Leseproben aus Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil

  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 1
    1. Akt--Anmutige Gegend MEPHISTOPHELES: Was ist verwünscht und stets willkommen? Was ist ersehnt und stets verjagt? Was immerfort in Schutz genommen? Was hart gescholten und verklagt? Wen darfst du nicht herbeiberufen? Wen höret jeder gern genannt? Was naht sich deines Thrones Stufen? Was hat s...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 2
    Der Richter prunkt auf hohem Pfühl, Indessen wogt in grimmigem Schwalle Des Aufruhrs wachsendes Gewühl. Der darf auf Schand' und Frevel pochen, Der auf Mitschuldigste sich stützt, Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen, Wo Unschuld nur sich selber schützt. So will sich alle Welt zerstückeln, Vern...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 3
    Verbergen sich, um auszuruhn; Wer jetzt will seinem Nachbar helfen? Ein jeder hat für sich zu tun. Die Goldespforten sind verrammelt, Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt, Und unsre Kassen bleiben leer. MARSCHALK: Welch Unheil muß auch ich erfahren! Wir wollen alle Tage sparen Und brauchen a...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 4
    KANZLER: Natur und Geist--so spricht man nicht zu Christen. Deshalb verbrennt man Atheisten, Weil solche Reden höchst gefährlich sind. Natur ist Sünde, Geist ist Teufel, Sie hegen zwischen sich den Zweifel, Ihr mißgestaltet Zwitterkind. Uns nicht so!--Kaisers alten Landen Sind zwei Geschlechter n...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 5
    KANZLER: Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen: Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen. MARSCHALK: Schafft' er uns nur zu Hof willkommne Gaben, Ich wollte gern ein bißchen Unrecht haben. HEERMEISTER: Der Narr ist klug, verspricht, was jedem frommt; Fragt der Soldat doch nicht, woher e...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 6
    Der ewig waltenden Natur, Und aus den untersten Bezirken Schmiegt sich herauf lebend'ge Spur. Wenn es in allen Gliedern zwackt, Wenn es unheimlich wird am Platz, Nur gleich entschlossen grabt und hackt, Da liegt der Spielmann, liegt der Schatz! GEMURMEL: Mir liegt's im Fuß wie Bleigewicht-- Mir ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 7
    MEPHISTOPHELES: Nimm Hack' und Spaten, grabe selber, Die Bauernarbeit macht dich groß, Und eine Herde goldner Kälber, Sie reißen sich vom Boden los. Dann ohne Zaudern, mit Entzücken Kannst du dich selbst, wirst die Geliebte schmücken; Ein leuchtend Farb--und Glanzgestein erhöht Die Schönheit wie ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 8
    GÄRTNERINNEN: Euren Beifall zu gewinnen, Schmückten wir uns diese Nacht, Junge Florentinerinnen Folgten deutschen Hofes Pracht; Tragen wir in braunen Locken Mancher heitern Blume Zier; Seidenfäden, Seidenflocken Spielen ihre Rolle hier. Denn wir halten es verdienstlich, Lobenswürdig ganz und gar,...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 9
    Glücklich, wer uns frisch entdeckt. Wenn der Sommer sich verkündet, Rosenknospe sich entzündet, Wer mag solches Glück entbehren? Das Versprechen, das Gewähren, Das beherrscht in Florens Reich Blick und Sinn und Herz zugleich. GÄRTNER: Blumen sehet ruhig sprießen, Reizend euer Haupt umzieren; Frü...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 10
    Einherzulaufen, Gaffend zu stehen, Uns anzukrähen; Auf solche Klänge Durch Drang und Menge Aalgleich zu schlüpfen, Gesamt zu hüpfen, Vereint zu toben. Ihr mögt uns loben, Ihr mögt uns schelten, Wir lassen's gelten. PARASITEN: Ihr wackern Träger Und eure Schwäger, Die Kohlenbrenner, Sind unsre Mä...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 11
    Leget Anmut in das Geben. HEGEMONE: Leget Anmut ins Empfangen, Lieblich ist's, den Wunsch erlangen. EUPHRASYNE: Und in stiller Tage Schranken Höchst anmutig sei das Danken. ATROPOS: Mich, die älteste, zum Spinnen Hat man diesmal eingeladen; Viel zu denken, viel zu sinnen Gibt's beim zarten Leb...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 12
    Auch sie verlangen nicht den Ruhm als Engel, Bekennen sich als Stadt- und Landesplage. ALEKTO: Was hilft es euch? ihr werdet uns vertrauen, Denn wir sind hübsch und jung und Schmeichelkätzchen; Hat einer unter euch ein Liebeschätzchen, Wir werden ihm so lang die Ohren krauen, Bis wir ihm sagen ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 13
    Im Nacken sitzt ihm zierlich-zarte Frau, Mit feinem Stäbchen lenkt sie ihn genau; Die andre, droben stehend herrlich-hehr, Umgibt ein Glanz, der blendet mich zu sehr. Zur Seite gehn gekettet edle Frauen, Die eine bang, die andre froh zu schauen; Die eine wünscht, die andre fühlt sich frei. Verkün...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 14
    Ist oben Frau Viktoria. Mit ihrem weißen Flügelpaar Sie dünkt sich wohl, sie sei ein Aar, Und wo sie sich nur hingewandt, Gehör' ihr alles Volk und Land; Doch, wo was Rühmliches gelingt, Es mich sogleich in Harnisch bringt. Das Tiefe hoch, das Hohe tief, Das Schiefe grad, das Grade schief, Das ga...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 15
    Wie von magischer Laterne, Schnaubt heran mit Sturmgewalt. Platz gemacht! Mich schaudert's! + KNABE WAGENLENKER: Halt! Rosse, hemmet eure Flügel, Fühlet den gewohnten Zügel, Meistert euch, wie ich euch meistre, Rauschet hin, wenn ich begeistre-- Diese Räume laßt uns ehren! Schaut umher, wie si...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 16
    Derselbe kommt in Prunk daher, Der hohe Kaiser wünscht ihn sehr. HEROLD: Sag von dir selber auch das Was und Wie! KNABE LENKER: Bin die Verschwendung, bin die Poesie; Bin der Poet, der sich vollendet, Wenn er sein eigenst Gut verschwendet. Auch ich bin unermeßlich reich Und schätze mich dem Plu...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 17
    Wie oft ich auch für dich gefochten, Mir ist es jederzeit geglückt: Wenn Lorbeer deine Stirne schmückt, Hab' ich ihn nicht mit Sinn und Hand geflochten? PLUTUS: Wenn's nötig ist, daß ich dir Zeugnis leiste, So sag' ich gern: Bist Geist von meinem Geiste. Du handelst stets nach meinem Sinn, Bist ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 18
    Ist's doch am Ende Lug und Trug! Er kommt, die Männer aufzureizen, Sie sind schon unbequem genug. WEIBER IN MASSE: Der Strohmann! Reich ihm eine Schlappe! Was will das Marterholz uns dräun? Wir sollen seine Fratze scheun! Die Drachen sind von Holz und Pappe, Frisch an und dringt auf ihn hinein!...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 19
