich gefalle? so sagte sie: "Ja freilich,
wenn er recht seltsam aussieht!...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 722
Städtebildern beschäftigt; der Sohn dagegen erinnerte sich des
allerliebsten, heitern Wesens, das ihn zu kindlicher Zeit durch
Neckerei wie durch Freundlichkeit immer ergötzt hatte. Nun sollte
Lucidor zu dem Oberamtmann hinüberreiten, die herangewachsene Schöne
näher betrachten, sich einige Woch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 723
Redefülle zu demjenigen paßt, was wir schon von ihm wissen, wird eine
kurze Mitteilung nötig.
Lucidor war von tiefem Gemüt und hatte meist etwas anders im Sinn,
als was die Gegenwart erheischte; deswegen Unterhaltung und Gespräch
ihm nie recht glücken wollte; er fühlte das und wurde schweigsam,
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 724
Bergquellen, Felsufer, eingezwängte, freigelassene Flüsse: nun hier
ging's unmittelbar nach Genua; Livorno lag nicht weit, das
Interessanteste im Lande nahm man auf den Raub so mit; Neapel mußte
man, ehe man stürbe, gesehen haben, dann aber blieb freilich
Konstantinopel noch übrig, das doch auch ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 725
Quecksilber an den ewigen Juden, das wird eine allerliebste Partie
werden."
Des Morgens ging Lucidor festen Entschlusses hinab, mit dem Vater zu
sprechen und ihn deshalb in bekannten freien Stunden unverzüglich
anzugehn. Wie groß war sein Schmerz, seine Verlegenheit, als er
vernahm: der Oberamt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 726
ich meinen guten Vater nicht kränken; ich habe an mich gehalten: denn
ich sehe in diesem würdigen Hausfreunde den Stellvertretenden beider
Väter; zu ihm will ich reden, ihm alles entdecken, er wird's gewiß
vermitteln und hat beinahe schon ausgesprochen, was ich wünsche.
Sollte er im einzelnen Fal...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 727
von Zeit zu Zeit zu sehen war, ohne flach zu sein; und wenn Grund und
Boden vorzüglich dem Nutzen gewidmet erschien, so war doch das
Anmutige, das Reizende nicht ausgeschlossen.
An die Haupt--und Wirtschaftsgebäude fügten sich Lust, Obst--und
Grasgärten, aus denen man sich unversehens in ein Höl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 728
wußte, die an Flüssen liegen, oder gar am Meer, von Genua nichts u.s.
w. Ihr guter Vater, Lucidor, hat mich bekehrt, seit der Zeit komm'
ich nicht leicht hierher." Sie setzte sich neckisch auf ein Bänkchen,
das sie kaum noch trug, unter einen Holunderstrauch, der sich zu
tief gebeugt hatte. "P...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 729
ruhig sitzenbleiben, andere Schaukeleien, Schwungseile, Lusthebel,
Kegel--und Zellenbahnen, und was nur alles erdacht werden kann, um auf
einem großen Triftraum eine Menge Menschen verschiedentlichst und
gleichmäßig zu beschäftigen und zu erlustigen. "Dies", rief er aus,
"ist meine Erfindung, me...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 730
erstes Gefühl; warum lassen wir uns auf Klugheitswege verleiten! Das
Erste soll nun das Letzte sein, und ich hoffe, zum Ziel zu gelangen."
Sonnabend morgen ging Lucidor, zeitig angekleidet, in seinem Zimmer
auf und ab, was er Lucinden zu sagen hätte hin und her bedenkend, als
er eine Art von sc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 731
Handelshause, das gerade in dem Augenblick fallierte, als er, in der
Fülle seiner Jugend, teil an großen Geschäften mit Kraft und
Munterkeit zu nehmen, daneben aber die sich reichlich darbietenden
Genüsse zu teilen gedachte. Von der Höhe seiner Hoffnungen
heruntergestürzt, raffte er sich zusamme...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 732
teilnehmend hinüber, als wenn sie sich mit ihm in den Wagen setzen
und auf und davon fliegen wolle." Lucidor faßte sich zusammen; er
wußte nicht, was zu erwidern wäre, alles, was er vernahm, hatte
seinen innerlichen Beifall. Der Junker fuhr fort: "überhaupt hat das
Mädchen eine verkehrte Neigun...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 733
Antoni stand auf und empfahl sich Lucinden; als sie, sich gleichfalls
erhebend, den Zurückgebliebenen zum Spaziergang einlud. Neben ihr
hergehend, war er schweigsam und verlegen; auch sie schien beunruhigt;
und wenn er nur einigermaßen bei sich gewesen wäre, so hätte ihm ein
tiefes Atemholen ver...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 734
herrlich als je, seinen Augen war sie es noch; sein Inneres aber
widersprach: das gehörte ihm alles nicht mehr an, er hatte Lucinden
verloren.
Neuntes Kapitel
Der Mantelsack war schnell gepackt, den er wollte liegenlassen;
keinen Brief schrieb er dazu, nur mit wenig Worten sollte sein
A...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 735
Weg, der ihn zum Freunde führen sollte, zu gelangen. Er war seiner
Richtung nicht ganz gewiß, als ihm, linker Hand, über dem Gebüsch
hervorragend, auf wunderlichem Zimmerwerk die Einsiedelei, aus der
man ihm früher ein Geheimnis gemacht hatte, in die Augen fiel und er,
jedoch zu seiner größten V...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 736
Wilhelm von Oranien, als Statthalter und König von England, der
Urvater aller außerordentlichen Männer und Helden.
Nun sehen Sie aber Ludwig den Vierzehnten gleich neben ihm, als
welcher"--wie gern hätte Lucidor den guten Alten unterbrochen, wenn
es sich geschickt hätte, wie es sich uns, den Erz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 737
wohin sich Lucidor nicht ganz unwillig ziehen ließ; es mochte daraus
werden, was wollte, wenigstens war in diesen Mauern der einzige
Wunsch seines Herzens eingeschlossen. In solchem verzweifelten Falle
vermissen wir ohnehin den Beistand unseres freien Willens und fühlen
uns erleichtert für einen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 738
des alten Schlosses. "Ich habe mich", rief er aus, "ganz hinten
hingebettet. Ohne mich verbergen zu wollen, bin ich gern allein:
denn man kann's den andern doch nicht recht machen."
Sie kamen an der Kanzlei vorbei, eben als ein Diener heraustrat und
ein Urvater-Schreibzeug, schwarz, groß und v...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 739
entschuldigte sich und erregte wirklich guten Humor durch seine
seltsame Gegenwart. Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des
Schnitts seiner Kleidung war durch natürlichen Geschmack gedämpft; wie
wir ja selbst tatouierten Indiern einen gewissen Beifall nicht
versagen. "Heute", rief er aus, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 740
warum nicht die unsrigen in eben dem Sinne?"--In Geschäftsvorträgen
wohl geübt, durchlief er schnell, was er zu sagen habe. Indessen
schien die Gesellschaft, in einen förmlichen Halbzirkel gebildet, ihn
zu überflügeln. Den Inhalt seines Vortrags kannte er wohl, den
Anfang konnte er nicht finden...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 741
von dort vertrieb; ich kehre nicht zurück! Geben Sie mir, wenn Sie
irgendeines Mitleids fähig sind, schaffen Sie mir Gelegenheit und
Mittel zur Flucht. Denn, damit Sie von mir zeugen können, wie
unmöglich es sei, mich zurückzubringen, so nehmen Sie den Schlüssel
zu meinem Betragen, das Ihnen un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 742
Landschaft, die ihm gestern so greulich und ahnungsvoll erschienen
war, glänzender und herrlicher als je; und sich in solcher Stellung,
auf solchem Hintergrunde! Genugsame Vergeltung aller Leiden.
"Wir sind nicht allein", sagte Lucinde, und kaum hatte er sich von
seinem Entzücken erholt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 743
mit Taschenspielergewandtheit alle Bequemlichkeiten, kleine Vorteile
und Behendigkeiten des ganzen leichten Baues.
"Auf der Erde weiß ich keinen Dank", rief Julie, "nur auf diesem
kleinen, beweglichen Himmel, aus dieser Wolke, in die Sie mich
erheben, will ich Ihnen herzlich danken." Sie war sc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 744
Städtchens dort hinten macht erst die Grenze.
Lucidor. Ich finde Sie in einer wunderlichen Stimmung; Sie scheinen
nicht recht zu sagen, was Sie sagen wollten.
Julie. Nun sehen Sie hier links hinunter, wie schön sich das alles
entwickelt! Die Kirche mit ihren hohen Linden, das Amthaus mit
sei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 745
war es Ihnen.
Lucidors Verwunderung nahm zu.
Julie. Aber freilich Lucinde! Sie ist der Inbegriff aller
Vollkommenheiten, und die niedliche Schwester war ein für allemal
ausgestochen. Ich seh' es, auf Ihren Lippen schwebt die Frage, wer
uns so genau unterrichtet hat?
Lucidor. Es steckt ein ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 746
finden, an ihr sich auszugleichen, die er sich bisher vergeblich
bekämpft hatte.
Lucidor (höchst unzufrieden über den Vorfall, ärgerlich über die
leichtsinnige Behandlung, stand still). Für den Scherz eines Abends
mochte das hingehen, aber eine solche beschämende Mystifikation Tage
und Nächte l...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 747
seine Kinder nichts gegen einen solchen Tausch einzuwenden hätten, so
entschloß er sich, alsobald zu Ihrem Vater zu reisen. Die
Wichtigkeit des Geschäfts war ihm bedenklich. Ein Vater allein fühlt
den Respekt, den man einem Vater schuldig ist. "Er muß es zuerst
wissen", sagte der meine, "um ni...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 748
einer unzählbaren Menge gewagt sah! Alles das hatte der Junker in
Bewegung gesetzt, damit nach Tafel die Gäste fröhlich unterhalten
würden. "Du fährst noch durchs untere Dorf", rief Julie, "die Leute
wollen mir wohl, und sie sollen sehen, wie wohl es mir geht."
Das Dorf war öde, die Jüngern sä...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 749
traten entfaltet hervor, sein Auge blickte feucht, und ein schöner,
bedeutender Jüngling erschien aus der Hülle.
Und so zogen beide Paare zur Gesellschaft, mit Gefühlen, die der
schönste Traum nicht zu geben vermochte.
Zehntes Kapitel
Vater und Sohn waren, von einem Reitknecht begleite...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 750
und gut den Gegenwärtigen vorstellen? Er ist unser Hausfreund im
schönsten und weitesten Sinne, bei Tage der belehrende Gesellschafter,
bei Nacht Astronom, und Arzt zu jeder Stunde."
"Und ich", versetzte dieser freundlich, "empfehle Ihnen dieses
Frauenzimmer als die bei Tage unermüdete Geschäft...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 751
Mittels selbst anzutasten, denn es liegt ja immer noch in dem
Mißbrauch verborgen; spricht man von Mittel, so kann man kaum zugeben,
daß seine Gründlichkeit und Würde irgendeinen Mißbrauch zulasse.
Indessen, da wir unter uns sind, nichts festsetzen, nichts nach außen
wirken, sondern nur uns aufkl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 752
"In solchen Fällen, wo man irgend eine Mißbilligung, einen Tadel,
auch nur ein Bedenken aussprechen soll, nehme ich nicht gern die
Initiative; ich suche mir eine Autorität, bei welcher ich mich
beruhigen kann, indem ich finde, daß mir ein anderer zur Seite steht.
Loben tu' ich ohne Bedenken, denn...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 753
Fähigkeiten und Fertigkeiten, und doch zuletzt, bei ihrer Anwendung,
manches Bedenken. Sollte ich mich darüber ins Kurze fassen, so würde
ich ausrufen: "Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir
uns von Gott erbitten sollten!""
Diesen verständigen Worten Beifall gebend, löste die V...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 754
diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden, so würdest du ihn
daran erkennen, daß eine wohlwollende, wohltätige Wirkung von ihm
ausgeht und von ihm Zeugnis gibt."
Wer soll, wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurückblicken,
ohne gewissermaßen irre zu werden, da er meistens finden wird, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 755
meiner Einbildungskraft unverhältnismäßig hervor, und ich weiß nicht,
ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte.
Sie werden mich einengen, mich beängstigen."
So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter, und es
kam bei dieser Gelegenheit manches Unerwart...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 756
alsdann mit frischerem Blick die dem Aufgang der Sonne voreilende
Venus, welche eben heute in ihrem vollendeten Glanze zu erscheinen
verspräche, zu schauen und zu begrüßen.
Wilhelm, der sich bis auf den Augenblick recht straff und munter
erhalten hatte, fühlte auf diese Anmutung des wohlwollende...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 757
meinem Auge, und wie ich nun hinblicke der Morgenstern, von gleicher
Schönheit, obschon vielleicht nicht von gleicher strahlender
Herrlichkeit, wirklich vor mir! Dieser wirkliche, da droben
schwebende Stern setzte sich an die Stelle des geträumten, er zehrt
auf, was an dem erscheinenden Herrlich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 758
Vorgelesene nochmals durchzusehen. "Den Hauptsinn der Unterhaltung
habe ich gefaßt", sagte er; "nun möcht' ich aber auch das einzelne,
wovon die Rede war, näher kennen lernen."
"Diesen Wunsch", versetzte jene, "zu befriedigen, finde ich mich
glücklicherweise sogleich in dem Falle; das Verhältni...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 759
"Ich habe bei dieser Gelegenheit Ihnen noch ein Geheimnis zu
vertrauen, worauf Sie am wenigsten vorbereitet sind." Sie ließ ihn
darauf durch einen Vorhang in ein Kabinett hineinblicken, wo er,
freilich zu großer Verwunderung, seinen Felix schreibend an einem
Tische sitzen sah und sich nicht glei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 760
ganzen Tag leider nicht vorgelassen worden, meine letzten Aufträge
erhalten. Hier nun liegt mir etwas auf dem Herzen, auf dem ganzen
innern Sinn, worüber ich aufgeklärt zu sein wünschte. Wenn es
möglich ist, so gönnen Sie mir diese Wohltat."
"Ich glaube Sie zu verstehen", sagte die Angenehme, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 761
litt sie an diesen Erscheinungen, dann vergnügte sie sich daran, und
mit den Jahren wuchs das Entzücken. Nicht eher jedoch kam sie
hierüber zur Einheit und Beruhigung, als bis sie den Beistand, den
Freund gewonnen hatte, dessen Verdienst Sie auch schon genugsam kennen
lernten.
Als Mathematiker ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 762
Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte. Diese letzten sind
gerade die bedenklichsten. Zu dieser Betrachtung hat mir vorzüglich
der wunderbare Neffe Anlaß gegeben, der junge Mann, von dem Sie in der
Familie manches Seltsame gehört haben und den ich, wie die Meinigen
sagen, mehr als billig, s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 763
Nachdem Wilhelm seinen Auftrag umständlich und genau ausgerichtet,
versetzte Lenardo mit einem Lächeln: "So sehr ich Ihnen verbunden bin
für das, was ich durch Sie erfahre, so muß ich doch noch eine Frage
hinzufügen. Hat Ihnen die Tante nicht am Schluß noch anempfohlen,
mir eine unbedeutend sche...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 764
ganz Besonderes erwarten."
"Ich halte es wenigstens dafür", versetzte Lenardo und fing seine
Erzählung folgendermaßen an.
"Die herkömmliche Kreisfahrt durch das gesittete Europa in meinen
Jünglingsjahren zu bestehen, war ein fester Vorsatz, den ich von
Jugend auf hegte, dessen Ausführung sich a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 765
seinesgleichen, dabei klug und tätig; wegen seiner Frömmigkeit und
Güte zwar geliebt, doch wegen seiner Schwäche als Haushalter
gescholten. Nach seiner Frauen Tode war eine Tochter, die man nur
das nußbraune Mädchen nannte, ob sie schon rüstig und entschlossen zu
werden versprach, doch viel zu j...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 766
Wer etwas von mir verlangte, setzte mich in Verlegenheit. Ich hatte
mir es so angewöhnt abzuschlagen, daß ich sogar das nicht versprach,
was ich zu halten gedachte. Diese Gewohnheit kam mir auch diesmal
zustatten. Ihre Gründe ruhten auf Individualität und Neigung, die
meinigen auf Pflicht und ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 767
Er hatte nicht Zeit, mich zu hören: doch machte ich einen Versuch, ihn
festzuhalten; allein kaum hatte ich jenen frommen Pachter genannt, so
wies er mich mit Lebhaftigkeit zurück: "Sagen Sie dem Onkel um Gottes
willen davon nichts, wenn Sie zuletzt nicht noch Verdruß haben wollen.
"--Der Tag mein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 768
nicht, indem man sie empfängt. Erst später fängt sie an zu schmerzen
und zu eitern. Mir ging es so mit jener Begebenheit im Garten.
Sooft ich einsam, sooft ich unbeschäftigt war, trat mir jenes Bild
des flehenden Mädchens, mit der ganzen Umgebung, mit jedem Baum und
Strauch, dem Platz, wo sie k...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 769
Handeln zu ihrem Verderben, eine Förderung ihres traurigen Schicksals.
