Leseproben aus Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris

  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 1
    Personen: Iphigenie. Thoas, König der Taurier. Orest. Pylades. Arkas. Schauplatz: Hain vor Dianens Tempel Erster Aufzug. Erster Auftritt. Iphigenie. Heraus in eure Schatten, rege Wipfel Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines, Wie in der Göttin stilles Heiligthum Tret' ich noch jetzt m...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 2
    In deinen heil'gen sanften Arm genommen. Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann, Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest, Wenn du den göttergleichen Agamemnon, Der dir sein Liebstes zum Altare brachte, Von Troja's umgewandten Mauern rühmlich Nach seinem Vaterland zurück begleitet, Die Gattin ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 3
    Mit ehrner Faust entzwei. Sie war dahin, Der Jugend beste Freude, das Gedeihn Der ersten Jahre. Selbst gerettet, war Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf. Arkas. Wenn du dich so unglücklich nennen willst, So darf ich dich auch wohl undankbar nenne...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 4
    Dein sanft Gebet in reichem Maß erhört? Umschwebt mit frohem Fluge nicht der Sieg Das Heer? und eilt er nicht sogar voraus? Und fühlt nicht jeglicher ein besser Loos, Seitdem der König, der uns weis' und tapfer So lang geführet, nun sich auch der Milde In deiner Gegenwart erfreut und uns Des sch...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 5
    Soll ich beschleunigen was mich bedroht? Arkas. Willst du sein Werben eine Drohung nennen? Iphigenie. Es ist die schrecklichste von allen mir. Arkas. Gib ihm für seine Neigung nur Vertraun. Iphigenie. Wenn er von Furcht erst meine Seele lös't. Arkas. Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 6
    Der Frauen weit geführt. Iphigenie (allein). Zwar seh' ich nicht, Wie ich dem Rath des Treuen folgen soll; Doch folg' ich gern der Pflicht, dem Könige Für seine Wohlthat gutes Wort zu geben, Und wünsche mir, daß ich dem Mächtigen, Was ihm gefällt, mit Wahrheit sagen möge. Dritter Auftritt. Ip...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 7
    Daß du in das Geheimniß deiner Ankunft Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest, Wär' unter keinem Volke recht und gut. Dieß Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz Gebietet's und die Noth. Allein von dir, Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn U...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 8
    Ein ungeheures Unheil ausgelöscht, So bist du mein durch mehr als Ein Gesetz. Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort. Iphigenie. Vom alten Bande löset ungern sich Die Zunge los, ein lang verschwiegenes Geheimniß endlich zu entdecken; denn Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr Des tiefen...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 9
    Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt Das Paar im Brudermord die erste That. Der Vater wähnet Hippodamien Die Mörderin, und grimmig fordert er Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt Sich selbst-- Thoas. Du schweigest? Fahre fort zu reden! Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich! Ip...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 10
    Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König: So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg Und ihren Wagen aus dem ewg'en Gleise. Dieß sind die Ahnherrn deiner Priesterin; Und viel unseliges Geschick der Männer, Viel Thaten des verworrnen Sinnes deckt Die Nacht mit schweren Fittigen und läßt Uns nur die g...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 11
    Der Königstochter als der Unbekannten. Ich wiederhole meinen ersten Antrag: Komm, folge mir, und theile was ich habe. Iphigenie. Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen? Hat nicht die Göttin, die mich rettete, Allein das Recht auf mein geweihtes Leben? Sie hat für mich den Schutzort ausgesu...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 12
    Schienst vorbereitet alles zu vernehmen. Thoas. Auf's Ungehoffte war ich nicht bereitet; Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht, Daß ich mit einem Weibe handeln ging? Iphigenie. Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht. Nicht herrlich wie die euern, aber nicht Unedel sind die Waffe...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 13
    Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes Frühzeit'gem Tode lauter über mich. Um deinetwillen halt' ich länger nicht Die Menge, die das Opfer dringend fordert. Iphigenie. Um meinetwillen hab ich's nie begehrt. Der mißversteht die Himmlischen, der sie Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur Dir e...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 14
    Mir abzunehmen, schien er Hülf' und Rettung Im Tempel seiner vielgeliebten Schwester, Die über Tauris herrscht, mit hoffnungsreichen Gewissen Götterworten zu versprechen; Und nun erfüllet sich's, daß alle Noth Mit meinem Leben völlig enden soll. Wie leicht wird's mir, dem eine Götterhand Das Herz...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 15
    Sei Trost und Hülf' und Rückkehr dir bereitet. Der Götter Worte sind nicht doppelsinnig, Wie der Gedrückte sie im Unmuth wähnt. Orest. Des Lebens dunkle Decke breitete Die Mutter schon mir um das zarte Haupt, Und so wuchs ich herauf, ein Ebenbild Des Vaters, und es war mein stummer Blick Ein bit...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 16
    Orest. Sag: meine Noth begann, und du sprichst wahr. Das ist das Ängstliche von meinem Schicksal, Daß ich, wie ein verpesteter Vertriebner, Geheimen Schmerz und Tod im Busen trage; Daß, wo ich den gesund'sten Ort betrete, Gar bald um mich die blühenden Gesichter Den Schmerzenszug langsamen Tod's ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 17
    Der Berge Haupt auf goldnen Wolken krönt. Ich halte nichts von dem, der von sich denkt Wie ihn das Volk vielleicht erheben möchte. Allein, o Jüngling, danke du den Göttern, Daß sie so früh durch dich so viel gethan. Orest. Wenn sie dem Menschen frohe That bescheren Daß er ein Unheil von den Sein...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 18
    Uns wird sie auferlegt, und seltsam sind Wir an der Pforte schon gezwungen hier. Orest. Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rath Und deine Wünsche klug in Eins zusammen. Pylades. Was ist des Menschen Klugheit, wenn sie nicht Auf Jener Willen droben achtend lauscht? Zu einer schweren That b...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 19
    Durch des Verbrechers Nähe, den der Fluch Wie eine breite Nacht verfolgt und deckt. Die fromme Blutgier lös't den alten Brauch Von seinen Fesseln los, uns zu verderben. Der wilde Sinn des Königs tödtet uns; Ein Weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt. Pylades. Wohl uns, daß es ein Weib ist! de...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 20
    Uns auch so leicht, du Göttliche, gewähren! Aus Kreta sind wir, Söhne des Adrasts: Ich bin der jüngste, Cephalus genannt, Und er Laodamas, der älteste Des Hauses. Zwischen uns stand rauh und wild Ein mittlerer, und trennte schon im Spiel Der ersten Jugend Einigkeit und Lust. Gelassen folgten wir...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 21
    Mit den Erschlagnen. Ja! er lebt mir noch! Ich werd' ihn sehn! O hoffe, liebes Herz! Pylades. Doch selig sind die Tausende, die starben Den bittersüßen Tod von Feindes Hand! Denn wüste Schrecken und ein traurig Ende Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs Ein feindlich aufgebrachter Gott bere...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 22
    Dieß, sagt man, hat ihr einen Widerwillen So tief in's Herz geprägt, daß sie dem Werben Ägisthens sich ergab und den Gemahl Mit Netzen des Verderbens selbst umschlang. Iphigenie (sich verhüllend). Es ist genug. Du wirst mich wiedersehn. Pylades (allein). Von dem Geschick des Königs-Hauses sche...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 23
    Zwar ward ich jung an diesen Strand geführt; Doch wohl erinnr' ich mich des scheuen Blicks, Den ich mit Staunen und mit Bangigkeit Auf jene Helden warf. Sie zogen aus, Als hätte der Olymp sich aufgethan Und die Gestalten der erlauchten Vorwelt Zum Schrecken Ilions herabgesendet, Und Agamemnon wa...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 24
    Die Ungewißheit schlägt mir tausendfältig Die dunkeln Schwingen um das bange Haupt. Orest. So haben mich die Götter ausersehn Zum Boten einer That, die ich so gern In's klanglos-dumpfe Höhlenreich der Nacht Verbergen möchte? Wider meinen Willen Zwingt mich dein holder Mund; allein er darf Auch ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 25
    Vom Unglücksel'gen! sprich mir von Orest!-- Orest. O, könnte man von seinem Tode sprechen! Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut Der Mutter Geist Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu: "Laßt nicht den Muttermörder entfliehn! Verfolgt den Verbrecher! Euch ist er geweiht!" Sie horchen auf, ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 26
