Johann Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre

Auch: Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre

Leseprobe aus Wilhelm Meisters Lehrjahre und Wanderjahre:

willen, Töchterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem
können sie sein, als von deinem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt
dir das Stück Musselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er
scheint mir eifriger und freigebiger als jemals."

Die Alte kehrte sich um und wollte die Gaben, womit er auch sie
bedacht, vorweisen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend,
mit Leidenschaft ausrief: "Fort! Fort! heute will ich nichts von
allem diesen hören; ich habe dir gehorcht, du hast es gewollt, es sei
so! Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein,
mache mit mir, was du willst, aber bis dahin will ich mein sein, und
hättest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht
ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und
den ich liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft
überlassen, als wenn sie ewig dauern sollte."

Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorstellungen und Gründen; doch da
sie in fernerem Wortwechsel heftig und bitter ward, sprang Mariane auf
sie los und faßte sie bei der Brust. Die Alte lachte überlaut. "Ich
werde sorgen müssen", rief sie aus, "daß sie wieder bald in lange
Kleider kommt, wenn ich meines Lebens sicher sein will. Fort, zieht
Euch aus! Ich hoffe, das Mädchen wird mir abbitten, was mir der
flüchtige Junker Leids zugefügt hat; herunter mit dem Rock und immer
so fort alles herunter! Es ist eine unbequeme Tracht, und für Euch
gefährlich, wie ich merke. Die Achselbänder begeistern Euch."

Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Mariane riß sich los. "Nicht so
geschwind!" rief sie aus, "ich habe noch heute Besuch zu erwarten."

"Das ist nicht gut", versetzte die Alte. "Doch nicht den jungen,
zärtlichen, unbefiederten Kaufmannssohn?"--"Eben den", versetzte
Mariane.

"Es scheint, als wenn die Großmut Eure herrschende Leidenschaft werden
wollte", erwiderte die Alte spottend; "Ihr nehmt Euch der Unmündigen,

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