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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 1
Erster Theil
Zarathustra's Vorrede.
1.
Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und
den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines
Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht müde.
Endlich aber verwandelte sich sein Herz, - und ei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 2
Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchen Jahre gieng er her
vorbei. Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals
trugst du deine Asche zu Berge: willst du heute dein Feuer in die
Thäler tragen? Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?
Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein i...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 3
den Thieren! Warum willst du nicht sein, wie ich, - ein Bär unter
Bären, ein Vogel unter Vögeln?
"Und was macht der Heilige im Walde?" fragte Zarathustra.
Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich
Lieder mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
Mit Sin...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 4
_sei_ der Sinn der Erde!
Ich beschwöre euch, meine Brüder, _bleibt_der_Erde_treu_ und glaubt
Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!
Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.
Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren
die Erde müde ist: s...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 5
mich nicht rasen gemacht. Wie müde bin ich meines Guten und meines
Bösen! Alles das ist Armuth und Schmutz und ein erbärmliches Behagen!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe
nicht, dass ich Gluth und Kohle wäre. Aber der Gerechte ist Gluth und
Kohle!"
Die Stund...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 6
Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund
suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde
opfern, dass die Erde einst der Übermenschen werde.
Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen
will, damit einst der Übermensch lebe. Und so ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 7
an einem kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne
über die Brücke.
Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass er sich selber
vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein
Untergang.
Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein
Ko...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 8
Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens
verlernt hat, zu schwirren!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden
Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr ge...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 9
aber man ehrt die Gesundheit.
"Wir haben das Glück erfunden" - sagen die letzten Menschen und
blinzeln -
Und hier endete die erste Rede Zarathustra's, welche man auch "die
Vorrede" heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und
die Lust der Menge. "Gieb uns diesen letzten Mensche...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 10
war, da geschah das Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes
Auge starr machte: - er stiess ein Geschrei aus wie ein Teufel und
sprang über Den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so
seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er
warf seine Stange weg und...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 11
verlief sich das Volk, denn selbst Neugierde und Schrekken werde
müde. Zarathustra aber sass neben dem Todten auf der Erde und war in
Gedanken versunken: so vergass er die Zeit. Endlich aber wurde es
Nacht, und ein kalter Wind blies über den Einsamen. Da erhob sich
Zarathustra und sagte zu seinem...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 12
Lebendiger über einen Todten." Und als er diess gesagt hatte,
verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die dunklen
Gassen.
Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengräber: sie leuchteten
ihm mit der Fackel in's Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten
sehr über ihn. "Zar...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 13
auch deinen Gefährten essen und trinken, er ist müder als du."
Zarathustra antwortete: "Todt ist mein Gefährte, ich werde ihn
schwerlich dazu überreden." "Das geht mich Nichts an, sagte der Alte
mürrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss auch nehmen, was ich ihm
biete. Esst und gehabt euch wohl...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 14
sage ich: aber sie nennen sich die Gläubigen des rechten Glaubens.
Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der
zerbricht ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das
aber ist der Schaffende.
Siehe die Gläubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 15
Untergang!
10.
Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im
Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe - denn er hörte über
sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten
Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer
B...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 16
Seine Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg
feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nähren und
um der Wahrheit willen an der Seel...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 17
Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Löwe noch nicht: aber
Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des
Löwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht:
dazu, meine Brüder bedarf es des Löwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werthen - das ist das...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 18
schamlos trägt er sein Horn.
Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag
darauf hin zu wachen.
Zehn Mal musst du des Tages dich selber überwinden: das macht eine
gute Müdigkeit und ist Mohn der Seele.
Zehn Mal musst du dich wieder dir selber versöhnen; denn Überwindung...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 19
Schlafe.
Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie fördern den Schlaf.
Selig sind die, sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.
Also läuft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hüte
ich mich wohl, den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der
Schlaf, der der Herr der ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 20
Lehrer der Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige
Tugenden dazu!
Allen diesen gelobten Weisen der Lehrstühle war Weisheit der Schlaf
ohne Träume: sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.
Auch noch heute wohl giebt es Einige, wie diesen Prediger der Tugend,
und nicht imme...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 21
glauben: Leiden wäre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu
den Hinterweltlern.
Leiden war's und Unvermögen - das schuf alle Hinterwelten; und jener
kurze Wahnsinn des Glücks, den nur der Leidendste erfährt.
Müdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem
Todessprunge, ein...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 22
schafft!
Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den
blindlings der Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von
ihm bei Seite schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!
Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und
erfanden das Himmli...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 23
der Haut fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und
predigen selber Hinterwelten.
Hört mir lieber, meine Brüder, auf die Stimme des gesunden Leibes:
eine redlichere und reinere Simme ist diess.
Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und
rechtwinklige: und er...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 24
wohnt er, dein Leib ist er.
Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.
Und wer weiss denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nöthig
hat?
Dein Selbst lacht über dein Ich und seine stolzen Sprünge. "Was sind
mir diese Sprünge und Flüge des Gedankens? sagt es sic...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 25
Also sprach Zarathustra.
Von den Freuden- und Leidenschaften
Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so
hast du sie mit Niemandem gemeinsam.
Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie
am Ohre zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.
Und siehe! ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 26
Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trübsal
melktest du, - nun trinkst du die süsse Milch ihres Euters.
Und nichts Böses wächst mehr fürderhin aus dir, es sei denn das Böse,
das aus dem Kampfe deiner Tugenden wächst.
Mein Bruder, wenn du Glück hast, so hast du Eine Tugend...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 27
denn der schnelle Tod.
Euer Tödten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und
indem ihr tödtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!
Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem versöhnt, den ihr tödtet.
Eure Traurigkeit sei Liebe zum Übermenschen: so rechtfertigt ihr eu...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 28
Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist
seine arme Vernunft so steif, so gelähmt, so schwer.
Wenn er nur den Kopf schütteln könnte, so würde seine Last
herabrollen: aber wer schüttelt diesen Kopf?
Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den
Ge...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 29
Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die
lesenden Müssiggänger.
Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein
Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken.
Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein
das Schreib...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 30
Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an's Leben, sondern
weil wir an's Lieben gewöhnt sind.
Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas
Vernunft im Wahnsinn.
Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und
Seifenblasen und was ihrer ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 31
"Was erschrickst du desshalb? - Aber es ist mit dem Menschen wie mit
dem Baume.
Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben
seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in's Dunkle, Tiefe, - in's Böse."
"Ja in's Böse! rief der Jüngling. Wie ist es möglich, dass du meine
Seele entdec...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 32
Blitz, auf den ich wartete! Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns
erschienen bist? Der _Neid_ auf dich ist's, der mich zerstört hat!" -
So sprach der Jüngling und weinte bitterlich. Zarathustra aber legte
seinen Arm um ihn und führte ihn mit sich fort.
Und als sie eine Weile mit einander gegan...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 33
verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen.
Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie
kaum noch Ziele.
"Geist ist auch Wollust" - so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste
die Flügel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.
Einst dachten sie Helden zu werden: Lüs...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 34
einander.
Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei
dabei: sie hängen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, dass sie noch
an einem Strohhalm hängen.
Ihre Weisheit lautet: "ein Thor, der leben bleibt, aber so sehr sind
wir Thoren! Und das eben ist das Thörichtste am Leben...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 35
Oder "das ewige Leben": das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell
dahinfahren!
Also sprach Zarathustra.
Vom Krieg und Kriegsvolke
Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von
Denen nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch
die Wahrheit sage...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 36
Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die
Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete
bisher die Verunglückten.
Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mädchen
reden: "gut sein ist, was hübsch zugleich und rührend ist."
Man ne...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 37
sage ich euch mein Wort vom Tode der Völker.
Staat heisst das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch;
und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: "Ich, der Staat, bin das
Volk."
Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten
einen Glauben und eine Liebe über sie hi...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 38
Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze!
Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, - das kalte
Unthier!
Alles will er _euch_ geben, wenn _ihr_ ihn anbetet, der neue Götze:
also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen
Augen.
Ködern wi...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 39
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der
Götzendienerei der Überflüssigen!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem
Dampfe dieser Menschenopfer!
Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch
viele Sitze für Einsame und Zweisam...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 40
macht!
Morgen hat er einen neuen Glauben und übermorgen einen neueren. Rasche
Sinne hat er, gleich dem Volke, und veränderliche Witterungen.
Umwerfen - das heisst ihm: beweisen. Toll machen - das heisst ihm:
überzeugen. Und Blut gilt ihm als aller Gründe bester.
Eine Wahrheit, die nur in feine...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 41
dich an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zürnen.
Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre
blutlosen Seelen - und sie stechen daher in aller Unschuld.
Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du
dich noch geheilt hast, kroch dir d...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 42
tratest, und wie ihre Kraft von ihnen gieng wie der Rauch von einem
erlöschenden Feuer?
Ja, mein Freund, das böse Gewissen bist du deinen Nächsten: denn sie
sind deiner unwerth. Also hassen sie dich und möchten gerne an deinem
Blute saugen.