    Zunächst der Schmuck von Kronen, Ketten, Ringen; Es schwillt und droht, ihn schmelzend zu verschlingen. WECHSELGESCHREI DER MENGE: Seht hier, o hin! wie's reichlich quillt, Die Kiste bis zum Rande füllt.-- Gefäße, goldne, schmelzen sich, Gemünzte Rollen wälzen sich.-- Dukaten hüpfen wie geprägt...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 20
    PLUTUS: Noch braucht es, edler Freund, Geduld: Es droht noch mancherlei Tumult. GEIZ: So kann man doch, wenn es beliebt, Vergnüglich diesen Kreis beschauen; Denn immerfort sind vornenan die Frauen, Wo's was zu gaffen, was zu naschen gibt. Noch bin ich nicht so völlig eingerostet! Ein schönes Wei...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 21
    Sie wissen nicht, wohin sie schreiten, Sie haben sich nicht vorgesehn. WILDGESANG: Geputztes Volk du, Flitterschau! Sie kommen roh, sie kommen rauh, In hohem Sprung, in raschem Lauf, Sie treten derb und tüchtig auf. FAUNEN: Die Faunenschar Im lustigen Tanz, Den Eichenkranz Im krausen Haar, Ein ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 22
    Und um den Leib ein wulstig Band, Den derbsten Schurz von Zweig und Blatt, Leibwacht, wie der Papst nicht hat. NYMPHEN IM CHOR: Auch kommt er an!-- Das All der Welt Wird vorgestellt Im großen Pan. Ihr Heitersten, umgebet ihn, Im Gaukeltanz umschwebet ihn: Denn weil er ernst und gut dabei, So wil...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 23
    Wallt wieder auf in Glut und Sud, Der große Pan steht wohlgemut, Freut sich des wundersamen Dings, Und Perlenschaum sprüht rechts und links. Wie mag er solchem Wesen traun? Er bückt sich tief hineinzuschaun.-- Nun aber fällt sein Bart hinein!-- Wer mag das glatte Kinn wohl sein? Die Hand verbirgt...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 24
    Wandelt in ein Wetterleuchten Solcher eitlen Flamme Spiel!-- Drohen Geister, uns zu schädigen, Soll sich die Magie betätigen. Lustgarten FAUST: Verzeihst du, Herr, das Flammengaukelspiel? KAISER: Ich wünsche mir dergleichen Scherze viel.-- Auf einmal sah ich mich in glühnder Sphäre, Es schie...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 25
    KAISER: Die luft'gen Räume, die erlass' ich dir: Noch früh genug besteigt man jenen Thron. MEPHISTOPHELES: Und, höchster Herr! die Erde hast du schon. KAISER: Welch gut Geschick hat dich hieher gebracht, Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht? Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden, Versichr'...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 26
    Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt, Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt! Obschon dein Name längst die Welt beglückt, Man hat ihn nie so freundlich angeblickt. Das Alphabet ist nun erst überzählig, In diesem Zeichen wird nun jeder selig. KAISER: Und meinen Leuten gilt's für gute...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 27
    Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen, Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen. Will man Metall, ein Wechsler ist bereit, Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit. Pokal und Kette wird verauktioniert, Und das Papier, sogleich amortisiert, Beschämt den Zweifler, der uns frech...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 28
    KAISER: Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu. NARR: Fünftausend Kronen wären mir zu Handen! MEPHISTOPHELES: Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden? NARR: Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt. MEPHISTOPHELES: Du freust dich so, daß dich's in Schweiß versetzt. NARR: Da seh...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 29
    FAUST: Da haben wir den alten Leierton! Bei dir gerät man stets ins Ungewisse. Der Vater bist du aller Hindernisse, Für jedes Mittel willst du neuen Lohn. Mit wenig Murmeln, weiß ich, ist's getan; Wie man sich umschaut, bringst du sie zur Stelle. MEPHISTOPHELES: Das Heidenvolk geht mich nichts a...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 30
    FAUST: Du sprichst als erster aller Mystagogen, Die treue Neophyten je betrogen; Nur umgekehrt. Du sendest mich ins Leere, Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre; Behandelst mich, daß ich, wie jene Katze, Dir die Kastanien aus den Gluten kratze. Nur immer zu! wir wollen es ergründen, In dei...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 31
    Umschwebt von Bildern aller Kreatur; Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur. Da faß ein Herz, denn die Gefahr ist groß, Und gehe grad' auf jenen Dreifuß los, Berühr ihn mit dem Schlüssel! + MEPHISTOPHELES: So ist's recht! Er schließt sich an, er folgt als treuer Knecht; Gelassen steigst...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 32
    Verhindert mich am Wandeln wie am Tanzen, Selbst ungeschickt beweg' ich mich zum Gruß. MEPHISTOPHELES: Erlaubet einen Tritt von meinem Fuß. BRAUNE: Nun, das geschieht wohl unter Liebesleuten. MEPHISTOPHELES: Mein Fußtritt, Kind! hat Größres zu bedeuten. Zu Gleichem Gleiches, was auch einer li...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 33
    Des alten Rittersaals, er faßt sie kaum. Auf breite Wände Teppiche spendiert, Mit Rüstung Eck' und Nischen ausgeziert. Hier braucht es, dächt' ich, keine Zauberworte; Die Geister finden sich von selbst zum Orte. Rittersaal HEROLD: Mein alt Geschäft, das Schauspiel anzukünden, Verkümmert mir d...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 34
    Dagegen weit heran bewege frei Sich herrliche verwegne Phantasei. Mit Augen schaut nun, was ihr kühn begehrt, Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert. ASTROLOG: Im Priesterkleid, bekränzt, ein Wundermann, Der nun vollbringt, was er getrost begann. Ein Dreifuß steigt mit ihm aus hohler Gruft, Sch...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 35
    ANDRER: Eh nun! halb nackt ist wohl der Junge schön, Doch müßten wir ihn erst im Harnisch sehn! DAME: Er setzt sich nieder, weichlich, angenehm. ritter Auf seinem Schoße wär' Euch wohl bequem? ANDRE: Er lehnt den Arm so zierlich übers Haupt. KÄMMERER: Die Flegelei! Das find' ich unerlaubt! ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 36
