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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 1
I.
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er
sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag
auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig
hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen
geteilten Bauc...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 2
sind viel größer, als im eigentlichen Geschäft zu Hause, und außerdem
ist mir noch diese Plage des Reisens auferlegt, die Sorgen um die
Zuganschlüsse, das unregelmäßige, schlechte Essen, ein immer
wechselnder, nie andauernder, nie herzlich werdender menschlicher
Verkehr. Der Teufel soll das alles...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 3
Und er sah zur Weckuhr hinüber, die auf dem Kasten tickte. »Himmlischer
Vater!« dachte er, Es war halb sieben Uhr, und die Zeiger gingen ruhig
vorwärts, es war sogar halb vorüber, es näherte sich schon dreiviertel.
Sollte der Wecker nicht geläutet haben? Man sah vom Bett aus, daß er auf
vier Uhr ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 4
Wolltest du nicht wegfahren?« Die sanfte Stimme! Gregor erschrak, als er
seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war,
in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes,
schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten
Augenblick in ih...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 5
durch ungeschicktes Liegen erzeugten, leichten Schmerz empfunden zu
haben, der sich dann beim Aufstehen als reine Einbildung herausstellte,
und er war gespannt, wie sich seine heutigen Vorstellungen allmählich
auflösen würden. Daß die Veränderung der Stimme nichts anderes war als
der Vorbote eine...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 6
des Bettes in der freien Luft hielt, bekam er Angst, weiter auf diese
Weise vorzurücken, denn wenn er sich schließlich so fallen ließ, mußte
geradezu ein Wunder geschehen wenn der Kopf nicht verletzt werden
sollte. Und die Besinnung durfte er gerade jetzt um keinen Preis
verlieren; lieber wollte ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 7
voraussichtlich unverletzt. Der Rücken schien hart zu sein; dem würde
wohl bei dem Fall auf den Teppich nichts geschehen. Das größte Bedenken
machte ihm die Rücksicht auf den lauten Krach, den es geben müßte und
der wahrscheinlich hinter allen Türen wenn nicht Schrecken, so doch
Besorgnisse erreg...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 8
Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen
treuen ergebenen Menschen, den, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden
für das Geschäft nicht ausgenützt hatte, vor Gewissensbissen närrisch
wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen? Genügte es
wirklich nich...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 9
Übrigens will er auch mit dir persönlich sprechen. Also bitte mach die
Tür auf. Er wird die Unordnung im Zimmer zu entschuldigen schon die Güte
haben.« »Guten Morgen, Herr Samsa,« rief der Prokurist freundlich
dazwischen. »Ihm ist nicht wohl,« sagte die Mutter zum Prokuristen,
während der Vater n...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 10
schluchzen.
Warum ging denn die Schwester nicht zu den anderen? Sie war wohl erst
jetzt aus dem Bett aufgestanden und hatte noch gar nicht angefangen sich
anzuziehen. Und warum weinte sie denn? Weil er nicht aufstand und den
Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu
verl...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 11
Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im
geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die
festeste. Ich hatte ursprünglich die Absicht, Ihnen das alles unter vier
Augen zu sagen, aber da Sie mich hier nutzlos meine Zeit versäumen
lassen, weiß ich nic...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 12
zu empfehlen!«
Und während Gregor dies alles hastig ausstieß und kaum wußte, was er
sprach, hatte er sich leicht, wohl infolge der im Bett bereits erlangten
Übung, dem Kasten genähert und versuchte nun, an ihm sich aufzurichten.
Er wollte tatsächlich die Tür aufmachen, tatsächlich sich sehen las...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 13
Vorzimmer -- wie hatte sich die Schwester denn so schnell angezogen? --
und rissen die Wohnungstüre auf. Man hörte gar nicht die Türe
zuschlagen; sie hatten sie wohl offen gelassen, wie es in Wohnungen zu
sein pflegt, in denen ein großes Unglück geschehen ist.
