Leseprobe aus Nathan der Weise:
Recha.
Krank!
Daja. Krank! Er wird doch nicht!
Recha. Welch kalter Schauer
Befällt mich!--Daja!--Meine Stirne, sonst
So warm, fühl! ist auf einmal Eis.
Nathan. Er ist
Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt;
Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,
Des Hungerns, Wachens ungewohnt.
Recha. Krank! krank!
Daja.
Das wäre möglich, meint ja Nathan nur.
Nathan.
Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld
Sich Freunde zu besolden.
Recha. Ah, mein Vater!
Nathan.
Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach',
Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!
Recha.
Wo? wo?
Nathan. Er, der für eine, die er nie
Gekannt, gesehn--genug, es war ein Mensch
Ins Feu'r sich stürzte...
Daja. Nathan, schonet ihrer!
Nathan.
Der, was er rettete, nicht näher kennen,
Nicht weiter sehen mocht',--um ihm den Dank
Zu sparen...
Daja. Schonet ihrer, Nathan!
Nathan. Weiter
Auch nicht zu sehn verlangt',--es wäre denn,
Daß er zum zweitenmal es retten sollte--
Denn g'nug, es ist ein Mensch...
Daja. Hört auf, und seht!
Nathan.
Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts
Als das Bewußtsein dieser Tat!
Daja. Hört auf!
Ihr tötet sie!
Nathan. Und du hast ihn getötet!--
Hättst so ihn töten können.--Recha! Recha!
Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.
Er lebt!--komm zu dir!--ist auch wohl nicht krank:
Nicht einmal krank!
Recha. Gewiß?--nicht tot? nicht krank?
Nathan.
Gewiß, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
Getan, auch hier noch.--Geh!--Begreifst du aber,
Wieviel andächtig schwärmen leichter, als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
Andächtig schwärmt, um nur,--ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt--
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?
Recha. Ah,
Mein Vater! laßt, laßt Eure Recha doch
Nie wiederum allein!--Nicht wahr, er kann
Auch wohl verreist nur sein?--
Nathan. Geht!--Allerdings.--
Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick
Ein Muselmann mir die beladenen
Kamele. Kennt Ihr ihn?