    Groß, wohlgestaltet, nur der Kopf zu klein. JÜNGERE: Seht nur den Fuß! Wie könnt' er plumper sein! DIPLOMAT: Fürstinnen hab' ich dieser Art gesehn, Mich deucht, sie ist vom Kopf zum Fuße schön. HOFMANN: Sie nähert sich dem Schläfer listig mild. DAME: Wie häßlich neben jugendreinem Bild! POE...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 37
    ASTROLOG: Nicht Knabe mehr! Ein kühner Heldenmann, Umfaßt er sie, die kaum sich wehren kann. Gestärkten Arms hebt er sie hoch empor, Entführt er sie wohl gar? + FAUST: Verwegner Tor! Du wagst! Du hörst nicht! halt! das ist zu viel! EMPHISTOPHELES: Machst du's doch selbst, das Fratzengeiste...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 38
    Erinnert mich an jene Schnaken, Wie ich den Knaben einst belehrt, Woran er noch vielleicht als Jüngling zehrt. Es kommt mir wahrlich das Gelüsten, Rauchwarme Hülle, dir vereint Mich als Dozent noch einmal zu erbrüsten, Wie man so völlig recht zu haben meint. Gelehrte wissen's zu erlangen, Dem Teu...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 39
    Bemooster Herr! Auch ein gelehrter Mann Studiert so fort, weil er nicht anders kann. So baut man sich ein mäßig Kartenhaus, Der größte Geist baut's doch nicht völlig aus. Doch Euer Meister, das ist ein Beschlagner: Wer kennt ihn nicht, den edlen Doktor Wagner, Den Ersten jetzt in der gelehrten W...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 40
    Er wird sich grenzenlos erdreusten. BACCALAUREUS: Tor und Türe find' ich offen! Nun, da läßt sich endlich hoffen, Daß nicht, wie bisher, im Moder Der Lebendige wie ein Toter Sich verkümmere, sich verderbe Und am Leben selber sterbe. Diese Mauern, diese Wände Neigen, senken sich zum Ende, Und wen...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 41
    Was heutzutage niemand wagt. MEPHISTOPHELES: Wenn man der Jugend reine Wahrheit sagt, Die gelben Schnäbeln keineswegs behagt, Sie aber hinterdrein nach Jahren Das alles derb an eigner Haut erfahren, Dann dünkeln sie, es käm' aus eignem Schopf; Da heißt es denn: der Meister war ein Tropf. BACCAL...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 42
    Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber Im Frost von grillenhafter Not. Hat einer dreißig Jahr vorüber, So ist er schon so gut wie tot. Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen. MEPHISTOPHELES: Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen. BACC: Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel sein. M...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 43
    WAGNER: Willkommen zu dem Stern der Stunde! Doch haltet Wort und Atem fest im Munde, Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht. MEPHISTOPHELES: Was gibt es denn? + WAGNER: Es wird ein Mensch gemacht. MEPHISTOPHELES: Ein Mensch? Und welch verliebtes Paar Habt ihr ins Rauchloch eingeschlos...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 44
    Er wird zur Stimme, wird zur Sprache. HOMUNCULUS: Nun Väterchen! wie steht's? es war kein Scherz. Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz! Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe. Das ist die Eigenschaft der Dinge: Natürlichem genügt das Weltall kaum, Was künstlich ist, verlangt...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 45
    MEPHISTOPHELES: Was du nicht alles zu erzählen hast! So klein du bist, so groß bist du Phantast. Ich sehe nichts--+ HOMUNCULUS: Das glaub' ich. Du aus Norden, Im Nebelalter jung geworden, Im Wust von Rittertum und Pfäfferei, Wo wäre da dein Auge frei! Im Düstern bist du nur zu Hause. Verbräunt ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 46
    Hast du ein Mittel, so erprob' es hier, Vermagst du's nicht, so überlaß es mir. MEPHISTOPHELES: Manch Brockenstückchen wäre durchzuproben, Doch Heidenriegel find' ich vorgeschoben. Das Griechenvolk, es taugte nie recht viel! Doch blendet's euch mit freiem Sinnenspiel, Verlockt des Menschen Brust...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 47
    Wie oft schon wiederholt' sich's! wird sich immerfort Ins Ewige wiederholen... Keiner gönnt das Reich Dem andern; dem gönnt's keiner, der's mit Kraft erwarb Und kräftig herrscht. Denn jeder, der sein innres Selbst Nicht zu regieren weiß, regierte gar zu gern Des Nachbars Willen, eignem stolzem...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 48
    In Eile magst du, eh' es tagt, Von Flamm' zu Flamme spürend gehen: Wer zu den Müttern sich gewagt, Hat weiter nichts zu überstehen. MEPHISTOPHELES: Auch ich bin hier an meinem Teil; Doch wüßt' ich Besseres nicht zu unserm Heil, Als: jeder möge durch die Feuer Versuchen sich sein eigen Abenteuer....
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 49
    Man greife nun nach Mädchen, Kronen, Gold, Dem Greifenden ist meist Fortuna hold. AMEISEN: Ihr sprecht von Gold, wir hatten viel gesammelt, In Fels- und Höhlen heimlich eingerammelt; Das Arimaspen-Volk hat's ausgespürt, Sie lachen dort, wie weit sie's weggeführt. GREIFE: Wir wollen sie schon zu...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 50
    Doch, irr' ich nicht, hier ist dir schlecht zumute. MEPHISTOPHELES: Du bist recht appetitlich oben anzuschauen, Doch unten hin die Bestie macht mir Grauen. SPINX: Du Falscher kommst zu deiner bittern Buße, Denn unsre Tatzen sind gesund; Dir mit verschrumpftem Pferdefuße Behagt es nicht in unser...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 51
    SPHINXE: Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen, Die letztesten hat Herkules erschlagen. Von Chiron könntest du's erfragen; Der sprengt herum in dieser Geisternacht; Wenn er dir steht, so hast du's weit gebracht. SIRENEN: Sollte dir's doch auch nicht fehlen!... Wie Ulyß bei uns verweilte, Schmä...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 52
    PENEIOS: Rege dich, du Schilfgeflüster! Hauche leise, Rohregeschwister, Säuselt, leichte Weidensträuche, Lispelt, Pappelzitterzweige, Unterbrochnen Träumen zu!... Weckt mich doch ein grauslich Wittern, Heimlich allbewegend Zittern Aus dem Wallestrom und Ruh'. FAUST: Hör' ich recht, so muß ich gl...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 53
    An des Ufers grüne Stufe; Hör' ich recht, so kommt mir's vor Als der Schall von Pferdes Hufe. Wüßt' ich nur, wer dieser Nacht Schnelle Botschaft zugebracht. FAUST: Ist mir doch, als dröhnt' die Erde, Schallend unter eiligem Pferde. Dorthin mein Blick! Ein günstiges Geschick, Soll es mich schon e...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 54
