Leseprobe aus Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre:
Mutter! ist denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den
Beutel bringt, was uns nicht den allernächsten Besitz verschafft?
Hatten wir in dem alten Hause nicht Raum genug? und war es nötig, ein
neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jährlich einen ansehnlichen
Teil seines Handelsgewinnes zur Verschönerung der Zimmer? Diese
seidenen Tapeten, diese englischen Mobilien, sind sie nicht auch
unnütz? Könnten wir uns nicht mit geringeren begnügen? Wenigstens
bekenne ich, daß mir diese gestreiften Wände, diese hundertmal
wiederholten Blumen, Schnörkel, Körbchen und Figuren einen durchaus
unangenehmen Eindruck machen. Sie kommen mir höchstens vor wie unser
Theatervorhang. Aber wie anders ist's, vor diesem zu sitzen! Wenn
man noch so lange warten muß, so weiß man doch, er wird in die Höhe
gehen, und wir werden die mannigfaltigsten Gegenstände sehen, die uns
unterhalten, aufklären und erheben."
"Mach es nur mäßig", sagte die Mutter, "der Vater will auch abends
unterhalten sein; und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende
trag ich, wenn er verdrießlich wird, die Schuld. Wie oft mußte ich
mir das verwünschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor
zwölf Jahren zum Heiligen Christ gab und das euch zuerst Geschmack am
Schauspiele beibrachte!"
"Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich Ihre Liebe und
Vorsorge nicht gereuen! Es waren die ersten vergnügten Augenblicke,
die ich in dem neuen, leeren Hause genoß; ich sehe es diesen
Augenblick noch vor mir, ich weiß, wie sonderbar es mir vorkam, als
man uns, nach Empfang der gewöhnlichen Christgeschenke, vor einer Türe
niedersetzen hieß, die aus einem andern Zimmer hereinging. Sie
eröffnete sich; allein nicht wie sonst zum Hin- und Widerlaufen, der
Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit ausgefüllt. Es baute
sich ein Portal in die Höhe, das von einem mystischen Vorhang verdeckt
war. Erst standen wir alle von ferne, und wie unsere Neugierde größer