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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 1
Erstes Buch
Am 4. Mai 1771
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz
des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich
unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du verzeihst mir's.
Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schick...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 2
davon schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und
ich habe, mein Lieber, wieder bei diesem kleinen Geschäft gefunden,
daß Mißverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt
machen als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren
gewiß seltener.
Übrige...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 3
an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht,
und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich
dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde
tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das
Wimmeln der kleinen We...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 4
Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die
patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter,
am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und
Quellen wohltätige Geister schweben. O der muß nie nach einer
schweren Sommertagswanderung sich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 5
halte dafür, daß der, der nötig zu haben glaubt, vom so genannten
Pöbel sich zu entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso tadelhaft
ist als ein Feiger, der sich vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu
unterliegen fürchtet.
Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen, das
ih...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 6
doch! Mißverstanden zu werden, ist das Schicksal von unsereinem.
Ach, daß die Freundin meiner Jugend dahin ist, ach, daß ich sie je
gekannt habe!--ich würde sagen: du bist ein Tor! Du suchst, was
hienieden nicht zu finden ist! Aber ich habe sie gehabt, ich habe das
Herz gefühlt, die große See...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 7
hat mich zu sich gebeten, und ich will ihn ehster Tage besuchen. Er
wohnt auf einem fürstlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden von hier,
wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die Erlaubnis erhielt, da
ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amthause zu weh tat.
Sonst sind mir einige ve...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 8
daß diejenigen die Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den
Tag hinein leben, ihre Puppen herumschleppen, aus--und anziehen und
mit großem Respekt um die Schublade umherschleichen, wo Mama das
Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn sie das gewünschte endlich
erhaschen, es mit vollen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 9
eingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab' ich nicht leicht
ein Plätzchen gefunden, und dahin lass' ich mein Tischchen aus dem
Wirtshause bringen und meinen Stuhl, trinke meinen Kaffee da und lese
meinen Homer. Das erstenmal, als ich durch einen Zufall an einem
schönen Nachmittage unt...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 10
Liebe. Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle
Stunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet alle seine Kräfte, all
sein Vermögen, um ihr jeden Augenblick auszudrücken, daß er sich ganz
ihr hingibt. Und da käme ein Philister, ein Mann, der in einem
öffentlichen Amte steht, und ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 11
indem sie dem ältesten einen halben Weck gab, nahm sie das kleine auf
und küßte es mit aller mütterlichen Liebe.--"ich habe", sagte sie,
"meinem Philipps das Kleine zu halten gegeben und bin mit meinem
Ältesten in die Stadt gegangen, um weiß Brot zu holen und Zucker und
ein irden Breipfännchen".-...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 12
Butterbrot und die saure Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt
ihnen der Kreuzer nie, und wenn ich nicht nach der Betstunde da bin,
so hat die Wirtin Ordre, ihn auszuzahlen.
Sie sind vertraut, erzählen mir allerhand, und besonders ergetze ich
mich an ihren Leidenschaften und simpeln Ausbrüch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 13
konnte, er sei ihr mit Leib und Seele zugetan. Sie sei nicht mehr
jung, sagte er, sie sei von ihrem ersten Mann übel gehalten worden,
wolle nicht mehr heiraten, und aus seiner Erzählung leuchtete so
merklich hervor, wie schön, wie reizend sie für ihn sei, wie sehr er
wünschte, daß sie ihn wählen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 14
soll ich mir das schöne Bild verderben?
Am 16. Junius
Warum ich dir nicht schreibe?--Fragst du das und bist doch auch der
Gelehrten einer. Du solltest raten, daß ich mich wohl befinde, und
zwar--kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz
näher angeht. Ich habe--ich weiß...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 15
und wie er mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei oder
vielmehr seinem kleinen Königreiche zu besuchen. Ich vernachlässigte
das, und wäre vielleicht nie hingekommen, hätte mir der Zufall nicht
den Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend verborgen liegt.
Unsere jungen Leute hatten ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 16
Kleid, mit blaßroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte. Sie hielt
ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein
Stück nach Proportion ihres Alters und Appetits ab, gab's jedem mit
solcher Freundlichkeit, und jedes rief so ungekünstelt sein "danke!",
indem es mit den klein...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 17
Kinder acht zu haben und den Papa zu grüßen, wenn er vom Spazierritte
nach Hause käme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer Schwester
Sophie folgen, als wenn sie's selber wäre, das denn auch einige
ausdrücklich versprachen. Eine kleine, naseweise Blondine aber, von
ungefähr sechs Jahren, sa...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 18
einige Reize für mich hat. Doch da ich so selten an ein Buch komme,
so muß es auch recht nach meinem Geschmack sein. Und der Autor ist
mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zugeht
wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und
herzlich wird als mein eige...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 19
Namen--, die der Base und Lottens Tänzer waren, empfingen uns am
Schlage, bemächtigten sich ihrer Frauenzimmer, und ich führte das
meinige hinauf.