    Halbgöttlich ernst die Tage durchgelebt. Doch unter den heroischen Gestalten Wen hast du für den Tüchtigsten gehalten? CHIRON: Im hehren Argonautenkreise War jeder brav nach seiner eignen Weise, Und nach der Kraft, die ihn beseelte, Konnt' er genügen, wo's den andern fehlte. Die Dioskuren haben ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 55
    Verlier' ich mich! Erzähle, wie? Sie ist mein einziges Begehren! Woher, wohin, ach, trugst du sie? CHIRON: Die Frage läßt sich leicht gewähren. Die Dioskuren hatten jener Zeit Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit. Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein, Ermannten sich urd stürmten hint...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 56
    Mit Wurzelkräften dich von Grund zu heilen. FAUST: Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig; Da wär' ich ja wie andre niederträchtig. CHIRON: Versäume nicht das Heil der edlen Quelle! Geschwind herab! Wir sind zur Stelle. FAUST: Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht, Durch Kiesge...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 57
    Zu dem seeisch heitern Feste, Blinkend, wo die Zitterwellen, Ufernetzend, leise schwellen; Da, wo Luna doppelt leuchtet, Uns mit heil'gem Tau befeuchtet. Dort ein freibewegtes Leben, Hier ein ängstlich Erdebeben; Eile jeder Kluge fort! Schauderhaft ist's um den Ort. SEISMOS: Einmal noch mit Kraf...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 58
    Und fordre laut, zu neuem Leben, Mir fröhliche Bewohner auf. SPHINXE: Uralt, müßte man gestehen, Sei das hier Emporgebürgte, Hätten wir nicht selbst gesehen, Wie sich's aus dem Boden würgte. Bebuschter Wald verbreitet sich hinan, Noch drängt sich Fels auf Fels bewegt heran; Ein Sphinx wird sich ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 59
    Schlichtet zusammen Heimliche Flammen, Schaffet uns Kohlen. GENERALISSIMUS: Mit Pfeil und Bogen Frisch ausgezogen! An jenem Weiher Schießt mir die Reiher, Unzählig nistende, Hochmütig brüstende, Auf einen Ruck, Alle wie einen! Daß wir erscheinen Mit Helm und Schmuck. IMSEN UND DAKTYLE: Wer wird...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 60
    Zu schwerer Buße. Mit starrem Fuße Kommt er geholpert, Einhergestolpert; Er schleppt das Bein, Wie wir ihn fliehen, Uns hinterdrein! MEPHISTOPHELES: Verflucht Geschick! Betrogne Mannsen! Von Adam her verführte Hansen! Alt wird man wohl, wer aber klug? Warst du nicht schon vernarrt genug! Man we...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 61
    Sie sind mir allesamt verdächtig; Und hinter solcher Wänglein Rosen Fürcht' ich doch auch Metamorphosen. LAMIEN: Versuch es doch! sind unsrer viele. Greif zu! Und hast du Glück im Spiele, Erhasche dir das beste Los. Was soll das lüsterne Geleier? Du bist ein miserabler Freier, Stolzierst einhe...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 62
    OREAS: Herauf hier! Mein Gebirg ist alt, Steht in ursprünglicher Gestalt. Verehre schroffe Felsensteige, Des Pindus letztgedehnte Zweige! Schon stand ich unerschüttert so, Als über mich Pompejus floh. Daneben das Gebild des Wahns Verschwindet schon beim Krähn des Hahns. Dergleichen Märchen seh' ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 63
    Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht? THALES: Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen. Sie bildet regelnd jegliche Gestalt, Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt. ANAXAGORAS: Hier aber war's! Plutonisch grimmig Feuer, äolischer Dünste Knallkr...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 64
    Der Göttin rundumschriebner Thron, Dem Auge furchtbar, ungeheuer! Ins Düstre rötet sich sein Feuer... Nicht näher, drohend-mächtige Runde! Du richtest uns und Land und Meer zugrunde! So wär' es wahr, daß dich thessalische Frauen In frevlend magischem Vertrauen Von deinem Pfad herabgesungen, Verde...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 65
    Doch sagt: was in der Höhle dort, Bei schwachem Licht, sich dreifach hingekauert? DRYAS: Die Phorkyaden! Wage dich zum Ort Und sprich sie sie an, wenn dich nicht schauert. MEPHISTOPHELES: Warum denn nicht!--Ich sehe was, und staune! So stolz ich bin, muß ich mir selbst gestehn: Dergleichen hab...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 66
    Was hülf' es uns, und wenn wir's besser wüßten? In Nacht geboren, Nächtlichem verwandt, Beinah uns selbst, ganz allen unbekannt. MEPHISTOPHELES: In solchem Fall hat es nicht viel zu sagen, Man kann sich selbst auch andern übertragen. Euch dreien gnügt ein Auge, gnügt ein Zahn; Da ging' es wohl a...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 67
    SIRENEN: Wissen's wohl, in Meeresfrische Glatt behagen sich die Fische, Schwanken Lebens ohne Leid; Doch, ihr festlich regen Scharen, Heute möchten wir erfahren, Daß ihr mehr als Fische seid. NEREIDEN UND TRITONEN: Ehe wir hieher gekommen, Haben wir's zu Sinn genommen; Schwestern, Bur*der, jetzt...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 68
    Wie hab' ich Paris väterlich gewarnt, Eh sein Gelüst ein fremdes Weib umgarnt. Am griechischen Ufer stand er kühnlich da, Ihm kündet' ich, was ich im Geiste sah: Die Lüfte qualmend, überströmend Rot, Gebälke glühend, unten Mord und Tod: Trojas Gerichtstag, rhythmisch festgebannt, Jahrtausenden so...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 69
    Und steht er euch, so sagt er nur zuletzt, Was staunen macht und in Verwirrung setzt. Du bist einmal bedürftig solchen Rats, Versuchen wir's und wandlen unsres Pfads! SIRENEN: Was sehen wir von weiten Das Wellenreich durchgleiten? Als wie nach Windes Regel Anzögen weiße Segel, So hell sind sie z...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 70
    Nun stoßen sich die Weisen dran Und brechen harte Köpfe. THALES: Das ist es ja, was man begehrt: Der rost macht erst die Münze wert. PROTEUS: So etwas freut mich alten Fabler! Je wunderlicher, desto respektabler. THALES: Wo bist du, Proteus? + PROTEUS: Hier! und hier! THALES: Den alten Sch...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 71
    HOMUNCULUS: Hier weht gar eine weiche Luft, Es grunelt so, und mir behagt der Duft! PROTEUS: Das glaub' ich, allerliebster Junge! Und weiter hin wird's viel behäglicher, Auf dieser schmalen Strandeszunge Der Dunstkreis noch unsäglicher; Da vorne sehen wir den Zug, Der eben herschwebt, nah genug....
