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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 1
ERSTER TEIL
Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet
DER SOHN DES BRAHMANEN
Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flußufers Booten, im Schatten
des Salwaldes, im Schatten des Feigenbaumes wuchs Siddhartha auf, der
schöne Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit seinem Freunde, dem
Br...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 2
alles, was Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er, seinen
Geist, seine hohen, feurigen Gedanken, seinen glühenden Willen, seine
hohe Berufung. Govinda wußte: dieser wird kein gemeiner Brahmane
werden, kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Händler mit
Zaubersprüchen, kein eitler,...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 3
sein wartendes Gefäß gegossen hätten, und das Gefäß war nicht voll,
der Geist war nicht begnügt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht
gestillt. Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie
wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie lösten
nicht Herzensangst. Vortre...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 4
Gewiß, viele Verse der heiligen Bücher, zumal in den Upanishaden des
Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten, herrliche Verse.
"Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und
geschrieben stand, daß der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem
Innersten eingehe und im At...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 5
"Fürwahr, der Name des Brahman ist satyam--wahrlich, wer solches weiß,
der geht täglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe,
die himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den
letzten Durst gelöscht. Und von allen Weisen und Weisesten die er
kannte und deren Bele...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 6
seines Freundes den Entschluß los, unablenkbar wie der vom Bogen
losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda:
Nun beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein
Schicksal zu sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich
wie eine trockene Bananens...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 7
auf und legte sich nieder.
Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der
Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das
kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha
stehen, mit gekreuzten Armen, unverrückt. Bleich schimmerte sein
he...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 8
Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er
kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, daß
Siddhartha schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, daß
er ihn schon jetzt verlassen habe.
Der Vater berührte Siddharthas Schulter.
"Du wir...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 9
durch eine Stadt mit schön gekleideten Menschen ging. Er sah Händler
handeln, Fürsten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen,
Huren sich anbieten, Ärzte sich um Kranke mühen, Priester den Tag für
die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Mütter ihre Kinder
stillen--und alles war nicht de...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 10
Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog überm
Bambuswald--und Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog
über Wald und Gebirg, war Reiher, fraß Fische, hungerte Reiherhunger,
sprach Reihergekrächz, starb Reihertod. Ein toter Schakal lag am
Sandufer, und Siddharthas Seele s...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 11
Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog
sich denselben Bemühungen. Selten sprachen sie anderes miteinander,
als der Dienst und die Übungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu
zweien durch die Dörfer, um Nahrung für sich und ihre Lehrer zu
betteln.
"Wie denkst du, ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 12
Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und weißt doch, daß Siddhartha
kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet
der Trinker Betäubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er
kehrt zurück aus dem Wahn und, findet alles beim alten, ist nicht
weiser geworden, hat n...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 13
Kunstfertigkeiten, mit denen wir uns täuschen. Das Wesentliche aber,
den Weg der Wege finden wir nicht."
"Mögest du doch," sprach Govinda, "nicht so erschreckende Worte
aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten
Männern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 14
Ehrwürdigkeit des Brahmanenstandes, wo die Heiligkeit der Samanas,
wenn es so wäre wie du sagst, wenn es kein Lernen gäbe?! Was, o
Siddhartha, was würde dann aus alledem werden, was auf Erden heilig,
was wertvoll, was ehrwürdig ist?!"
Und Govinda murmelte einen Vers vor sich hin, einen Vers aus...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 15
viele glauben, viele zweifeln, viele aber sich alsbald auf den Weg
machen, um den Weisen, den Helfer aufzusuchen, so durchlief das Land
jene Sage, jene duftende Sage von Gotama, dem Buddha, dem Weisen aus
dem Geschlecht der Sakya. Ihm war, so sprachen die Gläubigen, höchste
Erkenntnis zu eigen, ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 16
und in seinem Hause war ein Brahmanensohn aus Magadha, dieser hat mit
seinen eigenen Augen den Buddha gesehen und hat ihn lehren hören.
Wahrlich, da schmerzte mich der Atem in der Brust, und ich dachte bei
mir: Möchte doch auch ich, möchten doch auch wir beide, Siddhartha und
ich, die Stunde erle...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 17
sollte das möglich sein? Wie sollte die Lehre des Gotama, noch ehe
wir sie vernommen, uns schon ihre beste Frucht erschlossen haben?"
Sprach Siddhartha: "Laß diese Frucht uns genießen und das weitere
abwarten, o Govinda! Diese Frucht aber, die wir schon jetzt dem
Gotama verdanken, besteht dari...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 18
"Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen", sagte Siddhartha.
"Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufrieden geben!"
GOTAMA
In der Stadt Savathi kannte jedes Kind den Namen des Erhabenen Buddha,
und jedes Haus war gerüstet, den Jüngern Gotamas, den schweigend
Bittenden, die Almosen...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 19
Entzückt lauschte Govinda und wollte noch vieles fragen und hören.