Deine Nächsten werden immer giftige Fliegen sein; Das,...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 43
Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren
Teufel austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue.
Wem die Keuschheit schwer fällt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie
nicht der Weg zur Hölle werde - das ist zu Schlamm und Brunst der
Seele.
Rede ich von schmutzigen Di...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 44
wollen: und um Krieg zu führen, muss man Feind sein _können_.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen
Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am
nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 45
Tyrann? So kannst du nicht Freunde haben.
Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb
ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die
Liebe.
In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles,
was es nicht liebt. Und auch in der wiss...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 46
zu Grauen und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende,
der Sinn aller Dinge.
Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Noth und
Land und Himmel und Nachbar: so erräthst du wohl das Gesetz seiner
Überwindungen und warum es auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung
steigt.
"...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 47
Einzelne selber ist noch die jüngste Schöpfung.
Völker hängten sich einst eine Tafel des Guten über sich. Liebe, die
herrschen will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen
solche Tafeln.
Älter ist an der Heerde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange
das gute Gewissen Heerde...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 48
Künftigen; höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu
Sachen und Gespenstern.
Diess Gespenst, das vor dir herläuft, mein Bruder, ist schöner als
du; warum giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du
fürchtest dich und läufst zu deinem Nächsten.
Ihr haltet es mit euch ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 49
des Guten, - den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu
verschenken hat.
Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in
Ringen zusammen, als das Werden des Guten durch das Böse, als das
Werden der Zwecke aus dem Zufalle.
Die Zukunft und das Fernste sei dir die U...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 50
Manchen, der seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit
wegwarf.
Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
künden: frei _wozu_?
Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen
über dich aufhängen wie ein Gesetz? Kannst du dir selb...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 51
welche sich ihre eigne Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen.
Hüte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig,
was nicht einfältig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer - der
Scheiterhaufen.
Und hüte dich auch vor den Anfällen deiner Liebe! Zu schnell streckt
der Einsame...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 52
der Bösen?" -
Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir
geschenkt wurde: eine kleine Wahrheit ist's, die ich trage.
Aber sie ist ungebärdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht
den Mund halte, so schreit sie überlaut.
Als ich heute allein meines Weges gieng, ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 53
losgehn, der euch Furcht einflösst!
In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf
Ehre. Aber diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt
werdet, und nie die Zweiten zu sein.
Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes
Opfer, und j...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 54
es heiss war, und hatte seine Arme über das Gesicht gelegt. Da kam
eine Natter und biss ihn in den Hals, so dass Zarathustra vor Schmerz
aufschrie. Als er den Arm vom Gesicht genommen hatte, sah er die
Schlange an: da erkannte sie die Augen Zarathustra's, wand sich
ungeschickt und wollte davon. "...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 55
sonderlich wenn man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein.
Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter
blickt mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.
Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden
Augen ist?
So erfindet mir doch die Lie...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 56
sein, rechtwinklig an Leib und Seele.
Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir
der Garten der Ehe!
Einen höheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus
sich rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.
Ehe: so heisse ich den Willen zu Zwei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 57
seine Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.
Viele kurze Thorheiten - das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht
vielen kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.
Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, möchte sie
doch Mitleiden sein mit leidenden und verhüll...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 58
sterben und eine grosse Seele zu verschwenden.
Aber dem Kämpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender
Tod, der heranschleicht wie ein Dieb - und doch als Herr kommt.
Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil _ich_
will.
Und wann werde ich wollen? - Wer ein Z...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 59
langsamen Tod predigen und Geduld mit allem "Irdischen".
Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das
zu viel Geduld mit euch hat, ihr Lästermäuler!
Wahrlich, zu früh starb jener Hebräer, den die Prediger des langsamen
Todes ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhän...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 60
Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball
werfen! Und so verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!
Also sprach Zarathustra.
Von der schenkenden Tugend
1.
Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein
Herz zugethan war und deren Name...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 61
die immer stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke
Selbstsucht.
Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glänzende; mit der Gier
des Hungers misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht
sie um den Tisch der Schenkenden.
Krankheit redet aus solcher Begierde und un...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 62
Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues
tiefes Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!
Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und
um ihn eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 63
fröhlich.
Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei
seine beste Hülfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil
macht.
Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und
unentdeckt ist i...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 64
Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.
Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich mir dann meine
Verlorenen suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.
Und einst noch sollt ihr mir F...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 65
Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat
nicht ein Kind zu mir, das einen Spiegel trug?
"Oh Zarathustra - sprach das Kind zu mir - schaue Dich an im Spiegel!"
Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz
war erschüttert: denn nicht mich sahe i...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 66
Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames stürzen! Wie sollte ein
Strom nicht endlich den Weg zum Meere finden!
Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber
mein Strom der Liebe reisst ihn mit sich hinab - zum Meere!
Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; müde w...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 67
sanftem Rasen - meine alte wilde Weisheit!
Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde! - auf eure Liebe möchte
sie ihr Liebstes betten!
Also sprach Zarathustra.
Auf den glückseligen Inseln
Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süss; und indem
sie fallen, reisst ihnen die rot...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 68
keine Götter.
Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich. -
Gott ist eine Muthmaassung: aber wer tränke alle Qual dieser
Muthmaassung, ohne zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube
genommen sein und dem Adler sein Schweben in Adler-Fernen?
Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 69
Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust;
und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil
Wille zur Zeugung in ihr ist.
Hinweg von Gott und Göttem lockte mich dieser Wille; was wäre denn zu
schaffen, wenn Götter - da wären!
Aber zum Menschen trei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 70
führen, und Solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein
sein _darf_!
Wahrlich, ich that wohl Das und jenes an Leidenden: aber Besseres
schien ich mir stets zu thun, wenn ich lernte, mich besser freuen.
Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das
allein, meine ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 71
sich und will nirgendswo sein - bis der ganze Leib morsch und welk ist
vor kleinen Pilzen.
Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich diess Wort in's Ohr:
"besser noch, du ziehest deinen Teufel gross! Auch für dich giebt es
noch einen Weg der Grösse!" -
Ach, meine Brüder! Man weiss von Jed...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 72
"Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und meinen Nächsten gleich
mir" - so geht die Rede allen Schaffenden.
Alle Schaffenden aber sind hart. -
Also sprach Zarathustra.
Von den Priestern
Und einstmals gab Zarathustra seinen Jüngern ein Zeichen und sprach
diese Worte zu ihnen:
"Hier sind...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 73
Sünder!"
Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten
Augen ihrer Scham und Andacht!
Wer schuf sich solche Höhlen und Buss-Treppen? Waren es nicht Solche,
die sich verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel schämten?
Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbro...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 74
Seelen!
Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre
Thorheit lehrte, dass man mit Blut die Wahrheit beweise.
Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die
reinste Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.
Und wenn Einer durch's Feuer geht für seine Le...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 75
Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen an's Licht; und wenn ihr
aufgewühlt und zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lüge von
eurer Wahrheit ausgeschieden sein.
Denn diess ist eure Wahrheit: ihr seid _zu_reinlich_ für den Schmutz
der Worte: Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.
Ihr liebt e...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 76
Und Andre giebt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen
wurden; sie machen ihr Tiktak und wollen, dass man Tiktak - Tugend
heisse.
Wahrlich, an Diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde,
werde ich sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei
noch schnurren!
Und...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 77
sagen: "was wisst _ihr_ von Tugend! Was _könntet_ ihr von Tugend
wissen!" -
Sondern, dass ihr, meine Freunde, der alten Worte müde würdet, welche
ihr von den Narren und Lügnern gelernt habt:
Müde würdet der Worte "Lohn," "Vergeltung," "Strafe," "Rache in der
Gerechtigkeit" -
Müde würdet zu sag...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 78
theilen.
Und Mancher, der in die Wüste gieng und mit Raubthieren Durst litt,
wollte nur nicht mit schmutzigen Kameeltreibern um die Cisterne
sitzen.
Und Mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag
allen Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuss dem Gesindel in den Rachen
setze...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 79
der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mit trinkt!
Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den
Becher wieder, dadurch dass du ihn füllen willst!
Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig
strömt dir noch mein Herz entgegen: -
Mein ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 80
hängt ihr Netz: rühre daran, dass es erzittert.
Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem
Rücken dein Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiss auch, was in deiner
Seele sitzt.
Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beissest, da wächst schwarzer
Schorf; mit Rache macht dei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 81
Ihre Eifersucht führt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das
Merkmal ihrer Eifersucht - immer gehn sie zu weit: dass ihre Müdigkeit
sich zuletzt noch auf Schnee schlafen legen muss.
Aus jeder ihrer Klagen tönt Rache, in jedem ihrer Lobsprüche ist ein
Wehethun; und Richter-sein scheint ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 82
gegeneinander den höchsten Kampf kämpfen!
Gut und Böse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen
der Werthe: Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass
das Leben sich immer wieder selber überwinden muss!