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 72
    Dem Leben frommt die Welle besser; Dich trägt ins ewige Gewässer PROTEUS-DELPHIN: Schon ist's getan! Da soll es dir zum schönsten glücken: Ich nehme dich auf meinen Rücken, Vermähle dich dem Ozean. THALES: Gib nach dem löblichen Verlangen, Von vorn die Schöpfung anzufangen! Zu raschem Wirken se...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 73
    Weder Kreuz noch Mond, Wie es oben wohnt und thront, Sich wechselnd wegt und regt, Sich vertreibt und totschlägt, Saaten und Städte niederlegt. Wir, so fortan, Bringen die lieblichste Herrin heran. SIRENEN: Leicht bewegt, in mäßiger Eile, Um den Wagen, Kreis um Kreis, Bald verschlungen Zeil' an ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 74
    Daß er das ganze Jahr ersetzt, THALES: Heil! Heil! aufs neue! Wie ich mich blühend freue, Vom Schönen, Wahren durchdrungen... Alles ist aus dem Wasser entsprungen!! Alles wird durch das Wasser erhalten! Ozean, gönn uns dein ewiges Walten. Wenn du nicht Wolken sendetest, Nicht reiche Bäche spen...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 75
    Heil geheimnisreichen Grüften! Hochgefeiert seid allhier, Element' ihr alle vier! 3. Akt--Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta HELENA: Bewundert viel und viel gescholten, Helena, Vom Strande komm' ich, wo wir erst gelandet sind, Noch immer trunken von des Gewoges regsamem Geschaukel, das v...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 76
    Und für der Griechen lang' erduldetes Mißgeschick? Erobert bin ich; ob gefangen, weiß ich nicht! Denn Ruf und Schicksal bestimmten füwahr die Unsterblichen Zweideutig mir, der Schöngestalt bedenkliche Begleiter, die an dieser Schwelle mir sogar Mit düster drohender Gegenwart zur Seite stehn. Denn...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 77
    Dann nimm so manchen Dreifuß, als du nötig glaubst, Und mancherlei Gefäße, die der Opfer sich Zur Hand verlangt, vollziehend heiligen Festgebrauch. Die Kessel, auch die Schalen, wie das flache Rund; Das reinste Wasser aus der heiligen Quelle sei In hohen Krügen; ferner auch das trockne Holz, Der ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 78
    Glücklich herstellenden Und heimführenden Götter! Schwebt der Entbundene Doch wie auf Fittichen über das Rauhste, wenn umsonst Der Gefangene sehnsuchtsvoll über die Zinne des Kerkers hin Armausbreitend sich abhärmt. Aber sie ergriff ein Gott, Die Entfernte; Und aus Ilios' Schutt Trug er hierher s...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 79
    Dem Ohr, nicht raschgeschäftiges Eiligtun dem Blick, Und keine Magd erschien mir, keine Schaffnerin, Die jeden Fremden freundlich sonst begrüßenden. Als aber ich dem Schoße des Herdes mich genaht, Da sah ich, bei verglommner Asche lauem Rest, Am Boden sitzen welch verhülltes großes Weib, Der Schl...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 80
    Feuerumleuchteten Qualm hin. Sah ich's, oder bildete Mir der angstumschlungene Geist Solches Verworrene? sagen kann Nimmer ich's, doch daß ich dies Gräßliche hier mit Augen schau', Solches gewiß ja weiß ich; Könnt' es mit Händen fassen gar, Hielte von dem Gefährlichen Nicht zurücke die Furcht mi...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 81
    Mänadisch wild, Betrunknen gleich, umtoben dürft? Wer seid ihr denn, daß ihr des Hauses Schaffnerin Entgegenheulet, wie dem Mond der Hunde Schar? Wähnt ihr, verborgen sei mir, welch Geschlecht ihr seid, Du kriegerzeugte, schlachterzogne junge Brut? Mannlustige du, so wie verführt verführende, Ent...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 82
    PHORKYAS: So sprich von Scylla, leiblich dir Geschwisterkind. CHORETIDE 2: An deinem Stammbaum steigt manch Ungeheur empor. PHORKYAS: Zum Orkus hin! da suche deine Sippschaft auf. CHORETIDE 3: Die dorten wohnen, sind dir alle viel zu jung. PHORKYAS: Tiresias, den Alten, gehe buhlend an. CHO...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 83
    Umworben standst du ausgesuchter Heldenschar. HELENA: Doch stille Gunst vor allen, wie ich gern gesteh', Gewann Patroklus, er, des Peliden Ebenbild. PHORKYAS: Doch Vaterwille traute dich an Menelas, Den kühnen Seedurchstreicher, Hausbewahrer auch. HELENA: Die Tochter gab er, gab des Reichs Bes...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 84
    Schweige, schweige! Daß der Königin Seele, Schon zu entfliehen bereit, Sich noch halte, festhalte Die Gestalt aller Gestalten, Welche die Sonne jemals beschien. PHORKYAS: Tritt hervor aus flüchtigen Wolken, hohe Sonne dieses Tags, Die verschleiert schon entzückte, blendend nun im Glanze herrscht...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 85
    Herbei, du düstres, kugelrundes Ungetüm! Wälzt euch hieher, zu schaden gibt es hier nach Lust. Dem Tragaltar, dem goldgehörnten, gebet Platz, Das Beil, es liege blinkend über dem Silberrand, Die Wasserkrüge füllet, abzuwaschen gibt's Des schwarzen Blutes greuelvolle Besudelung. Den Teppich breite...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 86
    Dem wird es wohlgehn lange Lebenstage durch; Wer aber seiner Schwelle heilige Richte leicht Mit flüchtigen Sohlen überschreitet freventlich, Der findet wiederkehrend wohl den alten Platz, Doch umgeändert alles, wo nicht gar zerstört. HELENA: Wozu dergleichen wohlbekannte Sprüche hier? Du willst ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 87
    Ich acht' auf seine Großheit, ihm vertraut' ich mich. Und seine Burg! die solltet ihr mit Augen sehn! Das ist was anderes gegen plumpes Mauerwerk, Das eure Väter, mir nichts dir nichts, aufgewälzt, Zyklopisch wie Zyklopen, rohen Stein sogleich Auf rohe Steine stürzend; dort hingegen, dort Ist al...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 88
    PHORKYAS: Hast du vergessen, wie er deinen Deiphobus, Des totgekämpften = paris Bruder, unerhört Verstümmelte, der starrsinnig Witwe dich erstritt Und glücklich kebste? Nas' und Ohren schnitt er ab Und stümmelte mehr so: Greuel war es anzuschaun. HELENA: Das tat er jenem, meinetwegen tat er das...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 89
    Statt verheißener Rettung Heil, Untergang verkünde zuletzt; Uns, den Schwangleichen, Lang-+ Schön-Weißhalsigen,/ und ach! Unsrer Schwanerzeugten. Weh uns, weh, weh! Alles deckte sich schon Rings mit Nebel umher. Sehen wir doch einander nicht! Was geschieht? gehen wir? Schweben wir nur Trippelnde...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 90
    Vornehm-willkommnen Gastempfang verkündet es. CHOR: Aufgeht mir das Herz! o, seht nur dahin, Wie so sittig herab mit verweilendem Tritt Jungholdeste Schar anständig bewegt Den geregelten Zug. Wie! auf wessen Befehl Nur erscheinen, gereiht und gebildet so früh, Von Jünglingsknaben das herrlich...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 91
