Johann Christoph Friedrich Schiller: Kabale und Liebe

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Leseprobe aus Kabale und Liebe:

halten.

Luise. O! ich bin eine schwere Sünderin, Vater--War er da, Mutter?

Frau. Wer, mein Kind?

Luise. Ah! ich vergaß, daß es noch außer ihm Menschen gibt--Mein
Kopf ist so wüste--Er war nicht da? Walter?

Miller (traurig und ernsthaft). Ich dachte, meine Luise hätte den
Namen in der Kirche gelassen?

Luise (nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen). Ich versteh'
ihn, Vater--fühle das Messer, das Er in mein Gewissen stößt; aber es
kommt zu spät.--Ich hab' keine Andacht mehr, Vater--der Himmel und
Ferdinand reißen an meiner blutenden Seele, und ich fürchte--ich
fürchte--(Nach einer Pause.) Doch nein, guter Vater. Wenn wir ihn
über dem Gemälde vernachlässigen, findet sich ja der Künstler am
feinsten gelobt.--Wenn meine Freude über sein Meisterstück mich ihn
selbst übersehen macht, Vater, muß das Gott nicht ergötzen?

Miller (wirft sich unmuthig in den Stuhl). Da haben wir's! Das ist
die Frucht von dem gottlosen Lesen.

Luise (tritt unruhig an ein Fenster). Wo er wohl jetzt ist?--Die
vornehmen Fräulein, die ihn sehen--ihn hören--ich bin ein schlechtes,
vergessenes Mädchen. (Erschrickt an dem Wort und stürzt ihrem Vater
zu.) Doch nein, nein! verzeih' Er mir. Ich beweine mein Schicksal
nicht. Ich will ja nur wenig--an ihn denken--das kostet ja nichts.
Dies Bischen Leben--dürft' ich es hinhauchen in ein leises,
schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen;--dies Blümchen
Jugend--wär' es ein Veilchen, und er träte drauf, und es dürfte
bescheiden unter ihm sterben!--Damit genügte mir, Vater! Wenn die
Mücke in ihren Strahlen sich sonnt--kann sie das strafen, die stolze
majestätische Sonne?

Miller (beugt sich gerührt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das
Gesicht). Höre, Luise--das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gäb'
es hin, hättest du den Major nie gesehen.

Luise (erschrocken). Was sagt Er da? was?--Nein, er meint es anders,
der gute Vater. Er wird nicht wissen, daß Ferdinand mein ist, mir
geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden. (Sie steht

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