In die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leb...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 83
Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berühmten
Weisen alle! - und _nicht_ der Wahrheit! Und gerade darum zollte man
euch Ehrfurcht.
Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg
war zum Volke. So lässt der Herr seine Sclaven gewähren und ergötzt
sich...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 84
Löwen-Wille.
Frei von dem Glück der Knechte, erlöst von Göttern und Anbetungen,
furchtlos und fürchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des
Wahrhaftigen.
In der Wüste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister,
als der Wüste Herren; aber in den Städten wohnen die gutgefütterten,...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 85
Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee
werfen: ihr seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die
Entzückungen seiner Kälte nicht.
In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der
Weisheit machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus für schlecht...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 86
zurück, die aus mir brechen.
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon,
dass Stehlen noch seliger sein müsse, als Nehmen.
Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken;
das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten
Nächte der Seh...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 87
schafft aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus
des Lichtes Eutern!
Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst
ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste!
Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem!
Und Einsamkeit!
...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 88
ist er noch im Weinen!
Und mit Thränen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich
selber will ein Lied zu seinem Tanze singen:
Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen
allerhöchsten grossmächtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er `der
Herr der Welt` sei." -
Und die...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 89
- da sagte ich eifrig: "Ach ja! die Weisheit!
Man dürstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man
hascht durch Netze.
Ist sie schön? Was weiss ich! Aber die ältesten Karpfen werden noch
mit ihr geködert.
Veränderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe
beisse...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 90
Von euch her, meinen liebsten Todten, kommt mir ein süsser Geruch, ein
herz- und thränenlösender. Wahrlich, er erschüttert und löst das Herz
dem einsam Schiffenden.
Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende - ich der
Einsamste! Denn ich _hatte_ euch doch, und ihr habt mich noch: sagt,...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 91
kurz, wie ein Ton zerbricht in kalter Nacht! Kaum als Aufblinken
göttlicher Augen kam es mir nur, - als Augenblick!
Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: "göttlich sollen
mir alle Wesen sein."
Da überfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh nun
jene gute Stunde!
...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 92
ich bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen Tönen meine
Verzückung!
Nur im Tanze weiss ich der höchsten Dinge Gleichniss zu reden: - und
nun blieb mir mein höchstes Gleichniss ungeredet in einen Gliedern!
Ungeredet und unerlöst blieb mir die höchste Hoffnung! Und es starben
mir alle...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 93
dem ein Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und
vermummt die Werthschätzungen.
Euren Willen und eure Werthe setztet ihr auf den Fluss des Werdens;
einen alten Willen zur Macht verräth mir, was vom Volke als gut und
böse geglaubt wird.
Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gä...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 94
Wie geschieht diess doch! so fragte ich mich. Was überredet das
Lebendige, dass es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam
übt?
Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem
Leben selber in's Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens!
Wo ich Lebendiges f...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 95
Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines
Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen
deines Willens zur Wahrheit!
Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom
`Willen zum Dasein`: diesen Willen - giebt es nicht!
Denn: wa...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 96
Geistes: oh wie lachte meine Seele ob seiner Hässlichkeit!
Mit erhobener Brust und Denen gleich, welche den Athem an sich ziehn:
also stand er da, der Erhabene, und schweigsam:
Behängt mit hässlichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an
zerrissenen Kleidern; auch viele Dornen hiengen an i...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 97
Verschattet ist noch der Sinn seines Auges.
Seine That selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt
den Handelnden. Noch hat er seine That nicht überwunden.
Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch
noch das Auge des Engels sehn.
Auch seinen Helden-Willen...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 98
Schönheit den Spiegel vorhalten.
Dann wird deine Seele vor göttlichen Begierden schaudern; und Anbetung
wird noch in deiner Eitelkeit sein!
Diess nämlich ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held
verlassen hat, naht ihr, im Traume, - der Über-Held.
Also sprach Zarathustra.
Vom L...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 99
sah und ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe
zuwinkte.
Lieber wollte ich doch noch Tagelöhner sein in der Unterwelt und bei
den Schatten des Ehemals! - feister und voller als ihr sind ja noch
die Unterweltlichen!
Diess, ja diess ist Bitterniss meinen Gedärmen, dass ich euch...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 100
tragen habe; und was thut's mir, wenn sich Käfer und Flügelwürmer noch
auf mein Bündel setzen!
Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch,
ihr Gegenwärtigen, soll mir die grosse Müdigkeit kommen. - Ach, wohin
soll ich nun noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Be...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 101
Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich errieth euch wohl! -
aber Scham ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen, - dem Monde
gleicht ihr!
Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist überredet, aber nicht
eure Eingeweide: _die_ aber sind das Stärkste an euch!
Und nun schämt sich eu...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 102
dass ihr nie gebären werdet: und wenn ihr auch breit und trächtig am
Horizonte liegt!
Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen
glauben, dass euch das Herz übergehe, ihr Lügenbolde?
Aber in _eine_ Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne
nehme ich auf, was be...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 103
es werden und Höhe und Fusspfad des Lichts und selber Licht!
Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.
Und diess heisst _mir_ Erkenntniss: alles Tiefe soll hinauf - zu
meiner Höhe!
Also sprach Zarathustra.
Von den Gelehrten
Als ich im Schlafe lag, da frass ein S...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 104
Geben sie sich weise, so fröstelt mich ihrer kleinen Sprüche und
Wahrheiten: ein Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem
Sumpfe stamme: und wahrlich, ich hörte auch schon den Frosch aus ihr
quaken!
Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will _meine_ Einfalt
bei ihrer Vielfa...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 105
noch über ihnen sein und ihren Köpfen.
Denn die Menschen sind _nicht_ gleich: so spricht die Gerechtigkeit.
Und was ich will, dürften _sie_ nicht wollen!
Also sprach Zarathustra.
Von den Dichtern
"Seit ich den Leib besser kenne, - sagte Zarathustra zu einem seiner
Jünger - ist mir der Geist...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 106
Armen, sonderlich wenn es junge Weibchen sind!
Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die
alten Weibchen Abends erzählen. Das heissen wir selber an uns das
Ewig-Weibliche.
Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gäbe, der
sich Denen _verschütte_, welche E...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 107
zu den Gründen.
Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken
gewesen.
Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was
wussten sie bisher von der Inbrunst der Töne! -
Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie trüben Alle ihr Gewässer,
dass es ti...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 108
Volke, dass sie wie ein Felsblock vor das Thor der Unterwelt gestellt
sei: durch den Feuerberg selber aber führe der schmale Weg abwärts,
der zu diesem Thore der Unterwelt geleite.
Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glückseligen Inseln weilte,
geschah es, dass ein Schiff an der Insel Anke...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 109
Feuerhunde.
Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten.
Eine dieser Krankheiten heisst zum Beispiel: "Mensch."
Und eine andere dieser Krankheiten heisst "Feuerhund": über _den_
haben sich die Menschen Viel vorgelogen und vorlügen lassen.
Diess Geheimniss zu ergründen gie...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 110
wohl die grösste Thorheit, Salz in's Meer und Bildsäulen in den
Schlamm zu werfen.
Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsäule: aber das ist gerade
ihr Gesetz, dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende
Schönheit wächst!
Mit göttlicheren Zügen steht sie nun auf und leidendverführer...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 111
deinem Gurgeln und Speien und Grimmen der Ein- geweide!
Das Gold aber und das Lachen - das nimmt er aus dem Herzen der Erde:
denn dass du's nur weisst, - das Herz der Erde ist von Gold."
Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er's nicht mehr aus, mir
zuzuhören. Beschämt zog er seinen Schwanz ei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 112
`Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte`: so klingt
unsre Klage - hinweg über flache Sümpfe.
Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun wachen wir noch
und leben fort - in Grabkammern!" -
Also hörte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung
gieng ihm zu He...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 113
Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben
ihr; und, zudritt, röchelnde Todesstille, die schlimmste meiner
Freundinnen.
Schlüssel führte ich, die rostigsten aller Schlüssel; und ich verstand
es, damit das knarrendste aller Thore zu öffnen.
Einem bitterbösen Gekrächze glei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 114
des Todes die Thore aufreisst?
Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen
des Lebens?
Wahrlich, gleich tausendfältigem Kindsgelächter kommt Zarathustra in
alle Todtenkammern, lachend über diese Nacht- und Grabwächter, und wer
sonst mit düstern Schlüsseln rasselt.
Sch...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 115
kann!"
Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem jünger, welcher
den Traumdeuter abgegeben hatte, lange in's Gesicht und schüttelte
dabei den Kopf. -
Von der Erlösung
Als Zarathustra eines Tags über die grosse Brücke gieng, umringten ihn
die Krüppel und Bettler, und ein Bucklichter...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 116
Eins zuviel haben - Menschen, welche Nichts weiter sind als ein
grosses Auge, oder ein grosses Maul oder ein grosser Bauch oder irgend
etwas Grosses, - umgekehrte Krüppel heisse ich Solche.
Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male über diese
Brücke gieng: da traute ich meinen Au...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 117
Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und
eine Brücke zur Zukunft - und ach, auch noch gleichsam ein Krüppel an
dieser Brücke: das Alles ist Zarathustra.
Und auch ihr fragtet euch oft: `wer ist uns Zarathustra? Wie soll er
uns heissen?` Und gleich mir selber gabt ihr euc...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 118
Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmuth und übt Rache an dem,
was nicht gleich ihm Grimm und Unmuth fühlt.
Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethäter: und an Allem, was
leiden kann, nimmt er Rache dafür, dass er nicht zurück kann.
Diess, ja diess allein ist _Rache_ selber: des Wil...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 119
Wille ist ein Schaffender.`
Alles `Es war` ist ein Bruchstück, ein Räthsel, ein grauser Zufall -
bis der schaffende Wille dazu sagt: `aber so wollte ich es!`
Bis der schaffende Wille dazu sagt: `Aber so will ich es! So werde
ich's wollen!`
Aber sprach er schon so? Und wann geschieht diess? Ist...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 120
Das, Das ist _mein_ Abhang und meine Gefahr, dass mein Blick in die
Höhe stürzt, und dass meine Hand sich halten und stützen möchte - an
der Tiefe!
An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an
den Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin
will me...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 121
Leben zuzuschaun, - es heilt von der Schwermuth.
Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth
und mich am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.
Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit!
Ich bin ihm gut und mitleidig ob seiner Besch...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 122
So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der
Übermensch _furchtbar_ sein würde in seiner Güte!
Und ihr Weisen und Wissenden, ihr würdet vor dem Sonnenbrande der
Weisheit flüchten, in dem der Übermensch mit Lust seine Nacktheit
badet!
Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegn...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 123
Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem - nie hörte ich
solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak.
Dann sprach es ohne Stimme zu mir: `Du weisst es, Zarathustra?` -
Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich
aus meinem Gesichte: aber ich schwieg.
...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 124
Und ich antwortete: `sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg
fand und gieng; und in Wahrheit zitterten damals meine Füsse.`
Und so sprachen sie zu mir: `du verlerntest den Weg, nun verlernst du
auch das Gehen!`
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: `Was liegt an ihrem Spotte! Du
bis...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 125
Nichts verschwieg ich euch, meine Freunde.
Aber auch diess hörtet ihr von mir, _wer_ immer noch aller Menschen
Verschwiegenster ist - und es sein will!
Ach meine Freunde! Ich hätte euch noch Etwas zu sagen, ich hätte euch
noch Etwas zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?" -
Al...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 126
wäre!
Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim - mein eigen Selbst,
und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge
und Zufälle.
Und noch Eins weiss ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und
vor dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 127
Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst
hiesse mir mein _Gipfel_, das blieb mir noch zurück als mein _letzter_
Gipfel! -"
Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprüchlein sein
Herz tröstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und
als er...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 128
Erwartungen?
Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber
noch gram um deinetwillen.
Ach, dass meine Hand nicht Stärke genug hat! Gerne, wahrlich, möchte
ich dich von bösen Träumen erlösen! -
Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermuth und
Bitterkeit über si...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 129
und das Eis seines Herzens brach: - da begann er also zu reden:
Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen
Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, -
euch, den Räthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit
Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:
- denn nic...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 130
Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir
jeden Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und
sprechen: "Zwerg! Du! Oder ich!" -
Muth nämlich ist der beste Todtschläger, - Muth, welcher _angreift_:
denn in jedem Angriffe ist klingendes Spiel.
Der Mens...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 131
Aber wer Einen von ihnen weiter gienge - und immer weiter und
immer ferner: glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig
widersprechen?" -
"Alles Gerade lügt, murmelte verächtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist
krumm, die Zeit selber ist ein Kreis."
"Du Geist der Schwere! sprach ich zürnend, mach...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 132
todtschweigsam, über das Haus, eben stand er still, eine runde Gluth,
- still auf flachem Dache, gleich als auf fremdem Eigenthume: -
darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und
Gespenster. Und als ich wieder so heulen hörte, da erbarmte es mich
abermals.
Wohin war jet...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 133
kriechen wird?
- Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange -: und sprang empor. -
Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch, - ein Verwandelter, ein
Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein
Mensch, wie _er...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 134
er schaffe sie selber erst.
Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von
ihnen kehrend: um seiner Kinder willen muss Zarathustra sich selbst
vollenden.
Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse
Liebe zu sich selber ist, da ist sie der Schwangers...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 135
legte mir diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, dass ich meiner
Kinder Beute würde und mich an sie verlöre.
Begehren - das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch,
meine Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts
Begehren sein.
Aber brütend lag die Sonne meiner Lie...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 136
Oh Nachmittag meines Lebens! Oh Glück vor Abend! Oh Hafen auf hoher
See! Oh Friede im Ungewissen! Wie misstraue ich euch Allen!
Wahrlich, misstrauisch bin ich gegen eure tückische Schönheit! Dem
Liebenden gleiche ich, der allzusammtenem Lächeln misstraut.
Wie er die Geliebteste vor sich her stö...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 137
gemeinsam; noch die Sonne ist uns gemeinsam.
Wir reden nicht zu einander, weil wir zu Vieles wissen -: wir
schweigen uns an, wir lächeln uns unser Wissen zu.
Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die
Schwester-Seele zu meiner Einsicht?
Zusammen lernten wir Alles; zusammen lern...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 138
zögernde Zieh-Wolken.
Und "wer nicht segnen kann, der soll fluchen _lernen_!" - diese helle
Lehre fiel mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in
schwarzen Nächten an meinem Himmel.
Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-sager, wenn du nur um mich bist,
du Reiner! Lichter! Du Licht-A...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 139
dass es keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt: -
- dass du mir ein Tanzboden bist für göttliche Zufälle, dass du mir
ein Göttertisch bist für göttliche Würfel und Würfelspieler! -
Doch du erröthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lästerte ich, indem
ich dich segnen wollte?
Oder ist...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 140
bücken muss - nicht mehr bücken muss vor den Kleinen!" - Und
Zarathustra seufzte und blickte in die Ferne. -
Desselbigen Tages aber redete er seine Rede über die verkleinernde
Tugend.
2.
Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben
mir es nicht, dass ich auf ihre Tugend...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 141
Fragt meinen Fuss, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefällt! Wahrlich,
nach solchem Takt und Tiktak mag er weder tanzen, noch stille stehn.
Zur kleinen Tugend möchten sie mich locken und loben; zum Tiktak des
kleinen Glücks möchten sie meinen Fuss überreden.
Ich gehe durch diess Volk und halte d...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 142
rund, rechtlich und gütig mit Sandkörnchen sind.
Bescheiden ein kleines Glück umarmen - das heissen sie "Ergebung"! und
dabei schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glücke
aus.
Sie wollen im Grunde einfältiglich Eins am meisten: dass ihnen Niemand
wehe thue. So kommen sie jederm...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 143
mich, sie zu knacken.
Wohlan! Diess ist meine Predigt für _ihre_ Ohren: ich bin Zarathustra,
der Gottlose, der da spricht "wer ist gottloser denn ich, dass ich
mich seiner Unterweisung freue?"
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und
alle Die sind Meines-Gleichen, di...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 144
Ach, dass ihr mein Wort verstündet: "thut immerhin, was ihr wollt, -
aber seid erst Solche, die _wollen_können_!"
"Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch, - aber seid mir erst
solche, die _sich_selber_lieben_ -
- mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!"
Also spricht ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 145
meine Art. Und sonderlich bin ich allen brünstigen dampfenden
dumpfigen Feuer-Götzen gram.
Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte
ich jetzt meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause
sitzt.
Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett _kr...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 146
Warter: allen diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck
entschlüpfen.
Dass mir Niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe, - dazu
erfand ich mir das lange lichte Schweigen.
So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trübte
sein Wasser, dass Niemand ih...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 147
ihre Frostbeulen nicht.
Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit
die Flucht _vor_ den Kranken.
Mögen sie mich klappern und seufzen _hören_ vor Winterkälte, alle
diese armen scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und
Geklapper flüchte ich noch vor ihren gehei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 148
diesem Wort-Spülicht.
Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und
wissen nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit
ihrem Golde.
Sie sind kalt und suchen sich Wärme bei gebrannten Wassern; sie sind
erhitzt und suchen Kühle bei gefrorenen Geistern; s...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 149
Geschwürige, Verschwörerische zusammenschwärt: -
- speie auf die grosse Stadt und kehre um!" - -
Hier aber unterbrach Zarathustra den schäumenden Narren und hielt ihm
den Mund zu.
"Höre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner
Rede und deiner Art!
Warum wohntest du so lang...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 150
Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht
mehr lieben kann, da soll man - _vorübergehn_! -
Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt
vorüber.
Von den Abtrünnigen
1.
Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jüngst auf dieser Wiese
g...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 151
unter Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht
glauben, wer die flüchtig-feige Menschenart kennt!
_Könnten_ sie anders, so würden sie auch anders _wollen_. Halb- und
Halbe verderben alles Ganze. Dass Blätter welk werden, - was ist da zu
klagen!
Lass sie fahren und fallen, oh...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 152
giebt, da giebt es neue Bet-Brüder drin und den Dunst von Bet-Brüdern.
Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder
werden wie die Kindlein und "lieber Gott" sagen! - an Mund und Magen
verdorben durch die frommen Zuckerbäcker.
Oder sie sehen lange Abende einer listigen l...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 153
Art alter Leute! So geht's uns auch!" -
- Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwächter und
Lichtscheuchen, und tuteten darauf betrübt in ihre Hörner: so
geschah's gestern Nachts an der Garten-Mauer.
Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste
nicht, wohin? und ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 154
- der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da
verlernte ich das Schweigen! _Das_ - lerntest du nun wohl?
Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen
_verlassener_ warst, du Einer, als je bei mir!
Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: _Das_ -
l...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 155
redet deine Stimme zu mir!
Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen
mit einander durch offne Thüren.
Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier
auf leichteren Füssen. Im Dunklen nämlich trägt man schwerer an der
Zeit, als im Lichte.
Hier s...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 156
Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grösste Gefahr; und alles
Menschenwesen will geschont und gelitten sein.
Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und
reich an kleinen Lügen des Mitleidens: - also lebte ich immer unter
Menschen.
Verkleidet sass ich unter ihnen, b...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 157
endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens!
Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, _niest_
meine Seele, - niest und jubelt sich zu: Gesundheit!
Also sprach Zarathustra.
Von den drei Bösen
1.
Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge,
...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 158
Und dass ich's ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und
ablerne: will ich jetzt die drei bösesten Dinge auf die Wage thun und
menschlich gut abwägen. -
Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der
Welt die drei bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 159
um meine Worte: dass mir nicht in meine Gärten die Schweine und
Schwärmer brechen! -
Herrschsucht: die Glüh-Geissel der härtesten Herzensharten; die grause
Marter, die sich dem Grausamsten selber aufspart; die düstre Flamme
lebendiger Scheiterhaufen.
Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den e...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 160
wie mit heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glücks bannt sie von sich
alles Verächtliche.
Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht - das ist
feige! Verächtlich dünkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klägliche
und wer auch die kleinsten Vortheile aufliest.
Sie verachtet auch ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 161
wahrlich, der spricht auch, was er weiss, ein Weissager: "Siehe, er
kommt, er ist nahe, der grosse Mittag!"
Also sprach Zarathustra.
Vom Geist der Schwere
1.
Mein Mundwerk - ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich für die
Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fisc...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 162
selber lieben: - also lehre _ich_.
Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Süchtigen: denn bei denen
stinkt auch die Eigenliebe!
Man muss sich selber lieben lernen - also lehre ich - mit einer heilen
und gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht
umherschweife.
Solches...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 163
und kluge Blindheit!
Abermals trügt über Manches am Menschen, dass manche Schale gering und
traurig und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Güte und Kraft wird
nie errathen; die köstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!
Die Frauen wissen das, die köstlichsten: ein Wenig fetter, ein Weni...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 164
Unselig heisse ich Alle, die nur Eine Wahl haben: böse Thiere zu
werden oder böse Thierbändiger: bei Solchen würde ich mir keine Hütten
bauen.
Unselig heisse ich auch Die, welche immer _warten_ müssen, - die gehen
mir wider den Geschmack: alle die Zöllner und Krämer und Könige und
andren Länder-...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 165
ich zu den Menschen gehn.
Dess warte ich nun: denn erst müssen mir die Zeichen kommen,
dass es _meine_ Stunde sei, - nämlich der lachende Löwe mit dem
Taubenschwarme.
Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand
erzählt mir Neues: so erzähle ich mir mich selber. -
2.
A...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 166
Entzücken:
- hinaus in ferne Zukünfte, die kein Traum noch sah, in heissere
Süden, als je sich Bildner träumten: dorthin, wo Götter tanzend sich
aller Kleider schämen: -
- dass ich nämlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und
stammle: und wahrlich, ich schäme mich, dass ich noch D...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 167
bis der Wille spricht: "Aber so wollte ich es! So werde ich's wollen
-"
- Diess hiess ich ihnen Erlösung, Diess allein lehrte ich sie Erlösung
heissen. - -
Nun warte ich _meiner_ Erlösung -, dass ich zum letzten Male zu ihnen
gehe.
Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: _unter_ ihnen will...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 168
das Leben verspricht, das wollen _wir_ - dem Leben halten!"
Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt. Und
- man soll nicht geniessen _wollen_!
Genuss und Unschuld nämlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide
wollen nicht gesucht sein. Man soll sie _haben_ -, aber man sol...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 169
springen: wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: "Alles
ist im Fluss."
Sondern selber die Tölpel widersprechen ihm. "Wie? sagen die Tölpel,
Alles wäre im Flusse? Balken und Geländer sind doch _über_ dem
Flusse!"
"_Über_ dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die
Brüc...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 170
der Welt, als es solche heilige Worte waren?
Ist in allem Leben selber nicht - Rauben und Todtschlagen? Und dass
solche Worte heilig hiessen, wurde damit die _Wahrheit_ selber nicht -
todtgeschlagen?
Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben
widersprach und widerrie...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 171
Wahrlich nicht, dass ihr einem Fürsten gedient habt - was liegt noch
an Fürsten! - oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester
stünde!
Nicht, dass euer Geschlecht an Höfen höfisch wurde, und ihr lerntet,
bunt, einem Flamingo ähnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.
- Denn S...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 172
Aber gut essen und trinken, oh meine Brüder, ist wahrlich keine eitle
Kunst! Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!
14.
"Dem Reinen ist Alles rein" - so spricht das Volk. Ich aber sage euch:
den Schweinen wird Alles Schwein!
Darum predigen die Schwärmer und Kopfhänger, denen a...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 173
man heute sich zu auf allen dunklen Gassen.
"Weisheit macht müde, es lohnt sich - Nichts; du sollst nicht
begehren!" - diese neue Tafel fand ich hängen selbst auf offnen
Märkten.
Zerbrecht mir, oh meine Brüder, zerbrecht mir auch diese _neue_
Tafel! Die Welt-Müden hängten sie hin und die Predig...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 174
Weltmüde! Und noch nicht einmal Erd-Entrückte wurdet ihr! Lüstern
fand ich euch immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne
Erd-Müdigkeit!
Nicht umsonst hängt euch die Lippe herab: - ein kleiner Erden-Wunsch
sitzt noch darauf! Und im Auge - schwimmt da nicht ein Wölkchen
unvergessner Erden-...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 175
Schlaf ihm komme, der Tröster, mit kühlendem Rausche-Regen:
Lasst ihn liegen, bis er von selber wach wird, bis er von selber alle
Müdigkeit widerruft und was Müdigkeit aus ihm lehrte!
Nur, meine Brüder, dass ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen
Schleicher, und all das schwärmende Geschmei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 176
_die_höchste_Seele_ nicht die schlimmsten Schmarotzer haben?
20.
Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das
soll man auch noch stossen!
Das Alles von Heute - das fällt, das verfällt: wer wollte es halten!
Aber ich - ich _will_ es noch stossen!
Kennt ihr die Wollust,...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 177
sie "gute Nachbarschaft." Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich
sagte: "ich will über Völker - _Herr_ sein!"
Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch
herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da - _fehlt_ es am Besten.
22.
Wenn _Die_ - Brod umsonst hätten, wehe! Won...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 178
Also rathe ich allen Redlichen; und was wäre denn meine Liebe zum
Übermenschen und zu Allem, was kommen soll, wenn ich anders riethe und
redete!
Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern _hinauf_ - dazu, oh meine
Brüder, helfe euch der Garten der Ehe!
25.
Wer über alte Ursprünge weise wurde, s...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 179
der da sprach: "es sind die Pharisäer." Aber man verstand ihn nicht.
Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist
ist eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist
unergründlich klug.
Das aber ist die Wahrheit: die Guten _müssen_ Pharisäer sein, - sie
ha...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 180
geduldsame!
Aufrecht geht mir bei Zeiten, oh meine Brüder, lernt aufrecht gehn!
Das Meer stürmt: Viele wollen an euch sich wieder aufrichten.
Das Meer stürmt: Alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten
Seemanns-Herzen!
Was Vaterland! _Dorthin_ will unser Steuer, wo unser _Kinder-Land_
ist!...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 181
brünstig nach seinem Pfeile, ein Pfeil brünstig nach seinem Sterne: -
- ein Stern bereit und reif in seinem Mittage, glühend, durchbohrt,
selig vor vernichtenden Sonnen-Pfeilen: -
- eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum
Vernichten bereit im Siegen!