    Begegnen diesem. Heute, welch Versäumnis! Du kommst heran, er meldet's nicht; verfehlt Ist ehrenvoller, schuldigster Empfang So hohen Gastes. Freventlich verwirkt Das Leben hat er, läge schon im Blut Verdienten Todes; doch nur du allein Bestrafst, begnadigst, wie dir's wohlgefällt. HELENA: So ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 92
    Ich seh' den Bogen, der den Pfeil entsandt, Verwundet jenen. Pfeile folgen Pfeilen, Mich treffend. Allwärts ahn' ich überquer Gefiedert schwirrend sie in Burg und Raum. Was bin ich nun? Auf einmal machst du mir Rebellisch die Getreusten, meine Mauern Unsicher. Also fürcht' ich schon, mein Hee...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 93
    Das Wangenrot sie niederbleicht. Und so den allergrößten Schatz Versetz' ich hier auf deinen Platz; Zu deinen Füßen sei gebracht Die Ernte mancher blut'gen Schlacht. So viele Kisten schlepp' ich her, Der Eisenkisten hab' ich mehr; Erlaube mich auf deiner Bahn, Und Schatzgewölbe füll' ich an. Denn...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 94
    Verehrer, Diener, Wächter all' in einem! HELENA: Vielfache Wunder seh' ich, hör' ich an, Erstaunen trifft mich, fragen möcht' ich viel. Doch wünscht' ich Unterricht, warum die Rede Des Manns mir seltsam klang, seltsam und freundlich. Ein Ton scheint sich dem andern zu bequemen, Und hat ein Wort ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 95
    Ich scheine mir verlebt und doch so neu, In dich verwebt, dem Unbekannten treu. FAUST: Durchgrüble nicht das einzigste Geschick! Dasein ist Pflicht, und wär's ein Augenblick. PHORKYAS: Buchstabiert in Liebesfibeln, Tändelnd grübelt nur am Liebeln, Müßig liebelt fort im Grübeln, Doch dazu ist ke...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 96
    Nach Elis ziehn der Franken Heere, Messene sei der Sachsen Los, Normanne reinige die Meere Und Argolis erschaff' er groß. Dann wird ein jeder häuslich wohnen, Nach außen richten Kraft und Blitz; Doch Sparta soll euch überthronen, Der Königin verjährter Sitz. All-einzeln sieht sie euch genießen De...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 97
    Das Zackenhaupt der Sonne kalten Pfeil, Läßt nun der Fels sich angegrünt erblicken, Die Ziege nimmt genäschig kargen Teil. Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche, Und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün. Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn. Ve...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 98
    Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt. Drum weck' ich sie. Erstaunen soll das junge Volk; Ihr Bärtigen auch, die ihr da drunten sitzend harrt, Glaubhafter Wunder Lösung endlich anzuschaun. Hervor! hervor! Und schüttelt eure Locken rasch! Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht so und hört mic...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 99
    Die dich aufwärts treibt; berühre mit der Zehe nur den Boden, Wie der Erdensohn Antäus bist du alsobald gestärkt. Und so hüpft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt. Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwun...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 100
    Und mutwillig durchflatternd. So auch er, der Behendeste, Daß er Dieben und Schälken, Vorteilsuchenden allen auch Ewig günstiger Dämon sei, Dies betätigt er alsobald Durch gewandteste Künste. Schnell des Meeres Beherrscher stiehlt Er den Trident, ja dem Ares selbst Schlau das Schwert aus der Sche...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 101
    Laßt meine Locken, Laßt meine Kleider! Sie sind ja mein. HELENA: O denk! o denke, Wem du gehörest! Wie es uns kränke, Wie du zerstörest Das schön errungene Mein, Dein und Sein. CHOR: Bald löst, ich fürchte, Sich der Verein! HELENA UND FAUST: Bändige! bändige Eltern zuliebe überlebendige, Hef...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 102
    Deinem gleich ist unser Wille Nicht so leicht hinweggerafft. Glaubst du wohl mich im Gedränge? Deinem Arm vertraust du viel! Halte fest, und ich versenge Dich, den Toren, mir zum Spiel. Folge mir in leichte Lüfte, Folge mir in starre Grüfte, Hasche das verschwundne Ziel! EUPHORION: Felsengedräng...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 103
    Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen, In Waffen kommt der Jüngling an; Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen, Hat er im Geiste schon getan. Nun fort! Nun dort Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn. HELENA UND FAUST: Kaum ins Leben eingerufen, Heitrem Tag gegeben kaum, Sehnest du von Schwindelstufen Di...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 104
    Wenn am unglückseligsten Tage Blutend alles Volk verstummt. Doch erfrischet neue Lieder, Steht nicht länger tief gebeugt: Denn der Boden zeugt sie wieder, Wie von je er sie gezeugt. HELENA: Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir: Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint. Zerr...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 105
    Mit meiner Königin zu sein, verlangt mich heiß; Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person. ALLE: Zurückgegeben sind wir dem Tageslicht, Zwar Personen nicht mehr, Das fühlen, das wissen wir, Aber zum Hades kehren wir nimmer. Ewig lebendige Natur Macht auf uns Geister, Wir auf sie vollg...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 106
    Immer bleibt es ihm in Schläuchen, ihm in Krügen und Gefäßen, Rechts und links der kühlen Grüfte, ewige Zeiten aufbewahrt. Haben aber alle Götter, hat nun Helios vor allen, Lüftend, feuchtend, wärmend, glutend, Beeren-Füllhorn aufgehäuft, Wo der stille Winzer wirkte, dort auf einmal wird's lebend...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 107
    Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und höher auf, Fügt sich zusammen.--Täuscht mich ein entzückend Bild, Als jugenderstes, längstentbehrtes höchstes Gut? Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf: Aurorens Liebe, leichten Schwung bezeichnet's mir, Den schnellempfundnen, ersten, kaum ve...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 108
    Die Hügel dann bequem hinabgebildet, Mit sanftem Zug sie in das Tal gemildet. Da grünt's und wächst's, und um sich zu erfreuen, Bedarf sie nicht der tollen Strudeleien. MEPHISTOPHELES: Das sprecht Ihr so! Das scheint Euch sonnenklar; Doch weiß es anders, der zugegen war. Ich war dabei, als noch...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 109