Wir schlangen uns in Menuetts um einander herum; ich forderte ein
Frauenzimmer nach dem andern auf, und just die unleidlichsten konnten
nicht dazu ko...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 20
ließen sie austoben, und als die Ungeschicktesten den Plan geräumt
hatten, fielen wir ein und hielten mit noch einem Paare, mit Audran
und seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Flecke
gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in
den Armen zu haben und...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 21
Mädchen hatten mir's auf dem Wege gesagt) und war mir doch so ganz neu,
weil ich es noch nicht im Verhältnis auf sie, die mir in so wenig
Augenblicken so wert geworden war, gedacht hatte. Genug, ich
verwirrte mich, vergaß mich und kam zwischen das unrechte Paar hinein,
daß alles drunter und drüb...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 22
Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Läden und Vorhänge hätte.
Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschäftigt war, einen Kreis
von Stühlen zu stellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte
gesetzt hatte, den Vortrag zu einem Spiele zu tun.
Ich sah manchen, der in Hoffnung auf e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 23
"Klopstock!"--Ich erinnerte mich sogleich der herrlichen Ode, die ihr
in Gedanken lag, und versank in dem Strome von Empfindungen, den sie
in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrug's nicht, neigte mich
auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah
nach ihrem Auge wiede...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 24
kennst mein Wahlheim; dort bin ich völlig etabliert, von da habe ich
nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fühl' ich mich selbst und alles
Glück, das dem Menschen gegeben ist.
Hätt' ich gedacht, als ich mir Wahlheim zum Zwecke meiner Spaziergänge
wählte, daß es so nahe am Himmel läge! Wie oft h...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 25
Wonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte.
Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem
Wahlheim und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke,
mich hinsetze, sie abfädne und dazwischen in meinem Homer lese; wenn
ich in der kleinen Küche mir einen Topf w...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 26
Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der
Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller
Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden;
wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des
Charakters, in d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 27
Sie lief hin zu ihm, nötigte ihn sich niederzulassen, indem sie sich
zu ihm setzte, brachte viele Grüße von ihrem Vater, herzte seinen
garstigen, schmutzigen jüngsten Buben, das Quakelchen seines Alters.
Du hättest sie sehen sollen, wie sie den Alten beschäftigte, wie sie
ihre Stimme erhob, um se...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 28
rasche, wohlgewachsene Brünette, die einen die kurze Zeit über auf dem
Lande wohl unterhalten hätte. Ihr Liebhaber (denn als solchen stellte
sich Herr Schmidt gleich dar), ein feiner, doch stiller Mensch, der
sich nicht in unsere Gespräche mischen wollte, ob ihn gleich Lotte
immer hereinzog. Wa...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 29
ist's einem überall nicht recht".--Ich gestand ihr das ein.--"Wir
wollen es also", fuhr ich fort,"als eine Krankheit ansehen und fragen,
ob dafür kein Mittel ist?"--"Das läßt sich hören", sagte Lotte, "ich
glaube wenigstens, daß viel von uns abhängt. Ich weiß es an mir.
Wenn mich etwas neckt und...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 30
darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: "Sie nannten den
bösen Humor ein Laster; mich deucht, das ist übertrieben".--"Mit
nichten", gab ich zur Antwort, "wenn das, womit man sich selbst und
seinem Nächsten schadet, diesen Namen verdient. Ist es nicht genug,
daß wir einander nicht glüc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 31
dem erbärmlichsten Ermatten, das Auge gefühllos gen Himmel sieht, der
Todesschweiß auf der blassen Stirne abwechselt, und du vor dem Bette
stehst wie ein Verdammter, in dem innigsten Gefühl, daß du nichts
vermagst mit deinem ganzen Vermögen, und die Angst dich inwendig
krampft, daß du alles hinge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 32
zuerst trinken!"--ich ward über die Wahrheit, über die Güte, womit sie
das ausrief, so entzückt, daß ich meine Empfindung mit nichts
ausdrücken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und küßte es
lebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfing.--"Sie haben
übel getan", sagte Lotte.--Ic...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 33
fuhren hinaus, und während unserer Spaziergänge glaubte ich in Lottens
schwarzen Augen--ich bin ein Tor, verzeih mir's! Du solltest sie
sehen, diese Augen.--Daß ich kurz bin (denn die Augen fallen mir zu
vor Schlaf): siehe, die Frauenzimmer stiegen ein, da standen um die
Kutsche der junge W., Se...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 34
"ich muß dir eine Sache gestehen, die nach meinem Tode Verwirrung und
Verdruß machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, so
ordentlich und sparsam als möglich; allein du wirst mir verzeihen, daß
ich dich diese dreißig Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest im
Anfange unserer H...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 35
kenne den Menschen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzen
fürchtete. Und doch--wenn sie von ihrem Bräutigam spricht, mit
solcher Wärme, solcher Liebe von ihm spricht--da ist mir's wie einem,
der aller seiner Ehren und Würden entsetzt und dem der Degen genommen
wird.
