Leseprobe aus Landarzt:
Kopf an die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert.
Es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig
schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt,
aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben. Ich
bin kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen. Ich bin vom Bezirk
angestellt und tue meine Pflicht bis zum Rand, bis dorthin, wo es fast
zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und hilfsbereit
gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag der Junge
recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem
endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf,
der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein Gespann ziehen;
wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren. So ist es.
Und ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie es
wüßten, würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber
im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre
also mein Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht,
daran bin ich gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der
ganze Bezirk, aber daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses
schöne Mädchen, das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause
lebte – dieses Opfer ist zu groß, und ich muß es mir mit
Spitzfindigkeiten aushilfsweise in meinem Kopf irgendwie zurechtlegen,
um nicht auf diese Familie loszufahren, die mir ja beim besten Willen
Rosa nicht zurückgeben kann. Als ich aber meine Handtasche schließe und
nach meinem Pelz winke, die Familie beisammensteht, der Vater
schnuppernd über dem Rumglas in seiner Hand, die Mutter, von mir
wahrscheinlich enttäuscht – ja, was erwartet denn das Volk? –