Oh Wille, Wende aller No...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 182
Ekel - - - wehe mir!
2.
Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da stürzte er
nieder gleich einem Todten und blieb lange wie ein Todter. Als er aber
wieder zu sich kam, da war er bleich und zitterte und blieb liegen und
wollte lange nicht essen noch trinken. Solches Wesen dauerte a...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 183
Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre
Seele eine Hinterwelt.
Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die
kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.
Für mich - wie gäbe es ein Ausser-mir? Es giebt kein Aussen! Aber
das vergessen wir...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 184
Der Mensch nämlich ist das grausamste Thier.
Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am
wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe,
da war das sein Himmel auf Erden.
Wenn der grosse Mensch schreit -: flugs läuft der kleine hinzu; und
die Zung...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 185
konnte nicht einschlafen.
Zur Höhle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein,
alles Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche
Vergangenheit.
Mein Seufzen sass auf allen Menschen-Gräbern und konnte nicht mehr
aufstehn; mein Seufzen und Fragen unkte und würgte u...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 186
Menschen Schicksal war!
Denn deine Thiere wissen es wohl, oh Zarathustra, wer du bist und
werden musst: siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft -, das
ist nun _dein_ Schicksal!
Dass du als der Erste diese Lehre lehren musst, - wie sollte diess
grosse Schicksal nicht auch deine grösste ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 187
Menschen-Mittage, dass -ich wieder den Menschen den Übermenschen
künde.
Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein
ewiges Loos -, als Verkündiger gehe ich zu Grunde!
Die Stunde kam nun, dass der Untergehende sich selber segnet. Also
_endet_ Zarathustra's Untergang.`" - ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 188
Gründe selber überredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu
seiner Höhe überredet.
Oh meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen Kniebeugen und
Herr-Sagen; ich gab dir selber den Namen "Wende der Noth" und
"Schicksal".
Oh meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hie...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 189
zitternder Mund nach Schluchzen.
"Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein
Anklagen?" Also redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine
Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten.
- in stürzende Thränen ausschütten all dein Leid über deine Fülle und
über all...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 190
Nach meinem Fusse, dem tanzwüthigen, warfst du einen Blick, einen
lachenden fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:
Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Händen - da
schaukelte schon mein Fuss vor Tanz-Wuth. -
Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen:
trägt ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 191
Oh sieh mich liegen, du Übermuth, und um Gnade flehn! Gerne möchte ich
mit dir - lieblichere Pfade gehn!
- der Liebe Pfade durch stille bunte Büsche! Oder dort den See
entlang: da schwimmen und tanzen Goldfische!
Du bist jetzt müde? Da drüben sind Schafe und Abendröthen: ist es
nicht schön, zu ...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 192
Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiss, du denkst
daran, dass du mich bald verlassen willst.
Es giebt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt Nachts bis
zu deiner Höhle hinauf: -
- hörst du diese Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du
zwischen Eins...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 193
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses
Weib, das ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
2.
Wenn mein Zorn je Gräber brach, Grenzsteine rückte und alte Tafeln
zerbr...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 194
4.
Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schäumenden Würz- und
Mischkruge, in dem alle Dinge gut gemischt sind:
Wenn meine Hand je Fernstes zum Nächsten goss und Feuer zu Geist und
Lust zu Leid und Schlimmstes zum Gütigsten:
Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlösenden Salze, welches
m...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 195
Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib
Tänzer, aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O! -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 196
er auf einem Steine vor seiner Höhle sass und still hinausschaute, -
man schaut aber dort auf das Meer hinaus, und hinweg über gewundene
Abgründe - da giengen seine Thiere nachdenklich um ihn herum und
stellten sich endlich vor ihn hin.
"Oh Zarathustra, sagten sie, schaust du wohl aus nach deine...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 197
droben das Honig-Opfer bringen." -
Als Zarathustra aber oben auf der Höhe war, sandte er die Thiere heim,
die ihn geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei: - da
lachte er aus ganzem Herzen, sah sich um und sprach also:
Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war's nu...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 198
Also mögen nunmehr die Menschen zu mir _hinauf_ kommen: denn noch
warte ich der Zeichen, dass es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch
gehe ich selber nicht unter, wie ich muss, unter Menschen.
Dazu warte ich hier, listig und spöttisch auf hohen Bergen, kein
Ungeduldiger, kein Geduldiger, vielmeh...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 199
härtesten Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide,
fragend nach Wo? und Woher? und Wohinaus?
Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf
hinab dein glitzerndes Spott-Gelächter! Ködere mit deinem Glitzern mir
die schönsten Menschen-Fische!
Und was in alle...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 200
dasselbe wegwischen wollte; desgleichen that auch Zarathustra. Und als
Beide dergestalt sich schweigend gefasst und gekräftigt hatten, gaben
sie sich die Hände, zum Zeichen, dass sie sich wiedererkennen wollten.
"Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen
Müdigkeit, du solls...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 201
höchste Zeit!" -
Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschüttert; endlich fragte
er, wie Einer, der bei sich selber zögert: "Und wer ist das, der dort
mich ruft?"
"Aber du weisst es ja, antwortete der Wahrsager heftig, was verbirgst
du dich? _Der_höhere_Mensch_ ist es, der nach dir schrei...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 202
denn nicht schon da, nass von deiner Trübsal und begossen wie ein
Hund?
Nun schüttle ich mich und laufe dir davon, dass ich wieder trocken
werde: dess darfst du nicht Wunder haben! Dünke ich dir unhöflich?
Aber hier ist _mein_ Hof.
Was aber deinen höheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 203
in meinem Reiche?" sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und
versteckte Sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die Könige bis
zu ihm herankamen, sagte er, halblaut, wie Einer, der zu sich allein
redet: "Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich Das zusammen? Zwei Könige
sehe ich - und nur Ein...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 204
überhängt und verkleidet durch alten vergilbten Grossväter-Prunk,
Schaumünzen für die Dümmsten und die Schlauesten, und wer heute Alles
mit der Macht Schacher treibt!
Wir _sind_ nicht die Ersten - und müssen es doch _bedeuten_: dieser
Betrügerei sind wir endlich satt und ekel geworden.
Dem Gesi...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 205
Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da
steigt und steigt der Pöbel im Preise, und endlich spricht gar die
Pöbel-Tugend: `siehe, ich allein bin Tugend!` -
Was hörte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei
Königen! Ich bin entzückt, und, wahrlich, schon gelüst...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 206
dünkte sie flau und lau, der lange Frieden aber machte Scham.
Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke
ausgedorrte Schwerter sahen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg.
Ein Schwert nämlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde." - -
- Als die Könige dergestalt mit ...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 207
zu Tod Erschrockenen: also ergieng es uns.
Und doch! Und doch - wie wenig hat gefehlt, dass sie einander
liebkosten, dieser Hund und dieser Einsame! Sind sie doch Beide -
Einsame!"
- "Wer du auch sein magst, sagte immer noch grimmig der Getretene,
du trittst mir auch mit deinem Gleichniss zu na...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 208
und schon war mein ausgehängter Arm zehn Mal angebissen, da beisst
noch ein schönerer Igel nach meinem Blute, Zarathustra selber!
Oh Glück! Oh Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf
lockte! Gelobt sei der beste lebendigste Schröpfkopf, der heut lebt,
gelobt sei der grosse Gewiss...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 209
- darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles. Andre
gleich; und dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.
Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und
sonst Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller
Dunstigen, Schwebend...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 210
einen zitternden alten Mann mit stieren Augen; und wie sehr sich
Zarathustra mühte, dass er ihn aufrichte und wieder auf seine Beine
stelle, es war umsonst. Auch schien der Unglückliche nicht zu merken,
dass jemand um ihn sei; vielmehr sah er sich immer mit rührenden
Gebärden um, wie ein von alle...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 211
Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! Sprich,
Was _willst_ du, unbekannter Gott? - -
Wie? Lösegeld?
Was willst du Lösegelds?
Verlange Viel - das räth mein Stolz!
Und rede kurz - das räth mein andrer Stolz!
Haha!
Mich - willst du? Mich?
Mich - ganz?
Haha!
Und marterst mich, Narr, der du bist,
Zerma...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 212
redest du - von Wahrheit!
Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, _was_ spieltest du vor mir,
du schlimmer Zauberer, an _wen_ sollte ich glauben, als du in solcher
Gestalt jammertest?"
"Den Büsser des Geistes, sagte der alte Mann, _den_ - spielte ich: du
selber erfandest einst diess Wort -
...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 213
- und ein grüner Blitz schoss aus seinem Auge nach Zarathustra. Aber
gleich darauf verwandelte er sich und sagte traurig:
"Oh Zarathustra, ich bin's müde, es ekelt mich meiner Künste, ich bin
nicht _gross_, was verstelle ich mich! Aber, du weisst es wohl - ich
suchte nach Grösse!
