Leseprobe aus Siddhartha. Eine indische Dichtung:
sein wartendes Gefäß gegossen hätten, und das Gefäß war nicht voll,
der Geist war nicht begnügt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht
gestillt. Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie
wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie lösten
nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufung
der Götter aber war dies alles? Gaben die Opfer Glück? Und wie war
das mit den Göttern? War es wirklich Prajapati, der die Welt
erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der Alleine?
Waren nicht die Götter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der
Zeit untertan, vergänglich? War es also gut, war es richtig, war es
ein sinnvolles und höchstes Tun, den Göttern zu opfern? Wem anders
war zu opfern, wem anders war Verehrung darzubringen als Ihm, dem
Einzigen, dem Atman? Und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo
schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im eigenen Ich, im Innersten,
im Unzerstörbaren, das ein jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies
Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch und Bein, es
war nicht Denken noch Bewußtsein, so lehrten die Weisesten. Wo, wo
also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, ZU mir, zum Atman, gab es
einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte
diesen Weg, niemand wußte ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und
Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge! Alles wußten sie, die
Brahmanen und ihre heiligen Bücher, alles wußten sie, um alles hatten
sie sich gekümmert und um mehr als alles, die Erschaffung der Welt,
das Entstehen der Rede, der Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die
Ordnungen der Sinne, die Taten der Götter unendlich vieles wußten
sie--aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und
Einzige nicht wußte, das Wichtigste, das allein Wichtige?