Am 16. Julius
Ach wie ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 36
Zauberlaterne ist ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so
scheinen dir die buntesten Bilder an deine weiße Wand! Und wenn's
nichts wäre als das, als vorübergehende Phantome, so macht's doch
immer unser Glück, wenn wir wie frische Jungen davor stehen und uns
über die Wundererscheinun...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 37
nicht einerlei, ob ich Erbsen zähle oder Linsen? Alles in der Welt
läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um anderer
willen, ohne daß es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis
ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein
Tor.
Am 24. Julius
...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 38
Abends gesagt: "Sie kommen doch morgen?"--wer könnte da wegbleiben?
Oder sie gibt mir einen Auftrag, und ich finde schicklich, ihr selbst
die Antwort zu bringen; oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nach
Wahlheim, und wenn ich nun da bin, ist's nur noch eine halbe Stunde zu
ihr!--ich bin zu na...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 39
Er hält mich für einen Menschen von Sinn; und meine Anhänglichkeit zu
Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe,
vermehrt seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie
nicht einmal mit keiner Eifersüchtelei peinigt, das lasse ich
dahingestellt sein, wenigste...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 40
daß du von ähnlicher Meinung sein könntest. Und im Grunde hast du
recht. Nur eins, mein Bester! In der Welt ist es sehr selten mit dem
Entweder-Oder getan; die Empfindungen und Handlungsweisen schattieren
sich so mannigfaltig, als Abfälle zwischen einer Habichts--und
Stumpfnase sind.
Du wirst...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 41
Menschen Seele zu ergetzen, als die sind, in denen ich mich jetzt
befinde. Ach so gewiß ist's, daß unser Herz allein sein Glück macht.
--ein Glied der liebenswürdigen Familie zu sein, von dem Alten geliebt
zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater, und von Lotten!
--dann der ehrliche...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 42
von woher ich dir auch jetzt schreibe, und wie ich in der Stube auf
und ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die Augen.--"Borge mir die
Pistolen", sagte ich, "zu meiner Reise".--"Meinetwegen", sagte er,
"wenn du dir die Mühe nehmen willst, sie zu laden; bei mir hängen sie
nur pro forma".--Ich na...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 43
Gebärde drückte ich mir die Mündung der Pistole übers rechte Aug' an
die Stirn.--"Pfui!" sagte Albert, indem er mir die Pistole herabzog,
"was soll das?"--"Sie ist nicht geladen", sagte ich.--"Und auch so,
was soll's?" versetzte er ungeduldig. "Ich kann mir nicht vorstellen,
wie ein Mensch so tö...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 44
Pharisäer, daß er euch nicht gemacht hat wie einen von diesen. Ich
bin mehr als einmal trunken gewesen, meine Leidenschaften waren nie
weit vom Wahnsinn, und beides reut mich nicht: denn ich habe in einem
Maße begreifen lernen, wie man alle außerordentlichen Menschen, die
etwas Großes, etwas Unm...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 45
Beispiele, die du gibst, scheinen hieher gar nicht zu gehören".--"Es
mag sein", sagte ich, "man hat mir schon öfters vorgeworfen, daß meine
Kombinationsart manchmal an Radotage grenze. Laßt uns denn sehen, ob
wir uns auf eine andere Weise vorstellen können, wie dem Menschen zu
Mute sein mag, der...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 46
Mädchen, das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und
wiederholte ihm ihre Geschichte.--"Ein gutes, junges Geschöpf, das in
dem engen Kreise häuslicher Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmter
Arbeit herangewachsen war, das weiter keine Aussicht von Vergnügen
kannte, als etwa Sonntags in...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 47
aller Welt,--und blind, in die Enge gepreßt von der entsetzlichen Not
ihres Herzens, stürzt sie sich hinunter, um in einem rings umfangenden
Tode alle ihre Qualen zu ersticken.--Sieh, Albert, das ist die
Geschichte so manches Menschen! Und sag', ist das nicht der Fall der
Krankheit? Die Natur f...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 48
stimmen, ich konnte aber nicht dazu kommen, denn die Kleinen
verfolgten mich um ein Märchen, und Lotte sagte selbst, ich sollte
ihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, das sie nun
fast so gern von mir als von Lotten annehmen, und erzählte ihnen das
Hauptstückchen von der Prinzessi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 49
der sanfte Abendwind am Himmel herüberwiegte; wenn ich dann die Vögel
um mich den Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenschwärme im
letzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter
zuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite, und das
Schwirren und Weben um mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 50
Anstrengung, jene unsäglichen Gelüste zurückzurufen, wieder
auszusprechen, hebt meine Seele über sich selbst und läßt mich dann
das Bange des Zustandes doppelt empfinden, der mich jetzt umgibt.
Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der
Schauplatz des unendlichen Lebens ver...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 51
unruhigen Lässigkeit verstimmt, ich kann nicht müßig sein und kann
doch auch nichts tun. Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl
an der Natur, und die Bücher ekeln mich an. Wenn wir uns selbst
fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre dir, manchmal wünschte ich,
ein Tagelöhner zu sein, u...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 52
alle die kleinen Gefälligkeiten der Freundschaft auf, die tausendmal
werter sind als jene blendenden Geschenke, wodurch uns die Eitelkeit
des Gebers erniedrigt. Ich küsse diese Schleife tausendmal, und mit
jedem Atemzuge schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit
denen mich jene weni...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 53
Wehmut das Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt,
auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen,--so muß ich fort, muß
hinaus, und schweife dann weit im Felde umher; einen jähen Berg zu
klettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad
durchzuarbeiten, durch...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 54
Garten zu sein. Ich stand auf der Terrasse unter den hohen
Kastanienbäumen und sah der Sonne nach, die mir nun zum letztenmale
über dem lieblichen Tale, über dem sanften Fluß unterging. So oft
hatte ich hier gestanden mit ihr und eben dem herrlichen Schauspiele
zugesehen, und nun--ich ging in d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 55
ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter war, weil uns rings
eine tiefe Dämmerung einschloß. Wir waren still, und sie fing nach
einer Weile an: "niemals gehe ich im Mondenlichte spazieren, niemals,
daß mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, daß nicht
das Gefühl von Tod, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 56
diese himmlische Blüte des Geistes darstellen! Albert fiel ihr sanft
in die Rede: "es greift zu stark an, liebe Lotte! Ich weiß, Ihre
Seele hängt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte Sie".--"O Albert",
sagte sie, "ich weiß, du vergissest nicht die Abende, da wir
zusammensaßen an dem kleinen, ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 57
dankbaren Tränen gesehen, daß du fühlst, was das sei. Habe es für
deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam
einer Frau. Du wirst ihn trösten.'--Sie fragte nach ihm, er war
ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu verbergen, den er
fühlte, der Mann war ganz zerri...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 58
schimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand.
Zweites Buch
Am 20. Oktober 1771
Gestern sind wir hier angelangt. Der Gesandte ist unpaß und wird sich
also einige Tage einhalten. Wenn er nur nicht so unhold wäre, wär'
alles gut. Ich merke, ich merke, das Schicksal hat mir har...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 59
Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur
gerade fortarbeiten, so finden wir gar oft, daß wir mit unserem
Schlendern und Lavieren es weiter bringen als andere mit ihrem Segeln
und Rudern--und--das ist doch ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn
man andern gleich oder gar v...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 60
nach der hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichts
drin. Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben.
Das Vertrauen des Grafen von C... ist noch das einzige, was mich
schadlos hält. Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufrieden
er mit der Langsamkeit u...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 61
und mir so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wenn
nicht der mehr tut, der Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, sein
Korn zu verkaufen, als ich, so will ich zehn Jahre noch mich auf der
Galeere abarbeiten, auf der ich nun angeschmiedet bin.
Und das glänzende Elend, die Langewe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 62
gestattete mir das mit so vieler Freimütigkeit, daß ich den
schicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sie
ist nicht von hier und wohnt bei einer Tante im Hause. Die
Physiognomie der Alten gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr viel
Aufmerksamkeit, mein Gespräch war meist an si...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 63
hat, ihre Kräfte und Leidenschaften zu Ausführung seiner Plane
anzuspannen.
Am 20. Januar
Ich muß Ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen
Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet
habe. Solange ich in dem traurigen Nest D..., unter dem fremden...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 64
sehr artig, weil ich doch nicht anders sein kann, habe viel Witz, und
die Frauenzimmer sagen, es wüßte niemand so fein zu loben als ich (und
zu lügen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht es nicht ab, verstehen
Sie?). Ich wollte von Fräulein B... reden. Sie hat viel Seele, die
voll aus ihren bl...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 65
besten Meinung. Manchmal möcht' ich sie auf den Knieen bitten, nicht
so rasend in ihre eigenen Eingeweide zu wüten.
Am 17. Februar
Ich fürchte, mein Gesandter und ich halten es zusammen nicht mehr
lange aus. Der Mann ist ganz und gar unerträglich. Seine Art zu
arbeiten und Geschäfte zu trei...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 66
nicht? Ich weiß, ich bin ja auch bei euch, bin dir unbeschadet in
Lottens Herzen, habe, ja ich habe den zweiten Platz darin und will und
muß ihn behalten. O ich würde rasend werden, wenn sie vergessen
könnte--Albert, in dem Gedanken liegt eine Hölle. Albert, leb' wohl!
Leb' wohl, Engel des Him...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 67
Fräulein B. hereintrat. Da mir das Herz immer ein bißchen aufgeht,
wenn ich sie sehe, blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl und
bemerkte erst nach einiger Zeit, daß sie mit weniger Offenheit als
sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redete. Das fiel mir auf.
Ist sie auch wie all das...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 68
untergehen zu sehen und dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu
lesen, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Das
war alles gut.
