Leseprobe aus Wilhelm Meister: Die Lehrjahre / Die Wanderjahre:
Auf dem großen Platze hub er seine Hände gen Himmel, fühlte alles
hinter und unter sich; er hatte sich von allem losgemacht. Nun dachte
er sich in den Armen seiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem
blendenden Theatergerüste, er schwebte in einer Fülle von Hoffnungen,
und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des Nachtwächters, daß er noch
auf dieser Erde wandle.
Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, und wie schön! wie
lieblich! In dem neuen weißen Negligè empfing sie ihn, er
glaubte sie noch nie so reizend gesehen zu haben. So weihte sie das
Geschenk des abwesenden Liebhabers in den Armen des gegenwärtigen ein,
und mit wahrer Leidenschaft verschwendete sie den ganzen Reichtum
ihrer Liebkosungen, welche ihr die Natur eingab, welche die Kunst sie
gelehrt hatte, an ihren Liebling, und man frage, ob er sich glücklich,
ob er sich selig fühlte.
Er entdeckte ihr, was vorgegangen war, und ließ ihr im allgemeinen
seinen Plan, seine Wünsche sehen. Er wolle unterzukommen suchen, sie
alsdann abholen, er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versagen.
Das arme Mädchen aber schwieg, verbarg ihre Tränen und drückte den
Freund an ihre Brust, der, ob er gleich ihr Verstummen auf das
günstigste auslegte, doch eine Antwort gewünscht hätte, besonders da
er sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freundlichste fragte, ob
er sich denn nicht Vater glauben dürfe. Aber auch darauf antwortete
sie nur mit einem Seufzer, einem Kusse.
I. Buch, 12. Kapitel
Zwölftes Kapitel
Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer Betrübnis; sie fand
sich sehr allein, mochte den Tag nicht sehen, blieb im Bette und
weinte. Die Alte setzte sich zu ihr, suchte ihr einzureden, sie zu
trösten; aber es gelang ihr nicht, das verwundete Herz so schnell zu
heilen. Nun war der Augenblick nahe, dem das arme Mädchen wie dem