Gregor war aber viel ruhiger geword...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 14
achtete nicht darauf, daß er sich zweifellos irgendeinen Schaden
zufügte, denn eine braune Flüssigkeit kam ihm aus dem Mund, floß über
den Schlüssel und tropfte auf den Boden. »Hören Sie nur,« sagte der
Prokurist im Nebenzimmer, »er dreht den Schlüssel um.« Das war für
Gregor eine große Aufmunter...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 15
Prokuristen mit von der Nacht her noch aufgelösten, hoch sich
sträubenden Haaren -- sah zuerst mit gefalteten Händen den Vater an,
ging dann zwei Schritte zu Gregor hin und fiel inmitten ihrer rings um
sie herum sich ausbreitenden Röcke nieder, das Gesicht ganz unauffindbar
zu ihrer Brust gesenkt...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 16
wegfahren lassen? Nun, Herr Prokurist, Sie sehen, ich bin nicht
starrköpfig und ich arbeite gern; das Reisen ist beschwerlich, aber ich
könnte ohne das Reisen nicht leben. Wohin gehen Sie denn, Herr
Prokurist? Ins Geschäft? Ja? Werden Sie alles wahrheitsgetreu berichten?
Man kann im Augenblick un...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 17
Teil recht geben!«
Aber der Prokurist hatte sich schon bei den ersten Worten Gregors
abgewendet, und nur über die zuckende Schulter hinweg sah er mit
aufgeworfenen Lippen nach Gregor zurück. Und während Gregors Rede stand
er keinen Augenblick still, sondern verzog sich, ohne Gregor aus den
Augen...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 18
verstanden worden war, verließ er den Türflügel; schob sich durch die
Öffnung; wollte zum Prokuristen hingehen, der sich schon am Geländer des
Vorplatzes lächerlicherweise mit beiden Händen festhielt; fiel aber
sofort, nach einem Halt suchend, mit einem kleinen Schrei auf seine
vielen Beinchen ni...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 19
Anlauf, um ihn möglichst sicher einzuholen; der Prokurist mußte etwas
ahnen, denn er machte einen Sprung über mehrere Stufen und verschwand;
»Huh!« aber schrie er noch, es klang durchs ganze Treppenhaus. Leider
schien nun auch diese Flucht des Prokuristen den Vater, der bisher
verhältnismäßig gef...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 20
Wirklichkeit aber doch nur sehr langsam umzudrehen. Vielleicht merkte
der Vater seinen guten Willen, denn er störte ihn hierbei nicht, sondern
dirigierte sogar hie und da die Drehbewegung von der Ferne mit der
Spitze seines Stockes. Wenn nur nicht dieses unerträgliche Zischen des
Vaters gewesen w...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 21
II.
Erst in der Abenddämmerung erwachte Gregor aus seinem schweren
ohnmachtähnlichen Schlaf. Er wäre gewiß nicht viel später auch ohne
Störung erwacht, denn er fühlte sich genügend ausgeruht und
ausgeschlafen, doch schien es ihm, als hätte ihn ein flüchtiger Schritt
und ein vorsichtiges Schließ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 22
nachmittags erscheinende Zeitung der Mutter und manchmal auch der
Schwester mit erhobener Stimme vorzulesen pflegte, hörte man jetzt
keinen Laut. Nun vielleicht war dieses Vorlesen, von dem ihm die
Schwester immer erzählte und schrieb, in der letzten Zeit überhaupt aus
der Übung gekommen. Aber au...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 23
überlegen, wie er sein Leben jetzt neu ordnen sollte. Aber das hohe
freie Zimmer, in dem er gezwungen war, flach auf dem Boden zu liegen,
ängstigte ihn, ohne daß er die Ursache herausfinden konnte, denn es war
ja sein seit fünf Jahren von ihm bewohntes Zimmer -- und mit einer halb
unbewußten Wend...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 24
an Hunger, und ob sie eine andere Speise hereinbringen würde, die ihm
besser entsprach? Täte sie es nicht von selbst, er wollte lieber
verhungern, als sie darauf aufmerksam machen, trotzdem es ihn eigentlich
ungeheuer drängte, unterm Kanapee vorzuschießen, sich der Schwester zu
Füßen zu werfen un...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 25
genug wehgetan hatte. »Sollte ich jetzt weniger Feingefühl haben?«
dachte er und saugte schon gierig an dem Käse, zu dem es ihn vor allen
anderen Speisen sofort und nachdrücklich gezogen hatte. Rasch
hintereinander und mit vor Befriedigung tränenden Augen verzehrte er den
Käse, das Gemüse und die...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 26
von seinem Essen mehr als durch Hörensagen zu erfahren, vielleicht
wollte die Schwester ihnen auch eine möglicherweise nur kleine Trauer
ersparen, denn tatsächlich litten sie ja gerade genug.