Des Abends komm' ich zurück zu Tische, es waren noch wenige in der
Gaststube; die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch
zurückgesc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 69
Augenblicke an, da ich in den Saal trat! Ich sah alles voraus,
hundertmal saß mir's auf der Zunge, es Ihnen zu sagen. Ich wußte,
daß die von S... und T... mit ihren Männern eher aufbrechen würden,
als in Ihrer Gesellschaft zu bleiben; ich wußte, daß der Graf es mit
ihnen nicht verderben darf,--...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 70
ergriffen, um diesem gedrängten Herzen Luft zu machen. Man erzählt
von einer edlen Art Pferde, die, wenn sie schrecklich erhitzt und
aufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeißen, um sich
zum Atem zu helfen. So ist mir's oft, ich möchte mir eine Ader öffnen,
die mir die ewige Fre...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 71
ist da. Ich mag euch nicht sagen, wie ungern man mir ihn gegeben hat,
und was mir der Minister schreibt--ihr würdet in neue Lamentationen
ausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abschiede fünfundzwanzig Dukaten
geschickt, mit einem Wort, das mich bis zu Tränen gerührt hat; also
brauche ich von der...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 72
freundlich-dämmernd darstellten; und wenn ich dann um die bestimmte
Zeit wieder zurück mußte, mit welchem Widerwillen verließ ich nicht
den lieben Platz!--Ich kam der Stadt näher, alle die alten,
bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt, die neuen waren mir
zuwider, so auch alle Veränderun...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 73
mich's, daß ich jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann, daß sie
rund sei? Der Mensch braucht nur wenige Erdschollen, um drauf zu
genießen, weniger, um drunter zu ruhen. Nun bin ich hier, auf dem
fürstlichen Jagdschloß. Es läßt sich noch ganz wohl mit dem Herrn
leben, er ist wahr und einfac...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 74
wenn ich ein wohl geschriebenes Buch lese. Noch acht Tage bleibe ich,
und dann ziehe ich wieder in der Irre herum. Das Beste, was ich
hier getan habe, ist mein Zeichnen. Der Fürst fühlt in der Kunst und
würde noch stärker fühlen, wenn er nicht durch das garstige
wissenschaftliche Wesen und dur...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 75
wo mein Herz und Lottens in einem zusammentreffen; in hundert andern
Vorfällen, wenn es kommt, daß unsere Ermpfindungen über eine Handlung
eines Dritten laut werden. Lieber Wilhelm!--Zwar er liebt sie von
ganzer Seele, und so eine Liebe, was verdient die nicht!
--Ein unerträglicher Mensch hat m...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 76
ausgestattet, sterbend seinem geliebten Sohne hoffnungsvoll
hinterlassen hätte.
Am 3. September
Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann,
lieb haben darf, da ich sie so ganz allein, so innig, so voll liebe,
nichts anders kenne, noch weiß, noch habe als sie!
Am 4. Sept...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 77
hingesollt. Er habe weder essen noch trinken noch schlafen können, es
habe ihm an der Kehle gestockt, er habe getan, was er nicht tun
sollen; was ihm aufgetragen worden, hab' er vergessen, er sei als wie
von einem bösen Geist verfolgt gewesen, bis er eines Tages, als er
sie in einer obern Kammer...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 78
Da ich das Blut wieder durchlese, seh' ich, daß ich das Ende der
Geschichte zu erzählen vergessen habe, das sich aber leicht
hinzudenken läßt. Sie erwehrte sich sein; ihr Bruder kam dazu, der
ihn schon lange gehaßt, der ihn schon lange aus dem Hause gewünscht
hatte, weil er fürchtet, durch eine ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 79
sobald du kannst, ich erwarte dich mit tausend Freuden."--Ein
Freund, der hereinkam, brachte Nachricht, daß er wegen gewisser
Umstände so bald noch nicht zurückkehren würde. Das Billett blieb
liegen und fiel mir abends in die Hände. Ich las es und lächelte; sie
fragte worüber?--"Was die Einbild...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 80
Nahrung und kehrt unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück."
"Er ißt mir auch aus dem Munde."sagte sie.--Sie reichte ihm einige
Brosamen mit ihren Lippen, aus denen die Freuden unschuldig
teilnehmender Liebe in aller Wonne lächelten.
Ich kehrte das Gesicht weg. Sie sollte es nicht tun, so...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 81
Frau des neuen Pfarrers (unser alter ist auch gestorben), ein hageres,
kränkliches Geschöpf, das sehr Ursache hat, an der Welt keinen
Anteil zu nehmen, denn niemand nimmt Anteil an ihr. Eine Närrin, die
sich abgibt, gelehrt zu sein, sich in die Untersuchung des Kanons
meliert, gar viel an der ne...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 82
mache nicht gern Gedankenstriche, aber hier kann ich mich nicht
anders ausdrücken--und mich dünkt deutlich genug.