Aber Siddhartha mahnte zum Weitergehen. Sie sagten Dank und gingen
und brauchten kaum nach dem Wege zu fragen, denn nicht wenige Pilger
und auch Mönche aus Gotamas Gemeinschaft waren nach dem Jetavana
unterwegs. Und da sie in de...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 20
Gewand und setzte den Fuß gleich wie alle seine Mönche, nach genauer
Vorschrift. Aber sein Gesicht und sein Schritt, sein still gesenkter
Blick, seine still herabhängende Hand, und noch jeder Finger an seiner
still herabhängenden Hand sprach Friede, sprach Vollkommenheit, suchte
nicht, ahmte nic...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 21
seine Stimme, und auch sie war vollkommen, war von vollkommener Ruhe,
war voll von Frieden. Gotama lehrte die Lehre vom Leiden, von der
Herkunft des Leidens, vom Weg zur Aufhebung des Leidens. Ruhig floß
und klar seine stille Rede. Leiden war das Leben, voll Leid war die
Welt, aber Erlösung vo...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 22
mein Freund gewesen, immer bist du einen Schritt hinter mir gegangen.
Oft habe ich gedacht: Wird Govinda nicht auch einmal einen Schritt
allein tun, ohne mich, aus der eigenen Seele? Siehe, nun bist du ein
Mann geworden und wählst selber deinen Weg. Mögest du ihn zu Ende
gehen, o mein Freund! M...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 23
Gewand anzulegen und sie in den ersten Lehren und Pflichten ihres
Standes zu unterweisen. Da riß Govinda sich los, umarmte noch einmal
den Freund seiner Jugend und schloß sich dem Zuge der Novizen an.
Siddhartha aber wandelte in Gedanken durch den Hain.
Da begegnete ihm Gotama, der Erhabene, u...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 24
Geschehens, das Umschlossensein alles Großen und Kleinen vom selben
Strome, vom selben Gesetz der Ursachen, des Werdens und des Sterbens,
dies leuchtet hell aus deiner erhabenen Lehre, o Vollendeter. Nun
aber ist, deiner selben Lehre nach, diese Einheit und Folgerichtigkeit
aller Dinge dennoch a...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 25
gezweifelt, daß du Buddha bist, daß du das Ziel erreicht hast, das
höchste, nach welchem so viel tausend Brahmanen und Brahmanensöhne
unterwegs sind. Du hast die Erlösung,vom Tode gefunden. Sie ist dir
geworden aus deinem eigenen Suchen, auf deinem eigenen Wege, durch
Gedanken, durch Versenkung...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 26
mir zu, über eines andern Leben zu urteilen. Einzig für mich, für
mich allein muß ich urteilen, muß ich wählen, muß ich ablehnen.
Erlösung vom Ich suchen wir Samanas, o Erhabener. Wäre ich nun einer
deiner Jünger, o Ehrwürdiger, so fürchte ich, es möchte mir geschehen,
daß nur scheinbar, nur tr...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 27
mir Siddhartha, mich selbst.
ERWACHEN
Als Siddhartha den Hain verließ, in welchem der Buddha, der Vollendete,
zurückblieb, in welchem Govinda zurückblieb, da fühlte er, daß in
diesem Hain auch sein bisheriges Leben hinter ihm zurückblieb und sich
von ihm trennte. Dieser Empfindung, die ihn ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 28
dies Rätsel, daß ich lebe, daß ich einer und von allen andern
getrennt und abgesondert bin, daß ich Siddhartha bin! Und über kein
Ding in der Welt weiß ich weniger als über mich, über Siddhartha!"
Der im langsamen Dahingehen Denkende blieb stehen, von diesem Gedanken
erfaßt, und alsbald sprang ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 29
Wald starrte und Gebirg, alles schön, alles rätselvoll und magisch,
und inmitten er, Siddhartha, der Erwachende, auf dem Wege zu sich
selbst. All dieses, all dies Gelb und Blau, Fluß und Wald, ging zum
erstenmal durchs Auge in Siddhartha ein, war nicht mehr Zauber Maras,
war nicht mehr der Schle...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 30
Jetavana, den Hain jenes Erhabenen, verlassen hatte, schon erwachend,
schon auf dem Wege zu sich selbst, da war es seine Absicht gewesen und
war ihm natürlich und selbstverständlich erschienen, daß er, nach den
Jahren seines Asketentums, in seine Heimat und zu seinem Vater
zurückkehre. Jetzt abe...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 31
Glauben, sprachen seine Sprache. Er aber, Siddhartha, wo War er
zugehörig? Wessen Leben würde er teilen? Wessen Sprache würde er
sprechen?