    Am lärmigen Hin- und Widerrutschen, Am ewigen Hin- und Widerlaufen Zerstreuter Ameis-Wimmelhaufen. Und wenn ich führe, wenn ich ritte, Erschien' ich immer ihre Mitte, Von Hunderttausenden verehrt. FAUST: Das kann mich nicht zufriedenstellen. Man freut sich, daß das Volk sich mehrt, Nach seiner A...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 110
    Und das verdroß mich; wie der übermut Den freien Geist, der alle Rechte schätzt, Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut Ins Mißbehagen des Gefühls versetzt. Ich hielt's für Zufall, schärfte meinen Blick: Die Woge stand und rollte dann zurück, Entfernte sich vom stolz erreichten Ziel; Die Stunde ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 111
    Da war die ganze Welt ihm feil. Denn jung ward ihm der Thron zuteil, Und ihm beliebt' es, falsch zu schließen, Es könne wohl zusammengehn Und sei recht wünschenswert und schön: Regieren und zugleich genießen. FAUST: Ein großer Irrtum. Wer befehlen soll, Muß im Befehlen Seligkeit empfinden. Ihm ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 112
    MEPHISTOPHELES: Komm, sehn wir zu! der Lebende soll hoffen. Befrein wir ihn aus diesem engen Tale! Einmal gerettet, ist's für tausend Male. Wer weiß, wie noch die Würfel fallen? Und hat er Glück, so hat er auch Vasallen. MEPHISTOPHELES: Die Stellung, seh' ich, gut ist sie genommen; Wir treten z...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 113
    Es rauscht im Lebensstrom hinab. Zwar nehmen ist recht gut, doch besser ist's, behalten; Laß du den grauen Kerl nur walten, Und niemand nimmt dir etwas ab. Auf dem Vorgebirg obergeneral Noch immer scheint der Vorsatz wohlerwogen, Daß wir in dies gelegene Tal Das ganze Heer gedrängt zurückgezo...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 114
    Kommt eilig felsenab; sei's ihm geglückt! ERSTER KUNDSCHAFTER: Glücklich ist sie uns gelungen, Listig, mutig, unsre Kunst, Daß wir hin und her gedrungen; Doch wir bringen wenig Gunst. Viele schwören reine Huldigung Dir, wie manche treue Schar; Doch Untätigkeits-Entschuldigung: Innere Gärung, Vol...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 115
    Mit leisem Finger geistiger Gewalten Erbauen sie durchsichtige Gestalten; Dann im Kristall und seiner ewigen Schweignis Erblicken sie der Oberwelt Ereignis. KAISER: Vernommen hab' ich's, und ich glaube dir; Doch, wackrer Mann, sag an: was soll das hier? FAUST: Der Nekromant von Norcia, der Sabi...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 116
    Was, ohne Haupt, was förderten die Glieder? Denn schläfert jenes, alle sinken nieder; Wird es verletzt, gleich alle sind verwundet, Erstehen frisch, wenn jenes rasch gesundet. Schnell weiß der Arm sein starkes Recht zu nützen; Er hebt den Schild, den Schädel zu beschützen; Das Schwert gewahret se...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 117
    FAUST: So folge denn auch dieser deinem Wort! Er ist behend, reißt alles mit sich fort. HABEBALD: Dem Heldenmut der Kaiserscharen Soll sich der Durst nach Beute paaren; Und allen sei das Ziel gestellt: Des GegenKAISER:s reiches Zelt. Er prahlt nicht lang auf seinem Sitze, Ich ordne mich dem Phal...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 118
    Ein roter ahnungsvoller Schein; Schon blutig blinken die Gewehre; Der Fels, der Wald, die Atmosphäre, Der ganze Himmel mischt sich ein. MEPHISTOPHELES: Die rechte Flanke hält sich kräftig; Doch seh' ich ragend unter diesen Hans Raufbold, den behenden Riesen, Auf seine Weise rasch geschäftig. KA...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 119
    FAUST: Gib acht: gar günstig scheint es mir. Greif ist ein fabelhaftes Tier; Wie kann es sich so weit vergessen, Mit echtem Adler sich zu messen? KAISER: Nunmehr, in weitgedehnten Kreisen, Umziehn sie sich;--in gleichem Nu Sie fahren aufeinander zu, Sich Brust und Hälse zu zerreißen. FAUST: Nun...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 120
    KAISER: So bin ich endlich doch betrogen! Ihr habt mich in das Netz gezogen; Mir graut, seitdem es mich umstrickt. MEPHISTOPHELES: Nur Mut! Noch ist es nicht mißglückt. Geduld und Pfiff zum letzten Knoten! Gewöhnlich geht's am Ende scharf. Ich habe meine sichern Boten; Befehlt, daß ich befehlen...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 121
    Mir schaudert selbst vor solchem wilden Schwall. MEPHISTOPHELES: Ich sehe nichts von diesen Wasserlügen, Nur Menschenaugen lassen sich betrügen, Und mich ergetzt der wunderliche Fall. Sie stürzen fort zu ganzen Haufen, Die Narren wähnen zu ersaufen, Indem sie frei auf festem Lande schnaufen Und ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 122
    Wo fang' ich an? Wo hör' ich auf? HABEBALD: Steht doch der ganze Raum so voll! Weiß nicht, wozu ich greifen soll. EILEBEUTE: Der Teppich wär' mir eben recht, Mein Lager ist oft gar zu schlecht. HABEBALD: Hier hängt von Stahl ein Morgenstern, Dergleichen hätt' ich lange gern. EILEBEUTE: Den r...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 123
    Dem frechen Kerl einen Backenstreich? ZWEITER: Ich weiß nicht, mir verging die Kraft, Sie waren so gespensterhaft. DRITTER: Mir ward es vor den Augen schlecht, Da flimmert' es, ich sah nicht recht. VIERTER: Wie ich es nicht zu sagen weiß: Es war den ganzen Tag so heiß, So bänglich, so beklomme...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 124
    Im Frieden wirke nun, wie es die Zeit begehrt, Erzmarschall nenn' ich dich, verleihe dir das Schwert. ERZMARSCHALL: Dein treues Heer, bis jetzt im Inneren beschäftigt, Wenn's an der Grenze dich und deinen Thron bekräftigt, Dann sei es uns vergönnt, bei Festesdrang im Saal Geräumiger Väterburg zu...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 125
    Erzschenke, sorge nun, daß unsre Kellerei Aufs reichlichste versorgt mit gutem Weine sei. Du selbst sei mäßig, laß nicht über Heiterkeiten Durch der Gelegenheit Verlocken dich verleiten! ERZSCHENK: Mein Fürst, die Jugend selbst, wenn man ihr nur vertraut, Steht, eh' man sich's versieht, zu Männe...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 126
    Hab ich euch ganz zunächst der Majestät erhoben. ERZBISCHOF: Im Namen aller sei dir tiefster Dank gebracht! Du machst uns stark und fest und stärkest deine Macht. KAISER: Euch fünfen will ich noch erhöhtere Würde geben. Noch leb' ich meinem Reich und habe Lust, zu leben; Doch hoher Ahnen Kette ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 127
    Mit heiligem Strahl dein Reich, das sündige, zu vernichten. Denn noch vergaß er nicht, wie du, zur höchsten Zeit, An deinem Krönungstag, den Zauberer befreit. Von deinem Diadem, der Christenheit zum Schaden, Traf das verfluchte Haupt der erste Strahl der Gnaden. Doch schlag an deine Brust und gib...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 128