Schon tausendmal habe ich mir gesagt, daß dieses Gefühl im Grunde
nur eine Schwachheit sei, daß ich früh zu jenem Gesetz, nie zu
versprechen, nur aus Furcht der Reue, nicht aus einer edlern
Empfindung getrieben worden. Und nu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 770
mündlich-- der dritte Ort einer Zusammenkunft wird sich schon
finden--zu meiner Beruhigung ausführliche Nachricht erteilten."
Dieser Vorschlag wurde weiter besprochen; Valerinens Aufenthalt
hatte man Wilhelmen genannt. Er übernahm es, sie zu besuchen; ein
dritter Ort wurde festgesetzt, wohin de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 771
indem Lenardo schweigend neben ihm ritt. Endlich fing dieser an:
"Ein anderer an meiner Stelle würde sich vielleicht Valerinen
unerkannt zu nähern suchen; denn es ist immer ein peinliches Gefühl,
vor die Augen derjenigen zu treten, die man verletzt hat; aber ich
will das lieber übernehmen und de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 772
Nachbarschaft einen Besuch machte.
"Wenn ich Sie indessen, bis meine Frau kommt, auf meine Weise
unterhalten und zugleich meine Geschäfte fortsetzen darf, so machen
Sie einige Schritte mit mir aufs Feld und sehen sich um, wie ich
meine Wirtschaft betreibe: denn gewiß ist Ihnen, als einem großen
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 773
Glück Valerinens, das er in diesem Zustande für gewiß hielt, stillen
Teil nahm, obgleich mit einem leisen Gefühl von Unbehagen, von dem er
sich keine Rechenschaft zu geben wußte.
Man war schon ins Haus zurückgekehrt, als der Wagen der Besitzerin
vorfuhr. Man eilte ihr entgegen; aber wie erstaun...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 774
nach einem vertraulichen Gespräch sich sehnten, das denn auch
sogleich begann, als sie sich in dem Gastzimmer allein sahen.
"Ich soll, so scheint es", sagte Lenardo, "meine Qual nicht
loswerden. Eine unglückliche Verwechslung des Namens, merke ich,
verdoppelt sie. Diese blonde Schönheit habe i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 775
Wiederkunft und einer halben, geheuchelten Zusage beider Gäste. Und
wie dem Menschen, der sich selbst was Gutes gönnt, alles zum Glück
schlägt, so legte Valerine zuletzt das Schweigen Lenardos, seine
sichtbare Zerstreuung beim Abschied, sein hastiges Wegeilen zu ihrem
Vorteil aus und konnte sich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 776
vorgetragen, und es steht zu hoffen, daß ihm sein zartes Gefühl
irgend einen Ort, eine Gegend andeuten werde, wo sie zu finden sein
möchte. In meiner Bedrängnis fiel es mir ein, daß der Vater des
Kindes sich zu den Frommen zählte, und ich ward im Augenblick fromm
genug, mich an die moralische We...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 777
das Beste hoffen können."
Im Dahinreiten sich auf diese Weise unterhaltend, erblickten sie
eine edle Villa, die Gebäude im ernst-freundlichen Geschmack, freien
Vorraum und in weiter, würdiger Umgebung wohlbestandene Bäume; Türen
und Schaltern aber durchaus verschlossen, alles einsam, doch
wohler...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 778
meine Reisen durch alle hochgebildeten Länder und Völker diese
Gefühle nicht abstumpfen können, daß meine Einbildungskraft sich über
dem Meer ein Behagen sucht und daß ein bisher vernachlässigter
Familienbesitz in jenen frischen Gegenden mich hoffen läßt, ein im
stillen gefaßter, meinen Wünschen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 779
Fall noch immer schweben. Wären Sie nicht ein Mann, der durchaus sein
Wort zu geben ablehnt, ich würde von Ihnen das Versprechen verlangen,
dieses weibliche Wesen, das Ihnen so teuer zu stehen kommt, nicht
wiederzusehen, sich zu begnügen, wenn ich Ihnen melde, daß es ihr
wohlgeht; es sei nun, da...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 780
Haus von alter, ernster Bauart, doch wohlerhalten und reinlichen
Ansehns. Trübe Fensterscheiben, wundersam gefügt, deuteten auf
erfreuliche Farbenpracht von innen. Und so entsprach denn auch
wirklich das Innere dem Äußern. In saubern Räumen zeigten sich
überall Gerätschaften, die schon einigen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 781
großen Reise einen Stachel im Herzen mit zurück, den er vielleicht
lieber los wäre." Der Alte schien von Lenardos Zustande nichts zu
wissen, ob er gleich den Brief inzwischen erbrochen und gelesen hatte,
denn er ging zu den vorigen Betrachtungen wieder zurück. "Die
Beharrlichkeit auf dem Besitz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 782
abzuwehren gelang; doppelt und dreifach hat er den Schatz verdient,
dessen Besitz ich ihm zu überlassen gedenke; ja er ist ihm schon
übergeben, und seit der Zeit mehrt sich unser Vorrat auf eine
wundersame Weise.
Nicht alles jedoch, was Sie hier sehen, ist unser. Vielmehr, wie
Sie sonst bei Pfa...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 783
echten Arme, wie Sie solche zur lieblichsten Harmonie hier angefügt
sehen, und ich, entzückt über ein so glückliches Zusammentreffen,
enthalte mich nicht, die Schicksale der christlichen Religion hieran
zu erkennen, die, oft genug zergliedert und zerstreut, sich doch
endlich immer wieder am Kreuz...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 784
Ihren Freund machte, der den Wert eines unschuldigen, unglücklichen
Geschöpfes durch sittliches Gefühl und Betrachtung so hoch erhöht hat,
daß er dessen Dasein zum Zweck und Ziel seines Lebens zu machen
genötigt war. Ich hoffe, Sie werden ihn beruhigen können; denn die
Vorsehung hat tausend Mitt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 785
hiernach zu fragen, als noch eine wundersamere Bemerkung sich ihm
auftat: alle Kinder, sie mochten beschäftigt sein, wie sie wollten,
ließen ihre Arbeit liegen und wendeten sich mit besondern, aber
verschiedenen Gebärden gegen die Vorbeireitenden, und es war leicht
zu folgern, daß es dem Vorgeset...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 786
einsehen."-- "Die gebührt Höheren, als ich bin", antwortete jener;
"so viel aber kann ich versichern, daß es nicht leere Grimassen sind,
daß vielmehr den Kindern zwar nicht die höchste, aber doch eine
leitende, faßliche Bedeutung überliefert wird; zugleich aber ist
jedem geboten, für sich zu beha...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 787
man sie auch fand, immer sangen sie, und zwar schienen es Lieder jedem
Geschäft besonders angemessen und in gleichen Fällen überall
dieselben. Traten mehrere Kinder zusammen, so begleiteten sie sich
wechselweise; gegen Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte
durch Chöre belebt und gerege...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 788
Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften gelehrt werden.
Besonders die Mißtöne der Anfänger sind in gewisse Einsiedeleien
verwiesen, wo sie niemand zur Verzweiflung bringen: denn Ihr werdet
selbst gestehen, daß in der wohleingerichteten bürgerlichen
Gesellschaft kaum ein trauriger Leiden z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 789
geheimer Sinn dabei sei ihm noch nicht aufgegangen.
Der angenehme Ort, die gute Aufnahme, die muntern Gespielen, alles
gefiel dem Knaben so wohl, daß es ihm nicht sonderlich wehe tat,
seinen Vater abreisen zu sehen; fast blickte er dem weggeführten
Pferde schmerzlicher nach; doch ließ er sich be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 790
in der Kürze zusammenfassen.
"Da Ihr uns Euren Sohn vertraut", sagten sie, "sind wir schuldig,
Euch tiefer in unser Verfahren hineinblicken zu lassen. Ihr habt
manches äußerliche gesehen, welches nicht sogleich sein Verständnis
mit sich führt; was davon wünscht Ihr vor allem aufgeschlossen?"
"...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 791
verschuldend oder unschuldig, wenn ihn andere vorsätzlich oder
zufällig verletzten, wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid
zufügte, das bedenk' er wohl: denn solche Gefahr begleitet ihn sein
Leben lang. Aber aus dieser Stellung befreien wir unsern Zögling
baldmöglichst, sogleich wenn wir über...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 792
entschließt sich nie dazu; es ist ein höherer Sinn, der seiner Natur
gegeben werden muß und der sich nur bei besonders Begünstigten aus
sich selbst entwickelt, die man auch deswegen von jeher für Heilige,
für Götter gehalten. Hier liegt die Würde, hier das Geschäft aller
echten Religionen, deren...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 793
meisten offenbart; es ist ein Letztes, wozu die Menschheit gelangen
konnte und mußte. Aber was gehörte dazu, die Erde nicht allein unter
sich liegen zu lassen und sich auf einen höhern Geburtsort zu berufen,
sondern auch Niedrigkeit und Armut, Spott und Verachtung, Schmach
und Elend, Leiden und ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 794
Gemeinschaft der Heiligen, welches heißt: der im höchsten Grad Guten
und Weisen. Sollten daher die drei göttlichen Personen, unter deren
Gleichnis und Namen solche überzeugungen und Verheißungen
ausgesprochen sind, nicht billigermaßen für die höchste Einheit
gelten?"
"Ich danke", versicherte je...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 795
Hülle derselben in den Begebenheiten. An der Wiederkehr der
Schicksale ganzer Völker wird sie eigentlich begriffen."
"Ihr habt", sagte Wilhelm, "wie ich sehe, dem israelitischen Volke
die Ehre erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung
gelegt, oder vielmehr ihr habt sie zum Haup...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 796
Hauptbild, dem die andern nur zum Rahmen dienen."
"Es ziemt sich nicht, mit Euch zu rechten", versetzte Wilhelm, "da
Ihr mich zu belehren imstande seid. Eröffnet mir daher noch die
übrigen Vorteile dieses Volks, oder vielmehr seiner Geschichte,
seiner Religion."--"Ein Hauptvorteil", versetzte j...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 797
zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation gelangt.
Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge Weise allegorisch
vorgestellt, da eine historische, eine reale Darstellung derselben
außer den Grenzen der edlen Kunst liegt.
Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 798
diese wenigen Worte umständlicher auszulegen: denn ich fühle mich
nicht geschickt, es selbst zu tun."--"Sie haben einen natürlichen
Sinn", versetzte jener, "obgleich einen tiefen. Beispiele werden ihn
am geschwindesten aufschließen. Es ist nichts gemeiner und
gewöhnlicher als Essen und Trinken;...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 799
Geschichte.
"Wir sondern", versetzte der älteste, "bei jedem Unterricht, bei
aller überlieferung sehr gerne, was nur möglich zu sondern ist; denn
dadurch allein kann der Begriff des Bedeutenden bei der Jugend
entspringen. Das Leben mengt und mischt ohnehin alles durcheinander,
und so haben wir ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 800
zurückgelegt. "Ich hoffte", sagte Wilhelm. "Ihr würdet mich ans
Ende führen, und bringt mich wieder zum Anfang."-- "Für diesmal kann
ich Euch weiter nichts zeigen", sagte der älteste; "mehr lassen wir
unsere Zöglinge nicht sehen, mehr erklären wir ihnen nicht, als was
Ihr bis jetzt durchlaufen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 801
ihn auf irgendeine Art, mehr oder weniger, aber doch nach
wünschenswerter Weise gebildet und auf alle Fälle nicht verworren,
schwankend und unstät wiederfinden sollt."
Wilhelm zauderte, indem er sich die Bilder der Vorhalle besah und
ihren Sinn gedeutet wünschte. "Auch dieses", sagte der ältest...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 802
Bericht den Eltern wieder zurückgesandt. Wer sich den Gesetzen nicht
fügen lernt, muß die Gegend verlassen, wo sie gelten."
Ein anderer Anblick reizte, heute wie gestern, des Wanderers
Neugierde; es war Mannigfaltigkeit an Farbe und Schnitt der
Zöglingskleidung; hier schien kein Stufengang obzu...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 803
durch ernste Schattierungen, bequeme, faltenreiche Tracht die
Besonnenen und stellen so nach und nach ein Gleichgewicht her.
Denn der Uniform sind wir durchaus abgeneigt, sie verdeckt den
Charakter und entzieht die Eigenheiten der Kinder, mehr als jede
andere Verstellung, dem Blicke der Vorgeset...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 804
unser Geschäft beendigt ist. Unser Bruder, der Obermarschall, sieht
wohl ein, daß er weder mit Pächtern noch Verwaltern zurechtkommt. Er
tritt bei seinen Lebzeiten die Güter uns und unsern Kindern ab; das
Jahrgehalt, das er sich ausbedingt, ist freilich stark; aber wir
können es ihm immer geben...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 805
bemerkte nicht, daß alles genau so eingerichtet war, wie er es am
liebsten hatte und wie er es sonst zu wünschen und zu verlangen
pflegte. über dieses Schweigen und Stocken verlor Hilarie fast selbst
ihre Munterkeit. Die Baronin fühlte sich verlegen und zog ihre
Tochter ans Klavier; aber ihr gei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 806
gar zu viel für einen Deutschen, wenn vielleicht andere, lebhaftere
Nationen früher altern."
"Wodurch willst du aber deine Vermutung bekräftigen?" sagte der
Major.
"Es ist keine Vermutung, es ist Gewißheit. Das Nähere sollst du
nach und nach vernehmen."
Hilarie gesellte sich zu ihnen, und der...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 807
alten Reitknecht, der zugleich die Stelle des Bedienten und
Kammerdieners vertrat, seit mehreren Jahren kein böses Wort gegeben:
denn alles ging in der strengsten Ordnung seinen gewöhnlichen Gang;
die Pferde waren versorgt und die Kleidungsstücke zu rechter Stunde
gereinigt; aber der Herr war frü...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 808
neugierig, ihn wiederzusehen", sagte der Major; "er ist kein Jüngling
mehr, und ich höre, daß er noch immer die jungen Rollen spielt."--"Er
muß um zehn Jahre älter sein als du", versetzte die Baronin.--"Ganz
gewiß", erwiderte der Major, "nach allem, was ich mich erinnere."
Es währte nicht lange,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 809
beistand."--"Es ist deine Schuld", versetzte der andere, "es ist die
Schuld aller deinesgleichen; und ob ihr schon darum nicht zu schelten
seid, so seid ihr doch zu tadeln. Man denkt immer nur ans Notwendige;
man will sein und nicht scheinen. Das ist recht gut, solange man
etwas ist. Wenn aber...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 810
Vorteil, als daß er sie so bald hätte abbrechen sollen; doch ging er
leise und selbst gegen einen alten Bekannten mit Behutsamkeit zu
Werke. "Das habe ich nun leider versäumt!" rief er aus, "und
nachzuholen ist es nicht; ich muß mich nun schon darein ergeben, und
Ihr werdet deshalb nicht schlimm...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 811
Unruhe, die Mittel dazu bald näher kennen zu lernen, in Bewegung
gesetzt, bei Tische ein ganz anderer Mensch erschien, Hilariens
anmutigen Aufmerksamkeiten getrost entgegenging und auf sie mit einer
gewissen Zuversicht blickte, die ihm heute früh noch sehr fremd
gewesen war.
Hatte nun durch manc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 812
kann er sich verwehren, dieses angenehme Gefühl merken zu lassen?
Wie soll er mitten im Dasein verbergen, daß er eine Freude am Dasein
habe? Fände die gute Gesellschaft, denn von der ist doch hier allein
die Rede, nur alsdann diese äußerungen tadelhaft, wenn sie zu lebhaft
werden, wenn des einen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 813
in welchem andere notgedrungen vom Schauplatz abtreten oder nur mit
Schmach darauf verweilen."
Der Major hörte nicht gerne den Schluß dieser Betrachtungen. Das
Wörtchen Eitelkeit, als er es vorbrachte, sollte nur zu einem
übergang dienen, um dem Freunde auf eine geschickte Weise seinen
Wunsch v...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 814
sich schätzt, auch außer sich in andern zu Erscheinung zu bringen,
sie genießen zu lassen, was er selbst genießt, und sich in ihnen
wiederzufinden und darzustellen. Fürwahr, wenn dies auch Egoismus
ist, so ist er der liebenswürdigste und lobenswürdigste, derjenige,
der uns zu Menschen gemacht ha...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 815
Gast hinweg und versprach, in einiger Zeit zurückzukehren.
Der Major kam ziemlich müde auf sein Zimmer. Er war früh
aufgestanden, hatte sich den Tag nicht geschont und glaubte nunmehr
das Bett bald zu erreichen. Allein er fand statt eines Dieners
nunmehr zwei. Der alte Reitknecht zog ihn nach...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 816
gingen unter diesen Geschäften hin.