    Iphigenie. So steigst du denn, Erfüllung, schönste Tochter Des größten Vaters, endlich zu mir nieder! Wie ungeheuer steht dein Bild vor mir! Kaum reicht mein Blick dir an die Hände, die Mit Furcht und Segenskränzen angefüllt Die Schätze des Olympus niederbringen. Wie man den König an dem Übermaß ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 27
    Iphigenie. Kannst du, Orest, ein freundlich Wort vernehmen? Orest. Spar' es für einen Freund der Götter auf. Iphigenie. Sie geben dir zu neuer Hoffnung Licht. Orest. Durch Rauch und Qualm seh' ich den matten Schein Des Todtenflusses mir zur Hölle leuchten. Iphigenie. Hast du Elektren, Eine Sc...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 28
    O löse meine Zweifel, laß des Glückes, Des lang erflehten, mich auch sicher werden. Es wälzet sich ein Rad von Freud' und Schmerz Durch meine Seele. Von dem fremden Manne Entfernet mich ein Schauer; doch es reißt Mein Innerstes gewaltig mich zum Bruder. Orest. Ist hier Lyäens Tempel? und ergrei...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 29
    Zu schwererem Geschick und Leiden friste. Gut, Priesterin! Ich folge zum Altar: Der Brudermord ist hergebrachte Sitte Des alten Stammes; und ich danke, Götter, Daß ihr mich ohne Kinder auszurotten Beschlossen habt. Und laß dir rathen, habe Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne; Komm, fol...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 30
    Wie ein versammelt Fürstenhaus sich freut? Sie gehen friedlich, Alt' und Junge, Männer Mit Weibern; göttergleich und ähnlich scheinen Die wandelnden Gestalten. Ja, sie sind's, Die Ahnherrn meines Hauses!--Mit Thyesten Geht Atreus in vertraulichen Gesprächen; Die Knaben schlüpfen scherzend um sie...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 31
    Iphigenie. Geschwister, die ihr an dem weiten Himmel Das schöne Licht bei Tag und Nacht herauf Den Menschen bringet, und den Abgeschiednen Nicht leuchten dürfet, rettet uns Geschwister! Du liebst, Diane, deinen holden Bruder Vor allem, was dir Erd' und Himmel bietet, Und wendest dein jungfräulich...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 32
    Zum Tartarus und schlagen hinter sich Die ehrnen Thore fernabdonnernd zu. Die Erde dampft erquickenden Geruch Und ladet mich auf ihren Flächen ein, Nach Lebensfreud' und großer That zu jagen. Pylades. Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist! Der Wind der unsre Segel schwellt, er bringe Erst un...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 33
    Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte Gewendet und versagend, sich zurück Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt Mir durch die Brust. Es greift die Furie Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder Des ungeweihten Ufers grimmig an. Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 34
    Und schnell mit seinen Worten hier zurück. O könnt' ich ihm noch eine Botschaft bringen, Die alles lös'te, was uns jetzt verwirrt: Denn du hast nicht des Treuen Rath geachtet. Iphigenie. Was ich vermochte, hab' ich gern gethan. Arkas. Noch änderst du den Sinn zur rechten Zeit. Iphigenie. Das s...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 35
    Iphigenie. Ja, wenn der Edle, was sich nicht geziemt, Statt meines Dankes mich erwerben will. Arkas. Wer keine Neigung fühlt, dem mangelt es An einem Worte der Entschuld'gung nie. Dem Fürsten sag' ich an, was hier geschehn. O wiederholtest du in deiner Seele, Wie edel er sich gegen dich betrug V...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 36
    Der Hain blieb hinter uns, wir merkten's nicht. Und herrlicher und immer herrlicher Umloderte der Jugend schöne Flamme Sein lockig Haupt; sein volles Auge glühte Von Muth und Hoffnung, und sein freies Herz Ergab sich ganz der Freude, ganz der Lust, Dich, seine Retterin, und mich zu retten. Iphig...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 37
    Um unsre Schläfe! Warum hast du nicht In's Priesterrecht dich weislich eingehüllt? Iphigenie. Als eine Hülle hab' ich's nie gebraucht. Pylades. So wirst du, reine Seele, dich und uns Zu Grunde richten. Warum dacht' ich nicht Auf diesen Fall voraus, und lehrte dich Auch dieser Fordrung auszuwe...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 38
    Gewisse Rede, deren Himmelskraft Ein Einsamer entbehrt und still versinkt. Denn langsam reift, verschlossen in dem Busen, Gedank' ihm und Entschluß; die Gegenwart Des Liebenden entwickelte sie leicht. Pylades. Leb' wohl! Die Freunde will ich nun geschwind Beruhigen, die sehnlich wartend harren....