    ERZBISCHOF: Dann widmest du zugleich dem Werke, wie's entsteht, Gesamte Landsgefälle: Zehnten, Zinsen, Beth', Für ewig. Viel bedarf's zu würdiger Unterhaltung, Und schwere Kosten macht die sorgliche Verwaltung. Zum schnellen Aufbau selbst auf solchem wüsten Platz Reichst du uns einiges Gold, aus...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 129
    Bist du Baucis, die geschäftig Halberstorbnen Mund erquickt? Du Philemon, der so kräftig Meinen Schatz der Flut entrückt? Eure Flammen raschen Feuers, Eures Glöckchens Silberlaut, Jenes grausen Abenteuers Lösung war euch anvertraut. Und nun laßt hervor mich treten, Schaun das grenzenlose Meer; La...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 130
    Menschenopfer mußten bluten, Nachts erscholl des Jammers Qual; Meerab flossen Feuergluten, Morgens war es ein Kanal. Gottlos ist er, ihn gelüstet Unsre Hütte, unser Hain; Wie er sich als Nachbar brüstet, Soll man untertänig sein. PHILEMON: Hat er uns doch angeboten Schönes Gut im neuen Land! BA...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 131
    Dann hakelt man das vierte bei; Da geht es denn dem fünften schlecht, Man hat Gewalt, so hat man Recht. Man fragt ums Was, und nicht ums Wie. Ich müßte keine Schiffahrt kennen: Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen. DIE DREI GEWALTIGEN GESELLEN: Nicht Dank und Gruß! N...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 132
    Zu überschaun mit einem Blick Des Menschengeistes Meisterstück, Betätigend mit klugem Sinn Der Völker breiten Wohngewinn. So sind am härtsten wir gequält, Im Reichtum fühlend, was uns fehlt. Des Glöckchens Klang, der Linden Duft Umfängt mich wie in Kirch' und Gruft. Des allgewaltigen Willens Kür ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 133
    Nicht allein mich zu ergetzen, Bin ich hier so hoch gestellt; Welch ein greuliches Entsetzen Droht mir aus der finstern Welt! Funkenblicke seh' ich sprühen Durch der Linden Doppelnacht, Immer stärker wühlt ein Glühen, Von der Zugluft angefacht. Ach! die innre Hütte lodert, Die bemoost und feucht...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 134
    Vor Schrecken fielen sie entseelt. Ein Fremder, der sich dort versteckt Und fechten wollte, ward gestreckt. In wilden Kampfes kurzer Zeit Von Kohlen, ringsumher gestreut, Entflammte Stroh. Nun lodert's frei, Als Scheiterhaufen dieser drei. FAUST: Ward ihr für meine Worte taub? Tausch wollt' ich...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 135
    Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein. Das war ich sonst, eh' ich's im Düstern suchte, Mit Frevelwort mich und die Welt verfluchte. Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll. Wenn auch ein Tag uns klar vernünftig lacht, In Traumgespinst verwickelt un...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 136
    Er, unbefriedigt jeden Augenblick! SORGE: Wen ich einmal besitze, Dem ist alle Welt nichts nütze; Ewiges Düstre steigt herunter, Sonne geht nicht auf noch unter, Bei vollkommnen äußern Sinnen Wohnen Finsternisse drinnen, Und er weiß von allen Schätzen Sich nicht in Besitz zu setzen. Glück und Un...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 137
    Das Abgesteckte muß sogleich geraten. Auf strenges Ordnen, raschen Fleiß Erfolgt der allerschönste Preis; Daß sich das größte Werk vollende, Genügt ein Geist für tausend Hände. Grosser Vorhof des Palasts MEPHISTOPHELES: Herbei, herbei! Herein, herein! Ihr schlotternden Lemuren, Aus Bändern, ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 138
    FAUST: Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, Verpestet alles schon Errungene; Den faulen Pfuhl auch abzuziehn, Das Letzte wär' das Höchsterrungene. Eröffn' ich Räume vielen Millionen, Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen. Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich auf der ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 139
    LEMUREN--CHOR: Dir, dumpfer Gast im hänfnen Gewand, Ist's viel zu gut geraten. LEMUR--SOLO: Wer hat den Saal so schlecht versorgt? Wo blieben Tisch und Stühle? LEMUREN--CHOR: Es war auf kurze Zeit geborgt; Der Gläubiger sind so viele. MEPHISTOPHELES: Der Körper liegt, und will der Geist entfli...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 140
    Und sie erneuen ängstlich heiße Bahn. In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken, So viel Erschrecklichstes im engsten Raum! Ihr tut sehr wohl, die Sünder zu erschrecken; Sie halten's doch für Lug und Trug und Traum. Nun, wanstige Schuften mit den Feuerbacken! Ihr glüht so recht vom Höllenschwefe...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 141
    MEPHISTOPHELES: Was duckt und zuckt ihr? ist das Höllenbrauch? So haltet stand und laßt sie streuen. An seinen Platz ein jeder Gauch! Sie denken wohl, mit solchen Blümeleien Die heißen Teufel einzuschneien; Das schmilzt und schrumpft vor eurem Hauch. Nun pustet, Püstriche!--Genug, genug! Vor eur...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 142
    Was hält mich ab, daß ich nicht fluchen darf?-- Und wenn ich mich betören lasse, Wer heißt denn künftighin der Tor? Die Wetterbuben, die ich hasse, Sie kommen mir doch gar zu lieblich vor!-- Ihr schönen Kinder, laßt mich wissen: Seid ihr nicht auch von Luzifers Geschlecht? Ihr seid so hübsch, für...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 143
    Wenn er auf sich und seinen Stamm vertraut; Gerettet sind die edlen Teufelsteile, Der Liebespuk, er wirft sich auf die Haut; Schon ausgebrannt sind die verruchten Flammen, Und wie es sich gehört, fluch' ich euch allzusammen! CHOR DER ENGEL: Heilige Gluten! Wen sie umschweben, Fühlt sich im Leben...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 144
    Ist um mich her ein wildes Brausen, Als wogte Wald und Felsengrund, Und doch stürzt, liebevoll im Sausen, Die Wasserfülle sich zum Schlund, Berufen, gleich das Tal zu wässern; Der Blitz, der flammend niederschlug, Die Atmosphäre zu verbessern, Die Gift und Dunst im Busen trug-- Sind Liebesboten, ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 145
    Den können wir erlösen. Und hat an ihm die Liebe gar Von oben teilgenommen, Begegnet ihm die selige Schar Mit herzlichem Willkommen. DIE JÜNGEREN ENGEL: Jene Rosen aus den Händen Liebend-heiliger Büßerinnen Halfen uns den Sieg gewinnen, Uns das hohe Werk vollenden, Diesen Seelenschatz erbeuten. ...
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Der Tragödie zweiter Teil: Leseprobe 146
    Gnade bedürfend. Dir, der Unberührbaren, Ist es nicht benommen, Daß die leicht Verführbaren Traulich zu dir kommen. In die Schwachheit hingerafft, Sind sie schwer zu retten; Wer zerreißt aus eigner Kraft Der Gelüste Ketten? Wie entgleitet schnell der Fuß Schiefem, glattem Boden? Wen betört nicht ...