Aus diesem Augenblick, wo die Welt rings von ihm wegschmolz, wo er
allein stand wie ein Stern am Himmel, aus diesem Augenblick einer
Kälte und Verzagtheit...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 32
Goldkäfer, Blume und Schmetterling. Schön und lieblich war es, so
durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen
aufgetan, so ohne Mißtrauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt,
anders kühlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne,
anders Kürbis und Banane. Kurz ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 33
vom selben ewigen Wesen wie Brahman. Aber nie hatte er dies Selbst
wirklich gefunden, weil er es mit dem Netz des Gedankens hatte fangen
wollen. War auch gewiß der Körper nicht das Selbst, und nicht das
Spiel der Sinne, so war es doch auch das Denken nicht, nicht der
Verstand, nicht die erlernt...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 34
nicht Govinda mehr, sondern ein Weib, und aus des Weibes Gewand quoll
eine volle Brust, an der lag Siddhartha und trank, süß und stark
schmeckte die Milch dieser Brust. Sie schmeckte nach Weib und Mann,
nach Sonne und Wald, nach Tier und Blume, nach jeder Frucht, nach
jeder Lust. Sie machte tru...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 35
gehorchen, wenig denken. Kinder sind die Menschen."
Um die Mittagszeit kam er durch ein Dorf. Vor den Lehmhütten wälzten
sich Kinder auf der Gasse, spielten mit Kürbiskernen und Muscheln,
schrien und balgten sich, flohen aber alle scheu vor dem fremden
Samana. Am Ende des Dorfes führte der We...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 36
feuchten Blick eines brünstigen Tierweibchens. Freundlich streichelte
er ihre Wange, wandte sich von ihr und verschwand vor der Enttäuschten
leichtfüßig in das Bambusgehölze.
An diesem Tage erreichte er vor Abend eine große Stadt, und freute
sich, denn er begehrte nach Menschen. Lange hatte er...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 37
abweisend.
Noch bin ich ein Samana, dachte er, noch immer, ein Asket und Bettler.
Nicht so werde ich bleiben dürfen, nicht so in den Hain treten. Und
er lachte.
Den nächsten Menschen, der des Weges kam, fragte er nach dem Hain und
nach dem Namen dieser Frau, und erfuhr, daß dies der Hain der K...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 38
in den Haaren?"
"Wohl hast du beobachtet, alles hast du gesehen. Du hast Siddhartha
gesehen, den Brahmanensohn, welcher seine Heimat verlassen hat, um ein
Samana zu werden, und drei Jahre lang ein Samana gewesen ist. Nun
aber habe ich jenen Pfad verlassen, und kam in diese Stadt, und die
erste...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 39
Kleinigkeiten sind, und hat es erreicht. Wie sollte ich nicht
erreichen, was ich gestern mir vorgenommen habe: dein Freund zu sein
und die Freuden der Liebe von dir zu lernen! Du wirst mich gelehrig
sehen, Kamala, Schwereres habe ich gelernt, als was du mich lehren
sollst. Und nun also: Siddha...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 40
einen Tropfen Süßigkeit wirst du von ihm haben, der so viel Süßes zu
geben versteht! Du bist gelehrig, Siddhartha, so lerne auch dies:
Liebe kann man erbetteln, erkaufen, geschenkt bekommen, auf der Gasse
finden, aber rauben kann man sie nicht. Da hast du dir einen falschen
Weg ausgedacht. Nei...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 41
"Schön sind deine Verse, brauner Samana, und wahrlich, ich verliere
nichts, wenn ich dir einen Kuß für sie gebe."
Sie zog ihn mit den Augen zu sich, er beugte sein Gesicht auf ihres,
und legte seinen Mund auf den Mund, der wie eine frisch aufgebrochene
Feige war. Lange küßte ihn Kamala, und mit...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 42
niemand darf dich hier sehen, das merke dir! Morgen sehe ich dich
wieder."
Der Magd aber befahl sie, dem frommen Brahmanen ein weißes Obergewand
zu geben. Ohne zu wissen, wie ihm geschah, sah sich Siddhartha von
der Magd hinweggezogen, auf Umwegen in ein Gartenhaus gebracht, mit
einem Oberklei...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 43
sonst bin ich nicht mit dir zufrieden. Kamaswami fängt an, alt und
bequem zu werden. Gefällst du ihm, so wird er dir viel anvertrauen."
Siddhartha dankte ihr und lachte, und da sie erfuhr, er habe gestern
und heute nichts gegessen, ließ sie Brot und Früchte bringen und
bewirtete ihn.
"Du hast...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 44
der Welt hindurch wie der Stein durchs Wasser, ohne etwas zu tun, ohne
sich zu rühren; er wird gezogen, er läßt sich fallen. Sein Ziel zieht
ihn an sich, denn er läßt nichts in seine Seele ein, was dem Ziel
widerstreben könnte. Das ist es, was Siddhartha bei den Samanas
gelernt hat. Es ist das...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 45
Sind nicht die Samanas völlig besitzlos?",
"Besitzlos bin ich," sagte Siddhartha, "wenn es das ist, was du meinst.
Gewiß bin ich besitzlos. Doch bin ich es freiwillig, bin also nicht
in Not."
"Wovon aber willst du leben, wenn du besitzlos bist?"
"Ich habe daran noch nie gedacht, Herr. Ich bi...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 46
Gaste hinreichte, indem er fragte: "Kannst du dies lesen?"