Der Major verkürzte die Ruhezeit nach dem Bade, dachte sich
geschwind in die Kleider zu werfen; denn er war seiner Natur nach
expedit und wünschte noch überdies, Hilarien bald zu begegnen; aber
auch hier trat ihm sein neuer Diener entgegen und machte ihm
begre...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 817
Der Major begann seine Schilderung von den ältesten, deren er sich
aus seiner Kindheit nur noch dunkel erinnerte. Dann ging er weiter,
zeichnete die Charaktere verschiedener Väter, die ähnlichkeit oder
Unähnlichkeit der Kinder mit denselben, bemerkte, daß oft der
Großvater im Enkel wieder hervor...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 818
glücklichsten Stunden dahin. Nur wurden sie denn doch zuletzt auch
wieder die Welt um sich her gewahr, und diese steht selten mit
solchen Empfindungen im Einklang.
Nun dachte man auch wieder an den Sohn. Ihm hatte man Hilarien
bestimmt, das ihm sehr wohl bekannt war. Gleich nach Beendigung de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 819
halten mit dem Namen Hilariens zurück, Sie erwarten, daß ich ihn
selbst ausspreche, daß ich mein Verlangen zu erkennen gebe, mit dem
liebenswürdigen Kinde bald vereinigt zu sein."
Der Major befand sich bei diesen Worten des Sohnes in großer
Verlegenheit; da es aber teils seiner Natur, teils eine...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 820
andere wirken. Sie ist eine junge Witwe, Erbin eines alten, reichen,
vor kurzem verstorbenen Mannes, unabhängig und höchst wert, es zu
sein, von vielen umgeben, von ebenso vielen geliebt, von ebenso vielen
umworben, doch, wenn ich mich nicht sehr betriege, mir von Herzen
angehörig."
Mit Behagli...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 821
oder hoffen, ohne daß er dieses höchste Glück einem jeden Freund,
einem jeden gönnte, der ihm wert ist! Sie sind nicht alt, mein Vater;
wie liebenswürdig ist nicht Hilarie! und schon der vorüberschwebende
Gedanke, ihr die Hand zu bieten, zeugt von einem jugendlichen Herzen,
von frischer Mutigkei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 822
ihn gerichtet; genug, er fand sich so behaglich, daß er beinahe die
Ursache vergaß, warum er gekommen war. Auch erwähnte sie seines
Sohnes kaum mit einem Worte, obgleich der junge Mann lebhaft
mitsprach; er schien für sie, wie die übrigen alle, heute nur um des
Vaters willen gegenwärtig.
Frauen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 823
angezogen ist! Ob er sich nicht besser trägt und hält als sein lieber
Sohn!" So fuhr sie fort, den Vater auf Unkosten des Sohnes zu
beschreiben und zu loben und eine sehr gemischte Empfindung von
Zufriedenheit und Eifersucht in dem Herzen des jungen Mannes
hervorzubringen.
Nicht lange, so gese...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 824
Vater bemerkte, daß die schöne Frau im Gespräch gegen ihn des Sohnes
auch nicht mit einer Silbe erwähnt habe.--"Das ist eben ihre zarte,
schweigende, halb schweigende, halb andeutende Manier, wodurch man
seiner Wünsche gewiß wird und sich doch immer des Zweifels nicht ganz
erwehren kann. So war ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 825
Ich weiß nicht, was ich alles sagte, ich weiß nicht, wie ich mich
gebärdete. Sie entfernte sich nicht, sie widerstrebte nicht, sie
antwortete nicht. Ich wagte es, sie in meine Arme zu fassen, sie zu
fragen, ob sie die Meinige sein wolle. Ich küßte sie mit Ungestüm;
sie drängte mich weg.--"Ja, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 826
Schicklichkeit zu fördern. Er fand sie in zierlichster
Morgenkleidung in Gesellschaft einer ältern Dame, die durch ein höchst
gesittetes, freundliches Wesen ihn alsobald einnahm. Die Anmut der
Jüngern, der Anstand der älteren setzten das Paar in das
wünschenswerteste Gleichgewicht, auch schien ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 827
und nach die schwersten und zierlichsten Arbeiten verfertigen lernen,
und ich leugne nicht, daß ich an jede Arbeit dieser Art immer
Gedanken angeknüpft habe, an Personen, an Zustände, an Freud und Leid.
Und so ward mir das Angefangene wert und das Vollendete, ich darf
wohl sagen, kostbar. Als ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 828
Gedichten seines Vaters gesprochen, auch einiges rezitiert; im Grunde,
um sich mit einer poetischen Herkunft zu schmeicheln und, wie es die
Jugend gewohnt ist, sich für einen vorschreitenden, die Fähigkeiten
des Vaters steigernden Jüngling bescheidentlich geben zu können. Der
Major aber, der sic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 829
lyrischen Dichtkunst hinzuwenden, worin sein Sohn wirklich Löbliches
geleistet hatte. Man widersprach ihm nicht geradezu, aber man suchte
ihn von dem Wege wegzuscherzen, den er eingeschlagen hatte, besonders
da er auf leidenschaftliche Gedichte hinzudeuten schien, womit der
Sohn der unvergleichl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 830
und Zusagen nicht viel zu trauen sei; verzeihen Sie daher, wenn ich
das Wort eines Ehrenmannes in Zweifel zu ziehen wage und deshalb ein
Pfand, einen Treupfennig nicht verlange, sondern gebe. Nehmen Sie
diese Brieftasche, sie hat etwas ähnliches von Ihrem Jagdgedicht, viel
Erinnerungen sind dara...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 831
Exaltation sich hervortat, wie er sie selbst empfand, die aber durch
das Einreden seines von Zeit zu Zeit störenden Sohns noch mehr
gesteigert wurde.
Auf die Baronin machte dieser Brief einen sehr gemischten Eindruck;
denn wenn auch der Umstand, wodurch die Verbindung des Bruders mit
Hilarien be...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 832
nahm sie die Feder und schrieb an jene menschenkennende Freundin,
indem sie nach einem geschichtlichen Eingang also fortfuhr.
"Die Art dieser jungen, verführerischen Witwe ist mir nicht
unbekannt; weiblichen Umgang scheint sie abzulehnen und nur eine Frau
um sich zu leiden, die ihr keinen Ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 833
erreichen.
Der behagliche Obermarschall war angelangt, und zwar mit einem
ernsten Advokaten, doch gab dieser dem Major weniger Besorgnisse als
jener, der zu den Menschen gehörte, die keine Zwecke haben oder, wenn
sie einen vor sich sehen, die Mittel dazu ablehnen. Ein täglich--und
stündliches B...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 834
er so brüderlich verfahren, verlangte noch etwas Geld, ließ die
kleinen vorrätigen grauen Goldäpfel, welche dieses Jahr besonders
wohl geraten waren, sorgfältig einpacken und fuhr mit diesem Schatz,
den er als eine willkommene Verehrung der Fürstin zu überreichen
gedachte, nach ihrem Witwensitz, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 835
So vergnüglich und so klar!
Da bei frischem Knabenblute
Mir so wild, so düster war.
Doch wenn mich die Jahre zwacken,
Wie auch wohlgemut ich sei,
Denk' ich jene roten Backen,
Und ich wünsche sie herbei."
Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht
gar bald herausgefun...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 836
verliebt zu scheinen, er dabei als künftiger Schwiegervater eine
wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm zuletzt ein:
jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso
geschickten als hübschen und zierlichen Weberin. Wurde nun aber diese
durch die neidische Minerva...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 837
fühlte sich nicht heiter gestimmt. Daß die Jahre, die zuerst eine
schöne Gabe nach der andern bringen, sie alsdann nach und nach wieder
entziehen, schien er auf dem Scheidepunkt, wo er sich befand, auf
einmal lebhaft zu fühlen. Eine versäumte Badereise, ein ohne Genuß
verstrichener Sommer, Mang...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 838
daß er sich doch wohl wieder zu seinem vorigen Patron zurückwünschen
mochte, um den mannigfaltigen Vergnügungen eines theatralischen
Lebens fernerhin sich ergeben zu können.
Und wirklich tat es dem Major sehr wohl, wieder sich selbst gegeben
zu sein. Der verständige Mann braucht sich nur zu mäß...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 839
Leben mit herübergebracht hatte. Als Tochter einer Oberhofmeisterin,
bei Hof erzogen, war sie gewohnt, den Winter allen übrigen
Jahrszeiten vorzuziehen und den Aufwand einer stattlichen Erleuchtung
zum Element aller ihrer Genüsse zu machen. Zwar an Wachskerzen
fehlte es niemals, aber einer ihre...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 840
sich, und zwar aus den feinsten Stoffen und von der zierlichsten
Arbeit; auch an Willkürlichem war kein Mangel, und doch wußte
Ananette überall da noch eine Lücke anschaulich zu machen, wo man
ebensogut den schönsten Zusammenhang hätte finden können. Wenn nun
alles Weißzeug, stattlich ausgekramt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 841
mit der sie umgebenden Klarheit, mit einer wohltätigen Wärme, mit dem
behaglichsten Zustande ins gleiche gestellt.
Fünftes Kapitel
Heftiges Pochen und Rufen an dem äußersten Tor, Wortwechsel
drohender und fordernder Stimmen, Licht--und Fackelschein im Hofe
unterbrachen den zarten Gesang...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 842
tief in die ihrigen eingeprägt hatte.
Mit halber Besonnenheit sendete darauf die Baronin Bedienten auf
Bedienten, sich zu erkundigen. Sie erfuhren zu einiger Beruhigung,
daß man ihn auskleide, trockne, besorge; halb gegenwärtig, halb
unbewußt lasse er alles geschehen. Wiederholtes Anfragen wur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 843
schwarze, funkelnde Augen stimmten zu den düstern, verwirrten Locken;
dagegen stand sie scheinbar himmlisch in Ruhe, doch zu dem
erschütternden Begebnis gesellte sich nun die ahnungsvolle Gegenwart.
Die Benennung "Schwester"--ihr Allerinnerstes war aufgeregt. Die
Baronin sprach: "Wie geht es, li...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 844
peinliche Stunden. Nach einiger Zeit brachte er jedoch ein Blättchen
von schöner, freier Hand, obgleich mit Hast geschrieben, es enthielt
folgende Zeilen:
"Ein Wunder ist der arme Mensch geboren,
In Wundern ist der irre Mensch verloren,
Nach welcher dunklen, schwer entdeckten Schwelle
Durchta...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 845
Indessen hatte die Baronin mit Ordnen und Zurechtlegen alter Papiere
sich beschäftigt, und diese dem gegenwärtigen Zustande ganz
angemessene Unterhaltung wirkte gar wundersam auf den erregten Geist.
Sie sah manche Jahre ihres Lebens zurück, schwere drohende Leiden
waren vorübergegangen, deren Bet...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 846
dieser sei etwas breiter, deshalb der Rock über die Schultern zu eng.
Beide Mißverständnisse gaben dieser Maskerade ein komisches Ansehen.
Durch diese Einzelheiten jedoch kam man über das Bedenkliche des
Augenblicks hinaus. Für Hilarien freilich blieb die ähnlichkeit des
jugendlichen Vaterbilde...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 847
entspringenden allerliebsten Annehmlichkeiten fühlte Flavio eine
schmerzliche Sorge, die er schlecht verbarg und, immerfort nach der
Ankunft seines Vaters sich sehnend, zu bemerken gab, daß er diesem das
Wichtigste zu vertrauen habe. Dieses Geheimnis indes wäre, bei
einigem Nachdenken, nicht sch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 848
In solcher Stimmung konnte man die Ankunft des Vaters gar wohl
erwarten, auch wurden sie durch eintretende Naturereignisse zu einer
tätigen Lebensweise aufgeregt. Das anhaltende Regenwetter, das sie
bisher in dem Schloß zusammenhielt, hatte überall, in großen
Wassermassen niedergehend, Fluß um F...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 849
einigermaßen besorgt gewesen zu sein, es möge hier einige Gefahr
obschweben, ein Stranden, ein Umschlagen des Kahns, Lebensgefahr der
Schönen, kühne Rettung von seiten des Jünglings, um das lose
geknüpfte Band noch fester zu ziehen. Aber von allem diesem war
nicht die Rede, die Fahrt lief glückl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 850
seit ihren frühsten Jahren von dem Oheim angeleitet, bewies sich so
lieblich als kräftig auf dem neu erschaffenen Boden; man bewegte sich
lustig und lustiger, bald zusammen, bald einzeln, bald getrennt, bald
vereint. Scheiden und Meiden, was sonst so schwer aufs Herz fällt,
ward hier zum kleinen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 851
schönen Kreis glücklichen Wechselwirkens zerstören, die Wirte bedrohen
und die Gäste vom Hause abschneiden.
War man den Tag in so rascher Bewegung und dem lebhaftesten
Interesse beschäftigt, so verlieh der Abend auf ganz andere Weise die
angenehmsten Stunden; denn das hat die Eislust vor allen a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 852
dunkel, vom Lichtglanz umgeben, auf sie zuschritt; unwillkürlich
wendeten sie sich ab, jemanden zu begegnen wäre widerwärtig gewesen.
Sie vermieden die immerfort sich herbewegende Gestalt, die Gestalt
schien sie nicht bemerkt zu haben und verfolgte ihren geraden Weg
nach dem Schlosse. Doch verli...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 853
es wunderlich, obgleich nicht unerwartet, sein Zimmer wie bewohnt
anzutreffen, die eignen Kleider, Wäsche und Gerätschaften, nur nicht
so ordentlich, wie er's gewohnt war, umherliegend. Die Hausfrau
versah mit anständigem Zwang ihre Pflichten, und wie froh war sie,
als alle Gäste, schicklich unt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 854
gelangte er, die erleuchteten Fenster schon von ferne schauend, in
einer tagklaren Nacht zum unerfreulichsten Anschauen und war mit sich
selbst in die unangenehmste Verwirrung geraten.
Der übergang von innerer Wahrheit zum äußern Wirklichen ist im
Kontrast immer schmerzlich; und sollte Lieben un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 855
wünschte, mehr als die Wonne, sie zu besitzen. Ja er mußte sich,
wenn er ihres Andenkens rein genießen wollte, zuerst ihre himmlisch
ausgesprochene Neigung, er mußte jenen Augenblick denken, wo sie sich
ihm so unverhofft gewidmet hatte.
Nun aber, da er in klarster Nacht ein vereintes junges Paa...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 856
jenes kosmetischen Freundes, des wohlkonservierten Schauspielers.
Dieser, durch den verabschiedeten Kammerdiener benachrichtigt von dem
Zustande des Majors und von dem Vorsatze, sich zu verheiraten, trug
mit der besten Laune die Bedenklichkeiten vor, die man bei einem
solchen Unternehmen vor Auge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 857
wenn der Schlußstein seines organischen Wesens entfremdet wäre und das
übrige Gewölbe nun auch nach und nach zusammenzustürzen drohte.
Wie dem auch sei, der Major unterhielt sich mit seiner Schwester gar
bald einsichtig und verständig über die so verwirrt scheinende
Angelegenheit; sie mußten bei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 858
sich zeige, entwickeln könne. Hilarie hörte aufmerksam zu und gab
durch bejahende Mienen und Zeichen ihre völlige Einstimmung zu
erkennen; die Mutter ging auf den Sohn über, und jene ließ ihre
langen Augenwimpern fallen; und wenn die Rednerin nicht so rühmliche
Argumente für den Jüngeren fand, a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 859
völlig andern Sinnes gefunden werden und aus Gründen, die tief im
Herzen ruhen, sich demjenigen widersetzen, was so löblich als nötig
ist. Man wechselte Reden, ohne sich zu überzeugen; das Verständige
wollte nicht in das Gefühl eindringen, das Gefühlte wollte sich dem
Nützlichen, dem Notwendigen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 860
Ruhm und Rang, wenn der androhende Krieg hereinbrechen sollte. Und so
glaubte man in augenblicklicher Beruhigung als gewiß vorauszusehen,
daß dieses Rätsel, welches nur noch an eine Grille geknüpft schien,
sich bald aufhellen und auseinanderlegen würde.
Leider aber war in dieser anscheinenden R...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 861
einigermaßen erinnerlich schien. Ruhig und gefaßt nach seiner Art
begab er sich an den bezeichneten Ort, als in der bekannten, fast
bäuerischen Oberstube die schöne Witwe ihm entgegentrat, schöner und
anmutiger, als er sie verlassen hatte. War es, daß unsere
Einbildungskraft nicht fähig ist, da...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 862
fremd sein." Sie wies ihm einige entfaltete Briefe hin.-- "Die Hand
meiner Schwester, Briefe, mehrere, der nachlässigen Schrift nach
vertraute! Haben Sie je mit ihr in Verhältnis gestanden?"
"Unmittelbar nicht, mittelbar seit einiger Zeit; hier die Aufschrift:
"An ***.""--"Ein neues Rätsel: An ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 863
bedürften Sie allenfalls einer Stunde, mehr, wenn Sie wollen; alsdann
werden mit wenigen Worten unsere Zustände sich entscheiden lassen."