Mit welchen Ausreden man an jenem ersten Vormittag den Arzt und den
Schlosser wieder aus der Wohnung ges...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 27
eine Viertelstunde danach verabschiedete, dankte sie für die Entlassung
unter Tränen, wie für die größte Wohltat, die man ihr hier erwiesen
hatte, und gab, ohne daß man es von ihr verlangte, einen fürchterlichen
Schwur ab, niemandem auch nur das geringste zu verraten.
Nun mußte die Schwester im ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 28
damals mit ganz besonderem Feuer zu arbeiten angefangen und war fast
über Nacht aus einem kleinen Kommis ein Reisender geworden, der
natürlich ganz andere Möglichkeiten des Geldverdienens hatte, und dessen
Arbeitserfolge sich sofort in Form der Provision zu Bargeld
verwandelten, das der erstaunte...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 29
er nur wieder treibt,« sagte der Vater nach einer Weile, offenbar zur
Türe hingewendet, und dann erst wurde das unterbrochene Gespräch
allmählich wieder aufgenommen.
Gregor erfuhr nun zur Genüge -- denn der Vater pflegte sich in seinen
Erklärungen öfters zu wiederholen, teils, weil er selbst sic...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 30
Mutter sollte nun vielleicht Geld verdienen, die an Asthma litt, der
eine Wanderung durch die Wohnung schon Anstrengung verursachte, und die
jeden zweiten Tag in Atembeschwerden auf dem Sofa beim offenen Fenster
verbrachte? Und die Schwester sollte Geld verdienen, die noch ein Kind
war mit ihren ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 31
ließ.
Hätte Gregor nur mit der Schwester sprechen und ihr für alles danken
können, was sie für ihn machen mußte, er hätte ihre Dienste leichter
ertragen; so aber litt er darunter. Die Schwester suchte freilich die
Peinlichkeit des Ganzen möglichst zu verwischen, und je längere Zeit
verging, dest...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 32
wiederkam, und sie schien viel unruhiger als sonst. Er erkannte daraus,
daß ihr sein Anblick noch immer unerträglich war und ihr auch weiterhin
unerträglich bleiben müsse, und daß sie sich wohl sehr überwinden mußte,
vor dem Anblick auch nur der kleinen Partie seines Körpers nicht
davonzulaufen, ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 33
Vernunftgründen zurück, denen Gregor sehr aufmerksam zuhörte, und die er
vollständig billigte. Später aber mußte man sie mit Gewalt zurückhalten,
und wenn sie dann rief: »Laßt mich doch zu Gregor, er ist ja mein
unglücklicher Sohn! Begreift ihr es denn nicht, daß ich zu ihm muß?«,
dann dachte Gre...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 34
zu ermöglichen und die Möbel, die es verhinderten, also vor allem den
Kasten und den Schreibtisch, wegzuschaffen. Nun war sie aber nicht
imstande, dies allein zu tun; den Vater wagte sie nicht um Hilfe zu
bitten; das Dienstmädchen hätte ihr ganz gewiß nicht geholfen, denn
dieses etwa sechzehnjähr...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 35
nicht sicher, daß Gregor mit der Entfernung der Möbel ein Gefallen
geschehe. Ihr scheine das Gegenteil der Fall zu sein; ihr bedrücke der
Anblick der leeren Wand geradezu das Herz; und warum solle nicht auch
Gregor diese Empfindung haben, da er doch an die Zimmermöbel längst
gewöhnt sei und sich ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 36
konnte er nicht entbehren; und wenn die Möbel ihn hinderten, das
sinnlose Herumkriechen zu betreiben, so war es kein Schaden, sondern ein
großer Vorteil.