Siddhartha betrachtete die Rolle, in welcher ein Kaufvertrag
niedergeschrieben war, und begann ihren Inhalt vorzulesen.
"Vortrefflich", sagte Kamaswami. "Und willst du mir etwas auf dieses
Blatt schreiben?"
Er gab ihm ein Blatt und ei...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 47
ins Bodenlose, lehrte sie von Grund auf die Lehre, daß man Lust nicht
nehmen kann, ohne Lust zu geben, und daß jede Gebärde, jedes
Streicheln, jede Berührung, jeder Anblick, jede kleinste Stelle des
Körpers ihr Geheimnis hat, das zu wecken dem Wissenden Glück bereitet.
Sie lehrte ihn, daß Liebend...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 48
Anteil des Verlustes treffen, wenn Verlust entsteht. So wird er
eifriger werden."
Kamaswami folgte dem Rat. Siddhartha aber kümmerte sich wenig darum.
Traf ihn Gewinn, so nahm er ihn gleichmütig hin; traf ihn Verlust, so
lachte er und sagte: "Ei sieh, dies ist also schlecht gegangen!"
Es schi...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 49
vielleicht um eine spätere Ernte zu kaufen, oder zu welchem Zwecke es
sei, so werden freundliche Menschen mich freundlich und heiter
empfangen, und ich werde mich dafür loben, daß ich damals nicht Eile
und Unmut gezeigt habe. Also laß gut sein, Freund, und schade dir
nicht durch Schelten! Wenn ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 50
allen zu leben, von allen zu lernen, so sehr ward ihm dennoch bewußt,
daß etwas sei, was ihn von ihnen trenne, und dies Trennende war sein
Samanatum. Er sah die Menschen auf eine kindliche oder tierhafte Art
dahinleben, welche er zugleich liebte und auch verachtete. Er sah sie
sich mühen, sah s...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 51
Götter und das Brahman sie beschäftigt hatten.
Zuzeiten spürte er, tief in der Brust, eine sterbende, leise Stimme,
die mahnte leise, klagte leise, kaum daß er sie vernahm. Alsdann kam
ihm für eine Stunde zum Bewußtsein, daß er ein seltsames Leben führe,
daß er da lauter Dinge tue, die bloß ein...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 52
"Nein," sagte Siddhartha, "nicht daran liegt es. Kamaswami ist ebenso
klug wie ich, und hat doch keine Zu flucht in sich. Andre haben sie,
die an Verstand kleine Kinder sind. Die meisten Menschen, Kamala,
sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft,
und schwankt, und t...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 53
"Es mag wohl so sein", sagte Siddhartha müde. "Ich bin wie du. Auch
du liebst nicht--wie könntest du sonst die Liebe als eine Kunst
betreiben? Die Menschen von unserer Art können vielleicht nicht
lieben. Die Kindermenschen können es; das ist ihr Geheimnis."
SANSARA
Lange Zeit hatte Siddh...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 54
ist. Manches davon war in ihm geblieben, eines ums andre aber war
untergesunken und hatte sich mit Staub bedeckt. Wie die Scheibe des
Töpfers, einmal angetrieben, sich noch lange dreht und nur langsam
ermüdet und ausschwingt, so hatte in Siddharthas Seele das Rad der
Askese, das Rad des Denkens...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 55
von der Art der Kindermenschen angenommen, etwas von ihrer
Kindlichkeit und von ihrer Ängstlichkeit. Und doch beneidete er sie,
beneidete sie desto mehr, je ähnlicher er ihnen wurde. Er beneidete
sie um das Eine, was ihm fehlte und was sie hatten, um die Wichtigkeit,
welche sie ihrem Leben beiz...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 56
sammelten sich Falten und Flecken auf ihm, und im Grunde verborgen,
hier und dort schon häßlich hervorblickend, wartete Enttäuschung und
Ekel. Siddhartha merkte es nicht. Er merkte nur, das jene helle und
sichere Stimme seines Innern, die einst in ihm erwacht war und ihn in
seinen glänzenden. ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 57
etwas wie Rausch, etwas wie erhöhtes Leben inmitten seines gesättigten,
lauen, faden Lebens.
Und nach jedem großen Verluste sann er auf neuen Reichtum, ging
eifriger dem Handel nach, zwang strenger seine Schuldner zum Zahlen,
denn er wollte weiter spielen, er wollte weiter vergeuden, weiter dem
...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 58
eiteln, vergänglichen Lust den letzten süßen Tropfen pressen. Nie war
es Siddhartha so seltsam klar geworden, wie nahe die Wollust dem Tode
verwandt ist. Dann war er an ihrer Seite gelegen, und Kamalas Antlitz
war ihm nahe gewesen, und unter ihren Augen und neben ihren
Mundwinkeln hatte er, deu...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 59
ist, so wünschte sich der Schlaflose, in einem ungeheuren Schwall von
Ekel sich dieser Genüsse, dieser Gewohnheiten, dieses ganzen sinnlosen
Lebens und seiner selbst zu entledigen. Erst beim Schein des Morgens
und dem Erwachen der ersten Geschäftigkeit auf der Straße vor seinem
Stadthause war er...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 60
gekostet, wenn er von den Brahmanen Lob errungen hatte er es in seinem
Herzen gefühlt: "Ein Weg liegt vor dem Hersagen der heiligen Verse, im
Disput mit den Gelehrten, als Gehilfe beim Opfer ausgezeichnet hatte."