Sie verließ ihn, um in dem Garten auf und ab zu gehen; er entfaltete
nun einen Briefwechsel der Baronin mit Makarien, dessen Inhalt wir
summarisch andeuten. ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 864
welche eine heitere Aussicht auf die nächste Zeit und die Zukunft
waltet. Dieses, zusammen betrachtet, möchte wohl hinreichend sein,
einen jeden Teilnehmenden zu beruhigen.
Ich darf daher in Erinnerung alles dessen, was unter uns besprochen
worden, auf das dringendste bitten: der Freund möge es...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 865
Siebentes Kapitel
Nachdem unser Freund vorstehende Briefe abgelassen, schritt er,
durch manchen benachbarten Gebirgszug fortwandernd, immer weiter, bis
die herrliche Talgegend sich ihm eröffnete, wo er, vor Beginn eines
neuen Lebensganges, so manches abzuschließen gedachte. Unerwartet
traf er h...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 866
und Bedeutung aufgeführt. Unter dem hohen Säulenportale des
herrlichen Landhauses stand sie, nachdenklich die Statuen der
Vorhalle betrachtend. Hier schaukelte sie sich plätschernd auf dem
angebundenen Kahn, dort erkletterte sie den Mast und erzeigte sich als
ein kühner Matrose.
Ein Bild aber ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 867
begrüßt hätte, so fürchtete er sich doch vor dessen dankbarer
Freigebigkeit und vor irgendeiner aufgedrungenen Belohnung jenes
treuen, liebevollen Handelns, wofür er schon den zartesten Lohn
dahingenommen hatte.
Und so schwammen die Freunde auf zierlichem Nachen von Ufer zu Ufer,
den See in jede...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 868
Seite entgegen; dieser hatte manchmal einen heitern Gesang angestimmt
und dadurch ruhige Stunden auf weit--und breiter Wellenfahrt gar
innig belebt und begleitet. Nun aber traf sich's, daß er in einem der
Paläste ein ganz eigenes Saitenspiel fand, eine Laute in kleinem
Format, kräftig, vollkling...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 869
sich schon, einen herrlichen Platz in einer seiner Zeichnungen leer
und ledig zu wissen, den er mit den Gestalten so holder Personen
künstlerisch zu verzieren gedachte.
Nun stellten sie Kreuz-und-Quer-Fahrten an, die Punkte, wo der
Fremde in dieses Paradies einzutreten pflegt, beobachtend. Ihre...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 870
ablehnten, weswegen man sich in einiger Entfernung vom Hafen trennte.
Kaum war der Sänger in sein Schiff gesprungen, das sich eiligst vom
Ufer entfernte, als er nach der Laute griff und jenen
wundersam-klagenden Gesang, den die venezianischen Schiffer von Land
zu See, von See zu Land erschallen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 871
der Lieder, die wir geliebten Personen der "Lehrjahre" schuldig sind,
über den Saiten, über den Lippen schweben; doch enthielt er sich, aus
wohlmeinender Schonung, deren er selbst bedurfte, und schwärmte
vielmehr in fremden Bildern und Gefühlen umher, zum Gewinn seines
Vortrags, der sich nur um d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 872
genähert und entfernt, wallten und wogten sie verschiedene Tage.
Ohne diese Verhältnisse näher zu beurteilen, glaubte doch der
gewandte, wohlerfahrene Reiseführer einige Veränderung in dem ruhigen
Betragen seiner Heldinnen gegen das bisherige zu bemerken, und als
das Grillenhafte dieser Zustände...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 873
Auch hier gelang alles zum günstigsten: denn der kluge
Geschäftsträger hatte, bei dieser Gelegenheit wie früher, von den
Empfehlungs--und Kreditbriefen der Damen so klugen Gebrauch zu machen
gewußt, daß, in Abwesenheit der Besitzer, Schloß und Garten, nicht
weniger die Küche zu beliebigem Gebrauc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 874
Ganzen wie in dem Gang der Zweige, den einzelnen Partien der Blätter
befriedigend anzudeuten; nicht weniger in dem auf mancherlei Weise
nuancierten frischen Grün, worin sanfte Lüfte mit gelindem Hauch zu
fächeln und die Lichter daher gleichsam bewegt erscheinen.
Im Mittelgrund ermattet allmählic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 875
nur Futter den Gemsen, und Wildheuern einen gefahrvollen Erwerb."
Wir entfernen uns nicht von der Absicht, unsern Lesern den Zustand
solcher wilden Gegenden so nah als möglich zu bringen, wenn wir das
eben gebrauchte Wort Wildheuer mit wenigem erklären. Man bezeichnet
damit ärmere Bewohner ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 876
fürchtet, so scheint es, den Gegenstand zu entweihen, bliebe sie ihm
nicht vollkommen getreu, deshalb ist sie ängstlich und verliert sich
im Detail.
Nun aber fühlt sie sich durch das große, freie Talent, die dreiste
Hand des Künstlers aufgeregt, erweckt, was von Sinn und Geschmack in
ihr treulic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 877
Der letzte Abend war nun herangekommen, und ein hervorleuchtender,
klarster Vollmond ließ den übergang von Tag zu Nacht nicht empfinden.
Die Gesellschaft hatte sich zusammen auf einer der höchsten
Terrassen gelagert, den ruhigen, von allen Seiten her erleuchteten und
rings widerglänzenden See, de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 878
Wünschen, denen doch die Hoffnung schon abgeschnitten war. Nun
fühlte sich unser Künstler, welchen der Freund mit sich riß, unter
dem hehren Himmel, in der ernst-lieblichen Nachtstunde, eingeweiht in
alle Schmerzen des ersten Grades der Entsagenden, welchen jene
Freunde schon überstanden hatten,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 879
früherer Verabredung seinen Weg zu Natalien suchte, um sie durch die
schönen landschaftlichen Bilder in Gegenden zu versetzen, die sie
vielleicht so bald nicht betreten sollte. Berechtigt ward er zugleich,
den unerwarteten Fall bekennend vorzutragen, wodurch er in die Lage
geraten, von den Bunde...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 880
weit größere Vorteile, als man gedacht hätte.
Denn gerade durch eine von der Natur weniger begünstigte Gegend, wo
ein Teil der Güter gelegen ist, die ihm der Oheim abtritt, ward in
der neuern Zeit ein Kanal projektiert, der auch durch unsere
Besitzungen sich ziehen wird und wodurch, wenn wir uns...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 881
wollen der Hausfrömmigkeit das gebührende Lob nicht entziehen: auf ihr
gründet sich die Sicherheit des Einzelnen, worauf zuletzt denn auch
die Festigkeit und Würde des Ganzen beruhen mag; aber sie reicht
nicht mehr hin, wir müssen den Begriff einer Weltfrömmigkeit fassen,
unsre redlich menschlich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 882
sich über das Maß gedachter Zeit hinwegzusetzen, da wir längst
gewohnt sind, zwischen dem Sinken und Steigen des Vorhangs in unserer
persönlichen Gegenwart dergleichen geschehen zu lassen.
Wir haben in diesem zweiten Buche die Verhältnisse unsrer alten
Freunde bedeutend steigern sehen und zuglei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 883
nicht sonderlich erwiesen; das Erntefest habe ihm zwar ganz wohl, das
Bestellen hintendrein, Pflügen, Graben und Abwarten keineswegs
gefallen, mit den notwendigen und nutzbaren Haustieren habe er sich
zwar, doch immer lässig und unzufrieden beschäftigt, bis er denn zur
lebhafteren Reiterei endlic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 884
daß gerade mit dieser gewaltsam und rauh scheinenden Bestimmung die
zarteste von der Welt verknüpft sei: Sprachübung und Sprachbildung.
In dem Augenblick vermißte der Vater den Sohn an seiner Seite, er
sah ihn zwischen den Lücken der Menge durch mit einem jungen
Tabulettkrämer über Kleinigkeiten...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 885
monatweise nur eine Sprache im allgemeinen gesprochen, nach dem
Grundsatz, daß man nichts lerne außerhalb des Elements, welches
bezwungen werden soll.
Wir sehen unsere Schüler", sagte der Aufseher, "sämtlich als
Schwimmer an, welche mit Verwunderung im Elemente, das sie zu
verschlingen droht, si...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 886
und ältere Schüler, jeder hielt sein Instrument bereit, ohne zu
spielen; es waren diejenigen, die noch nicht vermochten oder nicht
wagten, mit ins Ganze zu greifen. Mit Anteil bemerkte man, wie sie
gleichsam auf dem Sprunge standen, und hörte rühmen: ein solches Fest
gehe selten vorüber, ohne da...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 887
nicht mehr hüttenartig; sie zeigten sich vielmehr regelmäßig, bequem
und zierlich von innen; man ward hier einer unbeengten, wohlgebauten,
der Gegend angemessenen Stadt gewahr. Hier sind bildende Kunst und
die ihr verwandten Handwerke zu Hause, und eine ganz eigene Stille
herrscht über diesen Rä...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 888
ihm eingehändigt, sogar die Art und Weise, wie er sich dessen
bedienen soll, ich meine den Fingerwechsel, findet er vorgeschrieben,
damit ein Glied dem andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den
rechten Weg bereite; durch welches gesetzliche Zusammenwirken denn
zuletzt allein das Unmöglic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 889
zierliche Vorstädte anmutigen Stils gegen das Feld sich hinzogen und
endlich als Gartenwohnungen zerstreuten.
Der Wanderer konnte nicht unterlassen, hier zu bemerken, daß die
Wohnungen der Musiker in der vorigen Region keineswegs an Schönheit
und Raum den gegenwärtigen zu vergleichen seien, welc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 890
Ausstellung. Sehen Sie hier die Gebäude aller Art, alle von
Zöglingen aufgeführt; freilich nach hundertmal besprochenen und
durchdachten Rissen: denn der Bauende soll nicht herumtasten und
versuchen; was stehenbleiben soll, muß recht stehen und, wo nicht für
die Ewigkeit, doch für geraume Zeit g...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 891
Vorteil hinzulenken, um nach Erfordernis eigne Zwecke zu erreichen;
welches ihm viel besser gelingt, als wenn er das schon Verarbeitete
nochmals umarbeiten wollte.
Der Reisende selbst hatte Gelegenheit, zu sehen, wie das vorging.
Mehrere Maler waren in einem Zimmer beschäftigt, ein munterer jung...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 892
zu haben.
Nun offenbarte sich, dies sei der Meister des Modells, der dasselbe
vor der Ausführung in Marmor hier einer nicht beurteilenden, sondern
praktischen Prüfung unterwarf und so alles, was jeder seiner
Mitarbeiter nach eigner Weise und Denkart daran gesehen, beibehalten
oder verändert, gen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 893
hören geben, eines, das ihr so ernst-lieblich vortragt; es bewegt
sich über das Ganze der Kunst und ist mir selbst, wenn ich es höre,
stets erbaulich."
Nach einer Pause, in der sie einander zuwinkten und sich durch
Zeichen beredeten, erscholl von allen Seiten nachfolgender Herz und
Geist erheben...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 894
aber auch: welche Region kann eine gleiche Sorgfalt für dramatische
Poesie aufweisen, und wo könnte ich mich darüber belehren? Ich sah
mich unter allen euren Gebäuden um und finde keines, das zu einem
solchen Zweck bestimmt sein könnte."
"Verhehlen dürfen wir nicht auf diese Anfrage, daß in uns...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 895
Kunst noch Handwerk, noch als Liebhaberei verleugnen kann."
Wilhelm sah mit einem tiefen Seufzer vor sich nieder, denn alles auf
einmal vergegenwärtigte sich ihm, was er auf und an den Brettern
genossen und gelitten hatte; er segnete die frommen Männer, welche
ihren Zöglingen solche Pein zu ersp...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 896
unwillig uns hinzugeben, denn unser Freund sieht sich angenehm
überrascht, da ihm abermals einer von den Dreien, und zwar ein
besonders zusagender, vor die Augen tritt. Entgegenkommende Sanftmut,
den reinsten Seelenfrieden verkündend, teilte sich höchst erquicklich
mit. Vertrauend konnte der Wa...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 897
Gegend sich verbreitend.
Nachdem nun der Gefährte sich einige Zeit an der Verwunderung des
Gastes ergötzt, denn ihre Gesichter und Gestalten erschienen durch
das Licht aus der Ferne erhellt, so wie ihr Weg, begann er zu
sprechen: "Ihr seht hier freilich ein wunderliches Schauspiel; diese
Lichter...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 898
und machen schweigsame Schüler."
An vielen Tafeln speiste man nach dieser Feierlichkeit. Alle Gäste,
die geladen oder ungeladen sich eingefunden, waren vom Handwerk,
deswegen denn auch an dem Tische, wo Montan und sein Freund sich
niedergesetzt, sogleich ein ortgemäßes Gespräch entstand; es war...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 899
größere und kleinere Gebirgsstrecken aus der Atmosphäre
herunterfallen und weite, breite Landschaften durch sie überdeckt
werden lasse. Sie beriefen sich auf größere und kleinere Felsmassen,
welche zerstreut in vielen Landen umherliegend gefunden und sogar noch
in unsern Tagen als von oben herab...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 900
erwiderte Montan: "Ich weiß so viel wie sie und möchte darüber gar
nicht denken."--"Hier aber", versetzte Wilhelm, "sind so viele
widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der
Mitte."--"Keineswegs!" erwiderte Montan: "in der Mitte bleibt das
Problem liegen, unerforschlich ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 901
Montan geleitete seinen Freund nunmehr in dem Bergrevier methodisch
umher, überall begrüßt von einem derben "Glück auf!", welches sie
heiter zurückgaben. "Ich möchte wohl", sagte Montan, "ihnen manchmal
zurufen: "Sinn auf!", denn Sinn ist mehr als Glück; doch die Menge
hat immer Sinn genug, wenn...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 902
Ausbildung gemäß einzuteilen und zu benutzen.
Hier nun war zufälligerweise vieles Redens keine Not, denn ein
bedeutendes Ereignis gab unserm Freunde Gelegenheit, sein erworbenes
Talent geschickt und glücklich anzuwenden und sich der menschlichen
Gesellschaft als wahrhaft nützlich zu erweisen.
W...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 903
denen er allenfalls etwas anbieten dürfte; durch allerlei Wendungen
weiß er es einzuleiten, daß ich mich ihm nenne. "Hersilie", spricht
er bescheiden, "wird Hersilie verzeihen, wenn ich eine Botschaft
ausrichte?" Ich sehe ihn verwundert an, er zieht das kleinste
Schiefertäfelchen hervor, in ein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 904
wegzuwischen; aber jener nahm es mir so zierlich aus der Hand, bat
mich um irgendeine fürsorgliche Einhüllung, und so geschah's, daß ich,
weiß ich doch nicht, wie's geschah, das Täfelchen in das
Brieftäschchen steckte, das Band darumschlang und zugeheftet dem
Knaben hinreichte, der es mit Anmut e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 905
die Sache so zu denken; ich erniedrige den guten Felix zur Kindheit
herab, und mich sehe ich doch auch nicht in einer vorteilhaften
Stellung. Ach welch ein Unterschied ist es, ob man sich oder die
andern beurteilt.
Eilftes Kapitel Wilhelm an Natalien
Schon Tage geh' ich umher und kann ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 906
Mittel zum Zwecke. Natürlich ist es daher immer, daß er leisten will,
was er leisten sieht; das Natürlichste jedoch wäre, daß der Sohn des
Vaters Beschäftigung ergriffe. Hier ist alles beisammen: eine
vielleicht im Besondern schon angeborne, in ursprünglicher Richtung
entschiedene Fähigkeit, so...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 907
Die Freuden des Tags so eng zu konzentrieren, war freilich schwer:
zwei Freunde sollten besucht und ihre Ansprüche auf seltene
Unterhaltung befriedigt werden; indessen hoffte man, mit großer
Pünktlichkeit alles zu erfüllen.
Am dritten Feiertag, mit dem frühsten, standen alle munter und
bereit, d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 908
zu uns, und der liebliche Duft gesammelter Frühlingsblumen schien
immer erquickender und balsamischer zu werden.
Wir hatten nun schon so eine Masse Stengel und Blüten
zusammengebracht, daß wir nicht wußten, wo mit hin; man fing jetzt an,
die gelblichen Röhrenkronen auszuzupfen, denn um sie war e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 909
ihn gleich wieder an den alten Ort zu bevorstehendem Fange geschickt
zu verbergen. Es war umher so warm und so feucht, man sehnte sich
aus der Sonne in den Schatten, aus der Schattenkühle hinab ins
kühlere Wasser. Da war es denn ihm leicht, mich hinunterzulocken,
eine nicht oft wiederholte Einl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 910
der übertätigen Hausfrau sich verspätendes Mittagessen machte mich
nicht ungeduldig, denn der Spaziergang in einem wohlgehaltenen
Ziergarten, wohin die Tochter, etwas jünger als ich, mir den Weg
begleitend anwies, war mir höchst unterhaltend. Frühlingsblumen
aller Art standen in zierlich gezeich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 911
selbst in ihr zu verschönen eine schöpferische Kraft erweist.