Am 10. Oktober
Ossian hat in meinem Herzen den Humor verdrängt. Welch eine Welt,
in die der Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, umsaust
vom Sturmwinde, der in dampfe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 83
dieses Herz drücken könntest, diese ganze Lücke würde ausgefüllt sein.
Am 19. Oktober
Ja es wird mir gewiß, Lieber, gewiß und immer gewisser, daß an dem
Dasein eines Geschöpfes wenig gelegen ist, ganz wenig. Es kam eine
Freundin zu Lotten, und ich ging herein ins Nebenzimmer, ein Buch zu
nehm...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 84
daß man einander so wenig sein kann. Ach die Liebe, Freude, Wärme und
Wonne, die ich nicht hinzubringe, wird mir der andere nicht geben,
und mit einem ganzen Herzen voll Seligkeit werde ich den andern nicht
beglücken, der kalt und kraftlos vor mir steht.
Ich habe so viel, und die Emfpindung an ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 85
heilige, belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf; sie ist
dahin!--Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hügel sehe,
wie die Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und den stillen
Wiesengrund bescheint, und der sanfte Fluß zwischen seinen
entblätterten Weiden zu mir her...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 86
Ich ehre die Religion, das weißt du, ich fühle, daß sie manchem
Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur--kann
sie denn, muß sie denn das einem jeden sein? Wenn du die große Welt
ansiehst, so siehst du Tausende, denen sie es nicht war, Tausende,
denen sie es nicht sein wird...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 87
mich und sie zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollust
schlürfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Was
soll der gütige Blick, mit dem sie mich oft--oft?--nein, nicht oft,
aber doch manchmal ansieht, die Gefälligkeit, womit sie einen
unwillkürlichen Ausdruck meines Ge...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 88
die aus dem Instrument hervorquollen, und nur der heimliche
Widerschall aus dem reinen Munde zurückklänge--ja wenn ich dir das so
sagen könnte!--Ich widerstand nicht länger, neigte mich und schwur:
nie will ich es wagen, einen Kuß euch aufzudrücken, Lippen, auf denen
die Geister des Himmels schwe...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 89
keine."--"Das ist auch die Jahreszeit nicht." sagte ich lächelnd.
--"Es gibt so viele Blumen," sagte er, indem er zu mir herunterkam.
"In meinem Garten sind Rosen und Jelängerjelieber zweierlei Sorten,
eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen wie Unkraut; ich suche
schon zwei Tage darnach und...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 90
nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu schaffen. Er war ein so
guter, stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne Hand
schrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hinziges
Fieber, daraus in Raserei, und nun ist er, wie Sie ihn sehen. Wenn
ich Ihnen erzählen sollte, He...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 91
Kranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist, die seine
Krankheit vermehren, sein Ausleben schmerzhafter machen wird! Der
sich über das bedrängte Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisse
loszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun, eine Pilgrimschaft
nach dem heiligen Grabe tut....
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 92
Dienst geschickt wurde, hat ihn rasend gemacht. Fühle bei diesen
trocknen Worten, mit welchem Unsinn mich die Geschichte ergriffen hat,
da mir sie Albert ebenso gelassen erzählte, als du sie vielleicht
liesest.
Am 4. Dezember
Ich bitte dich--siehst du, mit mir ist's aus, ich trag' es nicht
lä...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 93
Freude sich aufschwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht in
beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kalten
Bewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle des
Unendlichen zu verlieren sehnte?
Der Herausgeber an den Leser
Wie sehr wünscht' ich, daß uns von den letzte...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 94
Betragen, sich dieses Glück auch auf die Zukunft zu erhalten, nicht
habe beurteilen können, er, der gleichsam mit jedem Tage sein ganzes
Vermögen verzehrte, um an dem Abend zu leiden und zu darben. Albert,
sagen sie, hatte sich in so kurzer Zeit nicht verändert, er war noch
immer derselbige, den...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 95
sagte er zu sich selbst, mit heimlichem Zähneknirschen, "das ist der
vertraute, freundliche, zärtliche, an allem teilnehmende Umgang, die
ruhige, dauernde Treue! Sättigkeit ist's und Gleichgültigkeit! Zieht
ihn nicht jedes elende Geschäft mehr an als die teure, köstliche
Frau? Weiß er sein Glü...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 96
Augenblick ruhn."--Er eilte nach Wahlheim zu, jede Erinnerung ward
ihm lebendig, und er zweifelte nicht einen Augenblick, daß jener
Mensch die Tat begangen, den er so manchmal gesprochen, der ihm so
wert geworden war.
Da er durch die Linden mußte, um nach der Schenke zu kommen, wo sie
den Körper...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 97
wünschte er für ihn sprechen zu können, schon drängte sich der
lebhafteste Vortrag nach seinen Lippen, er eilte nach dem Jagdhause
und konnte sich unterwegs nicht enthalten, alles das, was er dem
Amtmann vorstellen wollte, schon halblaut auszusprechen.