Einen grossen ...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 214
Und frage meine Thiere um Rath, meinen Adler und meine Schlange: die
sollen dir suchen helfen. Meine Höhle aber ist gross.
Ich selber freilich - ich sah noch keinen grossen Menschen. Was gross
ist, dafür ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des
Pöbels.
So Manchen fand ich scho...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 215
siehe, es kam anders. Im gleichen Augenblicke nämlich hatte ihn schon
der Sitzende erblickt; und nicht unähnlich einem Solchen, dem ein
unvermuthetes Glück zustösst, sprang er auf und gieng auf Zarathustra
los.
"Wer du auch bist, du Wandersmann, sprach er, hilf einem Verirrten,
einem Suchenden, ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 216
ihm stand; Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und
betrachtete sie lange mit Bewunderung.
"Siehe da, du Ehrwürdiger, sagte er dann, welche schöne und lange
Hand! Das ist die Hand eines Solchen, der immer Segen ausgetheilt hat.
Nun aber hält sie Den fest, welchen du suchst, mich, ...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 217
Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem
Sohne sogar kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thür
seines Glaubens steht der Ehebruch.
Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von
der Liebe selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter s...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 218
`Fort mit einem _solchen_ Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne
Faust Schicksal machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!`"
- "Was höre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren;
oh Zarathustra, du bist frömmer als du glaubst, mit einem solchen
Unglauben! Irgend ein Got...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 219
Auf dem ganzen Wege aber frohlockte er in seinem Herzen und war
dankbar. "Welche guten Dinge, sprach er, schenkte mir doch dieser Tag,
zum Entgelt, dass er schlimm begann! Welche seltsamen Unterredner fand
ich!
An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Körnern;
klein soll mein...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 220
Stolz sich hier nicht die Beine bricht!
Du dünkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rathe doch das
Räthsel, du harter Nüsseknacker, - das Räthsel, das ich bin! So sprich
doch - wer bin _ich_!"
- Als aber Zarathustra diese Worte gehört hatte, - was glaubt ihr
wohl, dass sich da mit seiner S...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 221
mich errieth:
- du erriethest, wie Dem zu Muthe ist, welcher _ihn_ tödtete. Bleib!
Und willst du gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam.
_Der_ Weg ist schlecht.
Zürnst du mir, dass ich zu lange schon rede-rade-breche? Dass ich
schon dir rathe? Aber wisse, ich bin's, der hässlichs...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 222
Leute, welcher von sich zeugte `ich - bin die Wahrheit.`
Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm
hoch schwellen - er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte
`ich - bin die Wahrheit.`
Ward einem Unbescheidnen jemals höflicher geantwortet? - Du aber, oh
Zar...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 223
Versteckteste sein Versteck. Und dicht bei ihr sind hundert Schlüpfe
und Schliche für kriechendes, flatterndes und springendes Gethier.
Du Ausgestossener, der du dich selber ausstiessest, du willst nicht
unter Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so thu's mir
gleich! So lernst du auch v...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 224
schweifen um mich, ihr warmer Athem rührt an meine Seele."
Als er aber um sich spähete und nach den Tröstern seiner Einsamkeit
suchte: siehe, da waren es Kühe, welche auf einer Anhöhe bei einander
standen; deren Nähe und Geruch hatten sein Herz erwärmt. Diese Kühe
aber schienen mit Eifer einem R...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 225
Zarathustra zu, - denn bisher hieng er mit Liebe an den Kühen -: da
aber verwandelte er sich. "Wer ist das, mit dem ich rede? rief er
erschreckt und sprang vom Boden empor.
Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der
Überwinder des grossen Ekels, diess ist das Auge, diess i...
-
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 226
sprang mir Alles in's Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen
selig sind. Das Himmelreich aber ist bei den Kühen."
Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend,
während er den Kühen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich
anschnauften.
"Was versuchst du mich? a...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 227
Müssiggänger und Tagediebe.
Am weitesten freilich brachten es diese Kühe: die erfanden sich das
Wiederkäuen und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller
schweren Gedanken, welche das Herz blähn."
"- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch _meine_ Thiere sehn,
meinen Adler und mein...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 228
welcher hinter ihm war, folgte ihm nach: so dass alsbald drei Laufende
hinter einander her waren, nämlich voran der freiwillige Bettler,
dann Zarathustra und zudritt und -hinterst sein Schatten. Nicht lange
liefen sie so, da kam Zarathustra zur Besinnung über seine Thorheit
und schüttelte mit Ein...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 229
giebt, ich werde dünn, - fast gleiche ich einem Schatten.
Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am längsten nach, und,
verbarg ich mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten:
wo du nur gesessen hast, sass ich auch.
Mit dir bin ich in fernsten, kältesten Welten umgegangen, ein...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 230
Habe _ich_ - noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem _mein_ Segel läuft?
Einen guten Wind? Ach, nur wer weiss, _wohin_ er fährt, weiss auch,
welcher Wind gut und sein Fahrwind ist.
Was blieb mir noch zurück? Ein Herz müde und frech; ein unstäter
Wille; Flatter-Flügel; ein zerbrochnes Rückgrat.
Di...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 231
und fand immer wieder sich und genoss und schlürfte seine Einsamkeit
und dachte an gute Dinge, - stundenlang. Um die Stunde des Mittags
aber, als die Sonne gerade über Zarathustra's Haupte stand, kam er an
einem alten krummen und knorrichten Baume vorbei, der von der reichen
Liebe eines Weinstock...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 232
goldene Traurigkeit drückt sie, sie verzieht den Mund.
- Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief: - nun lehnt es
sich an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist
die Erde nicht treuer?
Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt: - da genügt's,
dass ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 233
Husch!
Still - - (und hier dehnte sich Zarathustra und fühlte, dass er
schlafe.) -
Auf! sprach er zu sich selber, du Schläfer! Du Mittagsschläfer!
Wohlan, wohlauf, ihr alten Beine! Zeit ist's und Überzeit, manch gut
Stück Wegs blieb euch noch zurück -
Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch?...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 234
vielfältiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich,
dass er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus
der Ferne gehört, gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.
Da sprang Zarathustra auf seine Höhle zu, und siehe! welches
Schauspiel erwartete ihn ers...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 235
euch?
Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, dass ich vor euch mit solch
kleinen Worten rede, unwürdig, wahrlich!, solcher Gäste! Aber ihr
errathet nicht, _was_ mein Herz muthwillig macht: -
- ihr selber thut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nämlich
wird muthig, der einem Verzweifelnde...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 236
Muth wird muthwillig.
Nichts, oh Zarathustra, wächst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher
starker Wille: der ist ihr schönstes Gewächs. Eine ganze Landschaft
erquickt sich an Einem solchen Baume.
Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwächst:
lang, schweigend, hart, all...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 237
Menschen, das ist: alle die Menschen der grossen Sehnsucht, des
grossen Ekels, des grossen Überdrusses,
- Alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder _hoffen_ - oder
sie lernen von dir, oh Zarathustra, die _grosse_ Hoffnung!"
Also sprach der König zur Rechten und ergriff die Hand Zarat...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 238
Zwerg hockt in euren Winkeln. Es giebt verborgenen Pöbel auch in euch.
Und seid ihr auch hoch und höherer Art: Vieles an euch ist krumm und
missgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und
gerade schlüge.
Ihr seid nur Brücken: mögen Höhere auf euch hinüber schreiten! Ihr
b...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 239
standen still und bestürzt: nur dass der alte Wahrsager mit Händen und
Gebärden Zeichen gab.
Das Abendmahl
An dieser Stelle nämlich unterbrach der Wahrsager die Begrüssung
Zarathustra's und seiner Gäste: er drängte sich vor, wie Einer, der
keine Zeit zu verlieren hat, fasste die Hand Zarathus...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 240
nicht, gut genug selbst für Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nüssen
und andern Räthseln zum Knacken.
Also wollen wir in Kürze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen
will, muss auch mit Hand anlegen, auch die Könige. Bei Zarathustra
nämlich darf auch ein König Koch sein."
Mit diesem Vo...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 241
Anderem geredet als _vom_höheren_Menschen_.
Vom höheren Menschen
1.
Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die
Einsiedler-Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den
Markt.
Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber
waren Seiltänzer mein...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 242
Übergang ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich
lieben und hoffen macht.
Dass ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die
grossen Verachtenden nämlich sind die grossen Verehrenden.
Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet
nich...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 243
Böseste ist nöthig zu des Übermenschen Bestem.
Das mochte gut sein für jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt
und trug an des Menschen Sünde. Ich aber erfreue mich der grossen
Sünde als meines grossen _Trostes_. -
Solches ist aber nicht für lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehört
auch ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 244
übertünchter Wurmfrass, bemäntelt durch starke Worte, durch
Aushänge-Tugenden, durch glänzende falsche Werke.
Habt da eine gute Vorsicht, ihr höheren Menschen! Nichts nämlich gilt
mir heute kostbarer und seltner als Redlichkeit.