Es dämmerte schon, als wir uns der Waldecke wieder näherten, wo der
junge Freund meiner zu warten versprochen hatte. Ich strengte die
Sehkraft möglichst an, um seine Gegenwart zu erforschen; als es mir
nicht gelingen wollte, lief...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 912
entsetzte sich davor wie vor dem Schädlichsten, man fragte, man
forschte und erfuhr so viel: dieser letzte Kleine war am Ufer
geblieben, er las die Krebse auf, die sie ihm von unten zuwarfen.
Alsdann aber nach vielem Fragen und Widerfragen erfuhr man: Adolf mit
zwei verständigen Knaben sei unten ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 913
seiner Zähne waren fest verschlossen, die Lippen, auf denen der
Abschiedskuß noch zu ruhen schien, versagten auch das leiseste Zeichen
der Erwiderung. An menschlicher Hülfe verzweifelnd, wandt' ich mich
zum Gebet; ich flehte, ich betete, es war mir, als wenn ich in diesem
Augenblicke Wunder tun ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 914
chinesischen. Gott habe einem jeden Land das Notwendige verliehen,
es sei nun zur Nahrung, zur Würze, zur Arzenei; man brauche sich
deshalb nicht an fremde Länder zu wenden. So besorgte sie in einem
kleinen Garten alles, was nach ihrem Sinn die Speisen schmackhaft
mache und Kranken zuträglich w...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 915
wichtige Stelle bekleidete, sich großen Einfluß zu verschaffen gewußt.
Er war geizig gleich ihr, und zu seinem Unglück ebenso speiselustig
und genäschig. Ihm also unter irgendeinem Vorwande ein schmackhaftes
Gericht auf die Tafel zu bringen, blieb ihre erste Sorge. Sein
Gewissen war nicht das z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 916
guten Willens, unabhängig von jeder andern Bedingung.
In Gefolg einer solchen Gemütsart mußte er nun bestimmt werden, eine
schon früher angeregte wohltätige Angelegenheit wieder zur Sprache zu
bringen; es war die Wiederbelebung der für tot Gehaltenen, auf welche
Weise sich auch die äußern Zeiche...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 917
Mannigfaltigen, was mir noch zu sagen übrigbleibt, habe ich die Wahl,
was ich zuerst vornehmen will; aber auch dies ist gleichgültig, du
mußt dich eben in Geduld fassen, lesen und weiter lesen, zuletzt wird
denn doch auf einmal hervorspringen und dir ganz natürlich scheinen,
was mit einem Worte a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 918
Unbegreifliches deutet, erquickt uns in Verlegenheiten und ermutigt
unsere Hoffnungen; aber schöner wäre es, wenn du dich durch jene
Werkzeuge hättest anreizen lassen, auch ihren Gebrauch zu verstehen
und dasjenige zu leisten, was sie stumm von dir fordern."
"Laß mich bekennen", versetzte ich da...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 919
das böse Geschick grimmiger als der Tod, und ebenso rücksichtslos, ja
noch auf eine schmählichere, Lust und Leben verletzende Weise.
Du kennst ihn und denkst ohne Anstrengung, daß er mich so wenig als
die Welt schonte. Am stärksten aber lehnte er sich auf das Argument,
das er im Namen der große...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 920
der Gesellschaft erscheinen und euren Wegen, mit einer gewissen
Sicherheit, mich anschließen; mit einigem Stolze, denn es ist ein
löblicher Stolz, euer wert zu sein.
II. Buch, Betrachtungen im Sinne der Wanderer--1
Betrachtungen im Sinne der Wanderer
Kunst, Ethisches, Natur
Alles Gescheite i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 921
In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber
Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten
Schülers am Geschäft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche
Maler hervorgegangen.
Ein anderes ist die Nachäffung, zu welcher die natürliche allgemeine
Tätigkeit des ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 922
er lernt, verkäufliche dem Liebhaber anmutige und liebliche Blätter
hervorzubringen.
Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt und
vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so
ist sie für den Liebhaber oft reizender als ein größeres ausgeführtes
Werk.
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 923
Zerstörte wiederherzustellen.
Ganze, Halb--und Viertelsirrtümer sind gar schwer und mühsam
zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen,
wohin es gehört.
Es ist nicht immer nötig, daß das Wahre sich verkörpere; schon genug,
wenn es geistig umherschwebt und übereinstimmung bew...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 924
gehört uns an, und wir sind es.
Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Wege,
entsetzliches Unglück anzurichten.
"Blasen ist nicht flöten, ihr müßt die Finger bewegen."
Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae
nennen; man kann eben auch sagen, daß es ink...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 925
Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch
schon Blätter für sämtliche Tageszeiten! ein guter Kopf könnte wohl
noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein
jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins öffentliche
geschleppt. Niemand darf sich f...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 926
Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten sehr verschieden; deswegen
auch niemand darüber im ganzen leicht klug werden kann.
Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände, sie seien nun ganz
roh, halbkultiviert, oder bei Abänderung einer Kultur, beim
Gewahrwerden einer fremden Kultur, daß man al...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 927
wenn sie zugleich wahr und würdig sein will.
Die Malerei ist die läßlichste und bequemste von allen Künsten. Die
läßlichste, weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen,
auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine Kunst ist, vieles zugute
hält und sich an ihr erfreut; teils weil ein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 928
es bei Schätzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten
auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt.
Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus,
den sie erregt.
Eigentümlichkeit ruft Eigentümlichkeit hervor.
Man muß bedenken, daß unter den Menschen gar viele...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 929
Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des
Geschrieben-überlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es
finden sich in demselben wirkliche Lücken, Schreibfehler, die eine
Lücke im Sinne machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu
tadeln sein mag. Nun findet sich eine zweite Absc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 930
ihm vergleichbar.
Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der, daß ihre
Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils aber
könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es verstünde.
Hiebei aber haben jene immer das voraus, daß natürliche Menschen
sich b...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 931
über die Räder; was hilft es ihm, gleichgültig durchs Tal
hinzuschleichen.
Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt, der hat
Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne.
Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns
an den Zusammenhang ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 932
ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes: Die Menschheit
ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht befriedigt, so
erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie
gleichgültig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen
beiden Zuständen; und seinen Verst...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 933
die Gesamtheit.
Die Geschichte der Wissenschaften ist eine große Fuge, in der die
Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen.
Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht
gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hülfe ruft; aber
nicht jene Schul--und Wortw...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 934
so sieht jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts und links
nach Hülfsmitteln um, damit er sich und andere bestärken möge. Des
Wahren bedient man sich solange es brauchbar ist; aber
leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es
für den Augenblick nutzen, damit als ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 935
wenige große Gesetze bezieht, die sich überall manifestieren.
Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Fälle.
Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fürchten: einmal sich dem Witz
hinzugeben, wo sie in nichts zerfließt; die andere, sich mit Tropen
und Gleichniss...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 936
Hypothesen abstrus und wunderlich.
Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die
allerschlimmsten.
Um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist, braucht man nicht
um die Welt zu reisen.
Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen; das Besondere ist das
Allgemeine, unter ve...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 937
In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so
gut als im Sittlichen; nur bedenke man, daß man dadurch nicht am Ende,
sondern erst am Anfang ist.
Das Höchste wäre, zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie
ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der
Chr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 938
kein Problem stehenlassen und sich etwa in einiger Entfernung da
herumbewegen. Gleich muß etwas bestimmt sein ("bepaalt" sagt der
Holländer), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu
besitzen, bis ein anderer die Pfähle wieder ausreißt und sogleich
enger oder weiter abermals wieder ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 939
besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemüht ist. Tüchtige
Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen
will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar
an ihrem Dasein.
Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fühlte, würde
mit niem...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 940
die gegenwärtige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu
knüpfen.
Gleiche oder wenigstens ähnliche Wirkungen werden auf verschiedene
Weise durch Naturkräfte hervorgebracht.
Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie besteht aus
wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 941
ihn hindern könnten, dem Wahren die Ehre zu geben.
Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das
Schwierige erklären zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen
Körper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl
anerkannt, aber nicht überall eingestanden.
Man sehe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 942
Punkt zu erreichen, quer durchs Land gehen mußte, so sah er sich
genötigt, die Reise zu Fuße zu machen und das Gepäck hinter sich her
tragen zu lassen. Für seinen Gang aber ward er auf jedem Schritte
reichlich belohnt, indem er unerwartet ganz allerliebste Gegenden
antraf; es waren solche, wie s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 943
ereignen möchte, abwarten.
Hier fand nun der Herantretende einen weiten, saubern Raum, außer
Bänken und Tischen völlig leer; desto mehr verwunderte er sich, eine
große Tafel über einer Tür angebracht zu sehen, worauf die Worte in
goldnen Buchstaben zu lesen waren: "Ubi homines sunt modi sunt";
w...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 944
Lied begleitet wird, das sich mir auf eine oder die andere Weise
gefällig vergegenwärtigt."
"Erinnert Ihr Euch eines solchen, so schreibt es uns auf", sagten
jene; "wir wollen sehen, ob wir Euren singenden Dämon zu begleiten
wissen." Er nahm hierauf ein Blatt aus seiner Schreibtafel und
übergab...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 945
war es, daß er den Refrain an seinem Teile sogleich verändert und
zwar dergestalt sang:
"Du im Leben nichts verschiebe;
Sei dein Leben Tat um Tat!"
Ferner konnte man denn auch gar bald bemerken, daß er das Tempo zu
einem langsameren Schritt herniederziehe und die übrigen nötige, sich
ihm z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 946
nannten sie den Riesen, ein beseitigtes gutes Glas Wein zum
Schlaftrunk, und ein heiterer Gesang hielt noch einige Zeit die
Gesellschaft für das Ohr zusammen, die dem Blick bereits
auseinandergegangen war; worauf denn Wilhelm in ein Zimmer geführt
wurde von der anmutigsten Lage. Der Vollmond, ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 947
zugleich scheint Ihr aber die Gesetze der Gesellschaft genau zu
beobachten."
Schalkhaft lächelnd, den Finger auf den Mund legend, schlich der
Schweigsame zur Türe hinaus. "Wahrlich!" rief ihm Wilhelm nach: "Ihr
seid jener Rotmantel, wo nicht selbst, doch wenigstens gewiß ein
Abkömmling; es ist ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 948
unter den protestantischen Gottesverehrern gerade die drei andern.
Wie die übrigen ihrer Andacht pflegen mochten, ward nicht bekannt, so
viel aber getraute er sich zu schließen, daß in dieser Gesellschaft
eine entschiedene Religionsfreiheit obwalte.
Zu Mittag kam demselben am Schloßtore der Vogt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 949
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei's in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat."
Kaum hatte dieser Zwiegesang, von einem gefällig mäßigen Chor
begleitet, sich zum Ende geneigt, als gegenüber sich zwei andere
Sänger ungestüm erhuben, welche mit ernster Hefti...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 950
erfreulichen, aufmunternden Tönen zu genießen, worauf denn dieses
Abschiedsglas für diesmal gebracht sei!" Er leerte sodann seinen
Becher und setzte sich nieder; die vier Sänger standen sogleich auf
und begannen in abgeleiteten, sich anschließenden Tönen:
"Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 951
Mein Zustand kommt mir vor wie ein Trauerspiel des Alfieri; da die
Vertrauten völlig ermangeln, so muß zuletzt alles in Monologen
verhandelt werden, und fürwahr, eine Korrespondenz mit Ihnen ist
einem Monolog vollkommen gleich; denn Ihre Antworten nehmen eigentlich
wie ein Echo unsre Silben nur o...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 952
gelegentlich und zeigt das Kittelchen vor, eh' er es absendet.
Mich treibt ein guter oder böser Geist, in die Brusttasche zu
greifen; ein winzig kleines, stachlichtes Etwas kommt mir in die Hand;
ich, die ich sonst so apprehensiv, kitzlich und schreckhaft bin,
schließe die Hand, schließe sie, sc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 953
wollen wir unter uns ausmachen; bis dahin bleibt es unter uns;
niemand wisse darum, es sei auch, wer es sei.
Hier aber, mein Freund, nun schließlich zu dieser Abbildung des
Rätsels was sagen Sie? Erinnert es nicht an Pfeile mit Widerhaken?
Gott sei uns gnädig! Aber das Kästchen muß zwische...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 954
wenn dadurch zuletzt auch wieder Worte veranlaßt werden, so sind
diese um so fruchtbarer und geisterhebender. Die Unterhaltungen
waren daher so belehrend als ergötzlich, denn die Freunde gaben sich
wechselseitig Rechenschaft vom Gange des bisherigen Lernens und Tuns,
woraus eine Bildung entstand...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 955
hinreichend, doch in möglichstes Zahl zu verschaffen, hatte man harte
Gesetze ergehen lassen, nicht allein Verbrecher, die ihr Individuum
in jedem Sinne verwirkt, sondern auch andere körperlich, geistig
verwahrloste Umgekommene wurden in Anspruch genommen.
Mit dem Bedürfnis wuchs die Strenge und...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 956
vergebens war die Bemühung der Eltern, Verwandten, ja des Liebhabers
selbst, der nur durch falschen Argwohn verdächtig geworden. Die
obern Behörden, die soeben das Gesetz geschärft hatten, durften keine
Ausnahme bewilligen; auch eilte man, so schnell als möglich die Beute
zu benutzen und zur Ben...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 957
nebeneinander her, als der Halbbekannte vor einem großen Tore
stillestand, dessen Pförtchen er aufschloß und unsern Freund
hineinnötigte, der sich sodann auf einer Tenne befand, groß, geräumig,
wie wir sie in alten Kaufhäusern sehen, wo die ankommenden Kisten
und Ballen sogleich untergefahren wer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 958
davon reden hören. Ich lasse mich nicht irremachen und bereite etwas
vor, welches in der Folge gewiß von großer Einwirkung sein wird. Der
Chirurg besonders, wenn er sich zum plastischen Begriff erhebt, wird
der ewig fortbildenden Natur bei jeder Verletzung gewiß am besten zu
Hülfe kommen; den A...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 959
überraschung, daß sie durch die Tat wieder hervorgerufen werde; er
gewann Leidenschaft für diese Arbeit und ersuchte den Meister, in
seine Wohnung aufgenommen zu werden. Hier nun arbeitete er
unablässig; auch waren die Knochen und Knöchelchen des Armes in
kurzer Zeit gar schicklich verbunden. V...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 960
jenen sich heranbildenden Provinzen ganz besonders am Platze, ja
höchst notwendig, besonders unter natürlich gesitteten, wohldenkenden
Menschen, für welche die wirkliche Zergliederung immer etwas
Kannibalisches hat. "Geben Sie zu, daß der größte Teil von ärzten
und Wundärzten nur einen allgemein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 961
der Natur? Aber vom Jahrhundert kann man dies nicht verlangen, ohne
Feigenblätter und Tierfelle kommt es nicht aus, und das ist noch viel
zu wenig. Kaum hatte ich etwas gelernt, so verlangten sie von mir
würdige Männer in Schlafröcken und weiten ärmeln und zahllosen Falten;
da wendete ich mich ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 962
werde unser Wissen immerfort an solchen Gegenständen erfrischt, deren
Zerstückelung unser menschliches Gefühl nicht verletze, bei deren
Anblick uns nicht, wie es Ihnen bei jenem schönen, unschuldigen Arm
erging, das Messer in der Hand stocke und alle Wißbegierde vor dem
Gefühl der Menschlichkeit ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 963
etwas anderes. Was du vorbringst, hör' ich schon zum voraus von
Unterrichteten und Laien wiederholen; von jenen aus Vorurteil und
Bequemlichkeit, von diesen aus Gleichgültigkeit. Ein Vorhaben wie das
ausgesprochene kann vielleicht nur in einer neuen Welt durchgeführt
werden, wo der Geist Mut fa...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 964
Gesetze geben und nichts ausrichten. Vorsicht und Verbot helfen in
solchen Fällen nichts; man muß von vorn anfangen. Und das ist's, was
mein Meister und ich in den neuen Zuständen zu leisten hoffen, und
zwar nichts Neues, es ist schon da; aber das, was jetzo Kunst ist, muß
Handwerk werden, was ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 965
rief jener aus, "nun erkenne ich dich wieder! Das erstemal seit
langer Zeit hast du wieder gesprochen wie einer, dem etwas wahrhaft
am Herzen liegt; zum erstenmal hat der Fluß der Rede dich wieder
fortgerissen, du hast dich als einen solchen erwiesen, der etwas zu
tun und es anzupreisen imstande...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 966
Tageslicht hervortritt. Wir wollen von unsrer Seite dieser
Angelegenheit einen Anstoß geben. Die Empfehlung muß von außen
herkommen, und in unsern neuen Verhältnissen soll das nützliche
Unternehmen gewiß gefördert werden."
Viertes Kapitel
Des andern Morgens beizeiten trat Friedrich mit ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 967
befriedigte. Und nun bin ich, wo's not tut, gleich eine ganze
Kanzlei, außerdem führen wir noch so eine zweibeinige Rechenmaschine
bei uns, und kein Fürst mit noch so viel Beamten ist besser versehen
als unsre Vorgesetzten."