Als er in die Stube trat, fand er Alberten ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 98
einige Empfindlichkeit gegen sich darin bemerkt zu haben, und wenn
gleich bei mehrerem Nachdenken seinem Scharfsinne nicht entging, daß
beide Männer recht haben möchten, so war es ihm doch, als ob er
seinem innersten Dasein entsagen müßte, wenn er es gestehen, wenn er
es zugeben sollte.
Ein Blät...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 99
begegnet war, der Verdruß bei der Gesandtschaft, alles was ihm sonst
mißlungen war, was ihn je gekränkt hatte, ging in seiner Seele auf und
nieder. Er fand sich durch alles dieses wie zur Untätigkeit
berechtigt, er fand sich abgeschnitten von aller Aussicht, unfähig,
irgendeine Handhabe zu ergre...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 100
Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab!
Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da
hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O!--Und den Fuß vom
Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden!
--Meine Uhr ist noch nicht a...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 101
Lotte! Lotte!--Und mit mir ist es aus! Meine Sinne verwirren sich,
schon acht Tage habe ich keine Besinnungskraft mehr, meine Augen sind
voll Tränen. Ich bin nirgend wohl, und überall wohl. Ich wünsche
nichts, verlange nichts. Mir wäre besser, ich ginge.
Der Entschluß, die Welt zu verlassen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 102
Es ist nötig, daß nichts gepflückt werde, ehe es reif ist. Und
vierzehn Tage auf oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst du sagen:
daß sie für ihren Sohn beten soll, und daß ich sie um Vergebung bitte
wegen alles Verdrusses, den ich ihr gemacht habe. Das war nun mein
Schicksal, die zu betrüben,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 103
sie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg, "Sie sollen
auch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind; ein
Wachsstöckchen und noch was."--"Und was heißen Sie geschickt
sein?"rief er aus;"wie soll ich sein? Wie kann ich sein? Beste
Lotte!"--"Donnerstag abend," sagte sie, "ist ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 104
vielleicht Albert diese Anmerkung gemacht? Politisch! Sehr politisch!"
--"Es kann sie jeder machen," versetzte sie drauf, "und sollte denn
in der weiten Welt kein Mädchen sein, das die Wünsche Ihres Herzens
erfüllte? Gewinnen Sie's über sich, suchen Sie darnach, und ich
schwöre Ihnen, Sie werd...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 105
Bediente fand, der es gegen eilfe wagte hineinzugehn, um zu fragen, ob
er dem Herrn die Stiefeln ausziehen sollte, das er denn zuließ und
dem Bedienten verbot, den andern Morgen ins Zimmer zu kommen, bis er
ihm rufen würde.
Montags früh, den einundzwanzigsten Dezember, schrieb er folgenden
Brief...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 106
O meine Beste! In diesem zerrissenen Herzen ist es wütend
herumgeschlichen, oft--deinen Mann zu ermorden!--dich!--mich!
--so sei es denn!--wenn du hinaufsteigst auf den Berg, an einem
schönen Sommerabende, dann erinnere dich meiner, wie ich so oft das
Tal heraufkam, und dann blicke nach dem Kirc...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 107
etwas, setzte sich zu Pferde, ließ den Alten grüßen und ritt mit
Tränen in den Augen davon.
Gegen fünf kam er nach Hause, befahl der Magd, nach dem Feuer zu
sehen und es bis in die Nacht zu unterhalten. Den Bedienten hieß er
Bücher und Wäsche unten in den Koffer packen und die Kleider einnähen....
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 108
Umgang mit ihm, so manche durchlebte Situationen hatten einen
unauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Alles, was sie
Interessantes fühlte und dachte, war sie gewohnt mit ihm zu teilen,
und seine Entfernung drohte in ihr ganzes Wesen eine Lücke zu reißen,
die nicht wieder ausgefüllt werde...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 109
daß sie wegbleiben möchten. Das Mädchen kam zurück und brachte die
Nachricht, daß sich beide entschuldigen ließen.
Sie wollte das Mädchen mit ihrer Arbeit in das Nebenzimmer sitzen
lassen; dann besann sie sich wieder anders. Werther ging in der Stube
auf und ab, sie trat ans Klavier und fing e...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 110
Frühlingslüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach lispelnde
Gras.
Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagenem
Blick und tränenvollem Auge, schwer floß ihr Haar im unsteten Winde,
der von dem Hügel herstieß.--Düster ward's in der Seele der Helden,
als sie die lieblich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 111
stehen grau den Hügel hinauf; aber ich seh' ihn nicht auf der Höhe,
seine Hunde vor ihm her verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muß ich
sitzen allein.
Aber wer sind, die dort unten liegen auf der Heide?--Mein
Geliebter? Mein Bruder?--Redet, o meine Freunde! Sie antworten
nicht. Wie geängst...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 112
sie im engen Hause, und ihre Stimme war verhallet in Selma. Einst
kehrte Ullin zurück von der Jagd, ehe die Helden noch fielen. Er
hörte ihren Wettegesang auf dem Hügel. Ihr Lied war sanft, aber
traurig. Sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden. Seine Seele
war wie Fingals Seele, sein ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 113
Aber wenn du wiederkehrtest vom Kriege, wie friedlich war deine
Stirne! Dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter,
gleich dem Monde in der schweigenden Nacht, ruhig deine Brust wie der
See, wenn sich des Windes Brausen gelegt hat.
Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Stätte! Mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 114
"was ist hier zu weinen? Klingt nicht ein Lied und ein Gesang, die
Seele zu schmelzen und zu ergetzen? Sie sind wie sanfter Nebel, der
steigend vom See aufs Tal sprüht, und die blühenden Blumen füllet das
Naß; aber die Sonne kommt wieder in ihrer Kraft, und der Nebel ist
gegangen. Warum bist d...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 115
zu führen über die rollende See.
Sie folgt' ihm und rief nach Armar; nichts antwortete als die
Stimme des Felsens. "Armar! Mein Lieber! Mein Lieber! Warum
ängstest du mich so? Höre, Sohn Arnarths! Höre! Daura ist's, die
dich ruft!
Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhob i...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 116
Jammer starb sie und ließ Armin allein! Dahin ist meine Stärke im
Kriege, gefallen mein Stolz unter den Mädchen.
Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen
hochhebt, sitz' ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schrecklichen
Felsen. Oft im sinkenden Monde seh' ich die Geiste...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 117
verging ihnen. Er schlang seine Arme um sie her, preßte sie an seine
Brust und deckte ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütenden
Küssen.--"Werther!" rief sie mit erstickter Stimme, sich abwendend,
"Werther!" und drückte mit schwacher Hand seine Brust von der
ihrigen; "Werther!" rief sie mi...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 118
schreibend, als er ihm den andern Morgen auf sein Rufen den Kaffee
brachte. Er schrieb folgendes am Briefe an Lotten:
"Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlage ich diese Augen auf.
Sie sollen, ach, die Sonne nicht mehr sehn, ein trüber, neblichter
Tag hält sie bedeckt. So traure denn, Nat...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 119
Male ganz ohne Zweifel durch mein innig Innerstes durchglühte mich
das Wonnegefühl: sie liebt mich! Sie liebt mich! Es brennt noch auf
meinen Lippen das heilige Feuer, das von den deinigen strömte, neue,
warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergib mir! Vergib mir!
Ach, ich wußte, daß du mich li...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 120
entgegen und fasse dich und bleibe bei dir vor dem Angesichte des
Unendlichen in ewigen Umarmungen.
Ich träume nicht, ich wähne nicht! Nahe am Grabe wird mir es heller.
Wir werden sein! Wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehen!
Ich werde sie sehen, werde sie finden, ach, und vor ihr me...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 121
kristallhelles Glas offen und frei gestanden und dem sie keine ihrer
Empfindungen jemals verheimlicht noch verheimlichen können? Eins und
das andre machte ihr Sorgen und setzte sie in Verlegenheit; und immer
kehrten ihre Gedanken wieder zu Werthern, der für sie verloren war,
den sie nicht lassen...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 122
Albert kam zurück, und Lotte ging ihm mit einer verlegenen
Hastigkeit entgegen, er war nicht heiter, sein Geschäft war nicht
vollbracht, er hatte an dem benachbarten Amtmanne einen unbiegsamen,
kleinsinnigen Menschen gefunden. Der Üble Weg auch hatte ihn
verdrießlich gemacht.
Er fragte, ob nich...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 123
zauderte, und hätte noch lange gezögert, wenn nicht Albert durch
einen fragenden Blick sie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche
Werkzeug dem Knaben, ohne ein Wort vorbringen zu können, und als der
zum Hause hinaus war, machte sie ihre Arbeit zusammen, ging in ihr
Zimmer, in dem Zustande der ...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 124
Er kam wieder nach Hause, ging wieder aus vors Tor, ungeachtet des
Regens, in den gräflichen Garten, schweifte weiter in der Gegend
umher und kam mit anbrechender Nacht zurück und schrieb.
"Wilhelm, ich habe zum letzten Male Feld und Wald und den Himmel
gesehen. Leb wohl auch du! Liebe Mutter,...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 125
Trunkenheit habe ich ihn oft angesehen, oft mit aufgehabenen Händen
ihn zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwärtigen
Seligkeit gemacht! Und noch--o Lotte, was erinnert mich nicht an dich!
Umgibst du mich nicht! Und habe ich nicht, gleich einem Kinde,
ungenügsam allerlei Kleinigkeit...
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Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther: Leseprobe 126
Seele schwebt über dem Sarge. Man soll meine Taschen nicht aussuchen.
Diese blaßrote Schleife, die du am Busen hattest, als ich dich zum
ersten Male unter deinen Kindern fand--o küsse sie tausendmal und
erzähle ihnen das Schicksal ihres unglücklichen Freundes. Die Lieben!
Sie wimmeln um mich. ...