Leseprobe aus Wilhelm Meister:
nehmen sollte, griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen,
versah mich mit einigen getrockneten Äpfeln und nahm genügsam noch
eine eingemachte Pomeranzenschale dazu: mit welcher Beute ich meinen
Weg wieder rückwärtsglitschen wollte, als mir ein paar nebeneinander
stehende Kasten in die Augen fielen, aus deren einem Drähte, oben mit
Häkchen versehen, durch den übel verschlossenen Schieber heraushingen.
Ahnungsvoll fiel ich darüber her; und mit welcher überirdischen
Empfindung entdeckte ich, daß darin meine Helden- und Freudenwelt
aufeinandergepackt sei! Ich wollte die obersten aufheben, betrachten,
die untersten hervorziehen; allein gar bald verwirrte ich die leichten
Drähte, kam darüber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da die Köchin
in der benachbarten Küche einige Bewegungen machte, daß ich alles, so
gut ich konnte, zusammendrückte, den Kasten zuschob, nur ein
geschriebenes Büchelchen, worin die Komödie von David und Goliath
aufgezeichnet war, das obenauf gelegen hatte, zu mir steckte und mich
mit dieser Beute leise die Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete.
Von der Zeit an wandte ich alle verstohlenen einsamen Stunden darauf,
mein Schauspiel wiederholt zu lesen, es auswendig zu lernen und mir in
Gedanken vorzustellen, wie herrlich es sein müßte, wenn ich auch die
Gestalten dazu mit meinen Fingern beleben könnte. Ich ward darüber in
meinen Gedanken selbst zum David und Goliath. In allen Winkeln des
Bodens, der Ställe, des Gartens, unter allerlei Umständen studierte
ich das Stück ganz in mich hinein, ergriff alle Rollen und lernte sie
auswendig, nur daß ich mich meist an den Platz der Haupthelden zu
setzen pflegte und die übrigen wie Trabanten nur im Gedächtnisse
mitlaufen ließ. So lagen mir die großmütigen Reden Davids, mit denen
er den übermütigen Riesen Goliath herausforderte, Tag und Nacht im
Sinne; ich murmelte sie oft vor mich hin, niemand gab acht darauf als
der Vater, der manchmal einen solchen Ausruf bemerkte und bei sich
selbst das gute Gedächtnis seines Knaben pries, der von so wenigem