Heiteres Gespräch über dergleichen Tätigkeiten führte die Gedanken
auf...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 968
Augenblick unserer neuen Bekanntschaft getroffen; ich war versunken,
verschlungen in das wunderlichste Verlangen, in eine unwiderstehliche
Begierde, es konnte damals nur von der nächsten Stunde die Rede sein,
vom schweren Leiden, das mir bereitet war, das mir selbst zu schärfen
ich mich so emsig ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 969
Techniker, welche Mittel und Zweck verwechseln, lieber Zeit auf
Vorbereitungen und Anlagen verwenden, als daß sie sich recht ernstlich
an die Ausführung hielten. Wo wird uns jedoch praktisch tätig
erweisen konnten, war bei Auszierung der Parkanlagen, deren kein
Gutsbesitzer mehr entbehren durfte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 970
eingetroffen in einer leidlichen Herberge und ward schon vor
Tagesanbruch aus erquicklichem Schlaf durch ein andauerndes
Schellen--und Glockengeläute zu meinem großen Verdruß aufgeweckt.
Eine große Reihe Saumrosse zog vorbei, eh' ich mich hätte ankleiden
und ihnen zuvoreilen können. Nun erfuhr i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 971
schien von seinem Geschäft sehr gut unterrichtet, und da es mir auch
nicht ganz unbekannt geblieben war, so gab es eine angenehme und
nützliche Unterhaltung. Indessen war der ganze Zug vor uns vorüber,
und ich erblickte nur mit Widerwillen auf dem in die Höhe sich
schlängelnden Felsweg die unabs...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 972
zusammen; man kam sogar an einem mit schroffen Felsen umgebenen
kleinen See vorbei. Endlich traten einzeln und dann mehr gesellig
Fichten, Lärchen und Birken hervor, dazwischen sodann zerstreute
ländliche Wohnungen, freilich von der kärglichsten Sorte, jede von
ihren Bewohnern selbst zusammengez...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 973
auch als Hausarzt zeigen; Wundertropfen, Salze, Balsame führte er
jederzeit bei sich.
In die verschiedenen Häuser eintretend fand ich Gelegenheit, meiner
alten Liebhaberei nachzuhängen und mich von der Spinnertechnik zu
unterrichten. Ich ward aufmerksam auf Kinder, welche sich sorgfältig
und em...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 974
die schnurrenden Räder haben eine gewisse Beredsamkeit, die Mädchen
singen Psalmen, auch, obwohl seltener, andere Lieder.
Zeisige und Stieglitze, in Käfigen aufgehangen, zwitschern
dazwischen, und nicht leicht möchte ein Bild regeren Lebens gefunden
werden als in einer Stube, wo mehrere Spinneri...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 975
die Arbeit jedoch ging ihren Gang; nun beschäftigte man sich mit dem
Haspeln und zeigte schon viel freier teils die Maschine, teils die
Behandlung vor, und ich schrieb sorgfältig auf.
Der Haspel hat Rad und Zeiger, so daß sich bei jedesmaligem Umdrehen
eine Feder hebt, welche niederschlägt, soof...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 976
Kattune gelte, wo der Einschlag trocken eingetragen und nicht sehr
dicht geschlagen wird; sie zeigte mir denn auch solche trockene Ware;
diese ist immer glatt, ohne Streifen und Quadrate oder sonst irgendein
Abzeichen, und nur fünf bis fünfeinhalbes Viertel Elle breit.
Der Mond leuchtete hell vo...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 977
hätten erzittern mögen, und man riet, bei unserer heutigen längeren
Wanderung wohl auf der Hut zu sein. Wir suchten die guten Leute
möglichst zu beruhigen, welches in dieser Einöde jedoch schwer
erschien.
Der Garnbote erklärte nunmehr, daß er eiligst sein Geschäft abtun
und alsdann kommen wolle...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 978
gestaltet, hat Löcher auf beiden Seiten, durch welche die Fäden
gezogen sind; dieses befindet sich in der Rechten des Zettlers, mit
der Linken faßt er die Fäden zusammen und legt sie, hin und wider
gehend, auf den Zettelrahmen. Einmal von oben herunter und von unten
herauf heißt ein Gang, und na...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 979
herankommen, dann rief auch er mit Verwunderung: "Dank' Euch Gott,
Gevatter Geschirrfasser! Woher des Landes? welche unerwartete
Begegnung!" Jener antwortete herantretend: "Schon zwei Monate
schreit' ich im Gebirg herum, allen guten Leuten ihr Geschirr
zurechtzumachen und ihre Stühle so einzuri...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 980
ersten Begrüßungen und einigen Scherzen, folgte der Schirrfasser, und
es war auffallend, daß sein Hereintreten eine freudige überraschung
in der Familie hervorbrachte. Vater, Mutter, Töchter und Kinder
versammelten sich um ihn; einem am Weberstuhl sitzenden,
wohlgebildeten Mädchen stockte das Sc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 981
sie sich halte, und nun beginnt das Eindrehen.
Vom alten Gewebe ist noch etwa eine Viertelelle am zweiten Weberbaum
übriggeblieben, und von diesem laufen etwa drei Viertelellen lang die
Fäden durch das Blatt in der Lade sowohl als durch die Flügel des
Geschirrs. An diese Fäden nun dreht die Web...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 982
Zwischendurch ließ sich wohl auch Gesang hören, meistens Ambrosius
Lobwassers vierstimmige Psalmen, seltener weltliche Lieder; dann
bricht auch wohl ein fröhlich schallendes Gelächter der Mädchen aus,
wenn Vetter Jakob einen witzigen Einfall gesagt hat.
Eine recht flinke und zugleich fleißige We...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 983
glücklichsten Verhältnis der Pflichten zu den Fähigkeiten und Kräften.
Um sie her bewegt sich ein Kreislauf von Handarbeitenden im
reinsten, anfänglichsten Sinne; hier ist Beschränktheit und Wirkung in
die Ferne, Umsicht und Mäßigung, Unschuld und Tätigkeit."
Aber diesmal mehr aufregend als besc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 984
Freund, es sei eine junge Witwe, die in guten Umständen ein
reichliches Gewerbe mit den Erzeugnissen des Gebirges betreibe, wovon
sich der wandernd Reisende morgen gleich selbst überzeugen könne,
indem man auf dem eingeschlagenen Wege zeitig bei ihr eintreffen
werde. "Ich habe sie schon verschie...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 985
nötig als willkommen. Da nun aber diese Beschäftigung gewöhnlich
eine große und oft lästige Geschwätzigkeit mit sich führt, so hat er
sich zu eigner Bildung eine Bedingung gefallen lassen; wie denn jeder,
der unter uns leben will, sich von einer gewissen Seite bedingen muß,
wenn ihm nach anderen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 986
immer in der Erinnerung unruhig macht, ja sogar eine endliche
Entwicklung hoffen läßt. Sie möchte schwerlich ihresgleichen finden.
Vorerst sei gestanden, daß ich meinen Lebenswandel nicht immer so
eingerichtet, um der nächsten Zeit, ja des nächsten Tages ganz sicher
zu sein. Ich war in meiner ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 987
Nacht hier bleiben würde.
Nun waren wir allein in dem Zimmer, sie hieß mich das Kästchen auf
den Tisch setzen, der an der Wand stand, und als ich an einigen ihrer
Bewegungen merkte, daß sie allein zu sein wünschte, empfahl ich mich,
indem ich ihr ehrerbietig, aber feurig die Hand küßte.
"Bestel...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 988
leidenschaftlichen Neigung zurück, wenn Sie ein Glück nicht
verscherzen wollen, das Ihnen sehr nahe liegt, das aber erst nach
einigen Prüfungen ergriffen werden kann."
"Fordere, was du willst, englischer Geist!" rief ich aus, "aber
bringe mich nicht zur Verzweiflung." Sie versetzte lächelnd: "W...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 989
Zimmer leer, nur das Kästchen stand auf dem Tische, wo ich es
hingestellt hatte.
Der Wagen war vorgefahren, ich trug das Kästchen sorgfältig hinunter
und setzte es neben mich. Die Wirtin fragte: "Wo ist denn die Dame?"
Ein Kind antwortete: "Sie ist in die Stadt gegangen." Ich begrüßte
die Leut...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 990
lebhaft auf und ab, sprach mit mir selbst, verwünschte mich, warf
mich auf den Boden, zerraufte mir die Haare und erzeigte mich ganz
ungebärdig. Auf einmal höre ich in dem verschlossenen Zimmer nebenan
eine leise Bewegung und kurz nachher an der wohlverwahrten Türe
pochen. Ich raffe mich zusamm...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 991
Frauenzimmern bekannt, von denen ich mich durchaus nicht losreißen
konnte. Sie schienen mir ihre Gunst teuer anrechnen zu wollen; denn
indem sie mich immer in einiger Entfernung hielten, verleiteten sie
mich zu einer Ausgabe nach der andern, und da ich nur suchte, ihr
Vergnügen zu befördern, dac...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 992
durch Wein und Trompetenschall mächtig aufgeregt, als mir der
unangenehme Streich passierte, daß beim Nachtische ein älterer Freund
meiner liebsten Schönheit, von Reisen kommend, unvermutet hereintrat,
sich zu ihr setzte und ohne große Umstände seine alten Rechte geltend
zu machen suchte. Daraus...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 993
nebeneinander im Wagen, das Kästchen gegen uns über, am Platze der
dritten Person. Ich hatte desselben niemals gegen sie erwähnt; auch
jetzt fiel mir's nicht ein, davon zu reden, ob es uns gleich vor den
Augen stand und wir durch eine stillschweigende übereinkunft beide
dafür sorgten, wie es etw...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 994
oft im Finstern fuhr und es in meinem Wagen, wenn die Laternen
zufällig ausgingen, ganz dunkel war. Einmal bei so finsterer Nacht
war ich eingeschlafen, und als ich erwachte, sah ich den Schein eines
Lichtes an der Decke meines Wagens. Ich beobachtete denselben und
fand, daß er aus dem Kästchen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 995
eigentlich nichts denken. Darüber schlief ich ein, und als ich
erwachte, glaubte ich eben nur geträumt zu haben; doch fühlte ich
mich von meiner Schönen einigermaßen entfremdet, und indem ich das
Kästchen nur desto sorgfältiger trug, wußte ich nicht, ob ich ihre
Wiedererscheinung in völliger Men...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 996
selbst: "Ist es denn ein so großes Unglück, eine Frau zu besitzen,
die von Zeit zu Zeit eine Zwergin wird, so daß man sie im Kästchen
herumtragen kann? Wäre es nicht viel schlimmer, wenn sie zur Riesin
würde und ihren Mann in den Kasten steckte?" Meine Heiterkeit war
zurückgekehrt. Ich hätte s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 997
dazu, und alle geselligen Nächte mußten durch ihr Talent gekrönt
werden.
Ich will nur gestehen, daß ich mir aus der Musik niemals viel habe
machen können, ja sie hatte vielmehr auf mich eine unangenehme
Wirkung. Meine Schöne, die mir das bald abgemerkt hatte, suchte mich
daher niemals, wenn wir...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 998
mich hätte sollen zur Freude, zur Nachgiebigkeit stimmen. Im
Gegenteil wurde ich nur noch tückischer, als man eine Laute brachte
und meine Schöne ihren Gesang zur Bewunderung aller übrigen
begleitete. Unglücklicherweise erbat man sich eine allgemeine Stille.
Also auch schwatzen sollte ich nicht...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 999
auseinander, jeder fühlte sich einzeln, abgesondert, niemand glaubte
sich mehr gegenwärtig. Aber was soll ich denn von der letzten Strophe
sagen? Sie war allein an mich gerichtet, die Stimme der gekränkten
Liebe, die von Unmut und übermut Abschied nimmt.
Stumm führte ich sie nach Hause und erw...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1000
die den Feind verfolgten, wenn man sie ihm nachwarf, unsichtbar und
geheimnisvoll bindende Ketten, undurchdringliche Schilder und
dergleichen ihre berühmtesten Arbeiten. Jetzt aber beschäftigen sie
sich hauptsächlich mit Sachen der Bequemlichkeit und des Putzes und
übertreffen darin alle andern ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1001
Als nun aber die Riesen so ziemlich mit den Drachen fertig geworden,
stieg ihnen gleichfalls der Mut und Dünkel, weswegen sie gar manches
Frevele, besonders auch gegen die guten Zwerglein, verübten, welche
denn abermals in ihrer Not sich zu dem Herrn wandten, der sodann aus
seiner Machtgewalt die...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1002
"Aber sage mir, mein liebes Kind, wie kommst du zu dieser großen und
ansehnlichen Gestalt? denn ich kenne wenig Frauen, die sich dir an
prächtiger Bildung vergleichen können."--"Das sollst du erfahren",
versetzte meine Schöne. "Es ist von jeher im Rat der Zwergenkönige
hergebracht, daß man sich ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1003
köstlichen Bahre, nicht ohne Beschwerlichkeit, den wundervollen Ring.
Er ward an die Schwelle des Gebäudes gelegt, gleich innerhalb, wo man
über sie hinübertritt. Manche Zeremonien wurden begangen, und nach
einem herzlichen Abschiede schritt ich zum Werke. Ich trat hinzu,
legte die Hand an den ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1004
schwieg, und sie schien mich zu verstehen.
Wir packten zusammen und setzten uns in den Wagen, das Kästchen
gegen uns über, dem ich aber noch nichts von einem Palast ansehen
konnte. So ging es mehrere Stationen fort. Postgeld und Trinkgeld
wurden aus den Täschchen rechts und links bequem und re...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1005
in ihr Reich, zu ihrer Familie mit übertreten. Dieser Vorschlag
gefiel mir nicht ganz, doch konnte ich mich einmal in diesem
Augenblick nicht von ihr losreißen, und ans Wunderbare seit geraumer
Zeit schon gewöhnt, zu raschen Entschlüssen aufgelegt, schlug ich ein
und sagte, sie möchte mit mir ma...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1006
und Späne verschiedene Teile herunter, da mir denn Türen, Fenster,
Säulengänge und alles, was zu einem vollständigen Palaste gehört, auf
einmal zu Gesichte kamen.
Wer einen künstlichen Schreibtisch von Röntgen gesehen hat, wo mit
einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und
S...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1007
Trauungszeremonie auf morgen ansetzte.
Wie schrecklich ward mir auf einmal zumute, als ich von Heirat reden
hörte: denn ich fürchtete mich bisher davor fast mehr als vor der
Musik selbst, die mir doch sonst das Verhaßteste auf Erden schien.
Diejenigen, die Musik machen, pflegte ich zu sagen, ste...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1008
möglich verbarg. Mein erstes Bemühen darauf war, den unglücklichen
Ring vom Finger zu schaffen, welches jedoch mir keineswegs gelingen
wollte, vielmehr mußte ich fühlen, daß er immer enger ward, sobald
ich ihn abzuziehen gedachte, worüber ich heftige Schmerzen litt, die
aber sogleich nachließen,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1009
besseres Maß als bei uns. Meinem kleinen Gaumen schmeckten die
zarten Bissen vortrefflich, ein Kuß von dem Mündchen meiner Gattin war
gar zu reizend, und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir alle
diese Verhältnisse höchst angenehm. Dabei hatte ich jedoch leider
meinen vorigen Zustand nicht ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1010
stehen, die ich ziemlich schwer fand, als ich sie aufhob und den
Fußpfad hinunter nach der Station trug, wo ich denn gleich einspannen
und fortfahren ließ. Unterwegs machte ich sogleich den Versuch, mit
den Täschchen an beiden Seiten. An der Stelle des Geldes, welches
ausgegangen schien, fand i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1011
sagte: Auch er habe es sich zur Pflicht gemacht, in gleichem Sinne zu
handeln und sich mit keiner Antiquität, sie sei auch noch so schön
und wunderbar, zu belasten, wenn er nicht wisse, wem sie früher
angehört und was für eine historische Merkwürdigkeit damit zu
verknüpfen sei. Nun zeige dieses ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1012
meiner Schatulle, der Schlüssel daneben, und wenn Sie eine Art von
Herz und Gemüt haben, so denken Sie, wie mir zumute ist, wie viele
Leidenschaften sich in mir herumkämpfen, wie ich Sie herwünsche, auch
wohl Felix dazu, daß es ein Ende werde, wenigstens daß eine Deutung
vorgehe, was damit gemein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1013
in großer Einsamkeit ein paar hübsche Mädchen zu Bewohnerinnen hatte.
Man wollte ausruhen, die Zeit verschleudern, verliebeln, eine Weile
wohlfeiler leben und deshalb desto mehr Geld vergeuden.