Ist diess Heute nicht des Pöbels? Pöbel aber weiss nicht, was gros...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 245
ihn!
Verlernt mir doch diess "Für", ihr Schaffenden: eure Tugend gerade
will es, dass ihr kein Ding mit "für" und "um" und "weil" thut. Gegen
diese falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.
Das "für den Nächsten" ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst
es "gleich und gleich" u...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 246
Heiligen," - ich spräche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!
Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm's! Aber
ich glaube nicht daran.
In der Einsamkeit wächst, was Einer in sie bringt, auch das innere
Vieh. Solchergestalt widerräth sich Vielen die Einsamkeit.
Gab es Sc...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 247
Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Gründe? So suchte er nur
schlecht. Ein Kind findet hier noch Gründe.
Der - liebte nicht genug: sonst hätte er auch uns geliebt, die
Lachenden! Aber er hasste und höhnte uns, Heulen und Zähneklappern
verhiess er uns.
Muss man denn gleich fluchen, wo m...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 248
Zarathustra der Tänzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flügeln
winkt, ein Flugbereiter, allen Vögeln zuwinkend, bereit und fertig,
ein Selig-Leichtfertiger: -
Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein
Ungeduldiger, kein Unbedingter, Einer, der Sprünge und Seitensprünge
li...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 249
daran, dass ihr missriethet!
Wie Vieles ist noch möglich! So _lernt_ doch über euch hinweg lachen!
Erhebt eure Herzen, ihr guten Tänzer, hoch! höher! Und vergesst mir
auch das gute Lachen nicht!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen
Brüdern, werfe ich diese Krone zu! D...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 250
Büsser des Geistes` oder `die Entfesselten` oder `die grossen
Sehnsüchtigen` -
- euch Allen, die ihr _am_grossen_Ekel_ leidet gleich mir, denen der
alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt,
- euch Allen ist mein böser Geist und Zauber-Teufel hold.
Ich kenne euch, ihr...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 251
Narren-Larven bunt herausschreiend, Herumsteigend auf lügnerischen
Wort-Brücken, Auf bunten Regenbogen, Zwischen falschen Himmeln Und
falschen Erden, Herumschweifend, herumschwebend, - _Nur_ Narr! _Nur_
Dichter!
_Das_ - der Wahrheit Freier? Nicht still, starr, glatt, kalt, Zum
Bilde worden, Zur ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 252
Wollust. Nur der Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er
nahm flugs dem Zauberer die Harfe weg und rief "Luft! Lasst gute Luft
herein! Lass Zarathustra herein! Du machst diese Höhle schwül und
giftig, du schlimmer alter Zauberer!
Du verfährst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begi...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 253
- heute, wo Alles wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich
eure Augen sehe, die ihr macht, fast dünkt mich's, ihr sucht mehr
_Unsicherheit_,
- mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gelüstet, fast dünkt
mich's so, vergebt meinem Dünkel, ihr höheren Menschen -
- euch gelüstet nach...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 254
und machten dazu ein grosses Gelächter; es hob sich aber von ihnen wie
eine schwere Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit:
"Wohlan! Er ist davon, mein böser Geist!
Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, dass er
ein Betrüger sei, ein Lug- und Truggeist?
...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 255
- das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der
verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde,
- das böse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, oh
Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel
Abend, viel Wolke, v...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 256
Afrikanisch feierlich!
Eines Löwen würdig,
Oder eines moralischen Brüllaffen -
- aber Nichts für euch,
Ihr allerliebsten Freundinnen,
Zu deren Füssen mir
Zum ersten Male,
Einem Europäer, unter Palmen
Zu sitzen vergönnt ist. Sela.
Wunderbar wahrlich!
Da sitze ich nun,
Der Wüste nahe und bereits
S...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 257
Und sehe der Palme zu,
Wie sie, einer Tänzerin gleich,
Sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt,
- man thut es mit, sieht man lange zu!
Einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,
Zu lange schon, gefährlich lange
Immer, immer nur auf Einem Beine stand?
- da vergass sie darob, wie mir...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 258
er hinaus in's Freie und sprach zu seinen Thieren.
"Wo ist nun ihre Noth hin? sprach er, und schon athmete er selber von
seinem kleinen Überdrusse auf, - bei mir verlernten sie, wie mich
dünkt, das Nothschrein!
- wenn auch, leider, noch nicht das Schrein." Und Zarathustra hielt
sich die Ohren z...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 259
sehnsüchtige alte und junge Weibchen. Denen überredet man anders die
Eingeweide; deren Arzt und Lehrer bin ich nicht.
Der _Ekel_ weicht diesen höheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg.
In meinem Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham läuft davon, sie
schütten sich aus.
Sie schütten ihr H...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 260
also:
Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Stärke sei
unserm Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Er trägt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von
Herzen und redet niemals Nein; und wer seinen Gott liebt, der züchtigt
ihn.
...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 261
mitten unter seine tollgewordenen Gäste.
"Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder? rief er, indem er die
Betenden vom Boden empor riss. Wehe, wenn euch Jemand Anderes zusähe
als Zarathustra:
Jeder würde urtheilen, ihr wäret mit eurem neuen Glauben die ärgsten
Gotteslästerer oder die thöricht...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 262
solche Dummheit thun!
"Oh Zarathustra, antwortete der kluge Zauberer, du hast Recht, es war
eine Dummheit, - es ist mir auch schwer genug geworden."
- "Und du gar, sagte Zarathustra, zu dem Gewissenhaften des Geistes,
erwäge doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn Nichts
wider de...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 263
Schelm!
Ob _Der_ noch lebt oder wieder lebt oder gründlich todt ist, - wer von
uns Beiden weiss Das am Besten? Ich frage dich.
Eins aber weiss ich, - von dir selber lernte ich's einst, oh
Zarathustra: wer am gründlichsten tödten will, der _lacht_.
`Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 264
Solcherlei erfinden nur Genesende!
Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, thut's euch zu Liebe,
thut's auch mir zu Liebe! Und zu _meinem_ Gedächtniss!"
Also sprach Zarathustra.
Das Nachtwandler-Lied
1.
Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in's Freie
und in die ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 265
Ein Mal!" - -
Also sprach der hässlichste Mensch; es war aber nicht lange vor
Mitternacht. Und was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald
die höheren Menschen seine Frage hörten, wurden sie sich mit Einem
Male ihrer Verwandlung und Genesung bewusst, und wer ihnen dieselbe
gegeben habe:...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 266
Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam
langsam der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach,
gleich den höheren Menschen; dann aber legte er zum andern Male den
Finger an den Mund und sprach wiederum: "Kommt! Kommt! Es geht gen
Mitternacht!" - und sein...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 267
Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich?
Willst du Blut? Ach! Ach! der Thau fällt, die Stunde kommt -
- die Stunde, wo mich fröstelt und friert, die fragt und fragt und
fragt: "wer hat Herz genug dazu?
- wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: _so_ sollt ihr laufe...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 268
Gold-Wein-Geruch von altem Glücke,
von trunkenem Mitternachts-Sterbeglücke, welches singt: die Welt ist
tief und tiefer als der Tag gedacht!
7.
Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein für dich. Rühre mich nicht an!
Ward meine Welt nicht eben vollkommen?
Meine Haut ist zu rein für deine Hände. ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 269
9.
Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin
grausam, du blutest -: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?
"Was vollkommen ward, alles Reife - will sterben!" so redest du.
Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will
leben: wehe!
Weh sprich...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 270
schrecklicher, heimlicher als alles Weh, sie will _sich_, sie beisst
in _sich_, des Ringes Wille ringt in ihr, -
- sie will Liebe, sie will Hass, sie ist überreich, schenkt, wirft
weg, bettelt, dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie möchte
gern gehasst sein, -
- so reich ist Lust, dass ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 271
kommst und schenkst und austheilst: wie würde darob deine stolze Scham
zürnen!
Wohlan! sie schlafen noch, diese höheren Menschen, während _ich_ wach
bin: _das_ sind nicht meine rechten Gefährten! Nicht auf sie warte ich
hier in meinen Bergen.
Zu meinem Werke will ich, zu meinem Tage: aber sie v...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 272
erscholl vor ihm ein Gebrüll, - ein sanftes langes Löwen-Brüllen.
"Das Zeichen kommt," sprach Zarathustra und sein Herz verwandelte
sich. Und in Wahrheit, als es helle vor ihm wurde, da lag ihm ein
gelbes mächtiges Gethier zu Füssen und schmiegte das Haupt an seine
Knie und wollte nicht von ihm ...
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Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra: Leseprobe 273
brüllend, auf die Höhle los; die höheren Menschen aber, als sie ihn
brüllen hörten, schrien alle auf, wie mit Einem Munde, und flohen
zurück und waren im Nu verschwunden.
Zarathustra selber aber, betäubt und fremd, erhob sich von seinem
Sitze, sah um sich, stand staunend da, fragte sein Herz, be...