Aber die Schwester war leider anderer Meinung; sie hatte sich,
allerdings nicht ganz unberechtigt, angewöhnt, bei Besprechung der
Angelegenhei...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 37
Unglück war es gerade die Mutter, welche zuerst zurückkehrte, während
Grete im Nebenzimmer den Kasten umfangen hielt und ihn allein hin und
her schwang, ohne ihn natürlich von der Stelle zu bringen. Die Mutter
aber war Gregors Anblick nicht gewöhnt, er hätte sie krank machen
können, und so eilte ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 38
er zuerst retten sollte, da sah er an der im übrigen schon leeren Wand
auffallend das Bild der in lauter Pelzwerk gekleideten Dame hängen,
kroch eilends hinauf und preßte sich an das Glas, das ihn festhielt und
seinem heißen Bauch wohltat. Dieses Bild wenigstens, das Gregor jetzt
ganz verdeckte, ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 39
ihrer Ohnmacht wecken könnte; Gregor wollte auch helfen -- zur Rettung
des Bildes war noch Zeit --; er klebte aber fest an dem Glas und mußte
sich mit Gewalt losreißen; er lief dann auch ins Nebenzimmer, als könne
er der Schwester irgendeinen Rat geben, wie in früherer Zeit; mußte aber
dann untät...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 40
hatte und annahm, daß Gregor sich irgendeine Gewalttat habe zuschulden
kommen lassen. Deshalb mußte Gregor den Vater jetzt zu besänftigen
suchen, denn ihn aufzuklären hatte er weder Zeit noch Möglichkeit. Und
so flüchtete er sich zur Tür seines Zimmers und drückte sich an sie,
damit der Vater bei...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 41
gekleidet, wie sie Diener der Bankinstitute tragen; über dem hohen
steifen Kragen des Rockes entwickelte sich sein starkes Doppelkinn;
unter den buschigen Augenbrauen drang der Blick der schwarzen Augen
frisch und aufmerksam hervor; das sonst zerzauste weiße Haar war zu
einer peinlich genauen, le...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 42
vergessen hatte, daß ihm die Wände freistanden, die hier allerdings mit
sorgfältig geschnitzten Möbeln voll Zacken und Spitzen verstellt waren
-- da flog knapp neben ihm, leicht geschleudert, irgend etwas nieder und
rollte vor ihm her. Es war ein Apfel; gleich flog ihm ein zweiter nach;
Gregor bl...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 43
sondern dem gegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den
Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als dulden.
Und wenn nun auch Gregor durch seine Wunde an Beweglichkeit
wahrscheinlich für immer verloren hatte und vorläufig zur Durchquerung
seines Zimmers wie ein alter Invali...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 44
hier auf die Stimme des Vorgesetzten. Infolgedessen verlor die gleich
anfangs nicht neue Uniform trotz aller Sorgfalt von Mutter und Schwester
an Reinlichkeit, und Gregor sah oft ganze Abende lang auf dieses über
und über fleckige, mit seinen stets geputzten Goldknöpfen leuchtende
Kleid, in dem d...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 45
behilflich zu sein.
Wer hatte in dieser abgearbeiteten und übermüdeten Familie Zeit, sich um
Gregor mehr zu kümmern, als unbedingt nötig war? Der Haushalt wurde
immer mehr eingeschränkt; das Dienstmädchen wurde nun doch entlassen;
eine riesige knochige Bedienerin mit weißem, den Kopf umflatternd...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 46
Dunkel war, während nebenan die Frauen ihre Tränen vermischten oder gar
tränenlos den Tisch anstarrten.
Die Nächte und Tage verbrachte Gregor fast ganz ohne Schlaf. Manchmal
dachte er daran, beim nächsten Öffnen der Tür die Angelegenheiten der
Familie ganz so wie früher wieder in die Hand zu neh...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 47
ihr durch diese Stellung gewissermaßen einen Vorwurf zu machen. Aber er
hätte wohl wochenlang dort bleiben können, ohne daß sich die Schwester
gebessert hätte; sie sah ja den Schmutz genau so wie er, aber sie hatte
sich eben entschlossen, ihn zu lassen. Dabei wachte sie mit einer an ihr
ganz neue...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 48
ihres starken Knochenbaues das Ärgste überstanden haben mochte, hatte
keinen eigentlichen Abscheu vor Gregor. Ohne irgendwie neugierig zu
sein, hatte sie zufällig einmal die Tür von Gregors Zimmer aufgemacht
und war im Anblick Gregors, der, gänzlich überrascht, trotzdem ihn
niemand jagte, hin- un...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 49
ihn vom Essen abhalte, aber gerade mit den Veränderungen des Zimmers
söhnte er sich sehr bald aus. Man hatte sich angewöhnt, Dinge, die man
anderswo nicht unterbringen konnte, in dieses Zimmer hineinzustellen,