Es war gerade nach Tisch, als einige sich im erhöhten, andere im
erniedrigten Zustand befanden. Die e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1014
Fremde nicht nach einem Barbier gefragt?"-- "Freilich!" versetzte der
Kellner, "und es ist eine rechte Not. Der Kammerdiener des Herrn ist
schon zwei Tage zurückgeblieben. Der Herr will seinen Bart absolut
los sein, und unser einziger Barbier, wer weiß, wo er in die
Nachbarschaft hingegangen."
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1015
ich das Stoppelfeld vom Boden weg, wobei ich nicht versäumte, als es
an die Oberlippe kam, meinen Gönner bei der Nase zu fassen und sie
merklich herüber und hinüber zu biegen, wobei ich mich so zu stellen
wußte, daß die Wettenden zu ihrem größten Vergnügen erkennen und
bekennen mußten, ihre Seite...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1016
einer närrischen Handlung, die ich mit so vielem Ernste durchgeführt
hatte.
Als nach einiger Zeit sich die tobenden Wellen des Lachens
einigermaßen gelegt hatten, hielt ich mich für glücklich; die
Goldstücke hatte ich in der Tasche und den wohlverdienten Gulden dazu,
und ich hielt mich für ganz ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1017
Gepolter im Vorzimmer und die heftigsten Schläge an unsere Türe.
Raufbold schien entschieden, sich zu verteidigen, wiederholt aber
rief ich ihm und den übrigen zu: "Rettet euch! hier sind Schläge zu
fürchten nicht allein, aber Beschimpfung, das Schlimmere für den
Edelgebornen." Das Mädchen stür...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1018
Schritte zur allgemeinen Fortwanderung eingeleitet werden, heut
sollte sich's entscheiden, wer denn wirklich in die Welt hinaus gehen,
oder wer lieber diesseits, auf dem zusammenhängenden Boden der alten
Erde, verweilen und sein Glück versuchen wolle.
Ein munteres Lied erscholl in allen Straßen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1019
Bande. Wer möchte denn wohl die Grundfeste alles Daseins widerwärtig
berühren, Wert und Würde so schöner, einziger Himmelsgabe verkennen?
Und doch darf man sagen: Wenn das, was der Mensch besitzt, von
großem Wert ist, so muß man demjenigen, was er tut und leistet, noch
einen größern zuschreiben...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1020
abzuwarten, daß wir vertrieben werden, uns selbst vertreiben, das
Urteil der Verbannung gegen einander selbst aussprechend.
Hier ist nun Zeit und Ort, ohne Verdruß und Mißmut in unserm Busen
einer gewissen Beweglichkeit Raum zu geben, die ungeduldige Lust
nicht zu unterdrücken, die uns antreibt,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1021
vollendeter, ausgezeichneter Männer, jener edlen Naturforscher, die
jeder Beschwerlichkeit, jeder Gefahr wissentlich entgegengehen, um der
Welt die Welt zu eröffnen und durch das Unwegsamste hindurch Pfad und
Bahn zu bereiten.
Sehet aber auch auf glatten Heerstraßen Staub auf Staub in langen
Wol...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1022
und Palette von Gesicht zu Gesicht? und werden seine Kunstgenossen
nicht bald da-, bald dorthin berufen, weil überall zu bauen und zu
bilden ist? Lebhafter jedoch schreitet der Musiker daher, denn er
ist es eigentlich, der für ein neues Ohr neue überraschung, für einen
frischen Sinn frisches Ers...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1023
weniger gewandten Besitzer erst angenehm gemacht hat; aufs neue
dringt er in die Wüste, macht sich abermals in Wäldern Platz, zur
Belohnung jenes ersten Bemühens einen doppelt und dreifach größern
Raum, auf dem er vielleicht auch nicht zu beharren gedenkt.
Lassen wir ihn dort mit Bären und ander...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1024
Fürsten und Minister umlagern und die ganze bewohnte Welt mit
unsichtbaren Fäden überkreuzen. Auch deren ist keiner an Ort und
Stelle auch nur einen Augenblick sicher; im Frieden sendet man die
tüchtigsten von einer Weltgegend zur andern; im Kriege, dem siegenden
Heere nachziehend, dem flüchtige...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1025
vorschwebte; uns wechselseitig einen überblick der bewohnten und
bewohnbaren Welt zu geben, ist die angenehmste, höchst belohnende
Unterhaltung.
In solchem Sinne nun dürfen wir uns in einem Weltbunde begriffen
ansehen. Einfach-groß ist der Gedanke, leicht die Ausführung durch
Verstand und Kraft...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1026
fördern, wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt, welche aus den
drei Ehrfurchten entsprießt, zu denen wir uns sämtlich bekennen, auch
alle in diese höhere, allgemeine Weisheit, einige sogar von Jugend auf,
eingeweiht zu sein das Glück und die Freude haben. Dieses alles
haben wir in der fei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1027
gedenken."
Hierauf begehrte Lenardo einige Frist, die nötigsten Geschäfte des
Augenblicks zu besorgen, und nachdem diese bestimmt war, richtete
sich die Masse der übriggebliebenen anständig in die Höhe,
gleichfalls paarweise unter einem mäßig geselligen Gesang aus dem
Saale sich entfernend.
Odo...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1028
Alte sich nicht, des Freundes Ungeduld zu vermehren. Mehrere Lampen,
sagte sie, seien auf der Treppe dem Erlöschen ganz nahe, ausgesuchte
Lieblingsspeisen der Gefeierten könnten übergar werden, so sei es zu
befürchten. Die Kinder aus Langerweile fingen erst unartig an, und
aus Ungeduld wurden s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1029
Gleich dem jüngsten leidenschaftlichen Menschen, der nicht wo ein
noch aus weiß, rannt' ich die Gassen hin und wider. Ich hätte das
freie Feld gewonnen, aber ein kalter, feuchter Wind blies streng und
widerwärtig genug, um meinen Verdruß zu begrenzen."
Wir haben, wie an dieser Stelle auffallend...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1030
redlich. Bisher hab' ich am Herrn nichts bemerkt; eine Schöne paßt
ihm längst auf, bemüht sich um ihn. Wer weiß, wie er bisher gekämpft
hat. Nun bricht's los, diesmal treibt ihn die Verzweiflung, seinen
guten Willen nicht besser anerkannt zu sehen, bei Nacht aus dem Hause,
da geb' ich alles ve...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1031
welchen durch eine Folge von Generationen die edelsten Vorzüge
vererbt worden. In der Militärschule gebildet, ward ihm ein
gewandter Anstand zu eigen, der, mit den löblichsten Fähigkeiten des
Geistes verbunden, seinem Betragen eine ganz besondere Anmut verlieh.
Ein kurzer Hofdienst lehrte ihn di...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1032
Gespielinnen trotzig entgegnete: sie müßte keine Augen haben, wenn
sie für solche Vorzüge blind sein sollte.
Durch seine Heirat wurde nun wohl ein solcher Verdacht beschwichtigt,
aber durch heimliche Gegner dennoch im stillen fortgenährt und
gelegentlich wieder aufgeregt.
Die Staats--und Erbsch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1033
Von allem diesem, was wir aussprechen, mag in dem gegenwärtigen
bedenklichen Augenblick einiges dunkel und trübe, ein anderes klar
und deutlich ihm vor der Seele vorübergegangen sein. Genug, wenn wir
nach dieser vertraulichen Eröffnung, zu der Friedrichs gutes
Gedächtnis den Stoff mitgeteilt, un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1034
sich's bequem, im Saale fanden sie ein kaltes Abendessen; ich bot
Bouillon an, die ihnen willkommen schien."
Nun saßen die Damen bei Tische, die ältere speiste kaum, die schöne
Liebliche gar nicht; das Kammermädchen, das sie Lucie nannten, ließ
sich's wohl schmecken und erhob dabei die Vorzüge d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1035
Damen würden heraufsteigen und selbst danken. "Es ist ein Wirrwarr
ohne Grenzen", fuhr der Kellner fort; "ich begreife nicht, warum Sie
zaudern, sich sehen zu lassen; man hält Sie für einen alten Oheim, den
man wieder zu umarmen leidenschaftlich verlangt. Gehen Sie hinunter,
ich bitte. Sind de...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1036
hinaufsteigend, schien sie von der festlichen Erleuchtung keine
Kenntnis zu nehmen. Nun erfuhr die Alte von dem Bedienten, ein
Unglück sei unterwegs begegnet, der Wagen in einen Graben geworfen
worden, und was alles nachher sich ereignet.
Die Dame trat ins Zimmer: "Was ist das für eine Maskerad...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1037
verschaffen.
Florine, Besitzerin eines bedeutenden Rittergutes in der Nähe,
winters in der Stadt wohnend, verpflichtet gegen Odoard, dessen
staatswirtliche Einrichtung zufälliger-, aber glücklicherweise ihrem
Landsitz höchlich zugute kam und den Ertrag desselben in der Folge
bedeutend zu vermehr...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1038
obgleich von dem Burschen unterstützt, strauchelte sie jeden
Augenblick. Aber im Innern sah es noch wilder, noch wüster aus. Wie
ihr geschah, wußte sie nicht, begriff sie nicht.
Allein als sie ins Wirtshaus trat, in der kleinen Stube Florinen auf
dem Bette, die Wirtin und Lelio um sie beschäft...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1039
Berichtigung sich gar löblich durchschlang und in mannigfaltigem
Schwanken zu dem eigentlichen Zweck gefällig hinbewegte. Indessen
dürfen wir uns so lange nicht aufhalten und geben lieber gleich die
Resultate, als daß wir uns verpflichteten, sie erst nach und nach in
dem Geiste unsrer Leser herv...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1040
errichteten Telegraphen, wenn sie sonst nicht beschäftigt sind, den
Lauf der Stunden bei Tag und bei Nacht an, und zwar durch eine sehr
geistreiche Vorrichtung.
Unsre Sittenlehre, die also ganz praktisch ist, dringt nun
hauptsächlich auf Besonnenheit, und diese wird durch Einteilung der
Zeit, du...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1041
unbequem sein; wer sich unbequem erweist, wird beseitigt, bis er
begreift, wie man sich anstellt, um geduldet zu werden. Ist etwas
Lebloses, Unvernünftiges in dem Falle, so wird dies gleichmäßig
beiseitegebracht.
In jedem Bezirk sind drei Polizeidirektoren, die alle acht Stunden
wechseln, schic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1042
Gesetz aus. Unsre Strafen sind gelind; Ermahnung darf sich jeder
erlauben, der ein gewisses Alter hinter sich hat; mißbilligen und
schelten nur der anerkannte älteste; bestrafen nur eine
zusammenberufene Zahl.
Man bemerkt, daß strenge Gesetze sich sehr bald abstumpfen und nach
und nach loser we...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1043
der neuen Räume sind, welche einen bessern Anbau bedürfen, als ihnen
bisher zuteil ward. Dort hat die Natur große, weite Strecken
ausgebreitet, wo sie unberührt und eingewildert liegt, daß man sich
kaum getraut, auf sie loszugehen und ihr einen Kampf anzubieten. Und
doch ist es leicht für den E...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1044
Ich hatte keine andere Verpflichtung, als gut hauszuhalten. Was ist
leichter als das! Ebenso leicht ist es, Mißbräuche zu beseitigen,
menschlicher Fähigkeiten sich zu bedienen, den Bestrebsamen
nachzuhelfen. Dies alles ließ sich mit Verstand und Gewalt recht
bequem leisten, dies alles tat sich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1045
die Zwecke einig werden, viel seltener aber über die Mittel, dahin zu
gelangen. Denn das wahre Große hebt uns über uns selbst hinaus und
leuchtet uns vor wie ein Stern; die Wahl der Mittel aber ruft uns in
uns selbst zurück, und da wird der einzelne gerade, wie er war, und
fühlt sich ebenso isol...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1046
Zählen wir sie her in der Folge, wie sie den Bau in die Höhe richten
und nach und nach zur Wohnbarkeit befördern.
Die Steinmetzen nenn' ich voraus, welche den Grund--und Eckstein
vollkommen bearbeiten, den sie mit Beihülfe der Maurer am rechten Ort
in der genauesten Bezeichnung niedersenken. Di...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1047
auffallender; die gellende Fiedel einer Dorfschenke erregt die wackern
Glieder aufs kräftigste, und wir haben die unschicklichsten
Kirchenmusiken gehört, bei denen der Gläubige sich erbaute. Wollt
ihr nun gar auch die Poesie zu den freien Künsten rechnen, so werdet
ihr freilich sehen, daß diese ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1048
Wer gehorchet, der erreicht es,
Zeig' ein festes Vaterland.
Heil dem Führer! Heil dem Band!
Du verteilest Kraft und Bürde
Und erwägst es ganz genau,
Gibst dem Alten Ruh' und Würde,
Jünglingen Geschäft und Frau.
Wechselseitiges Vertrauen
Wird ein reinlich Häuschen bauen,
Schließen Hof und Garte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1049
aber laß mich indes diesem alten, geprüften Freunde den Inhalt
offenbaren und die zweifelhaften Zustände vorlegen, die wir ihm schon
so lange verheimlicht haben." Mit diesen Worten riß er unsern Freund
mit sich weg, und schon unterwegs rief er aus: "Sie ist gefunden,
längst gefunden! und es ist ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1050
Diesmal war der Weg frühe zurückgelegt; nach einigen Stunden
erblickten wir in einem ruhigen, nicht allzu weiten, flachen Tale,
dessen eine, felsige Seite von Wellen des klarsten Sees leicht
bespült sich widerspiegelte, wohl und anständig gebaute Häuser, um
welche ein besserer, sorgfältig gepfleg...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1051
allerdings das würdigste, liebenswürdigste Wesen von allen, die ich
auf meiner Gebirgsreise erblickte. Schon war ich von dem Gewerbe
unterrichtet genug, um mit ihr über das Geschäft, welches sie gut
verstand, mit Kenntnis sprechen zu können; meine einsichtige
Teilnahme erfreute sie sehr, und als...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1052
aber gönnen Sie mir's, wie es Ihnen ums Herz ist." Dabei sah mich ein
fremdes Gesicht mit so ganz bekannten erkennenden Augen an, daß ich
mich ganz durchdrungen fühlte und mich kaum zu fassen wußte. Meine
Kniee, mein Verstand wollten mir versagen, als man sie
glücklicherweise sehr eilig abrief....
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1053
Lippen, wie es wohl erscheint, wenn man etwas Erfreuliches zu sagen
zaudert; auch mir war es in dieser Verlegenheit gar lieblich zumute.
Wir gingen nebeneinander her, ich getraute mir nicht, ihr die Hand zu
reichen, so gern ich's getan hätte; wir schienen uns beide vor Worten
und Zeichen zu fürch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1054
Neugierigen warten auf die Neuigkeiten aus der Stadt, die
Putzliebenden auf die Kleidungsstücke oder Modesachen, die der
Reisende etwa mitzubringen Auftrag hatte; die Leckern endlich und
besonders die Kinder auf die Eßwaren, und wenn es auch nur Semmeln
wären.
Die Abfahrt aus der Stadt verzieht ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1055
Menschen herrschen und hausen, und ob ich gleich als Kind mich wild
und unbändig erwies, so war doch der Einfluß geistreicher Besitzer
auf ihre Umgebung unverkennbar. Die größte Wirkung jedoch auf ein
junges Wesen tat eine fromme Erziehung, die ein gewisses Gefühl des
Rechtlichen und Schickliche...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1056
bestärken, wodurch die Menschen sonst voneinander völlig entfernt
werden."
Ob ich gleich sie nicht scharf ansah, sondern nur von Zeit zu Zeit
wie zufällig aufblickte, bemerkt' ich doch mit Verwunderung und
Anteil, daß ihre Gesichtszüge durchaus den Sinn ihrer Worte zugleich
ausdrückten. Nach ei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1057
erhabener Naturszenen, was mich und meinen Bräutigam in ruhigen und
geschäftlosen Stunden am schönsten unterhielt. Treffliche
vaterländische Dichter hatten das Gefühl in uns erregt und genährt,
Hallers "Alpen", Geßners "Idyllen", Kleists "Frühling" wurden oft von
uns wiederholt, und wir betracht...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1058
dagegen sei, aus eigener Brust sittlich gleich geltende, gleich
wirksame, gleich beruhigende Gesinnungen hervorzurufen.
Die Eltern hatten unsre Verbindung stillschweigend vorausgesetzt,
und ich weiß nicht, wie es geschah, die Gegenwart des neuen Freundes
beschleunigte die Verlobung, es schien se...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1059
frohes Mitleben hoffend, frühzeitig geübt und noch vor kurzem durch
die rein belebenden Worte des geheimnisvollen Durchreisenden recht
eigentlich gestärkt hatte.
Doch darf ich nicht undankbar sein, da mir in diesem Zustand noch
ein tüchtiger Gehülfe geblieben ist, der als Faktor alles das besorg...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1060
gewendet, sprach er ganz deutlich: "Wie glücklich, glücklich! bald
sehen wir uns wieder!"