Da hatte er es in seinem Herzen gefühlt: "Ein Weg liegt vor dir, zu
dem du berufen b...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 61
Spiel hieß Sansara, ein Spiel für Kinder, ein Spiel, vielleicht hold
zu spielen, einmal, zweimal, zehnmal--aber immer und immer wieder?
Da wußte Siddhartha, daß das Spiel zu Ende war, daß er es nicht mehr
spielen könne. Ein Schauder lief ihm über den Leib, in seinem Innern,
so fühlte er, war et...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 62
sie ans Fenster, wo sie in einem goldenen Käfig einen seltenen
Singvogel gefangen hielt. Sie öffnete die Tür des Käfigs, nahm den
Vogel heraus und ließ ihn fliegen. Lange sah sie ihm nach, dem
fliegenden Vogel. Sie empfing von diesem Tage an keine Besucher mehr,
und hielt ihr Haus verschlossen...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 63
über welchen ihn einst, als er noch ein junger Mann war und von der
Stadt des Gotama kam, ein Fährmann geführt hatte. An diesem Flusse
machte er Halt, blieb zögernd beim Ufer stehen. Müdigkeit und Hunger
hatten ihn geschwächt, und wozu auch sollte er weitergehen, wohin denn,
zu welchem Ziel? N...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 64
die er ohne Gedanken mit lallender Stimme vor sich hinsprach, das alte
Anfangswort und Schlußwort aller brahmanischen Gebete, das heilige
"OM", das so viel bedeutet wie "das Vollkommene" oder "die Vollendung".
Und im Augenblick, da der Klang "Om" Siddharthas Ohr berührte,
erwachte sein entschlumm...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 65
erschien ihm dies frühere Leben wie eine weit zurückliegende, einstige
Verkörperung, wie eine frühe Vorgeburt seines jetzigen Ich)--daß er
sein früheres Leben verlassen habe, daß er voll Ekel und Elend sogar
sein Leben habe wegwerfen wollen, daß er aber an einem Flusse, unter
einem Kokosbaume, zu...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 66
hatte er lange hier gesessen und auf sein Erwachen gewartet, obwohl er
ihn nicht kannte.
"Ich habe geschlafen," sagte Siddhartha. "Wie bißt denn du hierher
gekommen?"
"Du hast geschlafen," antwortete Govinda. "Es ist nicht gut, an
solchen Orten zu schlafen, wo häufig Schlangen sind und die Ti...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 67
Schlafes gewesen, nochmals danke ich dir dafür, obwohl ich keines
Wächters bedurft hätte. Wohin gehst du, o Freund?"
"Nirgendshin gehe ich. Immer sind wir Mönche unterwegs, solange nicht
Regenzeit ist, immer ziehen wir von Ort zu Ort, leben nach der Regel,
verkündigen die Lehre, nehmen Almosen...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 68
Ich war ein Reicher, und bin es nicht mehr; und was ich morgen sein
werde, weiß ich nicht."
"Du hast deinen Reichtum verloren?"
"Ich habe ihn verloren, oder er mich. Er ist mir abhanden gekommen.
Schnell dreht sich das Rad der Gestaltungen, Govinda. Wo ist der
Brahmane Siddhartha? Wo ist der...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 69
nicht Warten, nicht Denken. Um das Elendeste hatte er sie hingegeben,
um das Vergänglichste, um Sinnenlust, um Wohlleben, um Reichtum!
Seltsam war es ihm in der Tat ergangen. Und jetzt, so schien es,
jetzt war er wirklich ein Kindermensch geworden.
Siddhartha dachte über seine Lage nach. Schw...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 70
Ewige im Atman. Als junger Mann aber zog ich den Büßern nach, lebte
im Walde, litt Hitze und Frost, lernte hungern, lehrte meinen Leib
absterben. Wunderbar kam mir alsdann in der Lehre des großen Buddha
Erkenntnis entgegen, ich fühlte Wissen um die Einheit der Welt in mir
kreisen wie mein eigen...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 71
Woher denn, fragte er sein Herz, woher hast du diese Fröhlichkeit?
