Leseprobe aus Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre:
ward, um zu sehen, was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der
halb durchsichtigen Hülle verbergen möchte, wies man jedem sein
Stühlchen an und gebot uns, in Geduld zu warten.
So saß nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der
Vorhang rollte in die Höhe und zeigte eine hochrot gemalte Aussicht in
den Tempel. Der Hohepriester Samuel erschien mit Jonathan, und ihre
wechselnden wunderlichen Stimmen kamen mir höchst ehrwürdig vor. Kurz
darauf betrat Saul die Szene, in großer Verlegenheit über die
Impertinenz des schwerlötigen Kriegers, der ihn und die Seinigen
herausgefordert hatte. Wie wohl ward es mir daher, als der
zwerggestaltete Sohn Isai mit Schäferstab, Hirtentasche und Schleuder
hervorhüpfte und sprach: "Großmächtigster König und Herr! es
entfalle keinem der Mut um deswillen; wenn Ihre Majestät mir erlauben
wollen, so will ich hingehen und mit dem gewaltigen Riesen in den
Streit treten."--Der erste Akt war geendet und die Zuschauer höchst
begierig zu sehen, was nun weiter vorgehen sollte; jedes wünschte, die
Musik möchte nur bald aufhören. Endlich ging der Vorhang wieder in
die Höhe. David weihte das Fleisch des Ungeheuers den Vögeln unter
dem Himmel und den Tieren auf dem Felde; der Philister sprach Hohn,
stampfte viel mit beiden Füßen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der
ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie dann nachher die
Jungfrauen sangen: "Saul hat tausend geschlagen, David aber
zehntausend!", der Kopf des Riesen vor dem kleinen Überwinder
hergetragen wurde und er die schöne Königstochter zur Gemahlin erhielt,
verdroß es mich doch bei aller Freude, daß der Glücksprinz so
zwergmäßig gebildet sei. Denn nach der Idee vom großen Goliath und
kleinen David hatte man nicht verfehlt, beide recht charakteristisch
zu machen. Ich bitte Sie, wo sind die Puppen hingekommen? Ich habe
versprochen, sie einem Freunde zu zeigen, dem ich viel Vergnügen
machte, indem ich ihn neulich von diesem Kinderspiel unterhielt."