Ich stand, vor mich hinschauend und denkend, Mariechen kam zurück
und reichte mir ein Blatt, mit dem Vermelden, es sei dasselbige,
wovon gesprochen. Ich erkannte sogleich Wilhelms Handschrift, so wie
vorhi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1061
Daseins kennt, vielmehr das Geheimnis desselben von höchster Hand
verborgen wird, so tastet er nur, greift zu, läßt fahren, steht
stille, bewegt sich, zaudert und übereilt sich, und auf wie mancherlei
Weise denn alle Irrtümer entstehen, die uns verwirren."
"Sogar der Besonnenste ist im tägli...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1062
Pflicht angezogen und mit Willen beschäftigt schien. Sie fuhr fort:
"Es ist gewöhnlich und eingerichtet, daß das Gewebe gegen das Ende
der Woche fertig sei und am Sonnabendnachmittag zu dem Verlagsherrn
getragen werde, der solches durchsieht, mißt und wägt, um zu
erforschen, ob die Arbeit ordent...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1063
Erfreulicheres glaubte gehört und gefühlt zu haben.
Die Schöne-Gute, doppelt und dreifach ins Haus zurückgerufen,
übergab mich einem verständigen, unterrichteten Manne, der mir die
Merkwürdigkeiten des Gebirgs zeigen sollte. Wir gingen zusammen, bei
schönstem Wetter, durch reich abwechselnde G...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1064
sagte er, sich sammeln und den Gast, sobald er Kraft genug fühle, zu
sich rufen lassen."
Nach Tische ward unser Gespräch lebhafter und vertraulicher, aber
ebendeshalb konnte ich mehr empfinden und bemerken, daß sie etwas
zurückhielt, daß sie mit beunruhigenden Gedanken kämpfte, wie es ihr
auch n...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1065
entweder selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben zu
beschleunigen, oder aufzubrechen, die Besten und Würdigsten mit sich
fort zu ziehen und ein günstigeres Schicksal jenseits der Meere zu
suchen. Eins wie das andere hat sein Bedenken, aber wer hilft uns
die Gründe abwägen, die uns bestimm...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1066
zwei ganz verschiedene Naturen; der eine frei gesinnt und mitteilend,
der andere in früherer Jugend gedrückt, verschlossen, den geringsten
ergriffenen Besitz festhaltend, zwar frommer Gesinnung, aber mehr an
sich als an andere denkend.
Ich weiß recht gut, daß er von den ersten Zeiten her ein Aug...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1067
mehr wundersam erscheine. Der junge Mann, dem ich persönlich nicht
abgeneigt bin, der mir aber keineswegs meinen Gatten ersetzen noch
meine eigentliche Neigung erwerben würde"--sie seufzte, indem sie
dies sprach--, "wird seit einiger Zeit entschieden dringender, seine
Vorträge sind so liebevoll ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1068
bedürfe so viel Vorsicht und Leitung als ein solches. Diese
Betrachtung war ihr nicht fremd, sie hatte viel über alle
Verhältnisse gedacht, aber zuletzt sprach sie mit einem tiefen Seufzer:
"Ich habe diese Tage Ihres Hierseins immer gehofft, durch
vertrauliche Erzählung Trost zu gewinnen, aber i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1069
Lobgesängen Davids ist von mir unberührt geblieben, und ich füge hinzu,
aus eignem Sinne mit gestärktem Glauben: Warum hofft der Mensch nur
in die Nähe? da muß er handeln und sich helfen, in die Ferne soll er
hoffen und Gott vertrauen." Er faßte Lenardos Hand und so die Hand
der Tochter, und bei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1070
immer, so will ich dir sagen, dir beteuern bei den irdischen Resten
meines verklärten Vaters, daß ich zu diesem Herrn und Freunde kein
ander Verständnis habe, als das du kennen, billigen und teilen kannst
und dessen du dich erfreuen mußt."
Lenardo schauderte bis tief ins Innerste, alle drei stan...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1071
vielleicht rufst du, und nur allzubald, einen treuen Freund zurück,
den du vertreibst."
Peinlicher haben nicht leicht drei Menschen sich gegenübergestanden,
alle zusammen in Furcht, sich einander zu verlieren, und im
Augenblick nicht wissend, wie sie sich wechselseitig erhalten sollten.
Leiden...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1072
gegangen sind. Unter günstigen Vorbedeutungen reisten sie ab, und
hoffentlich bläht ein fördernder Wind ihre Segel. Die einzige
unangenehme Empfindung, eine wahre sittliche Trauer, nehmen sie mit:
daß sie Makarien vorher nicht ihren Besuch abstatten konnten. Der
Umweg war zu groß, das Unterneh...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1073
ihr nicht hoch an. Einen dergleichen Fehler, wenn es einer ist,
finden sie nicht anstößig, weil ein jeder wünschen und hoffen mag,
auch an die Reihe zu kommen.
Flavio, ihr Gemahl, rüstig, munter und liebenswürdig genug, schien
vollkommen ihre Neigung zu fesseln; sie mochte sich das Vergangene
s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1074
beifallswürdig und fand bei dem Astronomen und sonstigen Hausgenossen
guten Eingang.
Auch von unserm alten Herrn, dem würdigen Oheim, ward er besonders
ausgezeichnet, welcher, in mäßiger Ferne wohnend, diesmal mehr, als
er sonst pflegte, obgleich nur für Stunden, herüberkam, aber keine
Nacht, au...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1075
angestellten und mitwohnenden Frauen sehr gut aufgenommen: Philine
brachte ein paar allerliebste Kinder mit und zeichnete sich, bei
einer einfachen, sehr reizenden Kleidung, aus durch das Sonderbare,
daß sie von blumig gesticktem Gürtel herab an langer silberner Kette
eine mäßig große englische S...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1076
Familie, in Stoffen aller Art, zur Hand lagen. Da fand sie nun in
der Aussicht, das alles zu zerschneiden, die größte Glückseligkeit;
man mußte sie wirklich daraus entfernen und die Türen fest
verschließen, denn sie kannte weder Maß noch Ziel. Angela wollte
wirklich deshalb nicht als Braut beha...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1077
wie öfters der allzu lang Erwartete plötzlich und unverhofft
erscheint. Lydie schritt munter auf ihn zu, umarmte ihn freudig, und
indem sie ihn vor Makarien führte, rief sie aus: "Er soll erfahren,
was er dieser Göttlichen schuldig ist, und sich mit mir dankend
niederwerfen."
Montan, betroffen ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1078
vorauszusehen. Die Gespräche, die sie in Gegenwart Makariens führten,
waren höchst anziehend; wir finden aber nur weniges davon
niedergeschrieben, indem Angela seit einiger Zeit beim Zuhören minder
aufmerksam und beim Aufzeichnen nachlässiger geworden war. Auch
mochte ihr manches zu allgemein u...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1079
sagen. Er wird im stillen, im verborgenen fortwaltend wirken, und
eine Zeit wird kommen, wo man nach ihm und seinen überzeugungen fragt,
oder wo diese sich, bei verbreitetem allgemeinem Licht, auch wieder
hervorwagen dürfen.
Was jedoch weniger allgemein, obgleich unbegreiflich und
wunderseltsam...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1080
auch dort ward er gewahr, daß in der Menschennatur etwas Analoges zum
Starrsten und Rohsten vorhanden sei; dem andern gab von der
Gegenseite der Geist Makariens ein Beispiel, daß, wie dort das
Verbleiben, hier das Entfernen wohlbegabten Naturen eigen sei, daß
man weder nötig habe, bis zum Mittelp...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1081
nach frischen Gehülfen umsehen, welche er nicht ohne vorläufige
besondere Prüfung näher an sich anschloß. Einen solchen sendet er
nun an Makarien, um wegen Auszahlung der bedeutenden Summen zu
unterhandeln, welche diese Dame aus ihrem großen Vermögen dem neuen
Unternehmen, besonders in Rücksicht...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1082
indem ja alles, worüber seit so mancher Zeit die Rede gewesen, sich
nach und nach gebildet, aufgelöst und wieder gestaltet hatte.
Entschieden ist also auch nunmehr, daß die Schöne-Gute, sonst das
nußbraune Mädchen genannt, sich Makarien zur Seite füge. Der im
allgemeinen vorgelegte, auch von Le...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1083
zusammensetzen: sie fühle sich nicht wert, einer solchen Neigung wie
der ihres edlen Freundes durch Hingebung ihres geteilten Selbst zu
antworten. Ein Wohlwollen der Art verdiene die ganze Seele, das
ganze Vermögen eines weiblichen Wesens; dies aber könne sie nicht
anbieten. Das Andenken ihres ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1084
abzuholen.
Allgemeiner Bemerkungen konnte man hiebei sich nicht enthalten. Man
beachtete näher den seltenen Fall, der sich hier hervortat:
Leidenschaft aus Gewissen. Man gedachte zugleich anderer Beispiele
einer wundersamen Umbildung einmal gefaßter Eindrücke, der
geheimnisvollen Entwickelung ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1085
schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein auf ihr
inneres Selbst als von leuchtendem Wesen durchdrungen, von einem Licht
erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte.
Oft sah sie zwei Sonnen, eine innere nämlich und eine außen am
Himmel, zwei Monde, wovon der...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1086
durchaus ein edler Mensch, der sich jedoch erst eigentlich aus
Neugierde zu ihr heranfand. Als sie aber Vertrauen gegen ihn gewann,
ihm nach und nach ihre Zustände beschrieben, das Gegenwärtige ans
Vergangene angeschlossen und in die Ereignisse einen Zusammenhang
gebracht hatte, ward er so von d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1087
höheren Himmelslichtes im Tierkreise Anlaß zu Folgerungen.
Dagegen entstanden Zweifel und Irrungen, weil die Schauende ein und
das andere Gestirn andeutete als gleichfalls in dem Zodiak
erscheinend, von dem man aber am Himmel nichts gewahr werden konnte.
Es mochten die damals noch unentdeckten k...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1088
Vorwand, es sei eine Dienerin, wozu sie sich aber gar nicht zu
schicken schien; wie sie denn auch beim An--und Auskleiden der
Herrinnen niemals gefordert wurde. Ihre einfache Tracht kleidete den
derben, wohlgebauten Körper gar schicklich, deutete aber, so wie die
ganze Person, auf etwas Ländlich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1089
die seinem Bezirk während der Anwesenheit jener Gäste zugegangenen
großen Vorteile mit einiger Selbstgefälligkeit vorzutragen und
auseinanderzusetzen sich bemühte. Allein dieses war nach seiner
eigenen überzeugung nur das Geringste; er hatte bemerkt, was für
große Wirkungen von tätigen, geschick...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1090
solchen bürgerlichen Unfall als ein Glück begreiflich, und da es
wirklich ein Glück war, daß gerade die in diesem Sinne brauchbarsten
Handwerker das Los getroffen hatte, so hielt es nicht schwer, die
Einleitung zu einer Möbelfabrik zu machen, die ohne weitläufigen Raum
und ohne große Umstände nur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1091
wieder zum Tor hinausstürzte und so eilig davonflog, daß dem Amtmann,
der oben aus seinen Fenstern nachschaute, kaum ein verfliegender
Staub anzudeuten schien, daß der verwirrte Reiter den rechten Weg
genommen habe.
Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen, und unser
Amtmann wollte s...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1092
von seinen übungen, von seinen Freuden umständlich und vertraulich.
Die Erinnerung an ältere Geschichten bringt uns auf das
Prachtkästchen, er weiß, daß ich's habe, und verlangt es zu sehen;
ich gebe nach, es war unmöglich zu versagen. Er betrachtet's,
erzählt umständlich, wie er es entdeckt, ic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1093
stieß ihn zürnend weg, meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand; ich
bedrohte, ich schalt ihn, befahl ihm, nie wieder vor mir zu erscheinen;
er glaubte meinem wahrhaften Ausdruck. "Gut!" sagte er, "so reit'
ich in die Welt, bis ich umkomme." Er warf sich auf sein Pferd und
sprengte weg. Noch ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1094
aufzufinden. Ich weiß nicht, ob ich den Tag segnen oder fürchten soll,
der uns wieder zusammenführt.
Endlich, endlich! verlangt der Bote seine Abfertigung; man hat ihn
lange genug hier aufgehalten, er soll die Wanderer mit wichtigen
Depeschen ereilen. In dieser Gesellschaft wird er Sie ja auch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1095
seine Füße stellte, Wilhelmen scharf ansah und rief: "Wenn ich leben
soll, so sei es mit dir!" Mit diesen Worten fiel er dem erkennenden
und erkannten Rettet um den Hals und weinte bitterlich. So standen
sie fest umschlungen, wie Kastor und Pollux, Brüder, die sich auf dem
Wechselwege vom Orkus...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1096
ebensolche Künste wie die Natur treibt.
Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen
wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen.
Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich,
sprechend und stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was m...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1097
eines fremden Wassers wird er wieder stark. Das widerfährt auch dem
Menschen von seinem Lehrer.
Da wir überzeugt sind, daß derjenige, der die intellektuelle Weit
beschaut und des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird, auch
wohl ihren Vater, der über allen Sinn erhaben ist, bemerken könne,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1098
wahrer eine größere und trefflichere Schönheit der Kunst besitzt,
vollkommener als alles, was nach außen hervortritt.
Denn indem die Form, in die Materie hervorschreitend, schon
ausgedehnt wird, so wird sie schwächer als jene, welche in Einem
verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1099
wird aber keineswegs verkürzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt,
vorausgesetzt daß ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre
Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende,
ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, daß das Gezeugte
vortrefflicher sein kann als d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1100
Sogar ist es selten, daß jemand im höchsten Alter sich selbst
historisch wird und daß ihm die Mitlebenden historisch werden, so daß
er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann.
Besieht man es genauer, so findet sich, daß dem Geschichtschreiber
selbst die Geschichte nicht leicht histo...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1101
einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du
gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen
kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder
tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein
guter Rat, der einem jeden prak...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1102
freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich
jederzeit kräftig erweist.
Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und
Verwickelung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten,
muß man sich immer die Frage vorlegen: Wie würde sich Plato gegen die
Nat...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1103
ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine
Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seine Verklärung war das
Pfand für eine ewige Dauer.
So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischst, so erfrischst das
Gebet die Hoffnungen des Herzens.
Ich bin überzeugt, d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1104
sein will.
Man wird nie betrogen, man betriegt sich selbst.
Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich zu
Kind verhält, so das Verhältnis Volkheit zum Volke ausdrückt. Der
Erzieher muß die Kindheit hören, nicht das Kind. Der Gesetzgeber und
Regent die Volkheit, n...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1105
nur durch einen Umweg wieder dahin zurück.
Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die
äußern und innern Erfahrungen ins allgemeine, in einen Zusammenhang.
Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern Welt,
in der wissenschaftlichen, erregt, denn daß ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1106
wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schönste
Folge, die praktische Blüte derselben, offenbar verkümmern.
Das schädlichste Vorurteil ist, daß irgendeine Art Naturuntersuchung
mit dem Bann belegt werden könne.
Jeder Forscher muß sich durchaus ansehen als einer, der z...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1107
berechnen läßt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum
entschiedenen Experiment bringen läßt.
Dafür steht ja aber der Mensch so hoch, daß sich das sonst
Undarstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle
mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers? Ja man
kan...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1108
auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfältig bewiesen hatte, daß
die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet
hätten, was nur in diesen Räumen zu finden gewesen von Materie, sagte
jener scherzhaft, nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch
unsichtbare Welten geben? Un...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1109
fortzusetzen, ferner die Gebirgsreihe einigemal von Norden nach Süden
zu durchschneiden, sodann Täler entstanden sein würden, worin gar
mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius eine
Felsenburg würde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen leicht mit
den Sternen rivalisierend sic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1110
organischen Fällen anzuwenden.
Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des
Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß, der ist als
Naturforscher in einer üblen Lage.
Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die
Stelle der Idee setzen.
Man ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1111
Geist und Sinn, anstatt daß die Südländer von ihnen eine glücklichere
Technik und die genaueste Ausführung von Norden her gewinnen.
Das deutsche Theater befindet sich in der Schlußepoche, wo eine
allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, daß sie keinem
einzelnen Orte mehr angehören, von ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1112
große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen.
Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei
demselben immer guten Willen voraus, daß es geneigt sei, auch das
Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhythmus zu
ergetzen und aus dem, was ihm...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1113
die wir bewundern oder tadeln? es ist immer nur der Autor, den wir
vor uns haben; was kümmern uns die Namen, wenn wir ein Geisteswerk
auslegen?
Wer will behaupten, daß wir Virgil oder Homer vor uns haben, indem
wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die
Schreiber haben wir ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1114
und doch ist sie nicht mechanisch; aber ich leugne, daß sie eine
Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Künste und Wissenschaften
erreicht man durch Denken, Poesie nicht, denn diese ist Eingebung;
sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst regte. Man sollte
sie weder Kunst noch Wi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1115
Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterließe man das
Forschen allzu früh.
Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der
wird übel dran sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen
Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man
sich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre: Leseprobe 1116
uns aufnehmen dürfen.
Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich und sinnig
benimmt, würde vielen andern zum Verderben gereichen.
Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert.
"Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er
irgendwo.
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