und solcher Dinge gab es nun viele, da man ein Zimmer der Wohnung an
drei Zimmerherren ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 50
Winkel seines Zimmers gelegen. Einmal aber hatte die Bedienerin die Tür
zum Wohnzimmer ein wenig offen gelassen, und sie blieb so offen, auch
als die Zimmerherren am Abend eintraten und Licht gemacht wurde. Sie
setzten sich oben an den Tisch, wo in früheren Zeiten der Vater, die
Mutter und Gregor...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 51
ganzen Zeit die Violine gehört zu haben -- ertönte sie von der Küche
her. Die Zimmerherren hatten schon ihr Nachtmahl beendet, der mittlere
hatte eine Zeitung hervorgezogen, den zwei anderen je ein Blatt gegeben,
und nun lasen sie zurückgelehnt und rauchten. Als die Violine zu spielen
begann, wur...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 52
seinem Zimmer überall lag und bei der kleinsten Bewegung umherflog, war
auch er ganz staubbedeckt; Fäden, Haare, Speiseüberreste schleppte er
auf seinem Rücken und an den Seiten mit sich herum; seine
Gleichgültigkeit gegen alles war viel zu groß, als daß er sich, wie
früher mehrmals während des T...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 53
nicht mehr aus seinem Zimmer lassen, wenigstens nicht, solange er lebte;
seine Schreckgestalt sollte ihm zum erstenmal nützlich werden; an allen
Türen seines Zimmers wollte er gleichzeitig sein und den Angreifern
entgegenfauchen; die Schwester aber sollte nicht gezwungen, sondern
freiwillig bei i...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 54
zurück. Inzwischen hatte die Schwester die Verlorenheit, in die sie nach
dem plötzlich abgebrochenen Spiel verfallen war, überwunden, hatte sich,
nachdem sie eine Zeitlang in den lässig hängenden Händen Violine und
Bogen gehalten und weiter, als spiele sie noch, in die Noten gesehen
hatte, mit ei...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 55
hineinfallen; es sah aus, als strecke er sich zu seinem gewöhnlichen
Abendschläfchen, aber das starke Nicken seines wie haltlosen Kopfes
zeigte, daß er ganz und gar nicht schlief. Gregor war die ganze Zeit
still auf dem Platz gelegen, auf dem ihn die Zimmerherren ertappt
hatten. Die Enttäuschung ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 56
schwer arbeiten muß, wie wir alle, kann man nicht noch zu Hause diese
ewige Quälerei ertragen. Ich kann es auch nicht mehr.« Und sie brach so
heftig in Weinen aus, daß ihre Tränen auf das Gesicht der Mutter
niederflossen, von dem sie sie mit mechanischen Handbewegungen wischte.
»Kind,« sagte der...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 57
lediglich durch ihr Benehmen erregt, auch aufstand und die Arme wie zum
Schutze der Schwester vor ihr halb erhob.
Aber Gregor fiel es doch gar nicht ein, irgend jemandem und gar seiner
Schwester Angst machen zu wollen. Er hatte bloß angefangen sich
umzudrehen, um in sein Zimmer zurückzuwandern, ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 58
Kaum war er innerhalb seines Zimmers, wurde die Tür eiligst zugedrückt,
festgeriegelt und versperrt. Über den plötzlichen Lärm hinter sich
erschrak Gregor so, daß ihm die Beinchen einknickten. Es war die
Schwester, die sich so beeilt hatte. Aufrecht war sie schon da
gestanden und hatte gewartet, ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 59
absichtlich so unbeweglich da und spiele den Beleidigten; sie traute
ihm allen möglichen Verstand zu. Weil sie zufällig den langen Besen in
der Hand hielt, suchte sie mit ihm Gregor von der Tür aus zu kitzeln.
Als sich auch da kein Erfolg zeigte, wurde sie ärgerlich und stieß ein
wenig in Gregor ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 60
nur, wie mager er war. Er hat ja auch schon so lange Zeit nichts
gegessen. So wie die Speisen hereinkamen, sind sie wieder
hinausgekommen.« Tatsächlich war Gregors Körper vollständig flach und
trocken, man erkannte das eigentlich erst jetzt, da er nicht mehr von
den Beinchen gehoben war und auch ...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 61
Begleiterinnen auf den Zimmerherrn zu. Dieser stand zuerst still da und
sah zu Boden, als ob sich die Dinge in seinem Kopf zu einer neuen
Ordnung zusammenstellten. »Dann gehen wir also,« sagte er dann und sah
zu Herrn Samsa auf, als verlange er in einer plötzlich ihn überkommenden
Demut sogar für...
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Franz Kafka: Die Verwandlung: Leseprobe 62
denn ihre Morgenarbeit war beendet. Die drei Schreibenden nickten zuerst
bloß, ohne aufzuschauen, erst als die Bedienerin sich immer noch nicht
entfernen wollte, sah man ärgerlich auf. »Nun?« fragte Herr Samsa. Die
Bedienerin stand lächelnd in der Tür, als habe sie der Familie ein
großes Glück zu...