Kommt sie wohl aus diesem langen, guten Schlafe her, der mir so sehr
wohlgetan hat? Oder von dem Worte Om, das ich aussprach? Oder davon,
daß ich entronnen bin, daß meine Flucht vollzogen ist, daß ich endlich
wieder frei bin und...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 72
Augenblick der vollkommenen Trostlosigkeit und Verzweiflung, jener
äußerste Augenblick, da er über dem strömenden Wasser hing und bereit
war, sich zu vernichten. Daß er diese Verzweiflung, diesen tiefsten
Ekel gefühlt hatte, und daß er ihm nicht erlegen war, daß der Vogel,
die frohe Quelle und S...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 73
Tun und Streben! Voll Hochmut war er gewesen, immer der Klügste,
immer der Eifrigste, immer allen um einen Schritt voran, immer der
Wissende und Geistige, immer der Priester oder Weise. In dies
Priestertum, in diesen Hochmut, in diese Geistigkeit hinein hatte sein
Ich sich verkrochen, dort saß ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 74
sich, es nicht so bald wieder zu verlassen.
DER FÄHRMANN
An diesem Fluß will ich bleiben, dachte Siddhartha, es ist der selbe,
über den ich einstmals auf dem Wege zu den Kindermenschen gekommen bin,
ein freundlicher Fährmann hat mich damals geführt, zu ihm will ich
gehen, von seiner Hütte au...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 75
Fährmann, welcher einst den jungen Samana über den Fluß gesetzt hatte,
stand im Boot, Siddhartha erkannte ihn wieder, auch er war stark
gealtert.
"Willst du mich übersetzen?" fragte er.
Der Fährmann, erstaunt, einen so vornehmen Mann allein und zu Fuße
wandern zu sehen, nahm ihn ins Boot und st...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 76
nahmen Abschied voneinander wie gute Freunde. Warst du nicht ein
Samana? Deines Namens kann ich mich nicht mehr entsinnen."
"Ich heiße Siddhartha, und ich war ein Samana, als du mich zuletzt
gesehen hast."
"So sei willkommen, Siddhartha. Ich heiße Vasudeva. Du wirst, so
hoffe ich, auch heut...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 77
Siddhartha empfand, welches Glück es ist, einem solchen Zuhörer sich
zu bekennen, in sein Herz das eigene Leben zu versenken, das eigene
Suchen, das eigene Leiden.
Gegen das Ende von Siddharthas Erzählung aber, als er von dem Baum am
Flusse sprach, und von seinem tiefen Fall, vom heiligen Om, un...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 78
Vasudeva?"
Vasudeva erhob sich. "Spät ist es geworden," sagte er, "laß uns
schlafen gehen. Ich kann dir das andere nicht sagen, o Freund. Du
wirst es lernen, vielleicht auch weißt du es schon. Sieh, ich bin
kein Gelehrter, ich verstehe nicht zu sprechen, ich verstehe auch
nicht zu denken. I...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 79
miteinander, wenige und lang bedachte Worte. Vasudeva war kein Freund
der Worte, selten gelang es Siddhartha, ihn zum Sprechen zu bewegen.
"Hast du," so fragte er ihn einst, "hast auch du vom Flusse jenes
Geheime gelernt: daß es keine Zeit gibt?"
Vasudevas Gesicht überzog sich mit hellem Läche...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 80
tausend andere Stimmen?"
"Es ist so," nickte Vasudeva, "alle Stimmen der Geschöpfe sind in
seiner Stimme."
"Und weißt du," fuhr Siddhartha fort, "welches Wort er spricht, wenn
es dir gelingt, alle seine zehntausend Stimmen zugleich zu hören?"
Glücklich lachte Vasudevas Gesicht, er neigte sich ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 81
und sie fanden weder Zauberer noch Weise, sie fanden nur zwei alte
freundliche Männlein, welche stumm zu sein und etwas sonderbar und
verblödet' schienen. Und die Neugierigen lachten, und unterhielten
sich darüber, wie töricht und leichtgläubig doch das Volk solche leere
Gerüchte verbreite.
Die...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 82
aber, der gefunden hat, der konnte jede, jede Lehre gutheißen, jeden
Weg, jedes Ziel, ihn trennte nichts mehr von all den tausend anderen,
welche im Ewigen lebten, welche das Göttliche atmeten.
An einem dieser Tage, da so viele zum sterbenden Buddha pilgerten,
pilgerte zu ihm auch Kamala, einst ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 83
vermochte nicht weiter zu gehen. Der Knabe aber erhob ein klägliches
Geschrei, dazwischen küßte und umhalste er seine Mutter, und auch sie
stimmte in seine lauten Hilferufe ein, bis die Töne Vasudevas Ohr
erreichten, der bei der Fähre stand. Schnell kam er gegangen, nahm
die Frau auf die Arme, ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 84
ist dein Sohn."
Ihre Augen wurden irr und fielen zu. Der Knabe weinte, Siddhartha
nahm ihn auf seine Knie, ließ ihn weinen, streichelte sein Haar, und
beim Anblick des Kindergesichtes fiel ein brahmanisches Gebet ihm ein,
das er einst gelernt hatte, als er selbst ein kleiner Knabe war.
Langsam,...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 85
nicht mehr. Schweigend sah sie ihn an, und er sah in ihren Augen das
Leben erlöschen. Als der letzte Schmerz ihr Auge erfüllte und brach,
als der letzte Schauder über ihre Glieder lief, schloß sein Finger
ihre Lider.