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 39
    Pylades. Braucht's Überredung, wo die Wahl versagt ist? Den Bruder, dich, und einen Freund zu retten Ist nur Ein Weg; fragt sich's ob wir ihn gehen? Iphigenie. O laß mich zaudern! denn du thätest selbst Ein solches Unrecht keinem Mann gelassen, Dem du für Wohlthat dich verpflichtet hieltest. Py...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 40
    Mit ehrner Hand mir auf: das heilige Mir anvertraute, viel verehrte Bild Zu rauben und den Mann zu hintergehn, Dem ich mein Leben und mein Schicksal danke. O daß in meinem Busen nicht zuletzt Ein Widerwille keime! der Titanen Der alten Götter tiefer Haß auf euch, Olympier, nicht auch die zarte Br...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 41
    Das Schiff, das diese beiden hergebracht, Sei irgend noch in einer Bucht versteckt. Und jenes Mannes Wahnsinn, diese Weihe, Der heil'ge Vorwand dieser Zögrung, rufen Den Argwohn lauter und die Vorsicht auf. Thoas. Es komme schnell die Priesterin herbei! Dann geht, durchsucht das Ufer scharf und ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 42
    Den halben Fluch der That begierig fassen; Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt. Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke, Und seine Boten bringen flammendes Verderben auf des Armen Haupt hinab; Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig, Ein unerreichter Gott, im Sturme fort. Thoas. Die heil'ge ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 43
    Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber, Und du verlangtest was sich nicht gebührt: So hat auch Er ein Schwert und einen Arm, Die Rechte seines Busens zu verteid'gen. Ich habe nichts als Worte, und es ziemt Dem edeln Mann, der Frauen Wort zu achten. Thoas. Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwer...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 44
    Die Schlafenden, Erwachenden ergreift, Zuletzt gedrängt von den Ermunterten Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt, Wird der allein gepriesen? der allein, Der, einen sichern Weg verachtend, kühn Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht, Daß er von Räubern eine Gegend säubre? Ist uns nichts übri...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 45
    Vorsetzlich stürzte. Weh! ich werde sie Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen, Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm Mehr in die vielgeliebten Augen schaun! Thoas. So haben die Betrüger künstlich-dichtend Der lang Verschloss'nen, ihre Wünsche lei...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 46
    Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst. Vierter Auftritt. Orest (gewaffnet). Die Vorigen. Orest (nach der Scene gekehrt). Verdoppelt eure Kräfte! Haltet sie Zurück! nur wenig Augenblicke! Weicht Der Menge nicht, und deckt den Weg zum Schiffe Mir und der Schwester. (Zu Iphigenien ohne den ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 47
    Beginnet. Ich befürchte bösen Zwist, Wenn du, o König, nicht der Billigkeit Gelinde Stimme hörest; du, mein Bruder, Der raschen Jugend nicht gebieten willst. Thoas. Ich halte meinen Zorn, wie es dem Ältern Geziemt, zurück. Antworte mir! Womit Bezeugst du, daß du Agamemnons Sohn Und Dieser Bru...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 48
    Von tausend durchgeweinten Tag- und Nächten, Wo eine stille Seele den verlornen, Rasch abgeschiednen Freund vergebens sich Zurückzurufen bangt und sich verzehrt. Mich selbst hat eine Sorge gleich gewarnt, Daß der Betrug nicht eines Räubers mich Vom sichern Schutzort reiße, mich der Knechtschaft V...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris: Leseprobe 49
    Wir legten's von Apollens Schwester aus, Und er gedachte dich! Die strengen Bande Sind nun gelös't; du bist den Deinen wieder, Du Heilige, geschenkt. Von dir berührt, War ich geheilt; in deinen Armen faßte Das Übel mich mit allen seinen Klauen Zum letztenmal und schüttelte das Mark Entsetzlich ...