Leseprobe aus Ein Landarzt. Kleine Erzählungen:
Mädchens Wange. »Du Vieh,« schreie ich wütend, »willst du die
Peitsche?«, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder ist; daß ich
nicht weiß, woher er kommt, und daß er mir freiwillig aushilft, wo alle
andern versagen. Als wisse er von meinen Gedanken, nimmt er meine
Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur einmal, immer mit den
Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein,« sagt er dann, und
tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann, das merke ich,
bin ich noch nie gefahren und ich steige fröhlich ein. »Kutschieren
werde aber ich, du kennst nicht den Weg,« sage ich. »Gewiß,« sagt er,
»ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.« »Nein,« schreit Rosa und
läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals ins
Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich höre das
Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und weiterjagend
durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar zu machen.
»Du fährst mit,« sage ich zu dem Knecht, »oder ich verzichte auf die
Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die
Fahrt das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht
in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung;
noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechtes
birst und splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen
Sinnen gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen
Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof
meines Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der
Schneefall hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken
eilen aus dem Haus; seine Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus
dem Wagen; den verwirrten Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer
ist die Luft kaum atembar; der vernachlässigte Herdofen raucht; ich