Lange saß er und blickte auf ihr entschlafnes Gesicht. Lange
betrachtete er ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 86
und glücklich war, bin jetzt noch reicher und glücklicher geworden.
Mein Sohn ist mir geschenkt worden."
"Willkommen sei dein Sohn auch mir. Nun aber, Siddhartha, laß uns an
die Arbeit gehen, viel ist zu tun. Auf demselben Lager ist Kamala
gestorben, auf welchem einst mein Weib gestorben ist. ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 87
und Sorge. Aber er liebte ihn, und lieber war ihm Leid und Sorge der
Liebe, als ihm Glück und Freude ohne den Knaben gewesen war. Seit der
junge Siddhartha in der Hütte war, hatten die Alten sich in die Arbeit
geteilt. Vasudeva hatte das Amt des Fährmanns wieder allein
übernommen, und Siddhart...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 88
zu ihm soll einst der Fluß reden, auch er ist berufen."
Vasudevas Lächeln blühte wärmer. "O ja, auch er ist berufen, auch er
ist vom ewigen Leben. Aber wissen wir denn, du und ich, wozu er
berufen ist, zu welchem Wege, zu welchen Taten, zu welchen Leiden?
Nicht klein wird sein Leiden sein, sto...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 89
daran gedacht. Aber sieh, wie soll ich ihn, der ohnehin kein sanftes
Herz hat, in diese Welt geben? Wird er nicht üppig werden, wird er
nicht sich an Lust und Macht verlieren, wird er nicht alle Irrtümer
seines Vaters wiederholen, wird er nicht vielleicht ganz und gar in
Sansara verloren gehen?...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 90
seine Zärtlichkeit, seine Angst, ihn zu verlieren. Hatte er denn
jemals an irgend etwas so sehr sein Herz verloren, hatte er je
irgendeinen Menschen so geliebt, so blind, so leidend, so erfolglos,
und doch so glücklich?
Siddhartha konnte seines Freundes Rat nicht befolgen, er konnte den
Sohn ni...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 91
war sie nicht wertlos, war sie notwendig, kam aus seinem eigenen Wesen.
Auch diese Lust wollte gebüßt, auch diese Schmerzen wollten gekostet
sein, auch diese Torheiten begangen.
Der Sohn indessen ließ ihn seine Torheiten begehen, ließ ihn werben,
ließ ihn täglich sich vor seinen Launen demütigen...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 92
bist!"
Zorn und Gram liefen in ihm über, schäumten in hundert wüsten und
bösen Worten dem Vater entgegen. Dann lief der Knabe davon und kam
erst spät am Abend wieder.
Am andern Morgen aber war er verschwunden. Verschwunden war auch ein
kleiner, aus zweifarbigem Bast geflochtener Korb, in welc...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 93
mehr im Boote. Vasudeva wies auf den Boden des Bootes, und sah den
Freund mit Lächeln an, als wollte er sagen; "Siehst du nicht, was dein
Sohn dir sagen will? Siehst du nicht, daß er nicht verfolgt Sein
will?" Doch sagte er dies nicht mit Worten. Er machte sich daran,
ein neues Ruder zu zimme...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 94
Brahmanentum zurückblickte, stolz und verlangend sein Weltleben begann.
Er sah Kamaswami, sah die Diener, die Gelage, die Würfelspieler, die
Musikanten, sah Kamalas Singvogel im Käfig, lebte dies alles nochmals,
atmete Sansara, war nochmals alt und müde, fühlte nochmals den Ekel,
fühlte nochmals ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 95
und kam zu sich. Er erhob sich und begrüßte Vasudeva, welcher ihm
nachgegangen war. Und da er in Vasudevas freundliches Gesicht schaute,
in die kleinen, wie mit lauter Lächeln ausgefüllten Falten, in die
heiteren Augen, da lächelte auch er. Er sah nun die Pisangfrüchte vor
sich liegen, hob sie...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 96
wurden liebenswert, wurden ihm sogar verehrungswürdig. Die blinde
Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, den dummen, blinden Stolz eines
eingebildeten Vaters auf sein einziges Söhnlein, das blinde, wilde
Streben nach Schmuck und nach bewundernden Männeraugen bei einem
jungen, eitlen Weibe, alle diese...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 97
seines Sohnes, pflegte seine Liebe und Zärtlichkeit im Herzen, ließ
den Schmerz an sich fressen, beging alle Torheiten der Liebe. Nicht
von selbst erlosch diese Flamme.
Und eines Tages, als die Wunde heftig brannte, fuhr Siddhartha über
den Fluß, gejagt von Sehnsucht, stieg aus und war Willens,...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 98
und nicht minder geneigt, über sich und die ganze Welt laut
mitzulachen. Ach, noch blühte die Wunde nicht, noch wehrte sein Herz
sich wider das Schicksal, noch strahlte nicht Heiterkeit und Sieg aus
seinem Leide. Doch fühlte er Hoffnung, und da er zur Hütte
zurückgekehrt war, spürte er ein unbe...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 99
dieser regungslos Lauschende seine Beichte in sich einsog wie ein Baum
den Regen, daß dieser Regungslose der Fluß selbst, daß er Gott selbst,
daß er das Ewige selbst war. Und während Siddhartha aufhörte, an sich
und an seine Wunde zu denken, nahm diese Erkenntnis vom veränderten
Wesen des Vasude...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 100
"Hörst du?" fragte Vasudevas stummer Blick. Siddhartha nickte.
"Höre besser!" flüsterte Vasudeva.
Siddhartha bemühte sich, besser zu hören. Das Bild des Vaters, sein
eigenes Bild, das Bild des Sohnes flossen ineinander, auch Kamalas
Bild erschien und zerfloß, und das Bild Govindas, und andre ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 101
alles zusammen war die Welt. Alles zusammen war der Fluß des
Geschehens, war die Musik des Lebens. Und wenn Siddhartha aufmerksam
diesem Fluß, diesem tausendstimmigen Liede lauschte, wenn er nicht auf
das Leid noch auf das Lachen hörte, wenn er seine Seele nicht an
irgendeine Stimme band und mi...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 102
strahlend.
Strahlend ging er hinweg; Siddhartha blickte ihm nach. Mit tiefer
Freude, mit tiefem Ernst blickte er ihm nach, sah seine Schritte voll
Frieden, sah sein Haupt voll Glanz, sah seine Gestalt voll Licht.
GOVINDA
Mit anderen Mönchen weilte Govinda einst während einer Rastzeit in de...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 103
finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das
Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist.
Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen
stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat
ein Sucher, denn, deine...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 104
und Lehrern zu mißtrauen und ihnen den Rücken zu wenden. Ich bin
dabei geblieben. Dennoch habe ich seither viele Lehrer gehabt. Eine
schöne Kurtisane ist lange Zeit meine Lehrerin gewesen, und ein
reicher Kaufmann war mein Lehrer, und einige Würfelspieler. Einmal
ist auch ein wandernder Jünge...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 105
als Jüngfing manchmal ahnte, was mich von den Lehrern fortgetrieben
hat. Ich habe einen Gedanken gefunden, Govinda, den du wieder für
Scherz oder für Narrheit halten wirst, der aber mein, bester Gedanke
ist. Er heißt: Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr!
Nämhch so: eine Wahrheit lä...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 106
seine Zukunft ist alle schon da, du hast in ihm, in dir, in jedem den
werdenden, den möglichen, den verborgenen Buddha zu verehren. Die
Welt, Freund Govinda, ist nicht unvollkommen, oder auf einem langsamen
Wege zur Vollkommenheit begriffen: nein, sie ist in jedem Augenblick
vollkommen, alle Sün...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 107
oder Tier oder Mensch. Früher nun hätte ich gesagt: Dieser Stein ist
bloß ein Stein, er ist wertlos, er gehört der Welt der Maja an; aber
weil er vielleicht im Kreislauf der Verwandlungen auch Mensch und
Geist werden kann, darum schenke ich auch ihm Geltung. So hätte ich
früher vielleicht gedac...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 108
eben den Stein, und den Fluß, und alle diese Dinge, die wir betrachten
und von denen wir lernen können, liebe. Einen Stein kann ich lieben,
Govinda, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge,
und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum
sind Lehren nichts ...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 109
Wirklichkeiten?"
"Auch dies," sprach Siddhartha, "bekümmert mich nicht sehr. Mögen die
Dinge Schein sein oder nicht, auch ich bin alsdann ja Schein, und so
sind sie stets meinesgleichen. Das ist es, was sie mir so lieb und
verehrenswert macht: sie sind meinesgleichen. Darum kann ich sie
liebe...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 110
Nicht im Reden, nicht im Denken sehe ich seine Größe, nur im Tun, im
Leben."
Lange schwiegen die beiden alten Männer. Dann sprach Govinda, indem
er sich zum Abschied verneigte: "Ich danke dir, Siddhartha, daß du mir
etwas von deinen Gedanken gesagt hast. Es sind zum Teil seltsame
Gedanken, nic...
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 111
meinen Weg. Er ist oft beschwerlich, mein Weg, oft finster, Siddhartha."
Siddhartha schwieg und blickte ihn mit dem immer gleichen, stillen
Lächeln an. Starr blickte ihm Govinda ins Gesicht, mit Angst, mit
Sehnsucht, Leid und ewiges Suchen stand in seinem Blick geschrieben,
ewiges Nichtfinden.
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Hermann Hesse: Siddhartha: Leseprobe 112
Vögeln--er sah Götter, sah Krischna, sah Agni--er sah alle diese
Gestalten und Gesichter in tausend Beziehungen zueinander, jede der
andern helfend, sie liebend, sie hassend, sie vernichtend, sie neu
gebärend, jede war ein Sterbenwollen, ein leidenschaftlich
schmerzliches Bekenntnis der Vergängli...